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Polizeiterror
gegen Asyl-Flüchtlinge
Angeborener Rassismus der Polizisten oder Ergebnis der Kapitallogik
Norbert Nelte
Der polizeiliche Mord an dem Afrikaner Ageeb kann den aufmerksamen
Beobachter der Asylpraxis nicht überraschen. Er ist schon
das 5. Mordopfer in der Abschiebepraxis in Deutschland. Ein Bericht
von amnesty international stellt zwischen 1992 und 1995 70 Vorfälle
fest, bei denen deutsche Polizeibeamte den Opfern die Zähne
ausgeschlagen und die Knochen gebrochen haben. Die Ausländer
warfen der Polizei vor, sie mit Fausthieben, Fußtritten
oder Knüppelschlägen malträtiert zu haben. Teilweise
kommen die Übergriffe der Folter gleich. Im ai-Bericht werden
verschiedene Einzelfälle, u.a. einer mit einem Rippenbruch
dokumentiert. Ein anderer Bericht zeigt die Polizeibrutalität,
der der Folter nahekommt:
»..und begann statt dessen auf Nguyen T. einzuschlagen.
Als der Vietnamese zu Boden fiel, wurde er von den Beamten wiedeholt
mit Fußtritten traktiert ... Schließlich zerrte der
Beamte sein Opfer in den Hinterhof eines Wohnhauses, um ihn dort
wieder zu mißhandeln, ohne von den Nachbarwohnungen aus
gesehen zu werden...
Nguyen T., dessen Hände auf dem Rücken mit Handschellen
gefesselt wurden, mußte sich schließlich mit dem
Gesicht nach unten auf den Rücksitz des Polizeiwagens legen.
Zwei Beamte setzten sich auf seinen Rücken, so daß
er kaum Luft holen konnte. Während der gesamten Fahrt zur
nächsten Polizeistation soll einer der Polizisten ihm immer
wieder Schläge versetzt haben.
Nguyen T. gab an, nach seiner Ankunft auf der Polizeiwache erneut
geschlagen worden zu sein. Einmal sei ihm dabei so schlecht geworden,
daß er sich habe übergeben müssen...
Bei einer am Tage nach den mutmaßlichen Mißhandlungen
durchgeführten medizinischen Untersuchung wurden am Körper
des Vietnamesen zahlreiche Prellungen sowie ein Haarriß-Fraktur
am linken Jochbein diagnostiziert. Diese Diagnose erhärtet
den von Nguyen T. erhobenen Vorwurf, geschlagen worden zu sein.
Während des Gesprächs mit amnesty international im
August 1994 litt er noch immer an heftigen Kopfschmerzen, Sehstörungen
und Schwindelanfällen...«
Kein Ausländer hat je eine Entschädigung erhalten,
kein Polizist wurde ins Gefängnis gesetzt, kaum gab es Disziplinarstrafen.
Diese Vorfälle fanden hauptsächlich in Berlin statt,
aber die »Übereinstimmung der Aussagen und die Regelmäßigkeit,
mit der der Organisation Berichte über Mißhandlungen
zugegangen sind, haben sie zu dem Schluß geführt,
daß Fälle von Mißhandlungen durch die Polizei
keine isolierten Einzelvorkommnisse darstellen.« ('Frankfurter
Rundschau' vom 20.6.1995)
ai stellte im Dezember 1994 bei dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz
den Antrag auf Veröffentlichung der Statistiken über
Polizeiübergriffe und erhielt die lapidare Antwort, daß
»weder bei den Innenministerien der Länder noch beim
Bundesministerium des Innern berufsständige Statistiken
über Straf- und Ermittlungsverfahren geführt werden.«
Das Problem der Polizeiübergriffe wird nicht wahrgenommen.
Der Mord an Ageeb zeigt, daß sich das Ignorieren auch bei
den Rot/Grünen nicht geändert hat.
Im März 1995 veröffentlichten die ARD-Fernsehsendung
'Panorama' und das Hamburger Stadtmagazin 'HH19' eine Aussage
eines Hamburger Polizisten, der seine Kollegen der Menschenrechtsverletzungen
und Scheinhinrichtungen beschuldigt hat:
»Nachdem sie ihn festgenommen haben, fahren sie mit dem
Afrikaner in den Hamburger Hafen. Dort muß der Schwarze
sich nackt ausziehen und vor den Beamtern niederknien. Einer
der Beamten zückt seine Dienstpistole, hält sie dem
Opfer an den Kopf - und drückt ab ... Um den Knall zu erzeugen,
hat er in die Elbe geschossen...«
»Ich hörte einen Schrei ... und bin zum Vorraum der
Sammelzellen gegangen. Ich sah dort einen nackten Farbigen stehen,
der vom Hals über die Achseln bis zum Genitalbereich feucht
glänzte. Ich vernahm den Geruch des Flächendesinfektionssprays
Incidur [Zum Reinigen der Toiletten] ... Ein Beamter ... stellt
die Dose oder Flasche auf den Tisch«
»Ich hörte jemanden schreien ... Unmittelbar darauf
hörte ich ein Klatschen ... Fast Nasenspitze zu Nasenspitze
stand ein Beamter vor einem Farbigen ... Er schrie ihn an: ,Look
in my eyes' ... Als der Farbige ihn in die Augen starrte, schlug
der Beamte ihm mit der rechten Hand blitzschnell gegen die linke
Kopfseite ... Er hat ihn noch zweimal geschlagen.«
In Essen haben mehrere Polizeibeamte eine türkische Schülerin
mit auf den Rücken gefesselten Händen in eine Urinlache
legen lassen, um sie so auf ihren Abtransport warten zu lassen.
Im Land Brandenburg beobachtete die Polizei den Mord an einen
Schwarzen, ohne einzugreifen. Überhaupt wird die Verfolgung
von Nazis, die Ausländer angreifen, kaum angegangen.
Man kann also auf Grund dieser zufällig herausgegriffenen
Berichte davon ausgehen, daß diese vielleicht einen extremen,
aber letztlich häufigen Polizeialltag wiederspiegeln. Es
ist aber auch nicht auf besonders brutale Ordnungshüter
zurückzuführen, denen der Rassismus vielleicht noch
angeboren wäre. Die Polizei führt nur das aus, was
die Politik vorgibt. Hier fokussiert sich nur die Haltung der
herrschenden Klasse.
Und das Interesse des Kapitals ist die Spaltung der arbeitenden
Klasse in Frau und Mann, Alt und Jung und Deutsche und Ausländer.
Der Rassismus im Polizeialltag ist nur eine Widerspiegelung des
Rassismus, den die Politik vorgibt.
Das Kapital benötigt das Staatsbürgerschaftsrecht,
um damit die Arbeiterströme zu lenken. Es kann die ausländischen
Arbeiter je nach seinem Bedarf mal rufen und mal ausschließen
oder abschieben. Eine Nationalität wurde daher auch erst
im Kapitalismus geschaffen.
Auch der Rassismus ist nichts dem Menschen Angeborenes, sondern
entstand ebenfalls mit der Entwicklung des Kapitalismus. Die
Wurzeln der Ausländerfeindlichkeit liegen schon früher,
weil mit ihr auch die Sklaverei des 17. und 18. Jahrhunderts
legitimiert wurde, aber sie prägte noch nicht das gesamte
soziale Leben.
Erst im Kapitalismus wird der Rassismus system-immanent. Erst
werden die Ausländer benutzt als billige Arbeitskräfte
und als Lohndrücker. Dann wird die Arbeiterklasse nach der
Salamitaktik gespalten. Die gesamte Arbeitermasse muß den
Rassismus verinnerlichen und wird entsprechend tagtäglich
von Presse, Funk und Fernsehen agitiert.
Wenn das Kapital aufgrund einer Krise weniger Arbeiter benötigt,
werden die deutschen Arbeiter von seiner Presse mit Ausländerhetze
angestachelt, um die Ausländer auszugrenzen. Nun kann der
Staat die Kollegen leicht wieder abschieben, und das Kapital
spart somit an den Arbeitslosenkosten.
Dieser Zusammenhang ist keine wüst konstruierte Erfindung
von uns Kommunisten, sondern wurde so auch offen vom Kapital
selber zugegeben. 1895 schrieb ein Vertreter des Handelsministeriums:
»die Industrie [verlange] bei dem Wechsel zwischen Hoch-
und Tiefkonjunktur eine gewisse Ausdehnungsmöglichkeit in
bezug auf die Arbeiterzahl. Beschränke man die Industrie
auf inländische Arbeiter, so würde bei einem Rückgang
der Industrie eine größere Zahl von Arbeitern brotlos
und vermehrten sie dadurch die unzufriedenen Elemente. Dagegen
könnte man ausländische Arbeiter in solchem Falle ohne
weiteres abstoßen.«
Schnell wurden Ausländer auch als Billiglohnarbeiter entdeckt.
August Freiherr von Waltershausen schreibt 1903:
»Die genannten Arbeiten ... werden daher in denjenigen
Gebieten, wo die Arbeiterschaft verweichlicht oder bequem geworden
ist oder vermöge ihrer politischen Selbstherrlichkeit einen
Anspruch auf leichtere Arbeit zu haben glaubt, gern abgelehnt,
wenn sich nur irgendeine angenehmere Tätigkeit finden läßt.
Auch hier sind die Italiener ein durchaus geschätzter und
gesuchter Zusatz zur Arbeiterschaft des Landes. Sind ... Vertreter
einer Arbeiterschicht zweiten Grades - wie der Neger in den nordamerikanischen
Oststaaten, der Chinese in Kalifornien, der ostindische Kuli
in Britisch-Westindien, der Japaner in Hawaii, der Polynesier
in Australien.«
Aber man wollte natürlich nicht jeden Ausländer haben.
Nicht Alte, Frauen, Kinder oder Kranke, sondern nur solche, die
auch vom Kapital ausgebeutet werden können. Die faschistische
Ausländerpolizeiverordnung (AVP) vom 22. August 1938, die
noch heute in ihren Grundsätzen gilt, sieht vor, daß
eine Aufenthalsgenehmigung nur denjenigen Ausländern erteilt
werden soll, die »nach ihrer Persönlichkeit und dem
Zweck ihres Aufenthaltes im Reichsgebiet die Gewähr dafür
bieten, daß sie der gewährten Gastfreundschaft würdig
sind.«
Dieser Rassismus läuft heute genauso, aber viel versteckter.
Die Bourgeoisie drückt ihn nicht mehr so deutlich aus, wie
am Anfang des Jahrhunderts und bei den Nazis, erzielt aber die
gleiche Wirkung:
Das Kapital hat freie Bahn, die Arbeiter aber sind nur Spielfiguren
der Herrschenden und dürfen sich nur nach deren Willen bewegen.
Die Medien nennen bei Kriminellen immer die Nationalität,
wenn der Täter ein Ausländer ist, wie "ein türkischer
Bankräuber". In der "freiwiligen" Selbstkontrolle
hatten sie zwar Anfang der 90er Jahre dieser Sitte abgeschworen,
wenn die Staatsangehörigkeit für den Fakt nichts aussagt.
Inzwischen haben sie das aber scheinbar wieder "vergessen",
und die Sitte wird fröhlich weiter praktiziert.
Der 'Industriekurier', das Sprachrohr des deutschen Großkapitals,
umkleidet beispielsweise die rassistische "Zweckbestimmtheit"
der Ausländer so:
»Nüchtern betrachtet, hat die Beschäftigung ausländischer
Arbeitskräfte ... geholfen, die Verluste auszugleichen,
die durch Arbeitszeitverkürzung und Urlaubsverlängerung
aufgetreten sind. Ohne diesen Ausgleich hätte der Lohnauftrieb
noch unliebsamere Formen annehmen müssen.«
Die Ausländerpolizeibehörden forderten in ihrer Leitschnur
die Zweckbestimmtheit schon wieder so deutlich wie im 3. Reich,
drückten sie nur "taktvoller" aus - die Leitschnur
ist eben in der Öffentlichkeit nicht so bekannt:
»Bei längerer Krankheit kann die Aufenthaltserlaubnis
versagt werden, weil der Zweck des Aufenthalts, nämlich
die Arbeitnehmertätigkeit und damit die Hilfe für die
deutsche Wirtschaft und Industrie nicht mehr vorliegt.«
Ein Versagungsgrund für die Aufenthaltserlaubnis ist auch
die Agitation in Betrieben, Universitäten oder auf verkehrsreichen
Straßen - und wenn Ausländer keine "einwandfreie
sittliche Haltung" zeigen.
Gerichte haben auch schon die "wilde Ehe" mit einer
deutschen Frau, die lesbische Liebe, einen "unsteten Lebenswandel"
oder den Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung
als Ausweisungsgrund angesehen. Dabei machen die Gerichte vor
Minderjährigen nicht halt und trennen sie, wie im Fall Mehmet,
von ihren Eltern.
Daß die ausländischen Kollegen vom Kapital nur gesehen
werden als Arbeitsersatzarmee, als Spielball der Vorstandsstrategen,
zeigt sich auch an der Tatsache, daß die befristete Aufenthaltsgenehmigung
gekoppelt ist an die Arbeitserlaubnis.
"Erst Deutsche, dann Ausländer" ist ein Prinzip,
daß schon in der Weimarer Republik mit Hilfe der sozialdemokratischen
Gewerkschasftsbürokratie eingeführt wurde und bis heute
seine Gültigkeit bewahrt hat.
Der ausländische Mensch wird reduziert auf seine Arbeitswilligkeit,
darüber hinaus hat er keine Bedürfnisse und Rechte
zu haben. Wenn er nicht mehr arbeitet und sich nicht mehr ausbeuten
läßt, muß er Deutschland wieder verlassen. Eine
"Menschenwürde" hat er nicht. Da ist es kein Wunder,
daß die Polizei ihn nur so behandelt wie eine Sache, die
man achtlos in den Mülleimer werfen kann. 1904 sprach die
SPD offen von »minderwertige Elementen«, das scheint
sich im Wesentlichen nicht geändert zu haben, wenn man die
Ausländer- und Asylgesetze und die entsprechende Praxis
betrachtet, die auch unter SPD-Regierungen gelten.
Und dann sprechen die bürgerlichen Parteien von "Integration".
Arbeiten dürfen die ausländischen Kollegen, aber ihre
Bedürfnisse dürfen sich nur nach der deutschen Beamtennorm
entwickeln. Und wenn sie aus der Reihe tanzen, dann ab in die
Wüste. Was hat das mit Integration zu tun?
Das Ausländerrecht ist im Übrigen nur die Spitze eines
Eisberges. Die Reduzierung der Würde des Ausländers
auf seine "Arbeitnehmertätigkeit" zeigt, daß
der Mensch im allgemeinen, also auch der Inländer, im Kapitalismus
auf seine Ausbeutungsfähigkeit reduziert wird.
Die Würde oder "Würdigkeit" wird Ausländern
noch zugestanden, obwohl ihr einziger Sinn die Lohnarbeit ist,
also eine entfremdete Tätigkeit. Die Würde des Menschen
ist, wie Marx sagt, »reduziert ist auf den Tauschwert seiner
Arbeitskraft«, also bei den ausländischen Kollegen
auf 17,62 DM Brutto.
Das zeigt, daß die Würde, der Lebenssinn der deutschen
Arbeiter auch reduziert ist auf vielleicht 2,- Mark mehr, also
auf 19,62 DM. Das zeigt auch, daß ein Volk, das anderen
Menschen die Freiheit nimmt, selber nicht frei sein kann.
So hat man auch schon festgestellt, daß in den Gebieten,
wo es eine besonders starke Ausländerunterdrückung
gibt, der einheimische Arbeiter auch besonders stark ausgebeutet
wird, er also kein objektives Interesse an der Unterdrückung
seiner ausländischen Kollegen hat.
»Szymanski verglich die Situation der weißen und
schwarzen Arbeiter in 50 Staaten der USA. Er fand zuerst heraus,
daß ,je höher die Einkommen Schwarzer im Vergleich
zu denen Weißer sind, desto höher die Einkommen der
Weißen relativ zu denen anderen Weißer' irgendwo
sonst in den USA sind. Dieses Verhältnis - weiße Arbeiter
waren umso besser gestellt, je geringer der Abstand zwischen
ihrem Lohn und dem der Schwarzen war - war ausgeprägter
in den Staaten, in denen zumindest 12 Prozent der Bevölkerung
aus der ,Dritten Welt' kamen (d.h. Schwarze, Mexikaner, Asiaten
und Indianer), ,also die Staaten, in denen wirtschaftliche Diskriminierung
von Dritte-Welt-Leute einen bedeutenden Einfluß auf die
Einkommen der Weißen haben kann.' Weiterhin fand Szymanski
heraus, daß ,je höher der Bevölkerungsanteil
der Dritte-Welt-Leute eines Staates ist, desto größer
die Ungleichheit zwischen Weißen ist.'«
(A. Callinicos: "Rasse und Klasse", IS-Broschüre,
S. 23)
Durch die Ausländergesetzte, die ständige Bedrohung
der Abschiebung bei Arbeitslosigkiet, ist der Ausländer
gezwungen, besonders schlecht bezahlte Arbeiten anzunehmen. Damit
drückt er den Lohn und der heimische Kollege findet dann
keine Arbeit mehr bzw. auch nur für einen Billiglohn. Er
muß also daran interessiert sein, daß der ausländische
Kollege auch wie er selber einen guten Lohn und volle Rechte
erhält. Ein gemeinsamer Kampf für gleiche Rechte stärkt
also beide Seiten.
Marx schreibt: »Alle industriellen und komerziellen Zentren
Englands besitzen jetzt eine Arbeiterklasse, die in zwei feindliche
Lager gespalten ist, englische proletarians und irische proletarians.
Der gewöhnliche englische Arbeiter haßt den irischen
Arbeiter als einen Konkurrenten, welcher den standard of life
[Lebensstandard] herabdrückt.
Er fühlt sich ihm gegenüber als Glied der herrschenden
Nation und macht sich deswegen zum Werkzeug seiner Aristokraten
und Kapitalisten gegen Irland, befestigt damit deren Herrschaft
über sich selbst....
Dieser Antagonismus wird künstlich wachgehalten und gesteigert
durch ... alle den herrschenden Klassen zu Gebote stehenden Mittel.
Dieser Antagonismus ist das Geheimnis der Ohnmacht der englischen
Arbeiterklasse, trotz ihrer Organisation. Er ist das Geheimnis
der Machterhaltung der Kapitalistenklasse. Letztere ist sich
dessen völlig bewußt.«
So ist die Ausländer- und Asylpolitik eine brutale Politik
von Ausgrenzung, "Schwarzem Peter" und Verfolgung bis
hin zum Mord.
Das 1913 in Deutschland geschaffene Staatasbürgerschaftsrecht,
das auf der Blutsverwandtschaft fußt und noch bis 1999
galt, gleicht mehr einer Hunderasse, wie sogar der CDU-Vorständler
Geißler meint. Aber Hunde haben oft noch mehr Rechte als
die Ausländer.
In den 60er Jahren benötigte das deutsche Kapital wegen
des Aufschwunges, den die Nachfrage des Koreakrieges geschaffen
hat, mehr Hilfsarbeiter.
Aber auch sie mußten nach 2 Jahren gehen (Rotationsprinzip).
Das ergab aber ein hohe Fluktuation, Das kompliziertete Anlernen
lohnte sich nicht mehr. Ab 1971 erhielten die Kollegen eine Arbeitsbewilligung
für 5 Jahre.
Heute benötigt das Kapital mehr Fach- als Hilfsarbeiter,
aber dann müßte es die Ausländer mehr integrieren,
ihnen mehr anbieten.
Daher kommen heute auch die Versuche, den ausländischen
Arbeitern die Staatsbürgerschaft anzubieten, und die Überlegungen
mit der doppelten Staatsbürgerschaft, weil ein deutscher
Paß eigentlich nur unter dieser Bedingung angenommen werden
wird.
Die Ausgrenzung der Ausländer scheint mit der Krise wieder
zuzunehemen. Nach einer Umfrage der Berliner Ausländerbeauftragten
betrachten die jungen Türken, von denen viele in Deutschland
geboren wurden, 1993 zu 30% die Türkei als ihr Heimatland.
1999 stieg dieser Anteil wieder auf 50%.
27% der Frauen sind Analphabeten und viele, die nach der Schulpflicht
hierher kamen, sprechen kaum deutsch. 51% von 1.000 befragten
jungen Türken im Alter zwischen 16 und 25 Jahren suchen
nach einer 'Spiegel'-Umfrage ihre Partnerin in der Türkei.
Das führt wiederum dazu, daß die Kinder nach der anatolischen
feudal-bäuerlichen Tradition erzogen werden.
Die wieder zunehmende Trennung der Nationalitäten zeigt,
daß das Wort "Integration" von den Herrschenden
überhaupt nicht ernstgenommen werden kann. Auch das Multi-Kulti-Gerede
eines Daniel Cohn-Bendit entpuppt sich ganz deutlich als ein
»Produkt des Imperialismus«, wie wir schon 1994 in
unserer 'Linken Opposition' Nr. 9 dargelegt haben.
Im Gegenteil fliehen die ausländischen Kollegen zunehmend
in ihre eigene kulturelle Wagenburg, und eine weitere Ab- und
Ausgrenzung ist vorprogrammiert, obwohl sogar das Unternehmer-Institut
für Wirtschaftsforschung (RWI) festgestellt hat, daß
die Anwesenheit von Ausländern »durchweg positive
Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum, Arbeitsmarkt und Staatshaushalt«
hat. Ökonomisch macht die Anwesenheit der Ausländer
als willige Billiglohnarbeiter im Sinne des Kapitals durchaus
Sinn, politisch aber sind sie eine scheinbare Konkurrenz der
Arbeiter und eignen sich als Sündenböcke.
Asylgesetze
In einer solchen sozialen Umgebung kann keine humane Asylpraxis
durchgeführt werden. Eine ausländerfreundliche Polizei
würde gegen das Interesse der Allgemeinheit agieren.
Gerade die Polizei, die aufgrund ihrer Berufsaufgabe - die Interessen
des Kapitals zu wahren - besonders rechts ist, wird sich nicht
anders verhalten als die Gesellschaft.
Das Asylgesetz wurde nach dem Krieg eingeführt, weil die
Deutschen nach der Hitler-Diktatur selbst Verfolgung erfahren
haben und nun eine Zufluchtsmöglichkeit anboten. Damals
wurde noch nicht mit so viel Verfolgten gerechnet, und der Lebensstandard
der BRD bot damals noch nicht soviel Anreiz, gerade hierher zu
kommen.
Inzwischen aber bringen die von den Metropolen ausgebeutete Staaten
jährlich weit mehr Verfolgte hervor, als die Bundesrepublik
Einwohner hat.
1985 wurde daher das Asylgesetz eingeschränkt, indem man
die Bürgerkriegsflüchtlinge ausgegrenzt hat. Schon
von Anfang an wurden die Flüchtlinge künstlich geteilt
in "politische" und "wirtschaftliche", wobei
man nur die "politischen" zuließ.
Diese Einteilung ist unsinnig, weil ja die wirtschaftliche Not
ein Ergebnis von politischer Unterdrückung des internationalen
Kapitals ist und auch umgekehrt, eine unterentwickelte Wirtschaft
eine diktatorische Politik hervorbringt.
1992 gab es noch einmal eine Verschärfung des Asylrechtes,
was faktisch einer Abschaffung gleichkam. Seitdem ist es im wesentlichen
kein einklagbarers Recht mehr.
Die Staaten um Deutschland herum wurden zu sicheren Drittstaaten
erklärt, von denen man nicht einreisen darf. Der Verfolgte
darf als Asylflüchtling nur noch über den Frankfurter
Flughafen einreisen, was auch nur die einigermaßen privilegierten
Flüchtlinge können. Hier wird er erst einmal für
2 Wochen festgehalten.
Aufgrund dieser Veränderung ging der Flüchtlingsstrom
rapide zurück. 1992 noch gab es 593.000 Zuwanderungen. 1997
waren die Abwanderungen schon um 22.000 Menschen höher als
die Zuwanderungen.
Trotzdem tönt Innenminister Schily: »Die Grenze der
Belastbarkeit Deutschlands durch Zuwanderung ist überschritten.«
Er bekam natürlich Rückendeckung von dem Vorsitzenden
der Reps: »Schily hat nur ausgesprochen, was jeder vernünftige
Mensch in Deutschland seit 20 Jahren weiß.«
Die Saat, die die Politiker des Kapitals verteilen, zeitigt ihre
Ergebnisse. 62% der Ostdeutschen und 54% der Westdeutschen meinen,
daß die Ausländer Arbeitsplätze wegnehmen und
eine Gefahr für den "Standort Deutschland" seien.
Solange es Kapitalismus gibt, kann dieses Vorurteil nicht aus
der Welt geräumt werden. Das Kapital braucht eine Erklärung
für seine 5 Millionen Arbeitslose und lenkt die Wut der
Arbeitslosen daher gegen die Ausländer und besonders die
Asylflüchtlinge.
Die Ausländer sind doch selber Konsumenten und vergrößern
gleichzeitig den Binnenmarkt. Die Produkte können durch
die Ausländer billiger werden. Es gibt mehr Deutsche im
Ausland als Ausländer in Deutschland.
Die ausländischen Kollegen zahlen auch in die Rentenversicherung
ein, zahlen Steuern und Krankenversicherung. Wo sollen sie den
Deutschen Arbeitsplätze wegnehmen und ihnen auf der Tasche
liegen?
Im Jahre 2050 wird es nur noch 40.000.000 Deutsche geben. Vielleicht
ist das die Angst von Herrn Schily. Aber was ist deutsch? Jedenfalls
kenne ich Ausländer, die Goethe besser kennen als manche
Politiker, ganz zu schweigen von manchen Abgeordneten der DVU
in Mecklenburg-Vorpommern.
Aber die Politiker brauchen halt ihren Sündenbock. Und die
Flüchtlinge lasten der Regierung auf ihrem Etat. Die Einnahmen
aus den Arbeiterflüchtlingen sind ja ganz nett, aber die
Ausgaben müssen nicht sein.
Immer mehr Länder in der Welt brechen auf Grund der internationalen
Konkurrenz zusammen. Das Ergebnis ist die Barbarei von Folter
und Tod. Immer mehr Menschen drängen in die Zentren des
Imperialismus.
Innerhalb des Kapitalismus ist das Flüchtlingsproblem nicht
mehr zu regeln. Deshalb will man in Deutschland auch nicht mehr
von einem Recht auf Asyl ausgehen, sondern nur noch von einer
"Gnade".
Der gnädige Cohn-Bendit meint dann auch, daß Asyl
keine Frage von Rechtsvorschriften ist, sondern »eine Art
gesellschaftlicher Gnade. ... Ein Haus hat Türen, die man
öffnen und schließen kann und eine Gesellschaft hat
das Recht, die Bedingungen zu formulieren, wann die Türen
geöffnet werden sollen.« Also - Tür zu.
Obwohl offensichtlich keiner aus Jux und Dollerei die Strapazen
der Flucht aus seiner Heimat auf sich nimmt, beträgt die
Anerkennungsquote der Asylbewerber nur 4,9%.
Sie werden in der Heimat mit Folter und Tod bedroht, glauben
hier einen Schutz zu finden, müssen 2 Jahre isoliert vegetieren
und durch die Mühlen der Bürokratie und der Justiz
laufen, und zum Schluß werden sie in den Tod abgeschoben
oder gleich umgebracht.
Dabei ist in Deutschland das Asylgesetz wegen seiner Vergangenheit
noch im Verhältnis zu den anderen europäischen Ländern
relativ human. In Deutschland lebt die Hälfte aller Asylbewerber
von Europa.
Deshalb soll das Asylgesetz im Sinne des Kapitals noch weiter
verschärft werden. Die Sozilahilfe wurde schon weitgehend
von Bargeld auf Gutscheine umgestellt.
Für die Zukunft wird an eine "Bedarfsorientierheit"
für die Unternehmer gedacht. Man denkt an Höchstgrenzen
nach Berufen, dem Alter und der Berufserfahrung.
Im Amsterdamer Abkommen, dem Nachfolger von Maastricht, wird
eine europaweite Regelung gefordert.
Vorbild für die deutsche Flüchtlingspolitik ist die
US-amerikanische "Green-Card"-Lotterie. Wenn's aufwärts
geht, dann dürfen gnädig ein paar rein, wenns abwärts
geht, dann bitte draußen bleiben - und abwärts wird's
jetzt fast nur noch gehen.
Aus dem Flüchtlingsgesetz wird langsam ein Einwanderungsgesetz
gezimmert. Die Flüchtlinge sollen abgeschreckt werden, in
Deutschland Schutz zu suchen. Die Polizei übernimmt die
Drecksarbeit für das Kapital. Wer sich dennoch hierher getraut,
dem wird die Luft abgedrückt.
Nicht einmal Herrn Schily würden wir das Schicksal der Flüchtlinge
wünschen, wir wünschen es keinem Menschen.
Ein Ende des Rassismus und der Abschiebungen in Folterländer
wird es nur mit dem Ende des Kapitalismus geben.
Volles Asylrecht
Stop den Abschiebungen
Grenzen auf für Alle
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