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Buchbesprechung
Der Mensch als Sklave seiner Gene?
Richard C. Lewontin, Steven Rose, Leon J. Kamin, "Die
Gene sind es nicht", Psychologie-Verlagsunion, München-Weinheim
1988
Claudia Wach
Um den Menschen geht es. Um die Frage, welche Rolle Vererbung
und Umwelt bei der Entstehung von Begabungen und sozialem Verhalten
spielen. Eine viel umstrittene Frage, die nicht nur in der Wissenschaft
auf großes Interesse stieß. Zudem wurde dieses Thema
auch immer wieder von der Boulevardpresse mit Wohlwollen aufgegriffen.
Gesellschaftliche Probleme, wie Massenarbeitslosigkeit, Kriminalität
oder sexuelle Gewalt an Frauen oder Kindern, wurden hier mit
Hilfe reduktionistischer Formeln auf die genetische Ausstattung
des einzelnen Menschen zurückgeführt. Plötzlich
war das Faulenzer-Gen für die hohe Massenarbeitslosigkeit
verantwortlich, das Kriminalitäts-Gen für Verbrechen
und Gewalt usw. usf.
Stellt man sich in diesem Zusammenhang die Frage, woher all dieser
geistige Irrsinn stammt, so findet man in der Wissenschaft des
biologischen Determinismus - auch Biologismus genannt - seine
Antworten.
Das Buch von Lewontin, Steven Rose und Leon Kamin stellt sich
die Frage, was man eigentlich unter biologischem Determinismus
versteht und wie sich der Mensch definiert.
»Menschliches Leben und Verhalten ist eine unausweichliche
Folge der Biochemie jener Zellen, aus denen das Individuum besteht,
und diese Merkmale wiederum werden in spezifischer Weise von
den Genen eines Individuums bestimmt. Letztlich ist das gesamte
menschliche Verhalten - und damit jegliche menschliche Gesellschaft
- über eine Determinationskette gesteuert, die vom Gen über
das einzelne Individuum bis zur Summe des Verhaltens aller Individuen
reicht.« (S. 3)
Dies hieße im Klartext: Die gesamte menschliche Natur werde
durch die Gene bestimmt. Entsprechend betrachtet der biologische
Determinismus Organismen aufgrund evolutionärer Prozesse
als umweltangepaßt. Entsprechend wird die Entwicklung der
Anpassungsfähigkeit als eine Abfolge von Modifikationen,
die einem im wesentlichen passiven Objekt aufgeprägt werden,
verstanden. Die Umwelt wirkt auf den Menschen ein und er ist
der Anpassung auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. Daraus wird
abgeleitet, daß die menschliche Natur sich nicht ändern
läßt.
Die Politik des biologischen Determinismus
Die Theorie des biologischen Determinismus stellt den Versuch
dar, ein Gesamtsystem zur Erklärung der sozialen Existenz
des Menschen zu bilden, auf der Grundlage zweier Prinzipien,
nämlich, daß soziale Vorgänge direkte Folgen
des Verhaltens von Individuen sind und individuelle Verhaltensweisen
wiederum direkte Folgen angeborener physischer Merkmale. Hier
wird aus der Biologie reaktionäre Politik:
»Denn wenn die Organisation der menschlichen Gesellschaft
- einschließlich aller Ungleichheiten - eine direkte Folge
unserer Biologie ist, dann kann keine Maßnahme - mit Ausnahme
eines eugenischen Programms gigantischen Ausmaßes - eine
Änderung der Gesellschaftsstruktur bewirken. Wir können
kämpfen, Gesetze verabschieden, sogar Revolutionen machen
- es ist alles vergeblich. Die natürlichen Unterschiede
zwischen Individuen und Gruppen werden, vor dem Hintergrund biologischer
Universalien menschlichen Verhaltens, am Ende all unsere Anstrengungen,
die Gesellschaft neu zu gestalten, zum Scheitern verurteilen.«
(S 13)
Allerdings nehmen solche Argumente nicht nur Einfluß auf
die Wissenschaft, sondern auch auf soziale und politische Auseinandersetzungen.
In den 70er Jahren kam es während politischer Auseinandersetzungen
zum Aufschwung dieser Vorstellungen. Natürlich waren sie
exakt eine Antwort auf die militanten Forderungen dieser Zeit.
Das Verlangen der Schwarzen nach Gleichheit in wirtschaftlichem
und sozialem Status konnte mit dieser Theorie abgewehrt werden,
weil nach ihr Schwarze als biologisch minderwertig gelten. Das
damalige Aufbegehren der Schwarzen war demnach nicht das Ergebnis
der Ohnmacht der Besitzlosen, sondern die Folge genetischer Minderwertigkeit.
Hier wird deutlich, daß jeder militanten Gruppe die Legitimation
mit Hilfe des biologischen Determinismus abgesprochen werden
kann:
»Der biologische Determinismus ist ein wirksames und
flexibles Mittel das Opfer anzuklagen. Je mehr das Bewußtsein
von Benachteiligungen zunimmt und gleichzeitig die Möglichkeit
schwindet, Forderungen zu befriedigen, desto häufiger und
vielgestaltiger dürfte dieses Mittel eingesetzt werden.«
(S. 17)
Die drei Thesen des biologischen Determinismus:
Mit der Einführung der bürgerlichen Gesellschaft wurde
die Ursache für die Ungleichheit aus der Struktur der Gesellschaft
in die Natur von Individuen verlegt. Es wird behauptet, daß
Ungleichheiten eine direkte und unausweichliche Konsequenz der
individuellen Unterschiede eigener Verdienste und Fähigkeiten
sind.
So wird erstens behauptet, daß jeder Erfolg haben und an
die Spitze gelangen kann. Erfolg hängt demnach von der der
Stärke bzw. Schwäche des Charakters ab. Zweitens werde
Erfolg und Versagen des Charakters in den persönlichen Genen
kodiert. Wobei drittens unterstellt wird, daß die Existenz
biologischer Unterschiede zwischen Individuen notwendiger- und
richtigerweise zur Schaffung hierarchischer Gesellschaften führen
muß.
Gleichheit ist danach Gleichheit der Chancen, nicht Gleichheit
der Fähigkeiten oder Gleichheit im Ergebnis. Das Leben als
Wettlauf. Heutzutage starten alle zugleich, so daß die
Besten gewinnen - die Besten aus biologischer Bestimmung. Indem
der biologische Determinismus sich diesen Anstrich gibt, wandelt
er sich zu einem legitimierten Ideal und zu einem Instrument
der sozialen Kontrolle. Die gesellschaftlichen Unterschiede sind
so fair wie unvermeidlich, weil sie natürlich sind.
Die Theorie, daß wir in einer Gesellschaft leben, die persönliche
Leistung honoriert, stimmt jedoch in keinster Weise mit unseren
alltäglichen Beobachtungen überein. Es ist offensichtlich,
daß beispielsweise Eltern auf irgendeine Weise ihre soziale
Macht ihren Kindern übermitteln:
»Die Söhne von Ölmagnaten haben eine Tendenz,
Bankiers zu werden, während die Kinder von Ölarbeitern
dazu neigen, Schulden bei Banken zu haben. Die Wahrscheinlichkeit,
daß irgendeiner der Gebrüder Rockefeller sein Leben
als Angestellter in einer Tankstelle von Standard Oil verbringen
könnte, ist ziemlich gering.« (S. 56)
Studien über die Beschäftigungsstruktur hierzu beweisen,
daß beispielsweise in den USA 71% der Söhne von Angestellten
selbst wieder Angestellte sind und 62% der Söhne von Arbeitern
wieder Arbeiter werden.
Die Wurzeln der Intelligenzmessung
Das Schulversagen bei Kindern aus der Arbeiterschicht ist extrem
viel höher als bei Kindern von Eltern mit freien Berufen.
Würde nun offenkundig zugegeben, daß dies ein Produkt
der hiesigen Gesellschaft ist und diese nicht darauf angelegt
ist, für wirkliche Gleichheit empfänglich zu sein,
könnte dies zu Unzufriedenheit und Unruhen führen.
Die Alternative ist, zu unterstellen, daß erfolgreiche
Menschen endogene Verdienste aufweisen. Somit wird das erbliche
Privileg einfach zur unvermeidlichen Konsequenz der ererbten
Begabung erhoben. Vor allem die Intelligenz wird hierbei als
endogener Verdienst verstanden.
So schrieb Cyril Burt als bekannter Zwillingsforscher 1947, daß
Intelligenz in alles eingeht, was ein Kind sagt, denkt, tut und
versucht, in der Schule und im späteren Leben. Demnach sei
ein Kind durch den Grad seiner Intelligenz dauerhaft begrenzt.
Die These, daß Intelligenz von den Genen determiniert wird,
versuchte Burt durch Studien an Zwillingspaaren oder Verwandten
zu untermauern. Burt gab vor, in den 60er Jahren, 53 Zwillingspaare,
die anscheinend getrennt aufwuchsen, untersucht zu haben. Seine
Ergebnisse sollten beweisen, daß diese Zwillinge trotz
unterschiedlicher Umwelt, sich in ihrem Lebensgang mehr als ähnelten
und zwar nicht nur äußerlich. Für ihn und alle
Wissenschaftler des biologischen Determinismus ein Beweis, daß
nur die Gene den Menschen bestimmen. Allerdings wurde einige
Jahre später bekannt, daß Burt niemals irgendwelche
Zwillingspaare beobachtet oder studiert hatte, sondern alle Daten
schlichtweg gefälscht waren. Trotz des offenkundigen Betrugs
hatte Burt, und hat es heute noch, einen großen Einfluß
auf die Wissenschaft.
Der Mensch als Sklave der Klassengesellschaft:
Aber wie gestaltet sich in Wirklichkeit die menschliche Natur.
Sie zeichnet sich dadurch aus, daß es in ihr liegt, ihre
eigene Geschichte zu gestalten. Dies bedeutet, daß die
innerhalb einer Generation erfahrenen Grenzen der menschlichen
Natur für die nächsten Generationen irrelevant sind.
Zum Beispiel »die Intelligenz eines Schulkindes von heute
unterscheidet sich erheblich von der eines Kindes, das vor hundert
Jahren gelebt hat oder von der eines Feudalherren oder eines
griechischen Sklavenhalters - sie ist auf vielerlei Weise höher.
Das Maß der Intelligenz selbst ist historisch kontingent.«
(S. 11)
Es ist kein menschliches Verhalten vorstellbar, das unseren Genen
in einer Art und Weise eingeprägt ist, daß es nicht
durch soziale Einflüsse modifiziert und geformt werden könnte.
Es ist aber auch abzulehnen, den Einzelnen lediglich als passives
Produkt seiner Umwelt zu betrachten. Wäre das so, gäbe
es keine soziale Evolution. In jedem Augenblick ist der sich
entwickelnde Geist, der ein Ergebnis der Abfolge von Erfahrungen
und inneren biologischen Bedingungen ist, mit der Umgestaltung
der Welt beschäftigt. Es besteht somit kein eindimensionaler
Kausalzusammenhang zwischen Genen und Umwelt, sondern ein dialektisches
Verhältnis: Organismus und Umwelt durchdringen einander.
Alle Organismen, aber insbesondere Menschen, sind nicht einfach
Ergebnisse der Umwelt, sondern auch die Ursachen ihrer Umwelt.
Es sind nicht die Gene oder unsere Intelligenz, die uns eingrenzen,
sondern die Klassenzugehörigkeit - und die ist nicht biologisch,
sondern historisch bedingt. Wir leben hier nach den Gesetzen
des Kapitalismus. Es ist der genetische Code des Kapitalismus,
der uns eingrenzt. Er lautet: Es lebe die Ausbeutung auf Kosten
der Lohnabhängigen, der Schwarzen, der Frauen, der Dritten
Welt, der Behinderten, der Homosexuellen... usw. usf.
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