Dokumentation
Rede von Ralph Giordano anläßlich der Demonstration gegen den Nazi-Aufmarsch in Köln am 22.5.1999
Wir weisen darauf hin, daß der Autor auch in wesentlichen Punkten nicht mit der Haltung der Internationalen Sozialisten übereinstimmt. Wir halten jedoch viele seiner Gedankengänge für so interessant, daß wir uns zu einem Abdruck seiner Rede entschlossen haben. An dieser Stelle möchten wir uns bei Ralph Giardano dafür bedanken, daß er uns sein Manuskript zur Verfügung gestellt hat.

Liebe Kölnerinnen und Kölner!
Antifaschistische Mitstreiterinnen und Mitstreiter!

Wehrmacht und Krieg sind die letzten heiligen Kühe deutscher Verdrängungskünste - aber Köln stellt sich quer! Ein Bravo dem Polizeipräsidenten Jürgen Roter, der die beabsichtigte Nazidemonstration gegen die Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" dahin verbannte, wo sie hingehört, ins Nirgendwo, und ein Pfui, Schmach und Schande über eine Justiz, die diese richtige Entscheidung aufgehoben hat. Keine demokratischen Freiheiten für die Feinde der Demokratie, kein öffentlicher Spielraum für hirnlose Springerstiefel-Trampler, unbelehrbare Kommißköppe oder gar das nationalkonservative Lodenmantelgeschwader! Keiner von ihnen hat sich je mit dem befasst, was sie da bestreiten, niemals haben die Dreggers, Schmückles und von Haases je Einblick genommen in das Meer von Dokumenten, die die Verbrechen der Wehrmacht unwiderlegbar bezeugen, sei es direkt, sei es durch logistische Hilfe der mobilen Todesschwadronen unter dem Dach der Mordzentrale Reichssicherheitshauptamt.
Aber auch, wenn die Wehrmacht kein einziges Verbrechen an Zivilisten jenseits von Kriegshandlungen begangen hätte - sie hat durch bloße Waffeneinwirkung Europa in Trümmer gelegt und Millionen von Menschen Leben, Hab, Gut und Gesundheit geraubt. Sie war der Träger des NS-Hauptverbrechens Krieg! - eines verbrecherischen Angriffskrieges, der die Menschheit 50 Millionen Tote gekostet hat. Die Wehrmacht war das Schwert in den Händen der kriminellen NS-Reichsführung zur Realisierung ihrer globalen Eroberungs-, Unterdrückungs- und Ausrottungspläne. Die Wehrmacht hat das mörderische NS-System bis an die Wolga und den Atlantik, an den Polarkreis und die Sahara katapultiert, wobei der Radius des Vernichtungsapparates immer identisch war mit dem der deutschen Fronten. Erst ihre gewaltige Ausdehnung hat ihm das riesige Opferpotential zugetrieben.
Nein, nicht jeder Angehörige der Wehrmacht war auch im strafrechtlichen Sinne ein Verbrecher, wie die kritiklosen Nachbeter der Wehrmachtsgeschichte uns Kritikern immer wieder absichtsvoll andichten wollen. Wohl aber haben sie alle einer schlechten Sache gedient, waren sie alle des "Teufels Armee". Es gab Hitler nicht zweimal - einmal als Bauherrn von Auschwitz und einmal als Schöpfer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht: Er war beides in Personalunion.
Ehre und Ruhm dem Widerstand - exemplarisch aber war er nie. Wer fünfzig Jahre absoluter lnformationsfreiheit nicht genutzt hat, seine historischen Defizite und NS-injizierten Freund- und Feindbilder zu korrigieren, sondern heute noch den gleichen Geschichts- und Wertvorstellungen anhängt wie damals, den darf man als Zeitgenossen getrost einer optischen Täuschung bezichtigen.
Der Kalender, liebe Kölnerinnen und Kölnern, zeigt den Wonnemonat Mai 1999 an. Aber ich gönnte all diesen jugendlichen Neonazis von heute, den NPDlern, den DVUlern und sogenannten "Republikanern", die in Schlägerpose Nazilieder gröhlen und sich zu Idolen bekennen, von denen ihnen jenseits des Geburts- und Todesdatums jede Kenntnis fehlt - ich gönnte ihnen allen die Bilder zur gleichen Zeit vor 44 Jahren. Eintragung in mein Tagebuch vom 18. Mai 1945, vierzehn Tage nach der Befreiung meiner Familie in Hamburg durch die 8. Britische Armee. Da steht:
»Oh wundersame Wandlung der Deutschen! Wie vom Erdboden verschwunden sind die einst unzähligen PGs; keiner will je Nazi, alle aber im Widerstand gewesen sein - und natürlich Juden versteckt haben... Soviel Juden hat es in Deutschland selbst zu ihrer Blütezeit vor 1933 niemals gegeben, wie da versteckt und gerettet sein sollten. Und welch ein Anblick erst, wenn Rechenschaft gefordert wird. Da steht der Führergläubige von gestern dann, nun uniformlos, demütig geschrumpft auf einen Bruchteil seines gerade verblichenen Herrenmenschentums und in Würstchenpose, die politische Harmlosigkeit in Person, ein winziges Rädchen jenes Systems, das nun nicht mehr existierte und in seiner Erinnerung gänzlich ausgelöscht zu sein scheint - er jedenfalls könne zur Aufklärung nichts beitragen.«
Das war der Anblick, den die Mehrheit der großelterlichen Generation jenes heutigen NS-Verschnitts damals geboten hat - schamlose Wendehälse und servile Anpasser, ein Massenmeineid ehemaliger Hitlervergötterer. Begleitet wurde das von den monotonen Beteuerungen "Wir haben doch von nichts gewußt", und "Wir konnten doch nichts dagegen machen." Da darf doch wohl gefragt werden: Wogegen denn "was machen"? Gegen das, was man nicht gewußt haben will?
Diese damaligen Bilder exemplarischer Feigheit, Skrupellosigkeit, substanzloser Servilität und Verdrängungsfähigkeit ihrer "arischen Helden", die gönnte ich den NPD-Marschierern des heutigen Tages!
Die defensive Haltung währte allerdings nur über die Phase eines kurzen Vergeltungschocks, der in dem Augenblick vorbei war, als das nationale Kollektiv der Hitleranhänger begriff, daß ihre alttestamentarischen Racheängste ganz grundlos geträumt worden waren, und ihre Befürchtungen, als Besiegte so behandelt zu werden, wie sie als Sieger gehandelt hatten, nicht eintrafen. Dann war es vorbei mit der Demut, schon im Herbst 1945, da wurden sie wieder frech, da zeigte sich unverblümt, daß Hitler militärisch, nicht aber politisch geschlagen war, daß fortlebte, was er in den Köpfen angerichtet hatte, und was, wie wir heute bestätigt bekommen, generationsübergreifend bis in unsere Gegenwart weiter wirkt.
Aber lassen Sie uns nicht vergessen: Noch gefährlicher, als die Gewalttäter an der Front des Ausländerhasses und des Antisemitismus sind die Drahtzieher im Hintergrund, die ideologischen Zulieferer und finanziellen Mäzene des Neonazismus, wie Gerhard Frey von der 'Nationalszeitung' und Gesinnungsgenossen; gefährlich aber auch eine Justiz, die traditionell auf einem Auge blind ist und immer wieder Feinde der Demokratie im Namen der Demokratie von Ordnungunsghütern beschützen läßt, die dann, verkehrte Welt, mit Knüppeln und Wasserwerfern auf antifaschistische Gegendemonstranten losgehen. Nicht zuletzt an solchem Rechtsformalismus ist die erste deutsche, die Weimarer Republik, zugrunde gegangen.
Die Lehre aus allem: Niemals wieder darf Leuten, die ständig das Wort Vaterland im Munde führen und doch nichts anderes sind als seine alten Verderber im Gewande neuer Generationen, niemals wieder darf ihnen eine zweite Chance gegeben werden, erst Leichengebirge aufzutürmen und sich danach als Opfer zu stilisieren.
Stellen wir deshalb dem gewöhnlichen Nazismus, der kultvoll gepflegten Geschichtsignoranz, der bekennenden Unbelehrbarkeit, stellen wir ihnen offensiv unsere bürgerliche, unsere zivile Courage entgegen, die wachsame Humanität des Alltags. Und lassen Sie uns, wie heute, überall energische Widersacher sein, wo immer sich Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit mißtönend vernehmen lassen.
Kölle stellt sich quer - Nie wieder Nazismus!
Nieder mit dem braunen Gelichter!
Wir sind die Stärkeren!
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