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Kosovo und die neue Weltordnung
« Werner Klein
Mit dem Sieg der Nato über Serbien werden auch die Arbeiter
ihre Illusion über eine heile Weltordnung verlieren.
Scheinbar ist alles so gelaufen, wie die Oberstrategen der westlichen
Welt sich das vorgestellt haben. Die Bomben haben Milosevic in
die Knie gezwungen. Mit der Zerstörung Serbiens ist Rußland
immer mehr von Milosevic abgerückt. Zum Schluß mußten
die serbischen Generäle das Kosovo räumen, und die
Nato-Soldaten konnten ohne einen Toten dort einmarschieren und
den Vertriebenen wieder ihre Heimat zurückgeben.
Jetzt aber kommt langsam das böse Erwachen. Die Kosovaren
kommen zurück in ihre Dörfer, stellen fest, daß
ihre Häuser abgebrannt und ihre Männer umgebracht worden
sind, jeden Tag entdecken sie Massengräber, und rächen
sich ihrerseits an den Serben, indem sie sie ebenfalls töten,
verjagen oder ihre Häuser abbrennen.
Der Krieg zwischen den Serben und den Albanern, den Milosevic
zum eigenen Machterhalt entfacht hatte, ist nicht mit dem Sieg
der Nato zu Ende.
Solange Rußland und der Westen um den Markt Kosovo und
das militärstrategische Aufmarschgebiet in der Nähe
des Schittpunktes von Afrika, Asien und Europa konkurrieren,
und das wird noch während der gesamten imperialistischen
Epoches geschehen, solange werden auch die Menschen sich dort
in Konkurrenz verhalten.
Während der Verfolgung durch Milosevic in den letzten 10
Jahren wuchs zurecht die Hoffnung der Albaner auf ein unabhängiges
Kosovo. Nun sehen sie sich in der Nähe ihrer Wünsche.
Die UCK will das zukünftige Militär dieses Staates
bilden und sieht deshalb überhaupt nicht ein, die Waffen
abzugeben.
Die Nato will aber die UCK'ler zur Not mit Gewalt entwaffnen.
Sie würde auch vor einem Krieg mit ihr nicht zurückweichen.
Sie versucht, Rußland in den Überwachungsprozeß
mit einzubinden. Nur so konnte sie ohne einen Toten den neuen
Markt gewinnen.
Dazu ist es aber notwendig, daß vom Westen die Zugehörigkeit
des Kosovo zu Serbien nicht in Frage gestellt wird. Aber genau
das wird von allen Kosovaren natürlich in Frage gestellt.
Außerdem will der Westen kein selbständiges Kosovo,
weil es sich mit Albanien zu einem Großalbanien zusammenschließen
könnte, woraufhin auch die mazedonischen Albaner mitmachen
könnten und Mazedonien sich auflösen würde. Das
ganze "Gleichgewicht" in der Region (das sowieso nicht
mehr da ist) wäre dann dahin, glaubt das Kapital.
Die Nato-Soldaten haben es nicht nur mit der "renitenten"
UCK zu tun, auch die gesamte Bevölkerung wird sich gegen
sie wenden, wenn ihre Forderungen nach einem unabhängigen
Kosovo lauter werden.
Die Bevölkerung richtet sich hier und da langsam eine Selbstverwaltung
ein, eine gewählte Stadtverwaltung, eine Gerichtsbarkeit
oder eine Miliz. Die UNO und Nato aber sehen darin nur eine Gefahr
und wollen eine Verwaltung, die nur unter ihrer Kontrolle gewählt
wird, die dem Kapitalmarkt und den Imperialisteninteressen mehr
dient als der Bevölkerung.
Die Nato hat schon alle Hände voll zu tun, um die verbliebenen
Serben zu schützen. Die sind natürlich aus Angst vor
der Rache der Albaner nach Serbien geflüchtet. Aber Milosevic
schickte sie zurück in das feindliche Umfeld, um dort die
"serbische Identität" zu erhalten. Zynisch setzt
er auch seine Landsleute als Bauernopfer ein. 50 Serben sind
schon am 24. Juni umgeracht worden.
In Serbien selbst ist die Wirtschaft zusammengebrochen, kaum
einer hat noch Arbeit, Wasser, Strom, Heizung. Das Gesundheitswesen
ist zusammengebrochen, die Brücken und Fabriken sind kaputt.
Die Opposition gegen Milosevic äußert sich immer lauter.
Sogar der Oberpope hat an seiner Stelle eine international anerkanntere
Person gefordert.
In Bosnien ist man dem Frieden trotz der Präsenz der Isfor-Soldaten
keineswegs näher gerückt. Auf dem Balkan herrscht nur
Chaos. Daran wird auch die Anwesenheit der 50.000 geplanten KFOR-Soldaten
und der 3.000 UNO-Polizisten im Kosovo nichts ändern.
Die Nato-Strategen rechnen deshalb auch schon damit, mindestens
30 Jahre dort zu bleiben. Die Kosten für den Wiederaufbau
werden mit bis zu 190 Milliarden $ berechnet.
Das ist die neue Weltordnung, die die "freie" Welt
nach dem Zusammenbruch der staatskapitalistischen Länder
erwarten darf. Erst wird alles in Schutt und Asche zusammengebombt
und dann mit einer Masse Soldaten ein Relikt von Ordnung aufrechterhalten.
Von einem normalen Wirtschaftsleben kann bei den Verhältnissen
gar nicht die Rede sein. Da ändert auch eine kleine Mini-Fabrik
von VW in Sarajevo nichts daran.
Das, was sich das westliche Kapital von dem Krieg erhofft hatte,
nämlich Märkte für Waffen, Öl, Hoch- und
Tiefbau und andere Waren, ist so im wesentlichen nicht zu erreichen.
Und diese Perversion, die nur mit unendlich viel Blut der Völker
zu erreichen ist, kennzeichnet die Zukunft des Kapitalismus.
Um überhaupt noch eine Weltordnung aufrechtzuerhalten, stehen
überall Soldaten. Eine blühende Produktion ist so nicht
mehr möglich. Die fremden Soldaten werden eher rücklings
ermordet. Eine Eskalation von Meuchelmord und Verfolgung ist
vorprogrammiert. Mad Max läßt grüßen.
5 Milliarden wurden schon in Bosnien investiert. Die Arbeiter
in Europa mußten das bezahlen. 190 Milliarden sind schon
für den Kosovo und für Rest-Jugoslawien geplant. Die
Arbeiter müssen bezahlen und ihre Söhne für die
neue Weltunordnung in den Tod schicken.
Der Kriegsminister Rudolf Scharping sieht schon mit dem Kontingent
in Bosnien und Kosovo die Grenze für die Bundeswehr erreicht.
Bei dem nächsten "Friedens"einsatz müßte
also für weitere Soldaten wieder die Arbeitslosenhilfe oder
die Rente weiter gekürzt werden.
Die Arbeiter in Jugoslawien werden von Milosevic in die Hölle
des Kosovo getrieben und die anderen frieren in Belgrad ohne
Strom und Wasser. In Somalia haben die USA und die anderen Imperialisten
ihre Intervention schon aufgegeben, weil dort keine normale staaliche
Organisation jedweder Form mehr möglich ist. Rohstoffe lassen
sich dort für das internationale Kapital nicht mehr gewinnbringend
ausbeuten. Für einen lukrativen Warenmarkt bietet sich Somalia
auch nicht mehr an.
Genau so sieht es in irakisch Kurdistan aus. Eine normale Ausbeutungsproduktion
ist dort für das internationale Kapital nicht mehr möglich.
Immer mehr Gebiete in der Welt entziehen sich der Akkumulation.
Das Kapital kann dem freien Fall der Profitrate neben den entgegenwirkenden
Faktoren nur die Expansion der Märkte entgegensetzen. Die
entgegenwirkenden Ursachen verlieren langsam ihre Kraft. Beispielsweise
sind durch das "Just in Time"-System die Lagerhaltungskosten
auf Null gesunken - weiter lassen sie sich nicht mehr senken.
Das letzte Mittel zur Abbremsung des Falls der Profitrate sind
Produktionsausweitung und neue Absatzmärkte. Nur eine Ausweitung
in dem Maße der Produktivitätssteigerung mal dem Kapitalerhöhungsfaktor
könnte den Fall aufheben. Also: Expansion um der Produktion
willen.
Da bricht der Ostblock zusammen, und es bieten sich neue Märkte
an. Nicht zufällig sind die Spannungsgebiete Jugoslawien,
Irak, Somalia oder auch Äthiopien-Eritrea ehemalige Einflußbereiche
von Moskau, in die jetzt der Westen seinen Fuß setzen will.
In Somalia hat der Imperialismus seine Expansionswünsche
schon aufstecken müssen. Noch träumt er von einem blühenden
Balkan, obwohl er auch schon mit Problemen von der UCK, den Kroaten
und Serben in Bosnien und den Plünderern und Kriminellen
zu tun hat.
Wenn dann noch die Produktion immer mehr in den alten privatkapitalistischen
Ländern wie Kaschmir, Sierra-Leone oder Liberia zusammenbricht,
in Angola sich auf Grund der Kämpfe das Öl nicht mehr
ausbeuten läßt, dann müssen in immer mehr Gebiete
der Welt, nicht nur an den Schnittpunkten zwischen Ost und West,
Panzer und Soldaten stehen, damit noch produziert werden kann
und die Märkte aufrecht erhalten werden. Der Kosovo zeigt
schon die Richtung an.
Eine Genesung des Landes läßt sich aber ganz bestimmt
nicht mit fremden Mächten erreichen, nicht mit Serben und
auch nicht mit der Nato, wenn überhaupt, können nur
die Kosovaren und letzlich die kosovarischen Arbeiter im Bündnis
mit allen Arbeitern des Balkans die Region befrieden.
Nato raus aus dem Balkan!
Selbstbestimmungsrecht für Kosovo!
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Die Nato und der neue Imperialismus
Übersetzung (Auszüge) eines Artikels aus 'Socialist
Review'. Der Autor John Rees ist Mitglied der britischen Socialist
Workers Party.
Künftige Historiker des Balkankrieges von 1999 werden sich
wohl über die Tatsache wundern, daß allein in dem
Monat, in dem der Krieg ausgebrochen ist, kaum der Fakt kommentiert
worden ist, daß die Nato Polen, die Tschechische Republik
und Ungarn in das Bündnis integriert hat. Zwischen Ungarn
und Griechenland wird die Südflanke der Nato nun vom ehemali
gen Jugoslawien durchbrochen. Das allein erweckt bei der Nato
ein beträchtliches strategisches Interesse an der Kontrolle
des Balkans. Aber es steht mehr auf dem Spiel. Die Auswirkung
der Nato-Erweiterung ist die Verschiebung des Eisernen Vorhangs
nach Osten. Während er früher Deutschland durchtrennt
hat, verläuft er nun an den Ostgrenzen Polens, der Tschechischen
Republik und Ungarns. Er endet an der Grenze des einstigen Jugoslawiens.
Die nächsten drei Staaten, die für eine Nato-Mitgliedschaft
in Betracht gezogen werden, sind die ehemalige Republik Jugoslawien
selbst, Slowenien und Serbiens Nachbarn Rumänien und Bulgarien.
So ist der ganze, zehn Jahre währende Prozeß des Nato-Vorstoßes
nach Osten eng verbunden mit dem Balkan im allgemeinen und den
ehemalig jugoslawischen Staaten im besonderen.
Beim neuen Eisernen Vorhang zwischen West- und Osteuropa endet
der strategische Zweck des Balkans für die Nato noch nicht.
Wenn wir die Südflanke der Nato entlang - über Griechenland
und die Türkei hinweg - sehen, erkennen wir, wie eng das
Schicksal dieser Region mit einem anderen Gebiet verbunden ist,
das für die Instabilität nach dem Kalten Krieg von
großer Bedeutung ist: Der Bogen der Ölstaaten, der
von den traditionellen Interesse sphä ren des Westens, Iran
und Irak, hinauf zur Kaspischen See und den jetzt unabhängigen
Staaten an Rußlands Südrand verläuft.
Noch während die Nato-Expansion nach Osteuropa in Washington
auf dem 50. Geburtstag des Bündnisses gefeiert worden ist,
wurde unter den Fittichen dieses Gipfels ein weiteres Pro-Nato-Bündnis
konstruiert. Auf dem Washingtoner Treffen taten sich Georgien,
die Ukraine, Aserbaidschan und Moldavien mit Usbekistan zusammen,
um Guuam zu bilden, eine neue Allianz, deren Ziel es ist, die
wirtschaftlichen und politischen Verbindungen der Mitgliedstaaten
mit dem Westen zu stärken. Drei dieser Staaten - Georgien,
Usbekistan und Aserbaid schan - traten erst diesen Frühling
aus der von Rußland be herr schten Föderation des
Sicherheitspaktes der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten
aus. Guuam hat der militärischen Zusammenarbeit mit der
Nato auf niedriger Ebene zugestimmt, behauptet aber, es sei kein
Militärbündnis, das sich gegen Rußland richtet.
Aber die Bildung von Guuam folgt der Parlamentsentscheid der
Ukraine auf dem Fuße, nach der sie ihre frühere Anordnung,
ihre atomaren Waffen zu vernichten, aufhebt - ein direktes Resultat
des Balkankrieges.
So kommt es auch nicht überraschend, wenn man auf Rußlands
Außenminister trifft, der fragt: »Wie sollen wir
die Tatsache auffassen, daß diese neue Regionalorganisation
in Washington während eines Nato-Gipfels gegründet
worden ist?« Eine Antwort darauf lieferte Eduard Schewardnaze,
Präsident von Georgien, der gesagt hat: »Als ich Javier
Solana [Nato-Generalsekretär] traf, fragte ich ihn: ,Wann
werdet ihr Georgien endlich in die Nato lassen?' Er flüsterte
etwas in mein Ohr, aber ich kann nicht verraten, was er mir gesagt
hat.« Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Solana Schewardnaze
gesagt, die Nato werde Georgien in nächster Zukunft nicht
aufnehmen. Der Grund dafür ist, daß die Hauptbedeutung
der Guuam-Region für die Westmächte eher in wirtschaftlicher
als in militärischer Hinsicht liegt.
Nach der 'Financial Times' ist es die Hauptaufgabe von Guuam,
»die in diesem Gebiet reichen Öl-und Gasvorkommen
unter Ausschluß Rußlands abzubauen«. Zu diesem
Zweck sollen sich »die Türkei, Britannien und die
USA von außen mit Guuam zusammenschließen - Nationen,
die sich als viel fähiger als Rußland erwiesen haben,
in die Region zu investieren und mit ihr Handel zu treiben.«
Im Gebiet der Kaspischen See gibt es tatsächlich einen großen
Preis zu holen. Seine nachgewiesenen Ölreserven werden auf
16 bis 32 Milliarden Barrels geschätzt, denen in den Vereinigten
Staaten eine Reserve von 22 Milliarden Barrels und in der Nordsee
eine von 17 Milliarden gegenübersteht. Die Totalreserven
könnten laut US-Energie-Informa tionsbehörde 179 bis
195 Milliarden Barrels betragen.
Diese Reserven liegen zwar weit entfernt vom Balkan, aber die
Route, auf dem das Öl in den Westen kommen muß, nicht.
Im April wurde eine neue Pipeline eröffnet, die das Öl
der Kaspischen See durch Aserbaidschan und Georgien transportiert.
Das Öl wird seine Reise mit dem Tanker durch das Schwarze
Meer und den Bosporus fortsetzen bis zur türkischen oder
griechischen Küste. Andere mögliche Pipeline-Routen
des Westens verlaufen durch die Türkei bis zur Küste
nahe Zypern oder durch die Ukraine, Bulgarien und Griechenland,
die Guuam-Mitglied, Nato-Anwärter und bereits existierendes
Nato-Mitglied sind.
Alle diese Routen geben der Notwendigkeit von Sicherheit und
Ordnung auf dem Balkan eine direkte ökonomische Bedeutung,
die zu den strategischen Erwägungen, die hinter dem Nato-Krieg
auf dem Balkan stehen, noch hinzukommt. So hat auch der US-Energiesekretär
Bill Richardson letzten November erklärt:
»Es geht um Amerikas Energiesicherheit... Es geht auch
um den Schutz vor strategischen Angriffen derjenigen, die unsere
Werte nicht teilen. Wir versuchen, diese neuen unabhängigen
Länder am Westen zu orientieren. Wir hätten gerne,
daß sie auf die westlichen kommerziellen und politischen
Interessen vertrauen... Wir haben eine beträchtliche politische
Investition in die Kaspische See gemacht, und es ist wichtig,
daß sowohl die Pipeline-Landkarte als auch die Politik
zur richtigen Zeit auf den Plan treten.«
Die "Pipeline-Landkarte", auf die Richardson sich bezieht,
ist die, die die Ölreserven der Kaspischen See mit der Sicherheit
der Gebiete zwischen der Türkei und Griechenland und den
anderen Balkanstaaten verbindet. Wie die 'International Herald
Tribune' herausstellt, wird die Entscheidung über die Route,
auf der das Öl seinen Weg in den Westen nehmen wird, zu
»tiefgreifenden ökonomischen und geopolitischen Konsequenzen«
führen: »Rivalitäten, die sich hier abspielen,
werden entscheidendend auf die Gestalt der post-kommunistischen
Welt einwirken und auf die Festsetzung, wieviel Einfluß
die Vereinigten Staaten auf deren Entwicklung ausüben werden.«
Die geographische Expansion ist nicht die einzige Veränderung
der Nato in den 90er Jahren. Sie hat ihre "strategischen
Konzepte" mittlerweile ausdrücklich umdefiniert, so
daß sie kein bloßes Verteidigungsbündnis mehr
ist, wie sie während des ganzen Kalten Krieges behauptet
hat. Alle Kalten-Kriegs-Praktiken der Nato bleiben bestehen -
einschließlich des "Erstschlages" mit Atomwaffen,
wenn sie diesen Schlag für notwendig hält. Aber direkt
nach dem Fall der stalinistischen Staaten 1991 hat die Nato ihre
Ziele umdefiniert, so daß die "Out of area"-Operationen
zum Teil eines neuen "Strategiekonzeptes" wurden. Diesen
Einsätzen wurde zunächst eine "friedenserhaltende"
Rolle zugeschrieben. Aber, berichtet das Internationale Institut
für Strategische Studien, die »ausschließliche
Befehlsgewalt der Nato über die Operationen der Implementation
Force (IFOR) in Bosnien veränderte diese Haltung vollkommen.«
So hat der Zusammenbruch der osteuropäischen Regime und
der Expansionsdrang der Nato zur Beschäftigung mit dem Balkan
geführt; und ihre Erfahrung auf dem Balkan hat zu ihrer
Entscheidung geführt, militärische Macht jenseits ihrer
Grenzen einzusetzen. Auf dem Washingtoner Gipfel wurde einer
überarbeiteten Nato-Militär-Struktur eine Joint Task
Force für schnelle Einsätze in "Krisengebieten"
aufgesetzt.
Die Auswirkungen dieses ein Jahrzehnt lang währenden Trends
sind kolossal. Die Struktur des Kalten Krieges, die das atomare
Patt zwischen Ost- und Westblock untermauert hat, ist nun verschwunden.
Das bedeutet, daß "heiße Kriege" nicht
mehr auf die kolonialen und ehemals kolonialen Randgebiete des
Systems verlagert werden können, wie das mit ihnen während
des Kalten Krieges geschah. Diese Konflikte werden fortgesetzt,
obwohl sie weniger zwischen nationalen Befreiungsbewegungen und
kolonialen oder neo-ko lo nia len Regimen ausgefochten werden,
sondern häufig zwischen politisch unabhängigen Staaten,
die schnell von Klienten der Hauptmächte zu "verbrecherischen"
oder "terroristischen" Staaten werden, wenn ihre Interessen
und die der Hauptmächte auseinandergehen. Iran, Irak und
Serbien sind bloß die bekanntesten Beispiele aus den letzten
zehn Jahren. Dieses Muster wird sich wohl weiter durchsetzen,
schon weil 75% der US-Waffenver käu fe in den letzten fünf
Jahren an Länder gegangen sind, deren Bürger nicht
das Recht haben, ihre eigene Regierung zu wählen.
Noch wichtiger, der Zusammenbruch des Warschauer Paktes hat eine
Zone imperialistischen Konfliktes geschaffen, der sich von der
neuen Ostgrenze der Nato über die baltischen Staaten, Osteuropa
und den Balkan, über den Südrand Rußlands und
die Guuam-Staaten erstreckt. Diese wirtschaftlich schwache und
instabile Region ist heute eine der wichtigsten Zone für
rivalisierende imperialistische Ansprüche. Der Balkan ist
wieder zum umkämpften Gebiet geworden, weil die tektonischen
Platten der Hauptmächte sich in dieser Region erneut aneinanderreiben,
wie sie es schon getan haben, bevor der Kalte Krieg seine zufällige
imperialistische Geographie festgelegt und der lange Nachkriegsboom
ihnen Aufschub gewährt hat.
Die vor zehn Jahren versprochene Neue Weltordnung wird keine
Rettung bringen. Das Ungleichgewicht zwischen der Militärmacht
der USA und der jeden anderen Staates auf der Welt, die einst
als Garantie für eine friedlichere Welt verkauft worden
ist, hat sich nun als Quelle von noch größerer Instabilität
entpuppt. Die Waffenausgaben der Vereinigten Staaten sind größer
als die der 13 Staaten, die unter ihr rangieren, zusammen. Immer
noch ist der US-Anteil am Welthandel wesentlich geringer, als
er während des Kalten Krieges war. Das ist ein zentraler
Grund dafür, warum die Militärmacht so oft die Alternative
für die herrschende Klasse der USA ist. Der andere Grund
ist die wirtschaftliche Entkräftung Rußlands. Aber
die Politik, diese Schwäche zu benutzen, um Rußland
gegen seinen Willen im Interesse der Nato zu bugsieren, hat seine
Grenzen, wie auch der Verlauf des Balkankrieges gezeigt hat.
Je näher das Vordringen der Nato an die Grenzen Rußlands
kommt, umso mehr beginnt die immer noch kolossale Militärmaschine
Rußlands vielleicht damit, sich nach einem der Landesführer
umzusehen als einzig wirkliches Guthaben in einer bedrohlichen
Situation.
Wenn wir den Balkankrieg in diesem Zusammenhang sehen, ist es
keine Überraschung mehr, wenn man herausfindet, daß
die 90er Jahre hinsichtlich der Kriegstoten das blutigste Jahrzehnt
seit dem Zweiten Weltkrieg gewesen sind. Die meisten der Getöteten
sind Zivilisten gewesen. Vor fünfzig Jahren waren die Hälfte
der Kriegstoten Zivilisten. In den 60er Jahren sind Zivilisten
63% der Kriegstoten gewesen, in den 80ern stieg diese Zahl auf
74% an, und in den 90ern liegt sie noch höher. Nur die Zerschlagung
des imperialistischen Systems wird dieses Blutbad stoppen.
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