Nachruf:
Ignatz Bubis


Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung eines bitteren Interviews im ‘Stern’ ist Ignatz Bubis verstorben. In dem Interview zog er ein trauriges Resümee über seine sieben Jahre als Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Juden.
Auf die Frage der ‘Stern’-Reporter: »Herr Bubis, was haben Sie bewirkt?«, antwortete er: »Nichts, fast nichts«.
Tatsächlich gelang es ihm aber bei verschiedensten Anlässen, die Erbschaft des deutschen Kapitalismus anzumahnen und so manche Politiker und Intellektuelle in Wut und Unruhe zu versetzen: das Erbe des sechs-millionen-fachen Mordes an Juden im Holocaust.
Diese Wut zog er beispielsweise bei seinem Auftritt nach dem Mörderpogrom in Solingen auf sich. Ihm wurde vorgeworfen, als Jude habe er nichts an einem Ort verloren, wo die Opfer Asylanten sind. Dabei war es genau richtig von ihm, sich einzumischen. Gegen die Nazis müssen sich alle zusammentun. Und allein durch seine Anwesenheit war es ihm gelungen, die von vielen geleugnete Kontinuität vom Holocaust bis zu den Morden und Anschlägen Anfang der 90er Jahre darzustellen. Die riesige Hetze der Politiker und Medien darüber, daß „das Boot voll“ sei, war ein klares Zeichen an die Nazis, sich mit ihren Morden auszutoben. Den Politikern war es eine Freude, ermöglichte dieser Terror nämlich, das taditionelle Asylgesetz in Deutschland abzuschaffen.
Schon in den 70er Jahren wurde Bubis als Vertreter des »jüdischen Spekulantentums« beschmipft - von keinem anderen als dem damaligen linksradikalen Sponti und heutigen Außenminister Joschka Fischer. Natürlich sind wir gegen Spekulanten, aber auch gegen christliche, islamische, hinduistische und atheistische. Hervorzuheben, daß Bubis Jude ist, ist blanker Rassismus.
1985 kämpfte er gegen Rainer Werner Fassbender, der in dem antisemitischen Theatermachwerk “Der Müll, die Stadt und der Tod” mit der ganz offensichtlich Bubis darstellenden Figur eines reichen Juden gegen ihn hetzte. Bubis verhinderte mit weiteren Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Frankfurt die Aufführung des Stückes durch Besetzung des Theaters. Wieder setzten sich sogar Teile der Linken um Fischer dafür ein, die rassistische Hetze gegen Juden durch die Aufführung des Stückes zu ermöglichen.
In der für das deutsche Kapital sehr wichtigen Debatte mit Martin Walser um ein Mahnmal für die jüdischen Holocaust-Opfer konnte er den Rechtsruck und den von Walser verlangten Schlußstrich unter den Massenmord nicht aufhalten.
Im ‘Stern’-Interview sagte er mit Verweis auf Gerhard Schröder: »Die heutige Politikergeneration möchte auf eine sanfte Walser-Tour das Ganze zurückdrehen. ... Schröder hat nach der Bubis/Walser-Debatte sinngemäß gesagt, jetzt, nach dieser Diskussion, müssen wir das Mahnmal bauen. Das hört sich so an, als ob die Regierung den Bubis nicht im Regen stehen lassen könne. Dabei ist das kein Bubis-Mahnmal. ... Es gab die Meinung: Laßt endlich mal Ruhe damit. Nun baut das Mahnmal! Weg damit! Nur für die Juden. Okay, runter vom Tisch! Es war auch hier Schlußstrich-Debatte. ...
Im öffentlichen Bewußtsein ist die Verantwortung für Auschwitz nicht verankert. Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für Goethe und für Beethoven, aber keiner für Himmler. Ein Großteil der Bevölkerung denkt wie Martin Walser. Ende. Zeit, Schluß zu machen, nur noch nach vorne schauen.
... Ich habe immer herausgestellt, daß ich deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bin. Ich wollte diese Ausgrenzerei, hier Deutsche, dort Juden, weghaben. Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es, daß die Menschen anders übereinander denken, anders miteinander umgehen. Aber nein, ich habe nichts bewegt.«
Daß das FDP-Mitglied Bubis ein so trauriges Resümee seiner sieben Amtsjahre zog, ist aber nicht verwunderlich. Bubis war ein mutiger, energischer und kämpferischer Mann, doch er hat versucht, den Kampf gegen den Faschismus auf dem Boden des bürgerlichen Staates zu führen. Dieser Kampf war zum Scheitern verurteilt, da der Faschismus eine der Formen genau der bürgerlichen Herrschaft ist, deren Fahne Bubis hochhielt. Sind dem Staat die Kosten aus seinem Asylrecht zu teuer, läßt er die Nazis an der längeren Leine laufen, um mit ihren Mordbomben die Einschränkungen oder die Aufhebung des Rechtes zu begründen, wie in Solingen. Ist es notwendig, die Menschen in Vorbereitung auf einen Weltkrieg absolut zu verrohen, scheut das Kapital auch vor Massenmorden und dem Holocaust nicht zurück, wie bei Hitler. Schließlich hält der Staat sich durch eifrige Geschenke die Nazis als stille Reserve, die in der Zuspitzung der Krise wieder benötigt werden, um gegen eine aufbegehrende Arbeiterklasse eingesetzt zu werden. Jüngstes Beispiel waren die reichhaltigen LKW- und Ausrüstungsgeschenke an den Nazi-Terroristen Manfred Roeder, der zudem noch zu Vorträgen vor führenden Militärs eingeladen wurde, um über die Rückeroberung von Teilen Polens zu referieren.
Bubis mußte scheitern, da er nicht den Klassenstandpunkt der Arbeiterklasse eingenommen hat, deren Perspektive darin liegt, den Kapitalismus zu stürzen - der die Wurzel des Faschismus ist - und eine solidarische Gesellschaft aufzubauen, wo nicht der eine Teil der Menschen gegen den anderen ausgepielt und aufgehetzt werden muß.
Die bürgerliche Demokratie ohne Rassismus oder den Faschismus in Reserve gibt es nicht.
Zum Ende seines Lebens hin verfügte Bubis noch:
»Ich möchte in Israel beerdigt werden, weil ich nicht will, daß mein Grab in die Luft gesprengt wird - wie das von [seinem Vorgänger] Heinz Galinski.«
Es ist erschreckend, daß sich ein Jude in Deutschland bis heute nicht einmal seines Leichnams sicher fühlen kann.
Doch auch Israel ist ein Staat, der ganz tief von Klassengegensätzen geprägt ist und in der Rassismus und Terror schürt, um die einen gegen die anderen aufzubringen. Bis heute wird dort die palästinesische Minderheit unterdrückt und muß teilweise noch immer unter Bedingungen leben, wie die Schwarzen im Südafrika zu Zeiten der Apartheid.

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