|
|
Die Psyche
spielt verrückt...
Claudia Wach
Ein Gespenst geht um in der Welt - das Gespenst der psychischen
Krankheit. So oder ähnlich könnte man es beschreiben,
wenn man hört, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO)
kürzlich zu berichten hatte.
Es ist mit wenigen Worten zu beschreiben: Hunderte Millionen
sind psychisch krank! Genau genommen gehören psychische
Erkrankungen nach Angaben der WHO zu den häufigsten und
einige von ihnen zu den schwerwiegendsten Krankheiten überhaupt.
Neben Infektionserkrankungen mit 22,9% und Unfällen mit
11% rangieren psychische Störungen mit 10,5% an dritter
Stelle der häufigsten Erkrankungen. Zu diesen psychischen
Störungen gehören Angst- und Zwangsneurosen (rund 400
Millionen Menschen), Depressionen (340 Millionen), Alkoholabhängigkeit
(290 Millionen) und Schizophrenie (45 Millionen). (Angaben aus
der Frankfurter Rundschau vom 30.07.99)
In der Dritten Welt tragen unzählige Leute psychische Krankheiten
mit sich herum als Resultat von Kriegen, Zwangsrekrutierungen
von Kindern für die Armee, ihren Verkauf in die Prostitution,
Hunger, Elend usw. Aber das wirtschaftliche System, das noch
nicht so hoch entwickelt ist, wie in den Industrieländern,
von denen die Dritte Welt noch zusätzlich ausgebeutet wird,
kann sich keine Arbeiter leisten, die aus psychischen Gründen
der Arbeit fernblieben oder gar das Anrecht auf eine finanzierte
Psychotherapie hätten. Deshalb würden dortige Ärzte
oder Hilfsorganisationen auch keine psychischen Erkrankungen
diagnostizieren, und die betreffenden Zahlen aus der Dritten
Welt fließen fast gar nicht in die Statistik der WHO ein.
Das Problem ist also viel dramatischer als es scheint.
Was sagen uns nun diese Zahlen? Wir haben doch alles, uns müßte
es doch eigentlich gut gehen, oder? Es ist doch verblüffend.
Lauter Reichtum um uns herum, technischer Fortschritt und grenzenlose
Selbstverwirklichungsmöglichkeiten. Kriegt man das nicht
an jeder Ecke zu hören? Und trotzdem. Die Menschen werden
immer verzweifelter, zunehmend gestörter und sehen nicht
selten im Selbstmord die einzige Möglichkeit, sich von all
den ach so wunderbaren Möglichkeiten, die dieses Land uns
bietet, zu befreien. Nach Schätzungen der WHO liegt die
Selbstmordrate im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen jährlich
bei einer Million, wobei die Selbstmordversuche auf 20 Millionen
geschätzt werden.
Genug der Ironie. Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation
verdeutlichen, wie unaushaltbar dieses System für viele
Menschen bereits geworden ist. Der Druck auf den einzelnen nimmt
immer mehr zu, sei es im Betrieb, in der Familie, in Schule oder
Universität.
Wer diesem Druck nicht standhält, wer den Anforderungen,
die unsere Bosse an uns stellen, nicht gerecht wird, gerät
unweigerlich in ein seelisches Ungleichgewicht. Es ist in der
Tat in dieser Gesellschaft in keinster Weise Platz für Selbstverwirklichung.
Hier wird gemacht, was angeordnet wird, dabei spielen Bedürfnisse
und Fähigkeiten des einzelnen keine Rolle. Das einzige,
was zählt, sind Profite. Der Mensch, der sich dadurch definiert,
daß er die Welt durch seine Tätigkeit bewußt
verändert, wird plötzlich von den Produkten, die er
selber für seinen Kapitalisten herstellen muß, beherrscht,
anstatt sie zu beherrschen. Ob dieser oder jener Arbeiter morgen
noch seine Stelle haben wird, wird dadurch entschieden, ob diese
Produkte dann als Waren verkauft werden können; ob der Arbeiter
seinen Lohn in gleicher Höhe weiter erhält oder ob
er eine Kürzung hinnehmen muß, wird dadurch entschieden,
welchen Preis die Ware auf dem Markt erzielt. Dieser Zustand,
in dem der Arbeiter leben muß, nennen wir Marxisten Entfremdung.
Ein Mensch, der so sehr im Widerspruch zu sich selber und der
Gesellschaft steht, muß - und dies ist eine schmerzhafte,
aber unleugbare Tatsache, früher oder später an diesem
Phänomen erkranken. Die Zahlen der WHO dürften eigentlich
überhaupt nicht überraschen. Sie sind der Ausdruck
für den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Sie verdeutlichen
einmal mehr die unglaublichen Destruktionskräfte des Kapitalismus.
Sie stehen für die Entfremdung der Menschen und zeigen deutlich,
daß wir in diesem System niemals eine Chance haben werden,
zu uns selber zu finden. Es deutet alles auf das genaue Gegenteil
hin. Solange wir die Sache nicht selber in die Hand nehmen und
selbstbewußt für eine emanzipierte Gesellschaft kämpfen,
werden wir mit psychischen Störungen leben müssen.
Klar aber deutlich.
zurück zum Seitenanfang |