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Ladenschlußdebatte
Ein weiterer Angriff auf die Arbeiterklasse
Der arbeitsfreie Sonntag darf nicht aufgegeben werden!
Mit Tricks und illegalen Aktionen versuchen die großen
Handelsketten immer unverschämter die gesetzlich festgelegten
Ladenschlußzeiten aufzuweichen. Laut einer Emnid Umfrage
sind zwei Drittel der Bundesbürger gegen eine Öffnung
am Sonntag. Schon jetzt arbeiten rund 22,5% aller Beschäftigten
in Deutschland Sonntags. Für etwa 8 Millionen Frauen und
Männer bedeutet das eine unzumutbare Belastung ihres Arbeitslebens.
In diesem Artikel beleuchten wir die Auswirkungen einer Erweiterung
der Öffnungszeiten auf die Arbeiterklasse und weisen auf
die Notwendigkeit eines konsequenten Kampfes dagegen hin.
H Margit Behrends
1956 war ein wichtiges Jahr für die Arbeiter im Nachkriegsdeutschland.
Arbeiteten die Kollegen bis dahin noch durchschnittlich 47 Stunden
an sechs Tagen in der Woche, begann der DGB seine Kampagne Samstags
gehört Vati mir. Die Forderung war die Einführung
der Fünf-Tage-Woche mit acht Stunden täglicher Arbeitszeit.
Durchgesetzt werden konnte das Gesetz in dem Jahr zunächst
allerdings nur in der Zigarettenindustrie. Erst 1976, 20 Jahre
später also, wurde die 40-Stunden Woche gesetzlich für
alle Branchen eingeführt.
1956 wurde auch das Ladenschlußgesetz rechtskräftig,
was die Geschäftsöffnungszeiten regulierte und den
Arbeitern im Handel verbindliche Öffnungszeiten und einen
arbeitsfreien Sonntag sicherte.
Sonntags und feiertags hatten die Geschäfte geschlossen
zu bleiben, montags bis freitags durften sie nur zwischen 7 und
18.30 Uhr öffnen. Samstags durften die Geschäfte bis
14.00 Uhr, in der Vorweihnachtszeit bis 18.00 Uhr öffnen.
Doch schon seit Jahren wird von manchen Handelskonzernen eine
Lockerung des Ladenschlusses gefordert. Mit Erfolg: 1989 wurde
der verkaufsoffene Donnerstag (bis 20.30 Uhr) eingeführt,
1996 wurde es Geschäften sogar gestattet, wochentags bis
20.00 Uhr zu öffnen und samstags wurde die Öffnungszeit
bis auf 16.00 Uhr erweitert.
Schon dies hatte kaum tragbare Auswirkungen auf die Beschäftigten
im Einzelhandel. Das Kapital griff verstärkt auf eine Schichtplanung
zurück. Die Lebensqualität wurde deutlich eingeschränkt,
da die Arbeitswoche für die Kollegen viel unkalkulierbarer
wurde.
Dies würde sich mit einer Freigabe auch für den Sonntag
noch verstärken.
In einer gemeinsamen Presseerklärung vom 9.8.99 warnten
die Gewerkschaften die sich zur gemeinsamen ver.di-Gewerkschaft
(Vereinigte Dienstleistung) zusammenzuschließen wollen
(DPG, HBV, IG Medien, ÖTV und DAG), davor,
»das Interesse bestimmter Verbraucherschichten an ,Shopping
rund um die Uhr höher zu bewerten, als den Anspruch
von knapp drei Millionen Einzelhandelsbeschäftigten auf
familienverträgliche Arbeitszeiten. Nach den Erfahrungen
mit der Änderung des Ladenschlussgesetzes von 1996 brächten
längere Ladenöffnungszeiten insgesamt weder mehr Umsatz
noch mehr reguläre Arbeitsplätze.«
Die Hoffnung der Handelsketten auf einen größeren
Umsatz ist eine Milchmädchenrechnung. Die Menschen werden
nicht einfach mehr kaufen, weil der Sonntag geöffnet ist.
Woher sollen sie das Geld nehmen?
Mehr Arbeitsplätze wurden auch schon im Vorfeld der Erweiterungen
von 1996 von den Bossen versprochen. Doch im Gegenteil gingen
seit 1996 mehr als 200.000 Vollzeit-Arbeitsplätze verloren.
Der Einzelhandel konnte sogar die Gesamtzahl der jährlich
gearbeiteten Stunden um 10 Prozent verringern.
Besonders die beiden Handelsmultis Horton und Kaufhof (beide
Metro) sind die aggressivsten Betreiber eines Wegfalls der Regelungen.
Sie brachen einfach das Gesetz, um an Sonntagen verkaufen zu
können. Es sind genau die großen Konzerne, die von
einem arbeitsfreien Sonntag profitieren können. Im Preiskampf
um die letzten Profite, die noch umverteilt werden können,
haben sie einen viel längeren Atem, als die Besitzer kleiner
Läden, die es die Existenz kosten könnte, einen weiteren
Mitarbeiter einstellen oder den anderen weitere Stunden zahlen
zu müssen. Wenn solche Geschäfte pleite gehen, könnten
die Großen einfach deren Kunden übernehmen.
Steigt zudem noch die Arbeitslosigkeit im Einzelhandel, wird
die Seite der Bosse sogar noch weitere Lohnkürzungen durchsetzen
können, wenn sie es wieder schafft, die Angst der Kollegen
listig auszunutzen.
Die Handelsmultis haben den Krieg um die neuen Öffnungszeiten
jedenfalls schon aufgenommen. So wurdenbeim Kaufhof am Berliner
Alexanderplatz kurzerhand 90% des Warensortiments zum touristischen
Souvenir erklärt. Den Verkauf von Touristikartikeln und
Artikeln zum sofortigen Verbrauch gestatten die Berliner Behörden.
Diese ganz klar illegale Aktion wurde vom Berliner Verwaltungsgericht
auch dementsprechend mit einer Strafe von 50.000 DM gerügt.
Eine Strafe, die der Manager des Kaufhofes freudestrahlend aus
der Portokasse bezahlte. Denn an diesem Tag hatte er massenhafte
Sonderprofite einfahren können, weil seine Konkurrenten
in ganz Berlin geschlossen hatten.
Das Ergebnis war, daß der Kaufhof eine Woche später
geschlossen blieb aber schon in der darauffolgenden Woche ein
Straßenfest vor seinen Toren organisierte. Auch bei öffentlichen
Festen dürfen die angrenzenden Geschäfte in Berlin
an Sonntagen öffnen. Diese offensichtlich durch eine Scheinveranstaltung
erschlichene Öffnung wurde von den Berliner Behörden
genehmigt.
Protestierenden Mitarbeitern und HBVlern erteilte der Geschäftsführer
Hausverbot.
Die Stadtverwaltungen von Halle und Leipzig haben jetzt vom Verwaltungsgericht
Bautzen einen Rüffel erteilt bekommen. Die beiden Städte
hatten die Ladenschlußzeiten für Geschäfte in
den Stadtgrenzen einfach aufgehoben. Dies wurde ihnen jetzt bis
auf weiteres untersagt.
Die Angestellten des Einzelhandels dürfen ihre Hoffnungen
aber nicht auf die SPD setzen. Die Länderwirtschaftsminister
haben ein gemeinsames Gutachten zur Abschaffung des Ladenschlußgesetzes
in Auftrag gegeben und sind - abgesehen von Bayern, das sich
um die christlichen Werte sorgt - einig:
»Das bisherige Ladenschlußgesetz wird nach Einschätzung
des niedersächsischen Wirtschaftsministers Peter Fischer
(SPD) ,mit der Jahreswende in ganz Deutschland fallen ...
Die Politik sollte jetzt keine Halbheiten mehr machen, sondern
das vor drei Jahren gelockerte Gesetz ganz abschaffen, meint
der Minister. ,Jeder Einzelhändler soll selbst bestimmen,
wann er aufmacht und schließt.« (Frankfurter
Rundschau, 4.8.99)
Die Forderungen nach einer Erweiterung werden also noch längere
Zeit weitergehen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, die Protestaktionen
und den Widerstand der Gewerkschaften aktiv zu unterstützen.
Doch werden ihre Aktionen, wie sie bis jetzt geplant sind, die
Auflösung des Gesetzes nicht aufhalten können. Die
HBV droht mit juristischen Schritten gegen die Händler.
Teilweise richtet sich der Protest nur gegen das Angebot des
gesamten Sortiments.
Es wäre wichtig für die Kollegen zu einer Kampfform
überzugehen, die die Konzerne da trifft, wo sie es nicht
verschmerzen können: bei den Profiten. Denkbar wären
Streiks und Blockaden der Geschäftseingänge an Sonntagen.
Sollte dies nichts nützen, müßten sich die Kollegen
auf einen allgemeinen Streik einigen. Klar ist, daß die
Gewerkschaftsführung nicht von sich selbst aus kämpferischere
Methoden einschlagen wird. Sie müssen von der Basis dazu
gedrängt werden.
Auch auf die SPD oder die Gerichte dürfen die Kollegen nicht
spekulieren. Sie müssen selbst für einen Kampf sorgen.
Die rot-grüne Rhetorik besagt, daß sie durch Kürzungen
bei der Arbeiterklasse den Staat modernisieren wollen. Auch die
Handelskonzerne weisen auf die vermeintliche Modernität
einer Aufhebung des Ladenschlußgesetzes. Tatsächlich
stammen diese Forderungen aus einer Zeit vor 1956 - weit davor!
Es ist eine Rückkehr zu den Ideen des vorigen Jahrhunderts.
Modern wäre eine von allen geführte solidarische und
planvolle Gesellschaft, nicht die Rückkehr zum Manchester-Kapitalismus
des letzten Jahrhunderts. Aus diesem Grund müssen die Kollegen
den Forderungen der Bosse entschlossen entgegentreten.
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