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Die NATO,
das Öl und der nächse Konflikt
Norbert Nelte
Der Kosovo-Krieg sei der letzte Krieg in Europa für Demokratie
und Humanismus, tönt es aus den westlichen Machtzentralen.
Jetzt würden wir endgültig einer ewigen Epoche von
Wohlstand, Frieden und Demokratie entgegengehen. Wonderful. Nur
leider stimmt das nicht. Der nächste Krieg ist schon vorprogrammiert
und wird schon vorbereitet; und der wird für die NATO nicht
so glimpflich und heroisch enden wie der auf dem Balkan.
Er deutet sich an zwei Fronten an: in Taiwan und in Kasachstan,
und wer glaubt, daß das nichts mit Europa und der NATO
zu tun hätte, der irrt gewaltig.
Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks war die NATO ein Verteidigungpakt
für den Fall eines Angriffs auf das Gebiet ihrer Mitgliedsstaaten.
Seither aber tritt sie in Aktion, wenn ihre Interessen
out of area in der ganzen Welt bedroht sind; und
ihre Interessen heißt die Interessen der Multis,
ihr freier Marktzugang. Die NATO-Doktrin wurde also derart geändert,
daß sie die Weltherrschaft anstrebt.
Im Kosovo-Krieg wurden diese Interessen schon schriftlich
im Rambouillet-Abkommen fixiert. Dort heißt es: »Die
Wirtschaft des Kosovo soll in Übereinstimmung mit den Prinzipien
des freien Marktes funktionieren«.1 (Rambouillet-Abkommen,
Kap. 4., Wirtschaftliche Belange)
Den Serben wurde mit aller Deutlichkeit gezeigt, daß man
sich dem unterzuordnen hat Ihr Land wurde wegen ihres Ungehorsams
zur Strafe ins Mittelalter zurückgebombt.
Überall an den Schnittpunkten zwischen den Westmächten
und dem ehemaligen staatskapitalistischen Ostblock sind seit
1989 Kriege aufgeflammt. Die Konkurrenz der Systeme hatte sich
auf eine normale Konkurrenz zwischen privatkapitalistischen Staaten
reduziert. Die NATO sah ihre Chance, die Brocken von dem zerfallenen
Kuchen der ehemaligen Supermacht Rußlands an sich zu reißen.
Den ersten Krieg haben wir im Irak erlebt, den zweiten in Somalia,
dann in Eritrea und im Balkan. Angola kommt auch nicht zur Ruhe.
Jetzt ist Mittelasien an der Reihe. Die Ölmultis haben sich
massiv am Kaspischen Meer bei den Öl- und Erdgasvorkommen,
eines der heißesten Wachstumsgebiete der Erdölindustrie,
engagiert. Mit dabei ist Mobil Oil, Chevron, Shell, BP, Exxon,
Amoco, die Russen, die Japaner, die Norweger und alles, was im
Ölgeschäft Rang und Namen hat. Wer aber noch dabei
ist, ist das ehemalig bürokratisch staatskapitalistische
Rotchina.
1997 erwarb die staatliche China National Petroleum Corp. die
Mehrheit der größten kasachischen Ölgesellschaft,
der Aktjubinskneft, und damit die Kontrolle über das zweitgrößte
kasachische Ölfeld. Die eine Milliarde vom Fahrrad aufs
Motorrad umsteigenden Chinesen sind mit ihrem Öldurst den
Amerikanern zuvorgekommen. Es ist eine Pipeline nach China und
eine zum iranischen Hafen am indischen Ozean geplant. China breitet
sich mächtig in der Region dort aus. Hier ist ein starker
Subimperialist außerhalb der Kontrolle der USA entstanden.
Auch in Taiwan, Nordkorea und im sonstigen Südostasien will
Rotchina ein Wörtchen mitreden. Erst jetzt wieder haben
sie ihren Willen dokumentiert mit der Drohung an Taiwan, keinen
eigenen, faktisch schon längst bestehenden Staat zu gründen.
Chinas Bevölkerung ist schon auf eine kriegerische Eskalation
eingestimmt. Bei einer Blitzumfrage auf Pekings Straßen
bekundeten alle Angesprochenen, daß man das Problem Taiwan
nur mit einem sofortigen Losschlagen lösen könne.
Das wird Amerika nicht lange hinnehmen. Es wird wie auf dem Balkan
die Interessen der Multis unter Ausnutzung ethnischer oder nationaler
Konflikte durchsetzen. Die gibt es zuhauf auf dem Balkan wie
in Mittelasien. Allein in Kasachstan leben 45% Russen. Und wenn
keine Konflikte bestehen, schürt man sie. Amerika weiß
die Interessen der Multis zu wahren. Schon in Belgrad hat die
USA dies mit der Bombardierung der chinesischen Botschaft gezeigt.
Nicht nur, daß der Oberimperialist USA Angst und Schrecken
verbreitet. Unter seinem Teufelsmantel kochen dann die kleinen
Subimperialisten ihr dreckiges Süppchen. So wie Milosevic
die Kosovaren abgemurkst hat, so werden die chinesischen Bürokraten
sich nicht daran hindern lassen, über Taiwan herzufallen
oder ihre Pipeline in Kasachstan zu schützen. Daß
auch die rotchinesische Regierung bei einem Konflikt über
Leichen gehen wird, hat sie schon in Tibet oder auf dem Tiananmenplatz
gezeigt.
Die Linke darf aber in Anbetracht der Verbrechen der USA nicht
über die Schurkereien der kleinen Subimperialisten hinwegsehen.
Das genau hatte sie leider im Balkankrieg getan, wo sie zwar
richtigerweise die USA aufgefordert hatte, die Region zu verlassen
- das Gemetzel Milosevics an den Kosovaren thematisierte der
große Teil von ihnen nicht einmal. Wir stellen uns auch
nicht auf die Seite des kleinen Räubers, auch wenn er eine
Niederlage erleidet. Unsere Anklage des Hauptimperialisten darf
kein Deckmantel für die kleinen Imperialisten sein.
Es gilt auch nicht, die Verbechen des Imperialisten und des Subimperialisten
gleichzustellen. Die USA schadet mit ihrer brutalen Eroberung
des Weltmarktes der internationalen Arbeiterklasse, die Subimperialisten
nur der regionalen. Gegen die USA muß die Weltarbeiterklasse
kämpfen, gegen den Subimperialisten nur die regionale, also
viel weniger Menschen, aber beide mit dem Ruf: Stop den USA,
Stop dem Subimperialisten - jedesmal heißt es: der Feind
steht im eigenen Land. Weil also gegen den kleineren Subimperialisten
nur eine viel kleinere Arbeiterklasse kämpft als gegen den
großen Imperialisten, ist das auch keine Gleichstellung.
Das würde nur in China anders sein, aber waffenmäßig
ist China genau wie Rußland auch ein großer Imperialist,
nur wirtschaftlich nicht. Aber in Belgrad kämpft eine viel
geringere Arbeiterklasse als die weltweite gegen die USA. Also
keine Gleichstellung.
Diese doppelte Kampfführung ist unerläßlich,
will die Linke in ihrem Kampf gegen die USA glaubwürdig
sein. Nur, wenn sie den kleineren Räuber auch verurteilt,
wird sie auch gegen den Hauptverbrecher genügend Massen
hinter sich bekommen.
Diese Frage wird deshalb so bedeutend, weil die nächsten
Kriege des großen Imperialisten USA/NATO gegen Subimperialisten
wie China oder Rußland geführt werden. Nicht zufällig
ist der japanische Militärhaushalt der einzige eines G7-Landes,
der seit 1990 gestiegen ist. Mit 51,7 Mrd. Dollar 1997 ist er
nach dem der USA mit Abstand der größte [SIPRI-Jahrbuch
1998]. Im April 1999 wurde auch im Rahmen der Japanisch-Amerikanischen
Sicherheitspartnerschaft festgelegt, daß im Krisenfall
Japans zivile Infrastruktur, das Fernmelde- und Gesundheitswesen
sowie Flug- und Seehäfen den US-Streitkräften zur Verfügung
stehen. Mit einem größeren Konflikt wird also demnächst
gerechnet. Auch »regional erfuhr die Sicherheitspartnerschaft
eine Erweiterung, da es nun nicht mehr lediglich um eine Krise
im Fall eines möglichen Angriffs auf Japan geht. Künftig
ist diese Kooperation auch bei Krisen in Japans Nachbarschaft
möglich« (Handelsblatt vom 8.4.99)
Die USA hat wegen des Taiwan-Konflikts schon mal seine Flugzeugträger
ins Chinesische Meer geschickt. Mit Süd-Korea führt
es derzeit eine Militärübung mit 50.000 Soldaten durch,
um mit ihnen rechtzeitig vor Ort zu sein. Aber der nationale
Konflikt wird nur als Vorwand benutzt, damit die USA und die
anderen NATO-Staaten ihre Profitinteressen in Kasachstan brutal
durchsetzen können.
Das Öl wird also weiterhin die Welt beschäftigen. Nicht
nur im Irak und anteilsmäßig auf dem Balkan,2 sondern
auch weiterhin in Mittelasien. Wird der Imperialismus im Falle
eines kriegerischen Ausbruchs des Konfliktes seine Expansionsgelüste
wieder so gut hinter ethnischen Konflikten verbergen können,
daß die internationalen Arbeitermassen den Raubcharakter
nicht durchschauen und sich hinter den Obergangster stellen?
Wird die Linke wieder den kleinen Gangster decken und sich damit
unglaubwürdig machen?
Wir hoffen auf die Arbeiterklasse. Wenn sie das Spiel der Oberimperialisten
durchschaut, wird sie auch die Spielchen der Linken durchschauen
und sich eine wirklich revolutionäre Führung suchen.
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