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Nordirische Polizei greift Katholiken an
Gewalt bedroht den Frieden
Britische Politiker und die bürgerliche Presse gaben der
republikanischen Bewegung und der IRA die Verantwortung für
die Straßenkämpfe in Derry Mitte August. Der nordirische
Sicherheitsminister Adam Ingram von der Labour Party sagte sogar:
»Die Tatsache, daß die Polizei eine Benzinbomben-Fabrik
entdeckt hat, zeigt ganz deutlich, daß dies ein geplanter
Angriff von Gewalttätern und Extremisten war, die die Gefühle
der Menschen angesichts der legalen Parade der Oranier-Lehrjungen
ausgenutzt haben.«
Aber die Schuld an der Gewalt tragen die Polizei, die anti-katholischen
Oranier und die Regierung. Sie hatte den Fanatikern den Marsch
erlaubt. Die bewaffnete Polizei Nordirlands, RUC, die selbst
zu 90 Prozent aus Protestanten besteht, griff auf brutale Weise
katholische Anwohner in Derry und Belfast an. Die hatten lediglich
gegen die beschämende Entscheidung der Kommission für
Märsche protestiert, den oranischen "Lehrjungen"
ihre Märsche durch die katholischen Viertel von Belfast
und Derry zu erlauben.
Die Märsche der Lehrjungen sind keine harmlosen
Umzüge, die eine Art protestantischer Kultur feiern. Es
geht bei diesen Märschen darum, Haß gegen Katholiken
zu entfesseln und die angebliche Überkegenheit der Protestanten
darzustellen. Den Oraniern ihre Märsche zu erlauben, wäre
das gleiche, als erlaubte man dem Klu-Klux-Klan, seine rassistischen
Haßtiraden in den Schwarzenvierteln der USA zu verbreiten.
Dennoch erhielten die Lehrjungen den vollen Schutz
der RUC-Polizei.
Am Sonntag, dem 15.8.1999 brachen Hunderte von bewaffneten Sonderpolizeieinheiten
in einen friedlichen Sit-in von 300 Leuten auf der Lower Ormeau
Road ein. 1992 töteten auf dieser Straße Loyalisten,
die Anhänger der britischen Besatzung, fünf Katholiken
in einem Wettbüro. Beim letzten legalen Marsch der Oranier
durch die Straße 1995 riefen die Loyalisten vor dem Wettbüro
»Fünf zu Null« und ahmten Maschinengewehrfeuer
nach. Trotzdem schlugen die Polizisten samstags darauf mit ihren
Knüppeln auf die Köpfe der Leute ein, die gegen diese
Provokation protestiert haben.
In dem dreistündigen Angriff zerrte die RUC die Leute an
den Haaren von der Straße und prügelte wahllos auf
sie ein. Eine Frau, deren Kopf blutüberströmt war,
sagte: »Ich habe versucht, von der Straße wegzukommen
und auf meinen Freund aufzupassen. Im nächsten Moment wurde
ich von einem Bullen bewußtlos geschlagen.«
Die irischen Nachrichten berichteten von einem RUC-Polizisten
in voller Demo-Montur, der einen Mann in einer nahegelegenen
Kneipe zusammenschlagen hatte, der sich dort vor den Gewaltexzessen
in Sicherheit hatte bringen wollen: »RUC-Beamte begannen
den Mann und die Frau mit ihren Schilden zu stoßen, einer
versuchte, den Mann zu treten. Der gleiche Beamte gab dem Mann
mit seinem Sturzhelm eine Kopfnuss ins Gesicht bevor er ihn festnahm
und in einen Polizeiwagen zerrte.« Alex Atwood, ein Mitglied
des Regionalparlaments für die katholische reformistische
Partei SDLP sagte: »Die RUC hat ein ein Maximum an Einsatzkräften
benutzt, schwere Gewalt und eine aggressive Taktik.«
Mit Gewalt hat die Polizei in Derry Katholiken aus ihrem Stadtzentrum
gedrängt, um den Lehrjungen einen Marsch auf
der Stadtmauer zu ermöglichen. Traditionell hat dieser Marsch
immer dazu gedient, Loyalisten die Möglichkeit zu geben,
Wurfgeschosse auf katholische Wohngebiete zu schleudern und Drohungen
gegen sie zu rufen. Ein solcher Marsch der Lehrjungen
entzündete vor dreißig Jahren die Kämpfe, die
als Schlacht um die Bogside bekannt wurden. Damals hatten Loyalisten
gemeinsam mit der Polizei die katholischen Stadtviertel von Derry
unter Belagerung gestellt.
Aber 1969 haben die Katholiken der Bogside zurückgeschlagen
und konnten den Vormarsch der Polizei nach drei Tagen aufhalten.
Vorgeblich um die angegriffenen Katholiken zu schützen,
entsandte die damalige Labour-Regierung Militär nach Nordirland.
Aber die Truppen spielten schließlich eine ähnliche
Rolle, wie die RUC: Sie beschützten die loyalistischen Fanatiker
und schlugen die Gegenwehr der Katholiken nieder.
Heute versuchen unionistische Politiker und ihre Unterstützer
den Freidensprozeß zu blockieren, indem sie fordern, die
IRA solle ihre Waffen abgeben. Aber das Verhalten der RUC vom
15. August 99 hat gezeigt, warum viele Katholiken eine
Entwaffnung ablehnen - weil die RUC (die nach wie vor überwiegend
protestantisch ist) bewaffnet und von anti-katholischem Sektierertum
durchsetzt bleibt.
Die Ereignisse von Mitte August zeigen, daß ein Weg zu
einem wirklichen Frieden die Notwendigkeit einer Entwaffnung
der RUC und einen Abzug der britischen Truppen aus den Straßen
Nordirlands erfordert.
Blairs beschämende Rolle
Auch die britische Labour-Regierung Tony Blairs trägt Schuld
an den Gewaltausbrüchen in Nordirland. Blair und seine New
Labour haben in ihrer bisher zweijährigen Regierungszeit
den Unionisten in Ulster Zugeständnisse nach Zugeständnissen
gemacht. Im Juli räumte Blair dem Unionistenchef David Trimble
ein Veto über den ganzen Friedensprozeß ein, indem
er den Forderungen, die IRA ohne entsprechende Gegenleistung
zu entwaffnen, nachgab. Das reichte den Unionisten aber noch
nicht. Sie zeigten, daß sie den gesamten Friedensprozeß
gefährden wollen, nur um die IRA bloßzustellen.
Indem Blair Trimble Zugeständnisse gemacht hat, hat er auch
die unionistischen Hardliner gestärkt, die von Anfang an
den Friedensprozeß zerschlagen wollten. Das gab den Oraniern
genug Selbstvertrauen, um auf ihre Märsche durch die katholischen
Gebiete zu beharren.
Allerdings stellen die Oranier nur eine kleine kleine Minderheit
der Protestanten dar. Deren überwiegende Mehrheit verabscheut
den antikatholischen Haß und den Fanatismus und wollen
mit ihren katholischen Nachbarn in Frieden zusammenleben. Eine
neuere Umfrage zeigt beispielsweise, daß etwa 80% der Protestanten
wollen, daß die Oranier mit den katholischen Anwohnern
Verhandlungen über die Märsche abhalten. Anstatt die
Oranier an den äußersten Rand der Gesellschaft zu
drängen, verlieh Tony Blair ihnen Glaubwürdigkeit
und ließ sie wichtige Weichenstellungen für die Zukunft
Nordirlands diktieren.
Ein hoher Preis wird gefordert
Martin McGuinness, führendes Mitglied der IRA-nahen Sinn
Fein-Partei hat die Demonstranten in Derry mit den Worten kritisiert:
»Ich glaube, daß die Leute im Unrecht waren, die
letzte Nacht in Derry Häuser angezündet und die Menschen
von Derry verletzt haben.« Allerdings wurde das Trauma
in Derry nicht von den Demonstanten verursacht, sondern von den
Aktionen der Oranier und der RUC.
Die IRA hatte sich neu gegründet, um den Angriffen auf katholische
Wohngegenden durch Loyalisten und die RUC und nach 1969 durch
die britische Armee überhaupt etwas entgegensetzen zu können.
Die andauernde Unterdrückung, unter der die Katholiken zu
leiden hatten, ermöglichte es der IRA zu wachsen und ihren
Einfluß bei den jungen katholischen Arbeitern während
der letzten drei Jahrzehnte zu behalten. Ereignisse, wie der
Blutige Sonntag, an dem britische Truppen 14 unbewaffnete
Zivilisten massakrierten, gaben der IRA Rekrutierungsmöglichkeiten.
Ende der 80er Jahre gestanden die Republikaner unter der Führung
von Gerry Adams und Martin McGuinness ein, daß sie militärisch
an einem toten Punkt im Kampf gegen die britische Armee angekommen
waren. Adams und McGuinness schlugen den Weg zu einer Art Verhandlungslösung
ein und suchten einen Platz in der konventionellen Politik. Als
sie das taten, folgten sie einem Weg, der schon von früheren
Führern der republikanischen Tradition - wie Michael Collins
und famon de Valera - beschritten worden war, die von der Opposition
gegen das System zu seinem Management übergingen.
Sinn Fein hat gewaltige Zugeständnisse gemacht, um in die
offizielle politische Arena eingelassen zu werden - einschließlich
dessen, daß sie dem unmittelbaren Ziel, Irland zu vereinigen,
eine Absage erteilt hat. Aber die unionistischen Politiker und
das britische Establishment versuchen weiterhin, der IRA einen
noch höheren Preis für ihren Eintritt in die offizielle
Politik abzutrotzen. Hier versuchen sie, das zu erreichen, was
sie militärisch nicht geschafft haben, die totale Niederlage
und völlige Demütigung der republikanischen Bewegung.
Das liegt den endlosen Forderungen nach Entwaffnung und der Weigerung
der Unionisten, weiter an den Friedensgesprächen teilzunehmen,
zugrunde - trotz der gewaltigen Zugeständnisse Sinn Feins
gerade bezüglich der Frage der Entwaffnung.
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