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Polen - zehn Jahre nach dem Fall des Stalinismus
Umbruch zu neuen Kämpfen
Polen wird als die große Erfolgs-Story der Marktwirtschaft
in Osteuropa gefeiert. Mitglieder unserer Schwesterorganisation
Arbeiterdemokratie haben mit Hazel Croft über das wirkliche
Leben zehn Jahre nach dem Fall des Stalinismus 1989 gesprochen.
Vor zehn Jahren haben Sozialisten den Sturz des stalinistischen
Regimes begrüßt. Ist das Regime, das es ersetzt hat,
besser?
Polen hat die erfolgreichste nach-kommunistische Wirtschaft.
Der Ökonomie wird für dieses Jahr ein Wachstum von
vier Prozent vorausgesagt. Aber erfolgreich ist sie
nur im Vergleich zum katastrophalen Zustand der Wirtschaft Rußlands
und zu dem im Rest von Osteuropa. Die polnischen Führer
nennen das Land den Tiger Europas. Dieser Name verheißt
nichts gutes, bedenkt man die Wirtschaftkrise, die die Tigerökonomien
Asiens verwüstet hat.
Die Arbeiter haben die sogenannten Wunder des Marktes nicht miterleben
dürfen. Heute leben 55% der Bevölkerung unter der offiziellen
Grenze, die als das gesellschaftliche Minimum festgelegt worden
ist. Und sieben Prozent - etwa zwei Millionen Menschen - leben
unter dem Minimum, das man zum Überleben braucht. Offiziell
liegt die Arbeitslosigkeit bei 12%, aber in Wirklichkeit ist
sie in einigen Industriegegenden schon bei 20% und mehr angelangt.
Die Regierung setzt durch, was sie die großen Reformen
nennt. In Polen heißt Reform das gleiche wie
in Britannien, wo Tony Blair von Sozial- und Gesundheitsreform
redet: Kürzungen, Entlassungen und schlechtere Versorgung.
Es gibt gewaltige Entlassungspläne - bei der Eisenbahn,
in der Stahlindustrie und bei den Lehrern. Etwa 40% der Bergarbeiter
werden ihre Stelle verlieren. Was das Jahr 1989 gebracht hat,
war die Ersetzung von einer Form kapitalistischer Herrschaft,
Staatskapitalismus, durch eine andere, den Marktkapitalismus.
Die alten staatlichen Bosse sind zu Privatkapitalisten geworden,
haben sich zusammen mit ehemaligen Führern der Solidarnosc-Gewerkschaftsbewegung
bereichert. Die erste Solidarnosc-Regierung hat eine Reihe von
Schocktherapie-Reformen durchgesetzt
- blitzschnelle und brutale Privatisierungs-Programme. Die Arbeitslosigkeit
ist von fast null Prozent Ende der 80er Jahre auf 12-14% in ein
paar Jahren angewachsen.
Trotz verschiedener Regierungswechsel hat es immer nur eine Idee
gegeben, auf welche Art man Polen reformiert - indem
man eine freie Marktwirtschaft schafft. So hat ein polnischer
Journalist einmal gesagt, Polen hat fünf Regierungen gehabt,
aber nur eine Wirtschaftspolitik. Als die reformierte Kommunistische
Partei, die sich heute Demokratische Linke nennt, an der Regierung
war, verfolgte sie genau die gleiche Pro-Markt- und Pro-Privatisierungs-Politik
wie Solidarnosc.
Die von Solidarnosc geführte Regierung von heute ist die
unpopulärste Regierung seit 1989. Ihr Wahlbündnis besteht
aus der Solidarnosc-Gewerkschaft und einer Reihe kleinerer rechter
Parteien. Es regiert zusammen mit der Lieblingspartei der Bosse,
der rechten Freiheitsunion. Der gegenwärtige Finanzminister
war der Architekt des Schocktherapie-Programms nach
1989.
Bei Solidarnosc denken die meisten Menschen an die große
Revolte gegen das stalinistische Regime 1980-81. Was ist seitdem
passiert?
Als sie 1989 an die Macht kam, versuchte die Führung von
Solidarnosc, einen Kapitalismus westlicher Art in Polen zu errichten.
Führende Solidarnosc-Figuren, wie Lech Walesa, akzeptierten
die Idee, daß sie sich bereichern und Top-Jobs übernehmen
könnten.
Das Schicksal von Jacek Kuron gibt ein Bild davon, welchen Weg
Solidarnosc genommen hat. Kuron war ein führender Oppositioneller
zum stalinistischen Regime und schrieb Mitte der 60er Jahre den
berühmten Offenen Brief an die Partei. Darin
lieferte er eine grundsätzliche marxistische Analyse Polens
und rief zu einer Arbeiterrevolution auf. Er wurde zu einem leitenden
Mitglied des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) und
zu einem Anführer der revolutionären Kämpfe von
1980-81, die von Solidarnosc organisiert wurden.
Da aber keine tatsächlich sozialistische Alternative vorhanden
war, akzeptierte er wohl die Lehre vom Marktkapitalismus. Er
wurde Arbeitsminister in der ersten Solidarnosc-Regierung 1989,
die die Schocktherapie-Marktreformen begann. Heute
ist Kuron in der Freiheitsunion - der größten Pro-Markt-Partei,
die die Schlüsselrolle in der Beschneidung des Lebensstandards
der Arbeiter gespielt hat.
Die Mehrheit der zehn Millionen Arbeiter, die 1980-81 in Solidarnosc
involviert waren, fühlen sich verraten. Eine kürzlich
ausgestrahlte Fernseh-Sendung zeigte die Witwen der Bergarbeiter
von Wujek. Unter dem Kriegsrecht des alten Regimes waren diese
Bergarbeiter umgebracht worden. Ihre Witwen leben nun in bitterer
Armut und fragen: »Für was sind unsere Ehemänner
gestorben?«
Welche Rolle spielt die katholische Kirche?
Für gewöhnlich hat man die katholische Kirche mit der
Opposition gegen das Kommunistische Regime gleichgesetzt, aber
mit Rebellion assoziiert sie keiner mehr. Die Regierung hat einen
Vertrag mit der katholischen Kirche. So bezahlt sie
z.B. die Priester, damit sie in die Schulen gehen können.
Aber die meisten Menschen sind gegen die Vermischung von Religion
und Politik, obwohl tatsächlich 90% der Bevölkerung
katholisch sind.
Die meisten Menschen haben auch eine viel freizügigere Haltung
zu Themen wie Abtreibung. Abtreibung ist in Polen verboten; Ausnahmen
gibt es nur im Falle einer Vergewaltigung, wenn das Leben der
Frau gefährdet oder der Fötus ernsthaft beschädigt
ist. Aber neueste Umfragung haben gezeigt, daß zwei Drittel
der Bevölkerung das Recht auf Abtreibung befürworten.
Wie sah die Antwort der Arbeiter auf Kürzungen und Privatisierungen
aus?
In den letzten Jahren ist es zu verschiedenen Streik- und Protestwellen
gekommen. Der zehnte Jahrestag der ersten freien Wahlen 1989
zeichnete sich im Juni durch radikale Proteste von Krankenpflegerinnen
im ganzen Land aus. Über 200 von ihnen besetzten das Arbeitsministerium.
Als sie hinausgeworfen wurden, stellten sie einen Zeltposten
davor auf. Tausende von Krankenpflegerinnen besetzten Krankenhäuser
und Büros von Gesundheitsämtern. Tausende traten in
einen Hungerstreik. Die Krankenpflegerinnen, die zu den am schlechtesten
bezahltem Arbeitern in Polen gehören, haben eine Lohnerhöhung
von zehn Prozent gefordert. Gegenwärtig bekommen sie 360,-DM
im Monat.
Diese Taten haben die Regierung schockiert. Sie entsandte Anti-Terror-Einheiten
der Polizei, um Krankenpflegerinnen in der Stadt Gorzow anzugreifen.
Es kam zu Szenen, in denen Krankenschwestern vor dem Parlament
mit der Polizei kämpften. Über 30.000 Krankenpflegerinnen
marschierten in einer wütenden Demonstration am 23. Juni
im strömenden Regen durch die Hauptstadt Warschau. Die solidarischen
Ambulanzfahrer blockierten die Straßen und legten so die
Stadt lahm.
Am Tag nach der Demo der Krankenpflegerinnen demonstrierten die
Rüstungsarbeiter in Warschau, die - genau wie in Rußland
oder der Ukraine - seit Monaten nicht mehr bezahlt worden sind.
Sie kamen aus der Stadt Radom, wo Arbeiter 1976 die Hauptquartiere
der Herrscher der Kommunistischen Partei niedergebrannt hatten.
Der stalinistische Staat hat mit Hetzkampagnen gegen die Arbeiter
in Radom reagiert und sie brutal niedergeschlagen. Dennoch haben
ihre Aktivitäten zur Gründung des Komitees zur Verteidigung
der Arbeiter geführt, das eine herausragende Rolle im Aufstieg
von Solidarnosc gespielt hat.
Diesen Juni eröffnete die Polizei mit Gummigeschossen das
Feuer auf Demonstranten. Mehrere Arbeiter wurden verwundet, und
einem Zeitungsfotographen wurde das Auge ausgeschossen. Der Innenminister,
ein Solidarnosc-Führer aus Lodz, verteidigte das Schießen
derPolizei auf eine illegale Demonstration - die Art von Demonstration,
an der er einmal selber teilgenommen hätte.
Polen ist einer der drei neuen NATO-Mitglieder. Wie haben die
Menschen auf den Balkankrieg reagiert?
Ungefähr 80% der polnischen Menschen waren dafür, der
NATO beizutreten und nur sieben Abgeordnete stimmten im Parlament
dagegen. Der Balkankrieg begann nur zwei Wochen, nachdem Polen
NATO-Mitglied geworden war. Zuerst waren 30% gegen den Krieg.
Diese Zahl wuchs in Meinungsumfragen gegen Ende des Krieges auf
ungefähr 40%. Aber es herrschte ein großes Vakuum
vor, was die organisierte Opposition gegen den Krieg anging.
Unsere Gruppe initiierte Anti-Kriegs-Veranstaltungen, und wir
brachten auch eine Demo von ca. 250 Menschen auf die Beine. Die
Zahl ist zwar klein, aber nur, weil es den revolutionären
Sozialisten überlassen blieb, den Widerstand zu initiieren.
Gibt es ein Publikum für sozialistische Ideen oder denken
die Menschen bei Sozialismus immer noch an die Unterdrückung
des alten Regimes?
In Polen haben die Begriffe links und rechts
eine andere Bedeutung. Viele Arbeiter bezeichnen sich als rechts,
befinden sich aber plötzlich in Konfrontation mit den Regierungsplänen
für die Umstrukturierung. So haben auch viele Menschen Solidarnosc
trotz ihres Bündnisses mit extrem rechten Parteien gewählt
- wegen ihrer gewerkschaftlichen Vergangenheit.
Arbeiter sind entweder in Solidarnosc organisiert oder in der
OPPZ, die die größte Gewerkschaftsorganisation ist.
OPPZ war einmal die vom Staat geführte Gewerkschaftsföderation
im Stalinismus, ist aber jetzt eine wirkliche Gewerkschaft. Aber
wenn Arbeiter zur Tat schreiten, vergessen sie solche Differenzen.
In den vergangenen Auseinandersetzungen der Krankenpflegerinnen
trugen die Arbeiter z.B. sowohl Solidarnosc- als auch OPPZ-Fahnen.
Wir argumentieren, daß die ausschlaggebende Grenzlinie
in Polen zwischen den Klassen verläuft. Wir nennen uns Arbeiterdemokratie,
weil die Demokratie für wirkliche Sozialisten nicht bloß
eine mögliche Sonderausstattung ist. Im Moment sind wir
noch eine winzige Organisation. Aber die Menschen sind so desillusioniert,
daß wir eine Menge Exemplare unserer Zeitung verkaufen
können. Es gibt immer mehr Möglichkeiten für Sozialisten,
eine wirklich linke Opposition aufzubauen.
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