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Warum
der Osten nie rot war und der Sozialismus nicht zum
Scheitern verurteilt ist
Eine kurze Darstellung der Staatskapitalismus-Theorie
Mark Maes
Im Jahr 1949, also genau vor 50 Jahren, wurde die Deutsche
Demokratische Republik, ein staatskapitalistischer Staat nach
dem Vorbild von Rußland, gegründet. 1989, d.h. vor
10 Jahren, brach der Ostblock und mit ihm die DDR zusammen.
Für die Bourgoisie war dies ein willkommener Anlaß,
ihr Argument, daß der Sozialismus zwar eine nette Idee
sei, in der Realität aber zwangsläufig zum Stalinismus
führe, erneut aus der Mottenkiste zu holen. Für sie
war der Zusammenbruch außerdem ein Beweis dafür, daß
der Sozialismus auch in ökonomischer Hinsicht nicht funktioniere.
Dies erneut zu verkünden, wird sie sich auch in diesen Tagen
anläßlich des 50. Jahrestages der Gründung der
DDR bzw. des 10. Jahrestages des Falles der Mauer
nicht nehmen lassen.
Ein Großteil der Linken seinerseits hat es nicht für
nötig befunden, seine Theorien über den stalinistischen
Staat kritisch zu überprüfen. Im Gegenteil: Er hat
sich in immer wüstere Theorien hineingestürzt, wie
z.B. die othodox trotzkistische Gruppe Voran, die Gorbatschow
zum Wegbereiter hin zum Sozialismus erklärte, oder ist
bis heute der Meinung, daß die stalinistischen Staaten
doch fortschrittlich waren bzw. sind.
Aber obwohl die Ostblockstaaten sich die Bezeichnung sozialistisch
gegeben haben, hatten sie mit einer klassenlosen Gesellschaft
oder einem Arbeiterstaat nichts zu tun. Es handelte sich um Staaten,
die ganz und gar nach den Prinzipien des Kapitalismus funktionierten.
Da bis heute noch die überwältigende Mehrheit der Menschen
der Lüge Glauben schenken, daß die 1989 untergegangenen
Systeme sozialistisch waren, ist es sinnvoll, sich die Entwicklung
Rußlands von einem Arbeiterstaat hin zu einem staatskapitalistischen
Staat - mit der alles begann - noch einmal vor Augen zu führen.
Die russische Revolution 1917 und die Folgen des Bürgerkriegs
Im Oktober 1917 hat das russische Proletariat unter der Führung
der bolschewistischen Partei das zaristische System in einer
erfolgreichen Revolution beiseite gefegt. Daraufhin fielen 17
imperialistische Staaten in Rußland ein, und es folgte
ein verheerender Bürgerkrieg, in dessen Verlauf sich die
ohnehin zahlenmäßig schwache Arbeiterklasse (ca. 4,5-5%
der Gesamtbevölkerung) noch weiter auf ca. 1,5-2% verringerte.
Die Rote Armee ging zwar vor allem deshalb siegreich aus dem
Krieg hervor, weil sie die Taktik des revolutionären Defätismus
anwandte, d.h. den Aufruf an die gegnerischen Soldaten, die Gewehre
gegen ihre eigenen Offiziere zu richten, nach Hause zu gehen
und dort eine Revolution zu machen. Trotzdem war der Preis für
diesen Sieg sehr hoch.
Zum einen war die Arbeiterklasse, auf die sich die Revolution
stützte, praktisch nicht mehr vorhanden (wie gesagt, 1,5-2%
der Gesamtbevölkerung). Zum anderen waren es die kämpferischsten
und klassenbewußtesten Arbeiter die auf dem Schlachtfeld
ihr Leben ließen und der Teil von ihnen, der überlebte,
kehrte nicht in die Fabriken zurück, sondern übernahm
Funktionärsposten im Staatsapparat. An ihre Stelle in den
Fabriken traten die weniger bewußten Arbeiter bzw. Bauern,
die vom Land in die Städte gezogen waren und überhaupt
nicht in der Tradition großer Streiks und Straßenkämpfe
standen.
Ein Großteil der Aufgaben, die normalerweise von den Fabrikkomitees
und Arbeiterräten erfüllt werden sollten, mußte
nun vom Staatsapparat übernommen werden. Zu diesem Zweck
kamen auch Bürokraten des zaristischen System in den Staatsapparat,
da sie das nötige Know-how besaßen. Natürlich
waren diese nicht interessiert an den Zielen der Revolution,
beeinflußten aber ihrerseits die bolschewistischen Parteimitglieder
bis in die höchsten Führungskader, was sich in zunehmender
Bürokratisierung des Staatsapparates äußerte.
Die Konterrevolution
1924 markierte den Anfangspunkt der Konterrevolution. Nach Lenins
Tod proklamierte Stalin die Politik vom Aufbau des Sozialismus
in einem Land. Damit revidierte er die bisher gültige
Meinung innerhalb der Partei, daß der Erfolg der Revolution
langfristig nur gesichert werden kann, wenn in den hochentwickelten
kapitalistischen Staaten, z.B. Deutschland, ebenfalls siegreiche
Revolutionen stattfinden würden.
Stalins neue Linie sah nun vor, daß durch Zugeständnisse
an die Bauern der Sozialismus im rückständigen Rußland,
wenn auch im Schneckentempo, aufgebaut werden könne. In
Wirklichkeit war diese Politik jedoch nur der Ausdruck der Furcht
der Bürokraten, durch Konfrontationen mit den Bauern oder
möglichen revolutionären Ereignissen im Ausland ihre
privilegierten Pöstchen zu verlieren. Die linke Opposition
um Trotzki, die sich der Revolution und nicht ihrer Privilegien
verpflichtet fühlte, argumentierte dagegen, daß nur
durch Industrialisierung bei gleichzeitiger Verbesserung der
Lebensbedingungen der Arbeiter, Erweiterung der Arbeiterdemokratie,
Bekämpfung der Bürokratisierung und vor allem eine
konsequent internationalistische Politik die Revolution verteidigt
werden könne.
Von nun an wandte sich die Bürokratie zunehmend von den
politischen Zielen der Revolution ab und und wurde sich immer
mehr ihrer eigenen Interessen bewußt, d.h. sie entwickelte
sich langsam von einer Klasse an sich zu einer Klasse
für sich. Parteimitglieder, die diesen Kurs bemängelten,
wurden aus der Partei ausgeschlossen, inhaftiert, deportiert
oder ermordet. Das mußten als erstes Trotzki und die linke
Opposition erfahren, später die Anhänger Kamenjews
und Sinowjews und zu guter letzt Bucharin und die rechte Opposition.
Dennoch betrieb die Bürokratenfraktion um Stalin noch keine
Politik, die allzu brutal gegen die Arbeiter gerichtet gewesen
wäre. So bestand in den Betrieben weiterhin die Troika,
d.h. Entscheidungen der Manager konnten in gewissem Maße
von Gewerkschaftern und kommunistischen Arbeiter beeinflußt
werden. Außerdem existierte weiterhin das Streikrecht,
und die Arbeiter konnten immerhin ein Drittel der Streiks zu
ihren Gunsten entscheiden. Die Reallöhne stiegen langsam
aber sicher auf das Vorkriegsniveau und ein Parteimitglied bekam
ungeachtet seiner Stellung einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn.
Das änderte sich jedoch 1928 mit der Einführung des
ersten Fünf-Jahres-Plans schlagartig. Dieser sah eine massive
Steigerung der Industrialisierung und eine Zwangskollektivierung
landwirtschaftlicher Betriebe vor. Durch die Zwangskollektivierung
konnte Stalin zum einen die ökonomische Macht der Bauern
brechen, die sie durch die Zugeständnisse der Bürokraten
erlangt hatten, und zum anderen Nahrungsmittel und Rohstoffe
in die Städte pumpen, um dort die zunehmende Anzahl von
Arbeitern zu ernähren, die die Industrialisierung mit sich
brachte.
Die Einführung des ersten Fünf-Jahres-Plans markierte
also einen weiteren Meilenstein in Stalins Konterrevolution.
In der Folgezeit verschlechterten sich die Arbeits- und Lebensbedingungen
rapide. Streiks waren verboten, der Arbeitsplatz durfte nicht
ohne Erlaubnis verlassen werden, wer drei Mal seiner Stelle fernblieb,
wurde entlassen und wurde nirgendwo mehr eingestellt, das durchschnittliche
Einkommen eines Arbeiters sank um 50%, während das eines
Parteimitgliedes nicht länger auf Facharbeiterniveau begrenzt
war; außerdem wurde die Zwangsarbeit eingeführt.
Abgeschlossen wurde die Konterrevolution dann 1936 durch die
Moskauer Prozesse, bei denen selbst Parteimitglieder, die nur
im Verdacht standen, Skrupel bei der Ausbeutung der Arbeiter
zu haben, verurteilt wurden.
Trotzkis Rußlandanalyse
Trotzki sah, daß die Bürokratie nach 1924 die politische
Macht in Rußland übernommen hatte und bezeichnete
Rußland daher als degenerierten Arbeiterstaat. Nach Marx
ist die Trennung zwischen politischer und ökonomischer Macht
nur vorrübergehend denkbar. Daher verglich Trotzki die Position
der Bürokratie mit der einer Kugel auf der Spitze einer
Pyramide, die zwangsläufig zu der einen oder anderen Seite
herunterfällt.
Er erkannte nicht, daß sich die Bürokratie bereits
zur herrschenden Klasse entwickelt hatte. Daher schrieb er 1933,
daß »die Bourgeoisie nicht anders die Macht erobern
könnte als durch einen bewaffneten Aufstand«, das
Proletariat jedoch »die Möglichkeit nicht eingebüßt
hat, die Bürokratie wieder zu unterwerfen, die Partei wieder
zu beleben und das Regime der Diktatur zu heilen - ohne neue
Revolution, mit den Methoden und auf dem Wege der Reform.«
1936 revidiert er seine Ansicht und sprach bereits von einer
notwendigen politischen Revolution, .d.h. die Arbeiterklasse
müsse die Bürokratie niederringen, könne aber
die Eigentumsverhältnisse beibehalten.
Nun besaß die Bürokratie aber einen Staatsapparat,
der ihre Politik durchsetzte. Laut Trotzki hatte das Proletariat
die Möglichkeit, sich diesen Apparat dienstbar zu machen,
weil er davon ausging, bei Rußland handele es sich weiterhin
um einen Arbeiterstaat.
Zurecht fragte sich 1949 der palästinensische Trotzkist
Tony Cliff, ob eine revolutionäre Arbeiterklasse Geheimpolizei,
Heer oder Arbeitslager eines Staates in ihren Dienst stellen
könne, der sie bisher verfolgt hat. Die Antwort lautet nein.
Die Arbeiter müßten den Staat, der bei einer Revolution
ja nicht aufhört, das Unterdrückungsinstrument einer
herrschenden Klasse zu sein, zerschlagen und an seine Stelle
Arbeiterräte und -milizen setzen. Dies zeigt, daß
Trotzki sich bei der Einschätzung des Charakters von Rußland
geirrt hat.
Wie Rußland kapitalistisch wurde
Wie konnte Rußland sich nun aber von einem Arbeiterstaat
in einen staatskapitalistischen Staat umwandeln? Obwohl die Bürokratie
nach 1924 zunehmend die Industrie und Machtmittel des Staates
kontrollierte und ihre Privilegien stetig ausbaute, war Rußland
auch weiterhin eine verlockende Beute für die hochentwickelten
kapitalistischen Länder.
Durch die Politik des Sozialismus in einem Land war
Rußland einerseits unabhängig von der Entwickelung
des internationalen Kassenkampfes, konnte anderseits aber nicht
mehr auf die Solidarität der internationalen Arbeiterklasse
hoffen. Daher konnte Rußland im Falle eines Krieges nicht
mehr mit wenig Waffen und umso mehr Flugblättern ins Schlachtfeld
ziehen, wie dies unter Trotzki im Bürgerkrieg geschehen
war, sondern war gezwungen, jedem gegnerischen Panzer einen eigenen
Panzer entgegenzusetzen. Das hatte zur Folge, daß auch
die russische Bürokratie Kapital akkumulieren mußte.
Sie befand sich im gleichen Dilemma wie vorkapitalistische Gesellschaften,
die kapitalistisch produzieren mußten, wenn sie nicht vom
Kapitalismus vernichtet werden wollten. Innerhalb kürzester
Zeit mußten sie eine Industrialisierung zustande bringen,
die sie mit ebenso hochentwickelten Waffen versorgen konnte,
wie die kapitalistischen Länder. Nur, damit waren sie auf
einmal Teil eines weltweiten Konkurrenzsystems, das auch sie
zu Kapitalisten machte. Und auch in Rußland mußte
sowohl der Konsum der Arbeiter als auch die Produktion dem Zwang
zur Akkumulation (Anhäufung) von Kapital unterworfen werden,
um damit riesige Industrien aus dem Boden zu stampfen, mit denen
man in den Rüstungswettlauf eintreten konnte.
Genau das machte die Bürokratie auch ab dem Jahr 1927 und
noch mehr nach der Einführung des ersten Fünf-Jahres-Plans,
indem sie den Produktionsmittelsektor immer weiter auf Kosten
des Konsummittelsektors ausweitete. So wurden 1927/28 noch zwei
Drittel des Bruttosozialprodukts für die Konsumgüter
und ein Drittel für die Produktion ausgegeben. 1950 war
das Verhältnis in etwa umgekehrt.
Warum der Staatskapitalismus vor dem Privatkapitalismus untergegangen
ist
Obwohl die Produktion im Staatskapitalismus quantitativ immer
weiter anstieg, hatte das auf die Qualität keine Auswirkungen.
Im Privatkapitalismus macht der einzelne Kapitalist nur dann
Profit, wenn er für seine Waren auf dem Markt einen Preis
erzielt, der über seinen Produktionskosten liegt. Er ist
daher ständig gezwungen, die Qualität seiner Waren
zu verbessern, da auf dem Markt nur für qualitativ hochwertige
Ware ein profitabler Preis erzielt werden kann.
Nun hat auch die oberste Bürokratenriege im Staatskapitalismus
das Interesse, im weltweiten Konkurrenzkampf die Oberhand zu
gewinnen. Aber der Gesamtbürokrat (der Staat) kann den einzelnen
Bürokraten nicht nach Gewinn produzieren lassen. Die Produktionskosten
dürfen in Relation zum Rüstungsetat nicht zu teuer
sein, würden sie sich aber am Profit orientieren, müßte
der Markt über das Produkt entscheiden und damit wären
sowohl Einzelbürokrat als auch Gesamtbürokrat überflüssig.
Somit war in der Produktion nicht Qualität, sondern Masse
gefragt, und man sprach im Ostblock von der Tonnenproduktion.
Aus diesem Grund führte eine Erhöhung der Produktion
im Staatskapitalismus nicht zu einer Erhöhung der Produktivität.
1988 betrug der Ausschuß in der DDR bei allen Produkten
durchschnittlich 50%. Aus der geringen Produktivität resultierte
das größte Problem des Staatskapitalismus, der Kapitalmangel.
Diesen versuchten die Bürokraten durch Einsatz zusätzlicher
Arbeitskräfte zu kompensieren, was sich in Frauenarbeit
und der Beschäftigung von Arbeitskräften - im Fall
der DDR - aus Nordkorea und Vietnam äußerte. Diese
Verschwendung von Arbeitskraft behinderte wiederum die Akkumulation.
Scheitern des Sozialismus oder Scheitern des Kapitalismus?
Da im Verlauf des Kapitalismus die Qualität der Produkte
vor allem in der Rüstungsindustrie immer besser wurden,
konnte Rußland wegen seiner geringen Produktivität
im Rüstungswettlauf nicht mehr Schritt halten. So waren
die Waffen, die Rußland dem Irak im Golfkrieg lieferte,
denen der Amerikaner hoffnungslos unterlegen. Ein Vergleich der
Rüstungsausgaben Rußlands mit denen der USA im Jahre
1988 zeigt, wie nah dem Staatskapitalismus kurz vor der ökonomische
Zusammenbruch bevorstand, da die UdSSR 60% ihres Haushalt für
Rüstung ausgab, während die USA lediglich 6% ausgaben.
Die Bankrotterklärung folgte dann auch tatsächlich
ein Jahr später. Da der Staatskapitalismus im Gegensatz
zum Privatkapitalismus der schwächere Kapitalismus war,
war es klar, daß er als erstes verdrängt wurde. Eine
Krise rafft immer zuerst das schwächere Kapital hinweg.
Nun wurden wir Zeugen, wie die asiatischen Tigerstaaten
in ihren wirtschaftlichen Grundfesten bis ins Mark erschüttert
worden sind. Bei ihnen handelte es sich um eine Ökonomie,
die man als privaten Staatskapitalismus bezeichnen könnte,
da der Staat die für das Land wichtigen Industriezweige
besessen hat. Hier ist es notwendig gewesen, soviel Kapital wie
möglich auf einmal einzusetzen, um den Wettlauf mit den
Industrieländern nicht zu verlieren.
Bei der nächsten großen Krise wird der Privatkapitalismus
an der Reihe sein, da hilft ihm auch nicht sein Geschwätz
vom Scheitern des Sozialismus, der ja eh keiner war.
Denn was der Niedergang der Ostblockstaaten und nach ihm der
der Tigerstaaten gezeigt hat, ist, daß der
Kapitalismus der Probleme nicht mehr Herr wird, die er selber
geschaffen hat. Er ist gescheitert, und das beweist er jeden
Tag aufs neue, wenn weltweit wieder zig Tausende ihre Arbeit
verlieren, Tausende verhungern, Kriege die Länder überziehen
usw. usf.
Die einzige Alternative ist es, diesem mörderischen System
endlich den Garaus zu machen, um eine Gesellschaft aufzubauen,
die den Bedürfnissen der Menschen dient: den Sozialismus.
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