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Perspektiven
für die Befreiung von Osttimor
Francis Byrne
Die Lage in Indonesien nach den Wahlen
Zwei Jahre nach dem dramatischen Einbruch der Wirtschaftskrise
und knapp ein Jahr nach dem Sturz des Diktators Suharto hat der
handverlesene Nachfolger des Diktators, Habibie, im Juni diesen
Jahres freie Wahlen in Indonesien durchführen lassen.
Doch wirklich demokratische Verhältnisse werden durch die
Wahl nicht hervorgebracht werden. Noch immer leben 100 Millionen
Menschen in Indonesien unterhalb der Armutsgrenze. Schon jetzt
hängen mehr als sechs Millionen Menschen von Lebensmittelspenden
der Vereinten Nationen ab.
Die Wirtschaft ist im letzten Jahr um etwa 14% geschrumpft. Um
die hohen Schulden zu bereinigen und neue Kredite vom Internationalen
Währungsfonds zu bekommen, müssen die Auflagen des
IWF erfüllt werden: Unter anderem wird gefordert, die staatlichen
Subventionen auf existenznotwendige Produkte wie Benzin und Reis
zu streichen. Die folgende Teuerung wird viele weitere Millionen
Menschen in Armut und Hunger schleudern.
Die Auszählungen der Stimmen zur Wahl wurde über Monate
verschleppt. Von einer unabhängigen Kommission wird die
Rechtmäßigkeit des Ergebnisses in Frage gestellt.
Die Partei von Suharto und Habibie, die Golkar-Partei, ist aus
den Wahlen mit nur 22% der Stimmen hervorgegangen. Stärkste
Partei, mit 34%, wurde die Indonesische Demokratische Partei
des Kampfes unter der Führung von Megawati Sukharnopurti,
der Tochter des von Suharto gestürzten ehemaligen Staatspräsidenten.
Sie schloß sich vielen Forderungen der Reformbewegung Reformasi
an, rief aber selbst nicht zur Teilnahme an den Massenprotesten
auf. Dennoch setzte ein großer Teil der Menschen bei der
Erfüllung seiner Hoffnungen auf Veränderungen auf Sukarnopurti.
Sie ist aber keine Bedrohung für die herrschenden Verhältnisse
in Indonesien.
Weder stellt sie die Auflagen des IWF (Internationalen Währungsfonds)
über Preiserhöhungen bei Grundlebensmitteln in Frage,
noch die sehr starke Rolle des Militärs. Im Gegenteil wirbt
sie, wie alle bürgerlichen Parteien in Indonesien, um die
Gunst des Militärs, das eigene Konzerne und landwirtschaftliche
Güter besitzt und dem von der Verfassung besondere politische
Vorrechte und Mitbestimmung garantiert werden. Sukarnopurti buhlt
sogar um die Gunst des führenden Hardliners des Militärs,
General Wiranto, indem sie ihm eine führende Rolle in ihrer
neuen Regierung angeboten hat.
Die Moslemische Partei ging als drittstärkste Kraft aus
den Wahlen hervor.
Osttimor: Der Terror geht weiter
Osttimor wurde 1974 von der Kolonialmacht Portugal in die Unabhängigkeit
entlassen. Ein Jahr später wurde das Land von Indonesien
überfallen und in sein Staatsgebiet einverleibt. Seitdem
gibt es Widerstand gegen die Besatzer, der sowohl friedlich als
auch bewaffnet geführt wird. Seit der Besetzung übt
auch der Staat massiven Terror gegen die Unabhängigkeitsbewegung,
deren Sympathisanten und die Bevölkerung aus. Nach Schätzungen
sind etwa 100.000 bis 200.000 Menschen seit 1975 ermordet worden;
etwa ein Drittel der Bevölkerung.
Alle bürgerlichen Politiker, einschließlich Megawati
Sukarnopurti haben sich gegen die Unabhängigkeit von Osttimor
ausgesprochen. Im Rahmen des Drucks von der Straße auf
die herrschende Klasse wurde zwar für Ende August eine Volksabstimmung
in Ost-Timor angesetzt, die zwischen einer vollständigen
Lostrennung von Indonesien und einem begrenzten Autonomiestatus
innerhalb von Indonesien entscheiden soll. Doch wird die Vorbereitung
zur Abstimmung von Terror und Verhaftungen begleitet.
Nach dem Sturz von Suharto mußte Habibie beweisen, daß
er mit demokratischen Reformen ernst machte. Sonst hätte
die Bewegung der Studenten, die zunehmend auch andere Teile der
Massen erreichte, möglicherweise nicht wieder eingefangen
werden können.
Aus diesem Grund stimmte Habibie einem Referendum um das umkämpfte
Osttimor zu.
Habibie sprach eine Amnestie für einen Teil der Häftlinge
aus, hob das Demonstrationsverbot auf und ließ 1998 398
der rund 12.000 stationierten indonesischen Soldaten abziehen.
Diese Maßnahme, die sich anhört, wie der berühmte
Tropfen auf den heißen Stein, ist aber nur Augenwischerei.
Tatsächlich wurden die paramilitärischen indonesientreuen
Verbände noch stärker als zuvor mit Waffen ausgerüstet
und werden weiter von Polizei und Militär aktiv unterstützt.
Die Politiker betonen zwar, daß sie das Ergebnis des Referendums
über die Unabhängigkeit respektieren werden, sie setzen
jedoch alles daran, daß die Entscheidung zugunsten des
Status Quo ausfällt.
Der Vorsitzende des osttimoresischen Studentenrats, Antero Guterres
da Silva, erklärte noch im letzten Jahr: »Sie wollen
keine Volksabstimmung, weil sie fürchten, nach Osttimor
könnten sich auch Irian Jaya, Aceh und die Molukken abtrennen
wollen.« (Spiegel 32/98)
Seitdem wurde zwar durch den Druck der Straße die Abstimmung
erkämpft, doch die Befürchtung der herrschenden Klasse
Indonesiens bleibt: Wenn es Osttimor gelingt, sich von Indonesien
loszusagen, droht eine Auflösung Indonesiens, wo auf verschiedensten
Gebieten und Inseln Unabhägigkeitsbewegungen für eine
Trennung kämpfen.
Aus diesen Gründen wird die Unabhängigkeitsbewegung,
trotz des demokratischen Deckmäntelchens der Volksabstimmung,
systematisch terrorisiert. Noch im April diesen Jahres wurde
ein Massaker an 50 Katholiken in Osttimor aufgedeckt. Morde sind
an der Tagesordnung.
Im Juni wurde der Chef der berüchtigten pro-indonesischen
Milizen zum Polizeichef von Dill - der Hauptstadt Osttimors -
ernannt, der sicher den Terror noch verschärfen wird.
Der Terror und die Einschüchterungsversuche im Vorfeld der
Abstimmung wurde auch in einem Bericht von Amnesty International
dokumentiert. Amnesty International wurde erstmalig offiziell
erlaubt, Osttimor zu besuchen.
»Bei ihrem Besuch stellte die AI-Delegation in Osttimor
eine allgemeine Atmosphäre der Einschüchterung und
Verunsicherung fest. Seit dem 5. Mai 1999 sind mindestens 34
Menschen ,verschwunden und 50 wurden willkürlich festgenommen.
Diese Menschenrechtsverletzungen sind Teil einer größeren,
gut organisierten Aktion, die darauf abzielt, die osttimoresische
Bevölkerung dahingehend einzuschüchtern und zu bedrohen,
daß sie der Autonomielösung zustimmt - eine Kampagne,
bei der die direkte Beteiligung von Regierungsbehörden,
der indonesischen Armee ... und der indonesischen Polizei nachgewiesen
werden kann.« (Frankfurter Rundschau vom 6.8.99)
Der systematische Terror gegen Kämpfer und Sympathisanten
der Unabhängigkeitsbewegung ist seit Jahrzehnten bekannt.
Noch Mitte des letzten Jahres berichtete der Spiegel
über die Festnahme und die darauffolgende Behandlung eines
Kämpfers der Befreiungsorganisation Fretilin:
»Die nächsten zwei Tage und Nächte waren ein
Alptraum. Um Kontaktleute und Verstecke herauszufinden, prügelten
ihn die Soldaten mit Eisenstangen, sie jagten Strom durch seinen
Körper, drückten ihm Zigaretten auf Gesicht und Brust
aus und streuten ihm scharfe Gewürze auf die Genitalien.
,Man mußte antworten, was sie hören wollten,
sagt Gustavo. Sonst hätten sie ihn totgeschlagen.«
Sollten die Osttimoresen sich trotz der Terrorkampagne für
die Unabhängigkeit entscheiden, haben Führer der Paramilitärs
aber auch Generäle der Armee ein Blutbad angekündigt.
So drohte der kommandierende Offizier der indonesischen Truppen
in Osttimor ganz offen:
»Sollte die Unabhängigkeitsbewegung gewinnen, wird
alles zerstört werden. Osttimor wird nicht mehr so sein,
wie es jetzt noch ist. Es wird schlimmer als vor 23 Jahren werden.«
Über die Unabhängigkeitsbewegung in Irian Jaya berichtet
die Fernost-Wirtschafts Revue, daß auf dem
besetzten Boden riesige Mieralvorkommen sind. Es gibt Millionen
Hektar Tropenholz abzubauen. Zudem werden große Öl
und Gasvorkommen in den Gewässern vermutet.
Als im Juli 1998 eine Gruppe von Dorfbewohnern die Unabhängigkeitsfahne
über ihrem Dorf hißte, wurde sie von Militärs
erschossen. Der Grund dafür ist klar: die herrschende Klasse
kann es sich in ihrer Situation nicht leisten, auf den kleinsten
Prozentpunkt ihrer Profite zu verzichten. Deshalb gibt es diesen
massiven Terror gegen die Unabhängigkeitsbewegungen im Lande.
Perspektiven für die Befreiungsbewegung
Die herrschende Klasse Indonesiens befindet sich seit den Massenprotesten
vom Mai 1998, die zum Sturz des Diktators Suharto führten,
in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise. Weitere
brutale Einschneidungen in den Konsum der Massen sind innerhalb
des kapitalistischen Systems unausweichlich, will die herrschende
Klasse überleben. Alle bürgerlichen Parteien sind sich
über den Angriff auf die Massen einig.
Doch dieser Angriff auf die Massen wird auf eine kampferprobte
Studentenschaft stoßen, die sich in Ansätzen schon
mit den Ideen des revolutionären Sozialismus beschäftigt
hat.
Zudem mußte der Arbeiterklasse im Zuge der Demokratisierung
Organisationsfreiheit und Gewerkschaftsfreiheit zugestanden werden.
So gründeten Delegierte von Betrieben aus ganz Indonesien
im Mai die sogenannte Indonesische Nationale Front für Arbeitskämpfe
(FNPBI), deren Forderungen unter anderem eine 100%ige Lohnerhöhung,
ein Entlassungsverbot, eine 32-Stunden-Woche ohne Lohnkürzungen
und weitere politische Rechte für Arbeiterorganisationen
beinhalten.
Die FNPBI forderte zudem ein Ende des staatlichen Terrors in
Aceh und eine demokratische Unabhängigkeitsabstimmung in
Osttimor.
Zudem führen die Arbeiter zunehmend eigene Kämpfe.
So begannen im letzten Monat 8.000 Ölarbeiter in Zentralsumatra
einen Streik um bessere Konditionen und Arbeitsplatzsicherung.
Die Raffinerie gehört den internationalen Multis Texaco
und Chevron.
Im April wurden aufgrund der IWF-Forderungen 38 Banken geschlossen.
17.000 Bankangestellte verloren ihren Arbeitsplatz. Viele von
ihnen halten aber bis heute ihren Betrieb besetzt. Außerdem
wurde über Nacht eine Gewerkschaft der Bankangestellten
gegründet, die rapide anwächst.
Das Schicksal der indonesischen Massen und des Unabhängigkeitskampfes
hängen unmittelbar miteinander zusammen. Die herrschende
Klasse und die Vertreter aller bürgerlichen Parteien sind
sich einig, daß die Massen die Zeche für den völligen
Bankrott des Systems zu zahlen haben.
Aus Angst, ihre Herrschaft zu verlieren, hat die indonesische
herrschende Klasse wiederholt versucht, die Menschen gegen Minderheiten
auszuspielen, um von ihrer Mißwirtschaft abzulenken. So
sind Morde und Pogrome an der christlichen Minderheit an der
Tagesordnung.
Nur eine Revolution unter Führung der Arbeiterklasse wird
den Würgegriff des Kapitals und des IWF auf das ganze Land
und der indonesischen herrschenden Klasse auf die unterdrückten
Länder wie Osttimor beenden.
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