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Teilung
und Wiedervereingigung Deutschlands:
Eine vermeidbare Tragödie?
Ruth Krüger
Mehrere US-Präsidenten ließen es sich während
des Kalten Krieges nicht nehmen, vor der Mauer oder dem Eisernen
Vorhang zu posieren, der Ost- und Westdeutschland trennte,
und so publikumswirksame Phrasen zu dreschen wie 1963 Kennedys
»Ick bin ein Berliner« oder Ende der 80er Reagans
»Mister Gorbatschow, tear this wall down«. Solche
Medienauftritte erweckten immer wieder den Eindruck, als sei
die Teilung von Deutschland allein das Werk des Moskauer Imperialismus
gewesen. Aber der westliche Imperialismus hatte einen genauso
großen Anteil an der Tragödie, die er immer wieder
heraufbeschwor, um seinen Rivalen als unmenschlich und hartherzig
vorzuführen.
1945: Die Ausgangslage
Für die vier Siegermächte, die aus dem Zweiten Weltkrieg
hervorgingen, war nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa
nichts weiter als ein Stück Kriegsbeute, das es aufzuteilen
galt. Und genauso wenig wie ein Rudel hungriger Wölfe darauf
achtet, daß seine Beute, die es gerissen hat, an einem
Stück bleibt, genauso wenig beachteten die Alliierten irgendwelche
nationalen Grenzen. Sie teilten Europa untereinander auf - und
jeder versuchte soviel zu ergattern, wie es seine Stärke
erlaubte. Es kam zu einem relativ friedlichem Einvernehmen zwischen
den Wölfen, was die Memoiren von Winston Churchill
beweisen, der als Premierminister Britanniens schon 1944 versuchte,
sich mit Stalin zu einigen - die Beute wurde also schon aufgeteilt,
ehe sie erlegt war:
»Ich [Churchill, RK] schrieb auf ein halbes Blatt Papier:
Rumänien: Rußland 90% - die anderen 10%, Griechenland:
Großbritannien (in Abstimmung mit den USA) 90% - Rußland
10%, Jugoslawien 50-50%, Ungarn: 50-50%, Bulgarien: Rußland
75% - die anderen 25%. Ich schob es zu Stalin hinüber, der
bis dahin der Übersetzung einer Rede zugehört hatte.
Es entstand eine kleine Pause. Dann nahm er seinen blauen Federhalter,
machte einen großen Haken darunter und reichte es mir zurück.
Die ganze Angelegenheit dauerte nicht länger, als man braucht,
um sie aufzuschreiben.«1
Die Bedeutung dieses Vorgangs liegt nicht darin, daß das
genau die Einflußsphären waren, auf die
man sich bei Kriegsende auf den Konferenzen in Jalta auf der
Krim (Januar 1945) und in Potsdam (Juli 1945) später einigte,
sondern daß an ihm der Geist deutlich wird, in dem diese
Abkommen geschlossen wurden.
Allerdings beschlossen die großen Drei (USA,
UdSSR, Britannien) in Potsdam auch, die Aufteilung Deutschlands
erst einmal auf Eis zu legen und es der gemeinsamen Verwaltung
durch den Alliierten Kontrollrat zu unterstellen. Für die
Umsetzung der Beschlüsse des Rates war jede Besatzungsmacht
in ihrer Zone zuständig. Frankreich bekam noch eine eigene
Zone, für die Britannien und die Vereinigten Staaten jeweils
ein Stück von ihrer abtraten, und ein Vetorecht im Kontrollrat.
Zunächst brachen kleine Widersprüche unter allen Besatzermächten
aus. Die Sowjetunion hatte ihr bestes gegeben, noch ehe der Abschluß
der Potsdamer Verträge Bestimmungen über Entschädigungen
und Reparationen festlegte, soviel Kriegsbeute wie möglich
außer Landes und in die UdSSR zu schaffen. Das betraf vor
allem industrielle Anlagen. Frankreich blockierte die Einrichtung
deutscher Zentralbehörden und tat alles, um die Eigenständigkeit
seiner Zonen zu stärken; es hätte Deutschland am liebsten
in möglichst viele Länder zerfallen gesehen, die höchstens
noch durch ein föderales Bündnis zusammengehalten werden.
Nachdem Hitler-Deutschland geschlagen war, entdeckten die einzelnen
imperialistischen Staaten langsam wieder ihren Hader gegeneinander.
Schließlich setzte sich die Spaltung der Welt in den Osten
und den Westen durch, der die Epoche des bipolaren Imperialismus
einläutete.
1948: Aus eins mach zwei
Und auch die Zweiteilung Deutschlands war nichts weiter als ein
Produkt der Spaltung der alliierten Siegermächte in den
West- und den Ostblock. Am 20. März
1948 hatten die Vertreter der sowjetischen Besatzungsmacht den
Alliierten Kontrollrat in Berlin verlassen, weil die Londoner
Sechsmächte-Konferenz (Westmächte und Beneluxstaaten)
u.a. die Zusammenarbeit der drei Westmächte in Deutschland
empfohlen hatte.
Die unter amerikanischer Kontrolle in den Westzonen 1948 vollzogene
Währungsreform war die endgültige wirtschaftliche Abtrennung
von der sowjetischen Besatzungszone. Die Sowjetunion reagierte
mit Schließung der Grenzen.
Unter Federführung der Westmächte geschah es auch,
daß Westdeutschland am 8. Mai 1949 das Grundgesetz annahm
und sich im September desselben Jahres als BRD etablierte. Moskau
konnte nur noch eilig hinterherhinken und schaffte es, die DDR
am 7. Oktober 1949 durch die SED-Führung gründen zu
lassen.
1952: Adenauer verhindert die Wiedervereinigung
Am 30. Januar 1951 bot die DDR-Volkskammer dem BRD-Bundestag
unter der Parole Deutsche an einen Tisch an, die
Wiedervereinigung vorzubereiten. Mit der Begründung, die
Ostberliner Regierung sei nicht demokratisch legitimiert, wurde
der Vorschlag im Westen abgelehnt. Das war natürlich nur
ein Vorwand, wie sich bald zeigen sollte.
Noch zweimal wurde der BRD-Regierung die Wiedervereinigung Deutschlands
angeboten, 1952 und 55 - und zwar von der UdSSR. Nach außen
hin versuchte man im Westen den Eindruck zu vermitteln, die Sowjetregierung
meine es nicht ernst. Aber sowohl die durch neuere Akteneinsicht
bekannt gewordene Haltung der im Westen verantwortlichen Politiker,
die von einem ehrlichen Angebot Stalins ausgingen, als auch der
im Nachhinein von Chruschtschow und Ulbricht erhobene Vorwurf
gegen den russischen Geheimdienstchef Berija, er habe die DDR
opfern wollen, zeigen, wie sehr man vom Ernst der Sache überzeugt
war.
Die UdSSR verband ihre Bereitschaft, ihre deutsche Einflußzone
aufzugeben, damit, daß die BRD nicht der NATO beitrete.
In militärischer Hinsicht konnte die Moskauer Bürokratie
auf die DDR verzichten, weil sie jetzt auch, wie die USA, über
die Atombombe verfügte und sich keine Gedanken mehr über
territoriale Rückzüge bei einem Konflikt machen mußte.
In ökonomischer Hinsicht mußte die UdSSR den Verzicht
auf die DDR ebenfalls nicht befürchten. Denn sie war 1952
noch ein Herd der Instabilität. Erst 1961 sollte sie zum
höchstentwickelten Land des Ostblocks werden.
Aber genau das war auch der Grund, warum der bundesdeutsche Staat
an den Angeboten nicht interessiert war. Was sollte er sich mit
einem wirtschaftlich desolaten Land wiedervereinigen. Was ging
ihn das Schicksal deutscher Familien an, wenn das militärische
und politische Bündnis mit den USA viel lukrativer erschien?
So erklärte Adenauer, er sei mit dem Rückzug sowjetischer
Truppen aus Ostdeutschland einverstanden, sei aber nicht bereit
dafür irgendwelche Gegenleistungen zu erbringen. Und die
USA gingen 1954 mit einem ähnlich starken Verhandlungswillen
in die Berliner Viermächte-Konferenz.
Trotz großer und breiter Demonstrations- und Protestbewegung
innerhalb der westdeutschen Bevölkerung gegen die Wiederbewaffnung
trat die BRD der NATO bei und verabschiedete am 27. Februar 1955
die Pariser Verträge, die die Aufrüstung regelten.
Die SPD bedauerte zwar nun die vollendete Teilung Deutschlands,
wirkte aber völlig unglaubwürdig, weil ihr Führer
Schuhmacher die Magnet-Theorie vertrat. Ihr zufolge
sollte die Attraktivität des Weststaates erhöht und
Ostdeutschland damit ausgehöhlt werden, was zur Wiedervereinigung
führen werde. Was die CDU-Regierung aber gemacht hatte,
war nichts anderes als die konsequente Umsetzung der SPD-Theorie.
Die Wiedervereinigung
Die einzige Kraft, die ernsthaft die Wiedervereinigung forderte,
war die Arbeiterklasse. Im Generalstreik in der britischen Besatzungszone
1948 forderten die Kollegen neben der Sozialisierung der Betriebe
auch die Schaffung eines gemeinsamen deutschen Staates. 1953
wurde im Arbeiteraufstand in der DDR auch die Forderung der Einheit
laut. Und auch 1989 und 1990, als die Wiedervereinigung Realität
wurde, waren es die Arbeiter, die dafür auf die Straße
gingen.
Die Bürgerrechtsbewegung des Neuen Forums, die
sich hauptsächlich aus mehr oder weniger privilegierten
Kleinbürgern zusammensetzte, wollte ein Mitspracherecht
von den SED-Großbonzen eingeräumt bekommen, was die
Politik der DDR anging. Anders als die Arbeiter verfolgte sie
nicht den Sturz der Bürokratie. Da die Arbeiter in der DDR
also keine Unterstützung fanden, suchten sie sie im westdeutschen
Kapital, da sich eine andere Alternative nicht auftat.2 Aber
das war schon damit zufrieden, daß es über die Mauer
hinweg investieren und Geschäfte machen konnte. Was sollte
es da noch Rentenbeiträge, Sozial- und Krankenversicherungen
für die Arbeitskräfte bezahlen?
So war es tatsächlich der Druck von unten, der die Wiedervereinigung
herbeigeführt hat. Auf Seiten der Bosse war kaum jemand
an ihr interessiert; und das Kohl der Architekt der Einheit sei,
ist ein Ammenmärchen. Auch er hatte erst aufgehört,
sich zu widersetzen, als ihm keine Wahl mehr blieb.
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