Armut in Deutschland
- Norbert Nelte -

Auch Berlin hat wieder bestätigt, die Wahlbeteiligung in der BRD wird immer geringer. Die Masse weiß zurecht nicht mehr, warum sie überhaupt daran teilnehmen soll. Auch die SPD und die Grünen entpuppen sich in der Krise immer mehr als Interessen-Lobby für die Reichen.
Die Politiker leben in einer anderen Welt und glauben, daß ihre Wähler schon genug Geld haben, um sich z.B. eine Zusatzrente leisten zu können. Doch in der Tat gibt es gut ein Drittel der gesamten Bevölkerung, die ohne einen ordentlichen Arbeitsvertrag lebt, mit jedem Pfennig rechnen muß und sich diesen "Luxus" gar nicht leisten kann.
Die Armut drückt sich in Deutschland nicht in Hungerkatastrophen aus. Vielmehr zeigt sie sich in ungesunder Mangelernährung, Abwesenheit von Neuanschaffungen und damit Verwahrlosung, Wohnungslosigkeit und psychischer Verelendung.
Mangelernährung bedeutet, daß keine normalen Vitamine zu sich genommen werden und die Krankheitsanfälligkeit damit erhöht wird. Die Kinder entwickeln weniger Abwehrkräfte und können aufgrund größerer Krankheitshäufigkeit keine normale Laufbahn einschlagen. Die Aufmerksamkeit in der Schule läßt nach. Dazu kommen noch die Umstände zu Hause, die dazu führen, daß man sich auf Hausaufgaben nicht ordentlich konzentrieren kann.
Neuanschaffungen in armen Haushalten können nur mit einer weiteren Verschuldung gemacht werden. Außerdordentlich Ausgaben sind in Haushalten, die nur Sozialhilfe beziehen oder nur knapp über der Sozialhilfe liegen, kaum möglich.
Man muß die Ausgaben einteilen in fixe und variable, wobei die fixen die sind, die jeden Monat feststehen und die variablen die, die sich verändern. Feste Ausgaben sind Miete, Telefon, Strom, Versicherungen, Heizung usw. Die variablen sind Reisen, Essen, Bücher, Kino. An den festen Kosten kann man nichts mehr für außerordentliche Ausgaben einsparen, so daß nur die variablen übrig bleiben. Nun haben die Sozialhilfeempfänger sowieso schon den Urlaub, Bücher und Kino abgeschrieben, so daß das einzige, was übrig bliebe für Einsparungen das Essen wäre. Auch wenn es in diesen Haushalten heute Nudeln mit Ketchup und morgen Ketchup mit Nudeln gibt, bleibt dennoch nichts übrig für Anschaffungen.
Und wenn diese Familien dennoch Fernseher oder Sofa kaufen, geht das nur mit Schulden und letztlich einer Überschuldung (siehe unten).
Aufgrund der in den 90er Jahren gestiegenen Mieten ist die Wohnungslosigkeit extrem angestiegen. Nach 1990 überwandt sie die 1 Millionen-Grenze, wobei etwa eine halbe Millionen sich auf junge Leute, hauptsächlich Studenten, erstreckt, die durch die Buden ihrer Freunde tingeln und die andere halbe Millionen Obdachlose - meistens Männer - ausmacht, die im Freien übernachten und an kalten Tagen auf der Straße erfrieren. Diese Erscheinung zählt noch nach einzelnen Opfern. Anders ist das schon in den USA oder z.B. Paris, wo auch ganze Familien mit Babys unter den Brücken der Seine übernachten.
Diese Erscheinungen der Armut führen zu einer psychischen Verelendung in allen Altersklassen. Die Ausbildungssituation der Jugendlichen zeigt ihre Perspektivlosigkeit. Ergebnis ist eine hohe Kriminalitätsrate unter den Jugendlichen. In einem Haushalt ohne Perspektive, ohne die Möglichkeit, sich etwas aufzubauen, sehen die Eltern ihren einzigen Sinn im Kinderkriegen und können sich infolgedessen nicht mehr auf andere Sachen konzentrieren.
Die Kinder wiederum halten die Mutter auf Trab und ein heimisches Zuhause kann es auch nicht geben. Jede Konzentration auf eine ordentliche Haushaltsführung geht verloren. Schulden und Kriminalität, Unsauberkeit, Krankheit und Chaos sind die Folgen.
Die Arbeiterväter haben nur die Alternative zwischen Anpassung im Job oder Knast. Sie sind die Reservearmee für den Arbeitsmarkt, prädestiniert als Lohndrücker. Dadurch kann sich das Kapital eine noch goldenere Nase verdienen und die Schwächsten der Gesellschaft in noch größeres Elend führen.
Die Sozialhilfe stieg von 1,1 Mrd. DM 1960 auf 55,4 Mrd. 1997, also in knapp 40 Jahren auf das 50fache. Die genauere Entwicklung der Sozialhilfe: 1960 = 1,1; 1970 = 3,3; 1980 = 13,3; 1991 = 35,7; 1997 = 55,4. Die Sozialquote (% vom Bruttoinlandsprodukt) stieg von 1960 = 21,7% auf 1997 = 34,4%. Dies bedeutet aber auch, daß immer mehr Anteile des Verdienstes für die Armut bezahlt werden müssen.
Von 1983 bis 89 nahmen die Einkommens- und Multimillionäre in der BRD um 76% zu. Gleichzeitig nahm die Zahl der Sozialhilfeempfänger um 57% zu (von 1986 bis 1992). Die 10 reichsten Familien in Deutschland verdienen soviel wie alle Sozialhilfeempfänger zusammen. Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird immer größer. Die Gesellschaft treibt immer mehr auseinander.
Man kann inzwischen von 8 Millionen Armen ausgehen, also jeden Zehnten als arm bezeichnen (5 Mill. Sozialhilfeempfänger plus 3 Millionen Dunkelziffer). Die hohe Dunkelziffer kommt so zustande, daß dieser Teil die Sozialhilfe, obwohl sie ihm zusteht, gar nicht beantragt; zum einen aus Scham und zum anderen aus Unkenntnis.
Diese Unkenntnis ist weit verbreitet, auch bei den Beratern häufig anzutreffen. Die Beamten auf dem Sozialamt sind zwar verpflichtet zur Beratung, kommen dieser aber bewußt nicht nach. Wenn die Dunkelziffer nämlich auch ihre Rechte einklagen würden, wären die Städte alle pleite.
Zum Regelsatz von 530,-DM und dem Kleidergeld von 40,-DM (in Köln) gibt es noch die Miete plus Heizung. Da liegen oft die Lohnabhängigen darüber und meinen, somit nicht zum Sozialamt gehen zu müssen. Nur dann kommt noch ein Mehrbedarf für Erwerbstätigkeit hinzu (95,-DM plus 15% vom Rest plus Fahrgeld, Versicherung und 10,-DM Arbeitskleidung). Nach Hinzurechnung dieses Betrages liegen viele Arbeiter unter der Sozialhilfe und müßten ergänzende Hilfe erhalten. Besonders alleinverdienende Hilfsarbeiter mit 2 und mehr Kindern und Ehefrauen, Jobarbeiter, Kranke, Rentner, Schüler, Studenten und Arbeitslose liegen meist unter dem Satz und man könnte von einer noch viel höheren Dunkeziffer ausgehen.
Im Warenkorb des Regelsatzes ist z.B. eine Glühbirne im Jahr eingerechnet. Dies gibt ein Bild davon, wie ärmlich viele Familien leben. Anschaffungen sind da nicht mehr drin. Spielzeug gibt es nicht für die Kinder, keine Bücher und anspruchsvolle Zeitungen und damit keine Kultur. Familienausflüge oder gar Urlaub sind gestrichen. Was bleibt, ist das Fernsehprogram, die rumtobenden Kinder, die Pulle Bier und die hinter den Kindern her aufräumende Mutter. Damit ist das Tagesprogramm schon ausgefüllt. Dabei können die Familien nur geistig und psychisch verelenden. Scheidungen sind die Folgen.
Die Gruppe, die am meisten unter dieser Entwicklung leiden muß, sind die alleinerziehenden Mütter. Sie bleiben mit den Kindern sitzen und müssen dann zusehen, wie sie diese erziehen und gleichzeitig arbeiten gehen. Im Schnitt halten die Ehen in der BRD vier Jahre. Die Halbwertzeit bei Erwerbslosen liegt noch weit darunter. Der Kapitalismus hat die Geschlechtertrennung mit seiner Verarmung schon so weit getrieben, daß z.B. in Nordrhein-Westfalen 60% aller Kinder von Alleinerziehenden erzogen werden, und das sind zu 95% Frauen.
Die alleinerziehenden Frauen sind neben den Rentnerfrauen die größte Gruppe der Sozialhilfeempfänger (jeweils ca. ein Drittel aller Sozialhilfeempfänger), wobei die 4köpfigen Familien mit einem Alleinverdiener als Hilfsarbeiter über ihr Recht auf ergänzende Sozialhilfe nichts wissen und es entsprechend auch nicht geltend machen. Es kommt noch hinzu, daß die Väter der Kinder, die bei der Mutter leben, zu über 60% ihrer Unterhaltspflicht nicht nachkommen. Somit muß das Jugendamt den Unterhalt übernehmen. Daß auch dies dramatisch gestiegen ist, zeigt das Wachstum der Jugendhilfe: 1960 = 0,5; 1970 = 1,9; 1980 = 8,4; 1997 = 29,5. Ein gleicher Anstieg wie bei der Sozialhilfe. Diese Jugendhilfe von bescheidenen 300,- wird nicht zusätzlich gewährt, sondern muß ans Sozialamt abgetreten werden.
Ergebnis ist die Überschuldung jedes zweiten Sozialhilfeempfängers und jedes dritten Arbeitslosenhilfe-Empfängers - insgesamt ca. 10% aller Deutschen. Überschuldung bedeutet, daß es keine Perspektive mehr gibt, daß die Familien jemals ein schuldenfreies Leben führen können. Ich konnte in meiner Praxis als Schuldnerberater zwar 50 Familien helfen, aber die Banken haben in der gleichen Zeit, wo ich einem half, wieder 1.000 neue in Schuldenabhängigkeit getrieben. Einmal kam es sogar vor, daß ein Klient im Mahnbrief über 4.000,-DM gleichzeitig einen bunten Werbezettel von Quelle vorfand.
Es gibt also seitens der Kapitallogik ein direktes Gesetz, das Akkumulationsgesetz, daß das Kapital zwingt, die armen Arbeiter aggressiv in Schuldenabhängigkeit zu führen. Daran wird auch das neue Privatvergleichsgesetz nichts ändern.
»Die Konsumentenschulden betragen bei 48% aller Haushalte in der BRD durchschnittlich 12.000 DM. 41% aller PKW und 30% aller Möbel werden auf Kreditbasis gekauft.«
Die Verarmung und psychosoziale Verelendung führen dazu, daß das Vermögen immer weiter auseinandergeklafft. 1988 wurde folgender Stand erreicht:
Die reichsten 1% besitzen sogar über ein Viertel bis ein Drittel des Vermögens. In der Entwicklung hat sich diese Tendenz beschleunigt:
Das Vermögen der reichsten 10% ist von zwei Fünftel auf über die Häfte gestiegen, die unteren 50% verloren ihren 13%-Anteil und es blieb ihnen so gut wie nichts. Dies wird sich im Kapitalismus auch nicht mehr ändern. Auch bei den kleinen Aufschwüngen, die die Wirtschaft noch in dem großen Abschwung seit 1975 erlebt, wird die Arbeitslosigkeit nur noch unbedeutend abgebaut, bevor es im nächsten Abschwung zu einer weiteren Zunahme von 1 Millionen Arbeitslosen und damit dem Armenheer kommt.
Die Obdachlosen sind das Ergebnis der kapitalistischen Ökonomie, nicht Ergebnis ihrer angeblichen Faulheit. Schließlich gab es in den 60er Jahren, wo es nur 200.000 Arbeitslose gab, nur ca. 10.000 Obdachlose.
Also, Herr Schröder, Armut gibt es auch in "ihrem" Land, und das reichlich. Das ist die Wirklichkeit eures "Freizeitparkes", eures Wohlstandes.
Eure Wähler haben nichts zu verlieren, außer ihre Ketten. Für sie müßten sie was tun, aber sie wollen und können genau so wenig wie die CDU etwas lösen, denn entscheiden wird doch letzlich das Kapital.
Noch!

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