Kunst und Sozialismus
Was ist Kunst und welchen Zweck verfolgt sie?

Würde man auf die Strasse gehen und zehn verschiedene Menschen nach einer Definition des Begriffs Kunst fragen, so würde man vermutlich zehn verschiedene Definitionen erhalten. Das gleiche würde einem passieren, wenn man diese Befragung unter Gelehrten vornehmen würde, die sich ausgiebig mit dem Thema Kunst auseinandergesetzt haben. Auch Marxisten haben versucht, Kunst zu definieren. So auch John Molyneux. Er sagt, Kunst sei das Produkt aus nicht entfremdeter Arbeit und meint damit Arbeit, die unter der Kontrolle und unter der Leitung des Produzenten bleibt. Dass dem nicht so ist, zeigt die Tatsache, dass ein grosser Teil der Kunstwerke Auftragsarbeiten sind. Auch wenn der Künstler einen gewissen Freiraum in seinem Schaffen besitzt, ist sein Werk nicht nur das Produkt nicht entfremdeter Arbeit. Es ist also nicht einfach, eine klare Definition für eine komplexe Erscheinung, wie sie die Kunst darstellt, zu finden.
Allgemein kann man sagen, es ist Kunst, wenn man einen Gegenstand aus seinem natürlichen Zusammenhang nimmt und ihn in einen neuen setzt. Wenn also in einem Museum in Mailand ein Schweinestall aufgebaut wird, dann handelt es sich dabei unbedingt um Kunst, denn der Schweinestall wurde aus seinem natürlichen Zusammenhang der Landwirtschaft, in einen neuen Zusammenhang, den des Museums gesetzt.
Die nächste Frage, die sich stellt, ist: Welchen Zweck verfolgt Kunst?
Zweifelsohne produziert ein Künstler nicht nur, um somit sein tägliches Brot zu verdienen, denn dann könnte er auch in der Fabrik arbeiten. Kunst entspringt vielmehr einem Grundbedürfnis des Menschen und verfolgt augenscheinlich keinen Zweck, d.h. man könnte die Kunst als Selbstzweck betrachten. Und in der Tat hat noch kein Gedicht oder Gemälde jemals entweder satt gemacht oder Durst gelöscht oder Schutz vor Kälte geboten. Auch die kunstvollste und schillernste Kriegsbemalung hat einen Indianer noch nie weniger verwundbar gegen die Kugel eines weissen Eroberers gemacht - das hätte höchstens kugelsichere Farbe vermocht. Dennoch kann man der Kriegsbemalung den Zweck der Kommunikation nicht absprechen. Der Indianer signalisierte damit, dass er zum äussersten bereit sei. Es ist nun aber auch falsch zu sagen, Kunst sei bloß Kommunikation, dann wären auch ein Wort oder eine Geste Kunst.
Der einzige Zweck den jede Art von Kunst erfüllt, ist der, dass sie der einzigartigen Fähigkeit des Menschen, seine Umwelt bewusst zu verändern, einen freien Gestaltungsraum verleiht, der keinem direkten Nutzdenken unterliegen muss und dennoch Empfindungen beim Empfänger hervorruft.
Die geschichtliche Entwicklung der Kunst
Die Anfänge
Die Entstehung der Kunst lässt sich bis in die Zeit der Jäger und Sammler zurückdatieren. Aus dieser Zeit stammen Höhlenmalereien - die ältesten von ihnen sind 12.000 Jahre alt -, die extrem naturgetreue Abbildungen von Tieren zeigen. Da die Lebensgrundlage der Menschen in der Jagd wilder Tiere bestand, zeigt sich, dass die Kunst zu dieser Zeit untrennbar mit ihrem täglichen Leben verbunden war. Die Höhlenmalereien dienten dem Zweck, Tiere magisch anzuziehen, sie zu bannen oder zu ihrer Vermehrung beizutragen. In der Umgebung einiger dieser Höhlenmalereien fanden Archäologen Vogelknochen, die auf einer Seite aufgebohrt waren und bei denen es sich um Reste von Flöten handelte. D.h. die Steinzeitmenschen konnten bereits musizieren, was wiederum den Schluss zulässt, dass sie auch Gesang und Tanz kannten. Das wird durch den Fund von Bildern, die tanzende, maskierte und kostümierte Personen darstellen, bekräftigt.
Mit dem Ende der Eiszeit wurde die Tundra durch Wald verdrängt, der einen langen Zeitraum im Jahr über Pflanzen und das gesamte Jahr hindurch Wild bot. Die Menschen wurden sesshaft und begannen, gezielt zu produzieren und waren bald in der Lage ein Mehrprodukt zu schaffen. Man konnte sich nun Leute leisten, die sich ausschliesslich mit Wissenschaft beschäftigten, was zu einer weiteren Erhöhung des Mehrproduktes führte und es gab natürlich auch Personen, die sich nur der Kunst widmeten. Damit war die Kunst nicht mehr untrennbar mit dem täglichen Leben verbunden, sondern es trat eine Teilung in geistige und körperliche Arbeit ein.
Mit dem wachsenden Mehrprodukt kristallisierte sich auch eine herrschende Klasse heraus, die im Besitz der Produktionsmittel war und die von der Arbeit anderer lebte. Um ihre Privilegien zu sichern, mussten sie mittels Gewalt eine weitere Erhöhung der Produktivkräfte herbeiführen, was der Gesellschaft einen bisher nicht gekannten Reichtum bescherte.
Da die Gedanken der herrschenden Klasse auch die in der jeweiligen Gesellschaft herrschenden Gedanken sind, war auch die vorherrschende Kunst die Kunst der Herrschenden.
Die griechische Antike
Die Archaik (8.- 6. Jahrhundert v.Chr.)
Im Gegensatz zur Kunst im alten Ägypten, wo sie lediglich bestimmte Personen aus den Herrschaftshäusern verkörperte und zumeist Bestandteil des Totenkultes war, d.h. irgendwann in einer Grabkammer verschwand, war die Kunst im antiken Griechenland relativ frei. Auch wenn die archaischen Skulpturen den ägyptischen ähnlich erscheinen, so ist der Unterschied zwischen beiden der, dass die archaische Skulptur freistehend ist und somit von allen Seiten betrachtet werden kann, während die ägyptische immer an ein Gebäude gebunden ist und somit nur eine Frontansicht bietet.
Kuros-Statuen dienten als Grabmäler für gefallene Soldaten aus reichem Hause. Sie fallen durch ihre starre militärische Haltung auf.
Andere Kunstrichtungen dieser Zeit waren z.B. die Tempel-Architektur oder die Vasenmalerei.
Die klassiche Periode (5.-4. Jahrhundert v.Chr. )
Mit der Demokratie und dem Beginn der Sklaverei erlebt die Kunst eine nie zuvor dagewesene Blütezeit. Den Kleinbauern, die bis dahin in grossem Masse abhängig vom Adel waren, wurden nun von ihren Schulden befreit und erhielten dieselben Bürgerrechte, wie der Adel. Zudem wurden die abhängigen Arbeitsverhältnisse innerhalb der Bürgerschaft abgeschafft. Das dadurch verlorengegangene Mehrprodukt musste nun von Sklaven erwirtschaftet werden. In der Folge konnten sich Gewerbetreibende, Handwerker und Künstler voll in den Städten etablieren.

Die Skulptur "Doryphoros" von Polyklet ( 440 v. Chr. )

Die Schöpfung des Doryphoros stellt kunsthistorisch eine revolutionäre Neuerung dar. Das Abbild eines Jünglings mit Speer wurde nach den Richtlinien der von Polyklet entwickelten Harmonielehre geschaffen. Doryphoros ist die Verkörperung des antiken Schönheitsideals. Durch Ponderation, d.h. der ausgewogenen Verteilung des Körpergewichts auf die stützenden Gliedmassen erreicht Polyklet den Ausdruck völliger Harmonie. Im Gegensatz zur archaischen Skulptur zeigt sich in der klassischen Skulptur ein Nebeneinander zwischen entspannten und angespannten Körperpartien, welches als Kontrapost d.h. Gegensatz bezeichnet wird. Dadurch wird ferner der Eindruck erzielt, als befinde sich der Körper in Mitten einer gehenden Bewegung. Neben der Festlegung einfacher Proportionsverhältnisse beinhaltet die Harmonielehre auch das Prinzip des goldenen Schnitts, das auf den Satz von Pythagoras zurückgeht. Es besagt, dass es einen Punkt auf einer Strecke gibt, an den man die Strecke in zwei ungleich grosse Abschnitte teilen kann, so dass sich der grössere Abschnitt zur Gesamtstrecke verhält, wie der kleinere Abschnitt zum grösseren. Dieser Punkt ist in der klassischen Skulptur der Nabel. Das Prinzip des goldenen Schnitts ist somit nicht nur anwendbar auf abstrakte wissenschaftliche Probleme, sondern auch auf den menschlichen Körper.
Die Kunst bediente sich nun also auch der Mathematik oder genauer der Lehre der Geometrie, die ein halbes Jahrhundert zuvor von Pythagoras entwickelt worden ist. Die Entwicklung der Wissenschaften im allgemeinen und der Mathematik im besonderen und somit auch die der Kunst war nur möglich durch massivste Ausbeutung der Sklaven und dem damit verbundenen weiteren Anstieg der Produktivkräfte. Die Sklavenhaltergesellschaft war daher solange fortschrittlich, bis die ökonomischen Bedingungen des römischen Reiches reif waren für den Feudalismus.
Der Hellenismus (3.-1. Jahrhundert v.Chr.)
Die hellenistische Kunst war Ausdruck des Auseinanderbrechens der Gesellschaft. Es vollzog sich ein vollkommener Bruch mit den Gestaltungsprinzipien der Harmonielehre. Stattdessen nahmen die Skulpturen die spektakulärsten Stellungen ein.

Der schlafende Faun.

Feudalistische Kunst
Im römischen Reich wurden die klassischen Harmonieprinzipien noch einmal weiterentwickelt. Aber mit dem zunehmenden Zerfall des Reiches zerfiel aber auch die Kunst. Der Grund für den Zerfall des römischen Reiches war die zunehmende Stagnation der Entwicklung der Produktivkräfte. Die Sklavenhaltergesellschaft hatte ihre Fortschrittlichkeit verloren. Teile des römischen Reiches wurden von den Germanen in Besitz genommen. Ihre Stammesstrukturen und der Produktionsfaktor Familie kurbelten erneut die Produktivität an. Etwa im Jahr 1000 n.Chr. schafften es die Lehnsherren, die Masse an Kleinbauern und Sklaven, die sich zunehmend in der Gesellschaft integrierten, unter der christlichen Lehre zu vereinigen. Zusammen mit bewaffneten Kräften fegten sie in einer feudalen Revolution die Überreste der Antike beiseite und etablierten die Leibeigenschaft, in der der Leibeigene im Gegensatz zu den Sklaven ebenfalls ein Interesse an der Steigerung der Produktivität besitzt, da ein Teil des erwirtschafteten Ertrages an ihn abfiel.
Die neu entstandene herrschende Klasse rechtfertigte ihre gehobene Position als eine von Gott gegebene. Das spiegelte sich auch in der Kunst wieder. Zunächst sollte sie unter den Karolingern und später bei den Ottonen den Personen, die nicht lesen konnten die christliche Religion mittels Altarbildern, Wand- und Buchmalereien und Mosaiken nahezubringen. Mit der Romanik (11. bis Beginn 13. Jahrh.) knüpfte die Kunst an die der Germanen an. Die Stilisierung der Figuren, die Symbole und Ornamente lassen sich auf die Tradition der Stämme zurückführen. Von den Gestaltungsprinzipien des klassischen Griechenlandes wurden nur die der Geometrie übernommen - wenn auch auf andere Weise: Die Skulpturen besassen eine säulenhafte Gestalt und eine steife Haltung. Abbildungen von Christusgestalten, Madonnen, Aposteln und Engeln wurden übermässig in die Länge gezogen, um so auf ihre Allgegenwertigkeit hinzudeuten.
Obwohl mit Beginn des Feudalismus jegliche künstlerische Autonomie verschwand, sollte sich das auch nach und nach wieder ändern, selbst wenn die Kunst noch jahrhundertelang religiöse Inhalte beförderte.
Mit der Gotik (Beginn 13. bis Mitte 14. Jahrhundert) entstand die Kathedrale als Gesamtkunstwerk. Sie stellte die göttliche Allmacht dar und gehörte als Vorhof zum Paradies nicht mehr der irdischen, sondern der göttlichen Welt an. Auch wenn sie fester Bestandteil der christlichen Ideologie war, wurde ihre Form zunehmend von künstlerischen Entwicklungen bestimmt. Die Skulpturen dieser Zeit wurden zunehmend lebendiger und nahmen wieder menschliche Züge an, waren aber dennoch meist Teil der Architektur, deren Strukturprinzipien sie sich unterzuordnen hatten.
Nach dem 12. Jahrhundert trat neben der Geistlichkeit und den Adel auch das aufstrebende Bürgertum als Auftraggeber in Erscheinung, was sich bis in die Zeit der Spätgotik noch verstärkte, da es durch Handel und Gewerbe oft reicher als der Adel geworden war. Die Künstler wurden dadurch unabhängig von den Dombauhütten und liessen sich als Maler und Bildhauer in Zünften organisiert in den Städten nieder. Die Skulpturen von ihnen waren weniger Bestandteile eines Bauwerkes als vielmehr einzelne, im Massstab kleinere und transportable Figuren - meist aus Holz.
Renaissance (Mitte 14. bis Mitte 16. Jahrhundert)
Die Renaissance stellt die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit dar. Das Zentrum der Renaissance, was übersetzt "Wiedergeburt" bedeutet, war Florenz, eine Stadt, in der es seit dem 13. Jahrhundert dem Adel verboten war, sich an der Regierung zu beteiligen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Kunst der demokratischen Traditionen der klassischen Antike zuwand. Im Mittelpunkt stand das Streben nach wirklichkeitsgetreuer Darstellung, weshalb die Wiederentdeckung für die Malerei und das Relief von grosser Bedeutung war. Neue Techniken liessen die Herstellung grossformatiger Skulpturen zu. Öffentliche und private Förderer trugen dazu bei, dass die Künstler eine extrem hohe Autonomie besassen.
Michelangelo (1475 - 1564)
Er ist zweifelsohne der bekannteste Künstler der Renaissance. Sein Frühwerk "David" verkörpert den Geist jener Zeit.
David ist eine Freiplastik in der man das Gestaltungsprinzip des Kontrapost wiederfindet. Damit zeigt sich deutlich eine Rückbesinnung auf die demokratischen Traditionen der klassischen Antike. Die Skulptur hat aufgehört, fester Bestandteil eines Bauwerkes zu sein. Der nackte Körper des David steht im krassen Gegensatz zu den Moralvorstellungen der Kirche. Die Ähnlichkeit mit dem Schönheitsideal des antiken Griechenlands ist eine Absage an den ständischen Schönheitsbegriff des Mittelalters, der durch die Standestracht, die die Figuren trugen, symbolisiert wurde. Ein Zusammenhang zwischen dem in "demokratischer Nacktheit" dargestellten David als Sinnbild der selbstbewusst gewordenen Bourgeoisie, der Goliath bezwingt, das Sinnbild für den scheinbar übermächtigen Kirchenstaat Rom, ist unverkennbar.
Michelangelos spätere Skulpturen wurden zunehmend kompakter und besassen immer weniger Ähnlichkeit mit den klassischen griechischen Skulpturen. Er sagte, ein Kunstwerk sei nur gut, wenn man es unbeschadet einen Berg hinabrollen lassen könnte.
Im Gegensatz zur klassischen griechischen Kunst war die Kunst der Renaissance keine Kunst der Harmonie. Das leitet sich aus der gesellschaftlichen Position der Bourgeoisie ab. Sie war zwar in vielen Fällen reicher als der Adel, aber dennoch nicht stark genug, die politische Macht an sich zu reissen. Die zunehmenden Klassenkämpfe waren begleitet von wahren Kulturkämpfen. Das Bürgertum wartete mit dem Klassizismus, der Romantik, dem Biedermeier und dem Realismus auf, der Adel hielt das Barock und die absolutistische Hofkunst dagegen. Schliesslich scheiterte der Adel.
Die Moderne
In der Moderne hatte die Kunst eine nie zuvor gekannte Autonomie erreicht, die auf den enormen Produktivitätsanstieg im Kapitalismus zurückzuführen ist. Dennoch feierte die Kunst die neue kapitalistische Welt nicht mehr, sondern stellte immer mehr eine Reaktion gegen sie dar.
Die Hauptströmungen der Moderne waren der Kubismus, der Futurismus und der Konstruktivismus, die Kunstrichtung der Oktoberrevolution. In ihnen spiegelte sich das Leben jener Zeit wider, das von einer immer rasanteren Entwicklung der Technik und Wissenschaft geprägt war. Die Städte wuchsen und wuchsen, das Strassenbild war kennzeichnet von Autos und Strassenbahnen, Leuchtreklamen und Plakatwände überfluteten die Menschen mit optischen Reizen, alles schien in ständige Bewegung geraten zu sein. Das beeinflusste natürlich auch die Kunst.
Die beiden bekannstesten Kubisten Picasso und Braque versuchten, eine dynamische Wechselwirkung zwischen Betrachter und Objekt zu erzeugen, wobei die klassischen Regeln der Perpektive nicht mehr ausreichten. Zu diesem Zweck wurde ein Gegenstand aus verschieden Blickwinkeln betrachtet, das Auge des Betrachters überfliegt und vergleicht seine Formen, und das Gehirn setzt sie zu einem Bild zusammen. Der Kubismus bediente sich dabei dem Mittel der Collage und der Übernahme von Formverzerrungen aus der traditionellen afrikanischen Kunst.
Für die Futuristen wurde die Maschine selbst zum zentralen Objekt ihrer Kunst. Sie entwickelten eine Reihe neuer Techniken und bedienten sich der Fotographie, simultaner Klanggedichte, unsinniger Reime und machten weder vor Konfrontationen noch vor Flugblattverteilung in Fabriken halt.
Mit dem 1. Weltkrieg zerbrach die Bewegung der Moderne in ein rechtes und ein linkes Lager. Mit der Oktoberrevolution 1917 in Rußland und der Novemberrevolution 1918 orientierte sich die Avantgarde dieser Länder nach dem Krieg an der linken Bewegung, innerhalb derer sie sich politisch engagierte und dementsprechend auch vom Staat verfolgt wurde. Besonders in Russland und Deutschland entstanden zu dieser Zeit die kraftvollsten antikapitalistischen Bilder.
Im russischen Konstruktivismus drückten die Künstler nach der Revolution ihre Überzeugung aus, dass die Entwicklungen der Technologie eine Lösung für die Übel der Klassengesellschaft darstellt, denn mit ihr vollzieht sich eine Steigerung der Produktivitätskräfte, die Grundvorraussetzung für den Sozialismus ist.
In den Bildern sind die Menschen nicht mehr der Technologie ausgesetzt, sondern sie stehen über ihr und machen sie für ihre Zwecke dienstbar. Neben Bildern brachte der Konstruktivismus auch Literatur - insbesondere Gedichte - hervor, in denen man den Atem der neuen Zeit förmlich spüren kann. Die Plakate der Bolschewisten waren zwar vom Konstruktivismus inspiriert, dienten aber der Volksaufklärung und Propaganda. Trotzki nutzte sie für eine Kampangne für Freiwillige. Plakate und andere Revolutionsmedien wurden in leeren Schaufenstern ausgehangen, die zu sogenannten ROSTA - Fenstern umfunktioniert wurden.
Im Kontruktivismus stellten sich die Künstler rückhaltlos in den Dienst der Revolution, besassen aber dennoch die grösstmögliche Autonomie und wurden sogar vom Staat unterstützt. In Italien hingegen wurde der mit dem Konstruktivismus eng verwandte Futurismus von den Faschisten missbraucht. Mit der NÖP-Politik wandten sich die Künstler vom Konstruktivismus ab und dem Cezannismus zu, einer Stilrichtung, die ursprünglich von Gegnern der Revolution entwickelt wurde. Unter Stalin entstand der "sozialistische Realismus", in der die Kunst zu einem billigen Propagandamittel für die staatskapitalistische Ideologie verkam. Das gleiche geschah mit der Kunst während der Nazi-Diktatur.
Man sieht also, dass die Kunst zu jeder Zeit die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse und damit das Bewusstsein der Menschen widerspiegelt hat. Es ist daher falsch zu behaupten, Kunst könne das politische Bewusstsein der Menschen verändern. So bedeutete das Ende der Hausbesetzerbewegung gleichsam auch das Ende der Punkbewegung.
Kunst und Arbeiter
Obwohl die Arbeiter jeglichen Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft erzeugen, waren sie zu keiner Zeit im Besitz der materiellen und geistigen Produktionsmittel. Das hat dazu geführt, dass das kulturelle Niveau der Arbeiterklasse vergleichsweise niedrig ist. Während die Bourgeoisie Jahrhunderte Zeit hatte, eigene Kunstformen zu entwickeln, blieb der Arbeiterklasse dies verwehrt. Auch in der kommenden Zeit des revolutionären Wandels wird sie keine Zeit und Musse finden ihre eigene Kunst zu entwickeln, da sie all ihre Kraft aufwenden muss, um die Kapitalisten zu stürzen. Das gleiche trifft auch auf die Übergangsperiode nach einer erfolgreichen Revolution zu, da es dann gilt, konterrevolutionäre Kräfte abzuwehren. Eine proletarische Kultur steht somit nicht auf der Tagesordnung. Trotzki schrieb dazu:
»Wird denn das Proletariat einfach Zeit genug haben zur Schaffung einer ,proletarischen Kultur'? Im Gegensatz zu dem Regime der Sklavenbesitzer, der Feudalen und der Bourgeoisie betrachtet das Proletariat seine Diktatur nur als kurzbefristete Übergangsperiode. ... Kann das Proletariat in dieser Frist ei dene neue Kultur schaffen? Diesbezügliche Zweifel sind um so mehr berechtigt, als die Jahre der sozialen Revolution Jahre erbitterten Bürgerkrieges und Klassenkampfes sein werden, in denen die Zerstörung einen weit grösseren Platz einnehmen werden, als irgendeine Aufbautätigkeit. Auf jeden Fall wird die Hauptenergie des Proletariats selbst auf die Eroberung der Macht, ihre Erhaltung, Befestigung und Ausnutzung, zur Linderung der Hauptnöte und zur Anwendung in weiteren Kämpfen gerichtet sein. ... Daraus wäre die allgemeine Folgerung zu ziehen, dass eine proletarische Kultur nicht nur nicht existiert, sondern auch nicht existieren wird.«
In einer sozialistischen Gesellschaft, in der es keine Klassen, sondern nur noch Menschen gibt, wird es einen in der Menschheitsgeschichte nie dagewesenen Kulturaufbau geben und jeder wird ein Maler, Bildhauer und Dichter sein.

Lesetip:
Karsten Schmitz: "Marxisten und Kunst", in 'Linke Opposition', Nr. 17 und Norbert Nelte: "Kunst und Oktoberrevolution", ebenda.


zurück zum Seitenanfang