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Die Postmoderne:
Ein uralter Hut
Karsten Schmitz
Heutzutage ist es fast unmöglich, auf ein Phänomen
zu stoßen, daß nicht postmodern genannt wird. Nahezu
jeder Aspekt des kulturellen Lebens trägt mittlerweile dieses
Etikett. Das Interessante daran: Nicht einmal die Vertreter und
Anwälte der Postmoderne sind sich auch nur im entferntesten
darüber einig, was "postmodern" sein soll und
was nicht.
So entspricht die Postmoderne, sagt der französische Philosoph
Jean-François Lyotard, einer neuen historischen Stufe
gesellschaftlicher Entwicklung oder auch nicht, so Lyotard in
einem später geschriebenen Aufsatz. Postmoderne Kunst ist
Lyotard zufolge eine Weiterführung der Moderne oder ein
Bruch mit ihr, so der US-amerikanische Architekt und Architekturhistoriker
Charles Jencks. Nach Frederic Jameson ist der Schriftsteller
James Joyce ein Vertreter der Moderne, nach Lyotard einer der
Postmoderne oder nach Umberto Eco sowohl als auch. Wolfgang Welsch
beharrt darauf, daß der Grundsatz der Postmoderne keineswegs
die Beliebigkeit ist, für Christian Thomsen ist sie geradezu
die Verkörperung des Prinzips "alles ist möglich".
Die Postmoderne kehrt der sozialen Revolution den Rücken
zu, beansprucht dann aber Vertreter der revolutionären Kunst,
wie den Surrealisten André Breton oder Walter Benjamin,
als ihre Vorgänger.
Die Postmoderne
Sicher kann man vom Postmodernismus nur sagen, daß er sich
in den vergangenen 30 Jahren als Reaktion auf die Moderne entwickelt
hat. Zuerst ortete man die Post- oder Nachmoderne in der Literatur.
Hier wollten nordamerikanische Kritiker Ende der 60er Jahre auf
etwas gestoßen sein, das sich grundsätzlich von der
Revolution in den Künsten unterschied, die zu Beginn des
Jahrhunderts stattgefunden hatte, und seitdem Moderne genannt
wird.
Auf dem Gebiet der Kunst finden sich aber nur in der Architektur
neue Elemente, die sich von der Moderne unterscheiden ließen.
Hier gibt es die Ablehnung des "Internationalen Stils",
wie ihn etwa das Bauhaus praktiziert hat. Die Ablösung der
Avantgarde durch die Postmodernisten zeichnete sich durch eine
Flucht von der nüchternen Geometrie zur Dekoration aus,
von der Innovation zur Tradition und von der Rationalität
zum Humor. Die postmodernen Architekten bedienten sich in allen
Baustilen, die die Menschheit je hervorgebracht hat und schmückten
damit großzügig die Gebäude, für die sie
Aufträge ergattern konnten.
Ein weiterer fester Bestandteil des Postmodernismus ist eine
Denkrichtung, die sich Poststrukturalismus nennt. Die prominentesten
Vertreter dieser Philosophie, die in den 60er Jahren berühmt
wurden, sind Gilles Deleuze, Jacques Derrida und Michel Foucault.
Gerade für Foucault ist die Wirklichkeit nur noch eine chaotische
Ansammlung von Fragmenten, die vom endlosen Machtkampf beherrscht
wird, der Natur wie Gesellschaft auszeichnet. Wahrheit, Vernunft
und objektives Wissen von der Welt sind dieser Ideologie nach
Illusionen, denen sich die Menschen zwar hingeben, über
die sie aber niemals wirklich verfügen können.
Konservative Soziologen wie Daniel Bell machten sich daraufhin
in den 70er Jahren daran, die postindustrielle Gesellschaft auszurufen.
Dieser Theorie zufolge sei die Welt in eine neue historische
Phase eingetreten, in der die materielle Produktion von Gütern
immer unwichtiger sei und das Wissen zur Triebkraft der wirtschaftlichen
Entwicklung werde.
Diese Idee wurde wiederum vom französischen Philosophen
Jean-François Lyotard aufgegriffen, der behauptete, weil
das Wissen eine immer bruchstückhaftere Form annimmt, habe
es alle Ansprüche auf Wahrheit oder Rationalität verloren.
Er nannte es »das postmoderne Wissen« und behauptete,
alle Vorstellungen von der Welt, die versuchen, sie als Einheit
zu begreifen und die Vorgänge in ihr zu ordnen, seien "Meta-Erzählungen".
Und diese "Meta-Erzählungen" - zu denen er die
Aufklärung, die deutsche idealistische Philosophie und vor
allem den Marxismus rechnet - hätten ihren Bankrott offenbart.
Und dieser Zusammenbruch habe gezeigt, daß es keinen Weg
mehr gebe, auf dem die Menschheit ihre Emanzipation erreichen
kann.
Der Umbruch
Wenn die Welt wirklich in eine neue soziale und ökonomische
Epoche getreten sein sollte, die von einem kulturellen Umbruch
begleitet wurde, müßte man dafür auch Anzeichen
finden können. Hier aber fangen die Probleme schon an.
So behauptet etwa Jencks, die Postmoderne zeichne sich durch
"Doppelkodierung" aus, durch die Kombination verschiedener
Stile in ein und demselben Kunstwerk. Das, was hier "Doppelkodierung"
genannt wird, ist allerdings ein augenfälliges Merkmal der
Moderne. Schon die Werke von Rainer-Maria Rilke, die expressionistische
Lyrik, Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen
Zeit", James Joyces "Ulysses" und T.S. Eliots
"Waste Land" bestehen aus verschiedenen Stimmen, Stilen
und Sprachen, die miteinander verbunden sind.
Das Konzept von einer eigenständigen postmodernen Kunst
beruht auf einer verzerrten Karikatur der Moderne. Die postmodernistischen
Kritiker schießen auf einen Pappkameraden, den sie sich
selber aufgestellt haben, und nicht auf eine Kunstrichtung, wie
sie in Wirklichkeit existiert. Dieses Manöver dient dazu,
um von typischen Merkmalen der Moderne behaupten zu können,
sie seien die Erkennungszeichen einer neuen, postmodernen Kunst.
Die wohl beste stilistische Moderne-Definition bringt Eugene
Lunn in "Marxismus und Moderne", wo er vier Merkmale
aufführt. Erstens das »ästhetische Selbstbewußtsein«:
Moderne Kunst neigt dazu, ihren Schöpfungsprozeß zu
thematisieren. Zweitens »die Simultaneität, die Juxtaposition
oder die Montage«: Die moderne Kunst bricht die Welt der
Alltagserfahrungen auf, um sie in neuen und unerwarteten Kombinationen
zu ordnen, wie es am auffälligsten wohl in der kubistischen
Malerei passiert. Drittens »das Paradox, die Ambiguität
und die Ungewißheit«: Die moderne Kunst stellt eine
Welt dar, die keine klaren Wegweiser oder sichtbare Strukturen
mehr besitzt, wie etwa in den Romanen Kafkas. Und schließlich
»die Dehumanisierung«: Das Individuum der modernen
Kunst besitzt weder die Kontrolle über sich und seine eigenen
Motive geschweige denn über die Welt.
Heute werden diese Merkmale der Moderne genommen, um mit ihnen
zu belegen, es gebe eine neue, eigenständige, postmoderne
Kunst. So bekommen z.B. die Romane Salman Rushdies das Etikett
"Postmodern", obwohl sie genau in die Kriterien für
moderne Kunst passen.
Ähnliche Probleme entstehen, wenn versucht wird, den Umbruch
von der Moderne zur Postmoderne zeitlich festzulegen. So fällt
Umberto Eco z.B. »eine Tendenz« auf, den Postmodernismus
»historisch immer weiter nach hinten zu schieben: Erst
schien er auf einige Schriftsteller oder Künstler der letzten
zwanzig Jahre zu passen, dann gelangte er, rückwärts
durch die Jahrzehnte wandernd, allmählich bis zum Beginn
des Jahrhunderts, dann ging er noch weiter zurück, und er
ist immer noch unterwegs; bald wird die Kategorie der Postmoderne
bei Homer angelangt sein.«1
Charles Jencks ist da anderer Ansicht. Für ihn endete die
Moderne am 15. Juli 1972 und zwar um 15.32 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt
wurde in St. Louis, Missouri, die Pruitt Igoe-Siedlung gesprengt.
Sie stand - zumindest laut Jencks - für die Architektur
der Moderne.
Da sich also weder stilistisch noch zeitlich ein Bruch aufstöbern
läßt, auf den die Postmodernisten sich einigen würden,
an dem die Postmoderne die Moderne überwunden haben könnte,
behaupten einige findige Postmodernisten, das sei ja auch gar
nicht passiert. So erklärt der Philosoph Gianni Vattimo
- unter Berufung eines selbst gestrickten Mischmaschs aus Heidegger
und Nietzsche - frei heraus, es sei die Moderne gewesen, die
es nötig gehabt habe, alles zu überwinden. Die Postmoderne
habe sich da ganz anders entwickelt und zwar »auf dem Weg
einer Hinnahme-Genesung-Verdrehung, die nichts mehr von der kritischen
Überwindung an sich hat, wie sie für die Moderne so
charakteristisch war.«2
Je mehr Erklärungen man heranzieht, um der Postmoderne auf
den Grund zu gehen, desto weniger scheint von ihr übrigzubleiben.
Sie gibt mehr Rätsel auf, als die Sphinx und das Bermuda-Dreieck
zusammen.
Die Moderne
Ganz anders die Moderne. Sie entstand im 19. Jahrhundert überall
dort, wo die rasante Entwicklung des Industriekapitalismus auf
die alten - königlichen oder kaiserlichen - Herrschaftsstrukturen
stieß. Gerade da, wo das Bürgertum aufgerieben wurde
zwischen dem alten Adel, der immer selbstbewußter werdenden
Arbeiterbewegung und den kleinbürgerlichen Nationalisten,
da zog sich die Bourgeoisie aus der Politik zurück und suchte
nach einem privateren Bereich, in dem sie sich verwirklichen
konnte. Sie fand es oft in der Kunst. Am auffälligsten vollzog
sich dieser Prozeß im Wien um die Jahrhundertwende. Aber
nicht nur Österreich-Ungarn, auch die Metropolen Rußlands,
Deutschlands und Italiens boten eine Bühne für das
gleiche Schauspiel.
Die Moderne selbst begreift man am besten als Reaktion auf die
Durchdringung aller gesellschaftlichen Aspekte durch Warenverhältnisse.
Diese Durchdringung führte zur Fragmentierung, Aufsplitterung
und Isolierung aller gesellschaftlichen Bereiche, da jeder so
profitabel wie möglich für sich arbeiten sollte. So
wurde auch die Kunst zu einem augenscheinlich selbständigen
Tätigkeitsbereich der Gesellschaft.
Daraus sollte schnell eine Neigung der Künstler entstehen,
sich vom Rest des gesellschaftlichen Lebens zu entfremden und
sich immer ausschließlicher auf die Kunst zu konzentrieren.
Dieser Prozeß wurde begleitet von einer ironischen und
distanzierten Haltung zur Wirklichkeit. Die Kunst wurde zu einem
Zufluchtsort von der gesellschaftlichen Welt, die vom Warenfetischismus
beherrscht wurde.
Eine solche Haltung paßte natürlich zu vielen politischen
Richtungen - von Bertolt Brechts Marxismus bis hin zu Ezra Pounds
Faschismus. Aber lange Zeit sollte der Pessimismus die Grundstimmung
der Moderne bleiben. Eine Änderung entwickelte sich nicht
aus einer ästhetischen Logik heraus, sondern unter veränderten
politischen Bedingungen.
Die Verbindung zwischen sozialer und künstlerischer Revolution
wurde durch die russische Revolution 1917 und die deutschen revolutionären
Verhältnisse von 1917-1923 ermöglicht. Die Avantgarde
auf der ganzen Welt, aber ganz besonders die russischen Konstruktivisten,
wie Majakowski, Eisenstein, Rodtschenko, Tatlin und viele andere,
stellten ihre Kunst nicht nur in den Dienst der revolutionären
Propaganda, sondern in den der Um- und Neugestaltung des Alltags.
Die Niederlage der deutschen und dann der russischen Revolution
grub der Avantgarde das Wasser ab. Stalinismus und Faschismus
zerstörten sie letztendlich, nicht nur durch Unterdrückung,
sondern durch das Begraben der Hoffnungen auf die soziale Revolution,
von der das Projekt der Avantgarde abhing.
Spästestens nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Kunst aufgehört,
sich aktiv die Gestaltung der Welt einzumischen und verkam immer
mehr zu einem bloßen Kaufs- und Verkaufsobjekt. Sie veränderte
sich, indem sie sich der Warenwelt kompromißlos anpaßte,
aber sie selbst konnte nicht mehr verändernd auf sie einwirken.
Sie zog sich wieder vollkommen zurück auf den Bereich der
Ästhetik, was bereits das Kennzeichen der Moderne vor 1917
war. Also auch hier: kein Anzeichen für den Anbruch einer
neuen Epoche oder eines neuen Stils.
Der Postmodernismus und seine Vertreter
Das neue Lebensgefühl der Postmoderne, das sich nicht in
einer neuen Kunst äußert und dem auch keine neue soziale
oder wirtschaftliche Epoche zugrunde liegt, fand erst da eine
breite Anhängerschaft, als die kapitalistische Wirtschaft
sich in den Industrieländern von der Krise von 1979-1982
erholte.
Unter den Profiteuren dieser Erholung befand sich die "neue
Mittelklasse" hoch bezahlter Manager und Akademiker. Die
80er waren das Jahrzehnt, in dem die Juppies von sich Reden machten.
Viele aus der neuen Mittelklasse gehörten zur 68er-Generation.
Sie hatten an der breiten Radikalisierung junger Intellektueller
teilgenommen, die der Aufschwung der Klassenkämpfe Ende
der 60er und Anfang der 70er Jahre ausgelöst hatte. Dann
mußten sie den Zusammenbruch der revolutionären Hoffnungen
Mitte und Ende der 70er Jahre erfahren, als die Arbeiter zurück
in die Defensive gedrängt wurden und die radikale Linke
anfing, sich aufzulösen.
Übrig geblieben war eine gesellschaftliche Schicht, die
ökonomisch wohlhabend und politisch enttäuscht war.
Falls sie es überhaupt je getan hatte, glaubte sie nun jedenfalls
nicht mehr an die Revolution; in den Kapitalismus hat sie allerdings
auch kein allzu großes Vertrauen. Diese Haltung war es,
die Jean-François Lyotard mit seiner Theorie vom Bankrott
aller "Meta-Erzählungen" zusammengefaßt
hat. Er selbst war einer der enttäuschten "Meta-Erzähler",
bevor er der hochbezahlte Philosoph wurde, der er heute ist;
bis 1968 hatte er zur trotzkistischen Gruppe Socialisme ou Barbarie
gehört.
Angefangen hatte das Postmoderne-Gerede allerdings schon Ende
der 60er Jahre. Damals wurde es aber nur in kleinen Kreisen diskutiert.
In den 70ern forcierte die CIA die Verbreitung postmoderner Ideen
innerhalb der Intellektuellenszene, indem sie in Kulturzeitschriften,
die sie finanzierte, wie z.B. dem 'Encounter', ihre Leute entsprechende
Artikel schreiben ließ.
Unter dieser Ideologie konnten sich dann alle einstmals radikalen
Intellektuellen versammeln, die 1968 noch vollmundig verkündet
hatten, sie würden durch die Institutionen marschieren,
um das System zu verändern. Nun haben sie die Institutionen
durchlaufen, bekommen fette Gehälter und predigen die herrschenden
Ideen, die sie einst bekämpft haben. Denn der Kernsatz des
Postmodernismus ist die Behauptung, daß es heutzutage weder
wünschenswert noch möglich sei, die Welt kollektiv
zu verändern.
Alter Wein in neuen Schläuchen
Und auch wenn die Postmoderne beansprucht, noch moderner zu sein
als die Moderne, so handelt es sich bei ihr trotzdem um einen
uralten Hut. Wenn sie die Frage stellt, ob wir überhaupt
über ein sicheres Wissen von der Welt verfügen können,
wenn sie in Frage stellt, ob die Menschen überhaupt in der
Lage sind, die Welt zu begreifen, dann tut sie nichts anderes,
als es etliche philosophische oder ideologische Strömungen
vor ihr auch schon getan haben.
Die Frage, ob der Mensch über sicheres Wissen verfügen
und die Welt wirklich erkennen könne, wurde immer dann gestellt,
wenn eine Gesellschaftsform in eine existenzbedrohende Krise
geriet: im alten Griechenland die Sklavenhalter-Gesellschaft,
im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts die Reste des feudalistischen
Systems und schließlich Mitte und Ausgang des 20. Jahrhunderts
die bürgerliche Ordnung auf der ganzen Welt.
Zu diesen Wendepunkten der Geschichte brauchte die Gesellschaft
immer wieder eine neue Ordnung, weil die alte ihr Überleben
nicht mehr sichern konnte. Die Sklavenhalter wurden abgelöst
vom Adel, der den Feudalismus durchsetzte, der Adel vom Bürgertum,
das den Kapitalismus durchsetzte, und das Bürgertum sieht
sich der Arbeiterklasse gegenüber, die die Konkurrenz abzuschaffen
droht, die die Quelle ihres Profites ist.
Wenn sich aber einer herrschenden Klasse die Alternative stellte,
ihre privilegierte Stellung aufzugeben, um »einer revolutionären
Umgestaltung der ganzen Gesellschaft« durch eine andere
Klasse das Feld freizumachen oder den Kampf aufzunehmen und so
den »gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen«3
zu provozieren, entschied sie sich meistens dafür, ihre
Privilegien mit Klauen und Zähnen zu verteidigen, obwohl
sie damit auch ihren eigenen Untergang betrieb. In solchen Kämpfen
entwickelte sie einen erstaunlichen Erfindungsreichtum dabei,
Methoden zu entwickeln, mit denen sie die Augen vor den Anzeichen
der nahenden Katastrophe verschließen konnte.
Sie behauptete einfach, weder unsere Sinnesorgane noch unsere
Wissenschaft könnten uns dabei helfen, ein stimmiges Bild
von der Welt zu entwickeln. Wir nähmen bloß Erscheinungsformen
wahr, die mit der Realität gar nichts zu tun hätten.
Eine solche Haltung nennt man "Agnostizismus". Das
Sein und die Welt seien für die Menschen nicht erkennbar.
Die herrschenden Klassen haben sich diese Haltung so zunutze
gemacht, daß sie gesagt haben, wer aufgrund falscher Annahmen
handelt, provoziere eine Katastrophe.
So konnten sie sich einerseits selber einreden, sie müßten
unnachgiebig an ihrer alten Ordnung festhalten, auch wenn es
den Anschein hatte, sie führe in den Untergang - es hatte
doch nur den Anschein, in Wirklichkeit war ja alles ganz anders.
Andererseits hatte sie eine Rechtfertigung, alle Vorkämpfer
für eine neue Ordnung und jegliche Opposition rücksichtslos
niederzuschlagen - schließlich drohten die, das empfindliche
System aus dem Gleichgewicht zu bringen, das ja niemand verstand
und deshalb auch keiner wiederherstellen konnte.
Und auch wir leben in einer Epoche, in der der Kapitalismus unsere
Bedürfnisse immer schlechter befriedigen kann. Eine Katastrophe
jagt die nächste, und das Überleben der gesamten Menschheit
wird immer mehr in Frage gestellt. Anstatt aber nun das Feld
zu räumen, schickt das Kapital seine Ideologen aufs Schlachtfeld,
die versuchen, uns weiszumachen, die Welt bilde überhaupt
keine Einheit, die wir erkennen könnten. Alles sei so fürchterlich
kompliziert, daß man nicht einmal davon ausgehen könne,
daß der Eindruck, den wir von der Welt haben, überhaupt
zutreffe. Versuchte man auch nur, die Welt zu verändern,
zöge das katastrophale Folgen nach sich; man sollte am besten
alles so lassen, wie es ist.
Den Kapitalisten ist es egal, ob die Welt nicht eh schon durch
sie auf die Katastrophe zurast. Sie krallen sich an ihren Privilegien
fest und nehmen es mit Gelassenheit, daß sie immer mehr
Menschen in die Arbeitslosigkeit feuern, immer mehr verhungern
lassen und immer öfter und brutaler Kriege führen,
nur, um ihre Ordnung überhaupt aufrecht erhalten zu können.
Sie meinen, sich diese Gelassenheit auch gönnen zu dürfen,
wenn sie bei ihrem Ideologen Jean Baudrillard nachlesen können,
daß etwa der ganze schreckliche Golfkrieg vielleicht auch
nur eine Medieninszenierung gewesen sei, und niemand sagen könne,
ob er wirklich stattgefunden habe oder nicht.
Durch Logik kann man die Behauptung der Postmodernisten, den
menschlichen Sinnen sei ein objektives Erkennen der Welt gar
nicht möglich, allerdings weder bestätigen noch entkräften.
Man kann es glauben oder nicht.
Trotzdem gibt es eine Möglichkeit festzustellen, ob wir
über ein stimmiges Bild von der Welt verfügen. Und
diese Alternative ist genau die Möglichkeit, die uns die
herrschende Klasse mit ihrem Agnostizismus oder Postmodernismus
nehmen will: Es ist das Handeln, die Tat, die uns zeigt, ob wir
von den richtigen Vorstellungen ausgegangen sind. Die Theorie
muß sich im Test der Praxis als richtig oder falsch erweisen.
Und Marx, dem die ganzen Postmodernisten einen Abgesang bereiten
wollen, war in seinen jungen Jahren schon weiter als die wieder
etablierten Alt-68er. Im Alter von 27 Jahren schrieb er:
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert,
es kommt aber darauf an, sie zu verändern.4
Fußnoten:
1. Umberto Eco: "Postmodernismus, Ironie und Vergnügen",
in ders.: "Nachschrift zum ,Namen der Rose' ", München
1987, S. 77
2. Gianni Vattimo: "Nihilismus und Postmoderne in der Philosophie",
in Wolfgang Welsch (Hg.): "Wege aus der Moderne", Berlin
1994, S. 246
3. Karl Marx, Friedrich Engels: "Manifest der Kommunistischen
Partei" (1848), IS-Broschüre, Köln 1996, S. 4
4. Karl Marx: "Thesen über Feuerbach" (1945) [11.
These], in Friedrich Engels: "Ludwig Feuerbach und der Ausgang
der klassischen deutschen Philosophie", IS-Broschüre,
Köln 1994, S. 36
Literatur-Tip:
Terry Eagleton: "Die Illusionen der Postmoderne", Stuttgart/Weimar
1997
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