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Sloterdijk-Debatte:
Der Rechtsruck erreicht die Philosophenkanzeln Francis Byrne Der gesellschaftliche Rechtsruck geht weiter Nach Martin Walsers Forderung, einen Schlußstrich unter die Betroffenheit über den Holocaust zu setzen, wird jetzt mit großen Schritten weiteres intellektuelles Terrain von rechts besetzt. Mit seiner Rede auf einer Martin Heidegger-Tagung auf dem bayerischen Schloß Elmau entfachte der Karlsruher Ästhetikprofessor Sloterdijk eine neue Debatte von rechts: Der Titel der Rede lautete "Regeln für den Menschenpark". In ihr forderte Sloterdijk, daß die Menschen die »Herausforderung der Menschenproduktion aufgreifen«, und mit »pränataler Selektion«, »Menschenzucht« und »Anthropotechniken« ihr biologisches Schicksal lenken sollten. Das Vokabular und die Inhalte von Sloterdijks Rede reihen ihn unter so zweifelhafte Philosophen wie Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger ein, und lassen kaum einen Unterschied zu den "Rassenhygienikern" der Nationalsozialisten erkennen. Sein Vokabular läßt ihn ganz deutlich in die Tradition der Nazitheoretiker treten. Bekanntlich führte das Eugenik-Programm der Nazis zur Zwangsterilisation Hunderttausender und zur Ermordung von Millionen Menschen. Schon Anfang der 90er Jahre hatte der australische Professor Peter Singer menschenverachtende Naziideen vertreten. So sagte er, das Leben eines gesunden Tieres oder einer gesunden Pflanze sei von größerem ethischen Wert, als das Leben eines kranken Menschen. Teile der ökologischen und moralischen Linken ließen sich dadurch von Singer in den braunen Sumpf führen. Daß nun deutsche Intellektuelle einen Schlußstrich unter den Holocaust fordern oder ganz offen zu Menschenzucht-Ideen zurückkehren können, ist ein Ausdruck des allgemeinen Rechtsrucks in der Gesellschaft. Der 'Spiegel' schreibt dazu: »Seit den sechziger Jahren hatte in Deutschland der intellektuelle Geist konstant von links geweht. ... In Sloterdijks ,Menschenpark' sind die schönen Träume der 68er wie mit einem rhetorischen Knall zerstoben. ... Schon die Einseitigkeit, mit der Sloterdijk seine philosophischen Zeugen - Platon, Nietzsche, Heidegger - ausschlachtet, ist ein Rückfall in eine andere Welt. Seine Textmontagen künden von einer elitären, antidemokratischen Geisteshaltung, von tiefem Mißtrauen gegen die menschliche Natur, der laut Sloterdijk mit ,Zähmung kaum noch beizukommen ist'. Wo der linksliberale Zeitgeist noch kürzlich nach sexueller Befreiung, sanfter Pädagogik oder humanerem Strafvollzug rief, ...« ruft die "neue-alte" Philosophie nach »einer ,genetischen Reform der Gattungseigenschaften' ... ,expliziter Merkmalsplanung' und ,pränataler Selektion'.« Gesellschaftliche Debatten werden nicht mehr über Ökologie, Ausweitung der demokratischen Rechte oder ähnliches geführt, sie kommen seit Jahren von rechts. Der Wind bläst also den wenigen Linken noch härter ins Gesicht und wird mit den Ideen Sloterdijks nun verstärkt auch die Universitäten erreichen. In den 70er Jahren war es in den Fachbereichen Wirtschaft an den Universitäten noch üblich, den gesellschaftlichen Nutzen von Betrieben an ihrer Möglichkeit, Arbeitsplätze zu schaffen, zu messen. Heute zählt nur noch eins: Profit, Profit, Profit. Die Konkurrenzlogik in der Ökonomie ist mittlerweile fast unwidersprochen. Aber auch die anderen universitären Fachbereiche drohen, zunehmend einen Weg nach rechts einzuschlagen. In Psychologie, Pädagogik, Biologie, Geschichte drohen noch stärker als bisher rückwärtsgewandte, reaktionäre Ideen vorzuherrschen. Ideen aus dem Mittelalter Die Studentenbewegung der 68er fegte den Staub, den Muff und die alten Naziprofessoren von den Unis. Grundlage der derzeitigen intellektuellen Gegenrevolution ist der radikale Abschied vom letzten Rest des marxistischen Gedankenguts, - so verschwommen es die deutsche Nachkriegslinke auch dargestellt hat - , daß nämlich »das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt«. Die Ideen Sloterdijks kehren zurück zu sozialdarwinistischen Ideen: Gründe für Alkoholismus, Kriminalität, für die Verzweiflung und Entfremdung der Menschen, für Armut und Arbeitslosigkeit, für Kriege, Hunger und und und sind nicht in den gesellschaftlichen Widersprüchen des Kapitalismus zu suchen, sondern im Individuum selbst. Die Gesellschaft ist in Ordnung, nur die Biologie des Menschen ist schlecht. Was diese biologisch deterministischen Ideen so besonders gefährlich macht ist, daß sie dem Menschen jeden Freiraum ausschließen, die Dinge zu verändern. »Denn wenn die Organisation der menschlichen Gesellschaft - einschließlich aller Ungleichheiten - eine direkte Folge unserer Biologie ist, dann kann keine Maßnahme - mit Ausnahme eines eugenischen Programms gigantischen Ausmaßes - eine Änderung der Gesellschaftsstruktur bewirken. Wir können kämpfen, Gesetze verabschieden, sogar Revolutionen machen - es ist alles vergeblich. Die natürlichen Unterschiede zwischen Individuen und Gruppen werden, vor dem Hintergrund biologischer Universalien menschlichen Verhaltens, am Ende all unsere Anstrengungen, die Gesellschaft neu zu gestalten, zum Scheitern verurteilen.« (Aus: Lewontin, Rose, Kamin - "Die Gene sind es nicht", München, 1988, S. 13) Genau dieses eugenische Programm gigantischen Ausmaßes schwebt Sloterdijk vor, wenn er von bevorstehenden »gattungspolitischen Entscheidungen« spricht. Die Ideen des geistigen Mittelalters werden zu modernen Ideen umgedichtet. Und die Kritik an der Gesellschaft soll zu einem Tabu erklärt werden und einem neuen chauvinistischen deutschen Weltbild weichen. Die demokratische Gestaltung der Gesellschaft soll einem undemokratischen Biologismus Platz machen. Und sogar der 'Spiegel' kommentiert: »Züchtung statt Erziehung, Biologie statt Politik, Rasse statt Klasse.« Gentechnik Verteidiger von Sloterdijks Ideen behaupten, daß er nur das philosophisch reflektiert, was heute schon durch die Gentechnik Praxis ist bzw. in wenigen Jahren möglich sein wird. Tatsächlich kann man heute schon Krankheiten, die als unheilbar galten, aufspüren und große medizinische Fortschritte erzielen. Aber innerhalb dieses Konkurrenzsystems wird mit der Gentechnik die Horrorvision von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" zur perversen Möglichkeit. Von den technischen Möglichkeiten profitieren können nur die Reichen bzw. die Pharmakonzerne. Eine so gefährliche Wissenschaft, wie die Gentechnik gehört nicht in die Hände einer Gesellschaft, die von Ausbeutung und Krieg lebt, sondern in die Hände einer demokratischen und solidarischen Gesellschaft. Redeverbot für Sloterdijk Sloterdijk spielt sich als Opfer auf und spricht von »linksfaschistischer Agitation« gegen ihn. Die philosophische Schule der Kritischen Theorie kritisierte ihn heftig für seine Rede. Im Gegenzug rückt er sie in die Nähe der iranischen Mullahs, die eine "Fatwa" (also eine Todesdrohung wie im Falle von Salman Rushdie) gegen ihn ausgesprochen hätten. Den geistigen Führer der kathedermarxistischen und kaum radikalen Kritischen Theorie Habermas und seine Schule bezeichnete Sloterdijk als »Mudschahidin der Kritischen Theorie« und stellt sich selbst als Opfer der linken "political correctness" dar. Auch wenn der Rechtsruck bei den Intellektuellen rasant ist, ist es nicht unmöglich, sich diesem entgegenzustellen. Die Linke muß sich zusammen mit Bündnispartnern den Ideen von Walser, Singer, Sloterdijk, Enzensberger, Rabehl, Mahler und anderen entgegenstellen und ihre Veranstaltungen stören. Aber die Linke muß auch ihre Hausaufgaben machen und darf nicht in blinden Aktionismus verfallen. Sie muß sich wieder stärker am Marxismus orientieren und den Klassenkampf der Arbeiterklasse wieder ins Zentrum ihrer Perspektive rücken. Die 68er-Studentenbewegung konnte nämlich nur deshalb erfolgreich den Staub der vergangenen tausend Jahre aus der Gesellschaft pusten, weil der größte Generalstreik in der Geschichte, der Pariser Mai 1968, die Arbeiterklasse und ihre Forderungen auf die Tagesordnung gesetzt hat. Die Widersprüche des kapitalistischen Systems verschärfen sich zusehends und ein Pariser Mai wird sich in Tokyo, New York oder London wiederholen. Wichtig ist dann, daß die Linke ihre Hausaufgaben gemacht hat und eine klare revolutionäre Führung aufgebaut hat. Erst dann können wir dem reaktionären und faschistischen Spuk ein für alle Mal ein Ende setzen. Bis dahin wird ein Sloterdijk, der 1968 noch den Muff von tausend Jahren unter den Talaren entfernen wollte, damit beschäftigt sein, ihn wieder unter den Talar zu kehren - diesmal allerdings unter seinen eigenen. zurück zum Seitenanfang |