Wer wird das 21. Jahrhundert kontrollieren?
John Rees

Je näher wir dem Jahr 2000 gerückt sind, desto größere Angst äußerte sich vor den sozialen und wirtschaftlichen Kräften, die die menschliche Gesellschaft formen - die Angst davor, daß die Menschen weniger Kontrolle über ihr eigenes Schicksal haben werden als jemals zuvor.
Ich will versuchen, mich auf vier Themen zu konzentrieren, um die herum sich diese Stimmung ausdrückt: Die Globalisierung der Weltwirtschaft, die Bevölkerungsexplosion, den Nationalismus und die "Auflösung" der Arbeiterklasse.
Die Globalisierungsfrage hat einen Mythos geschaffen, dessen Glaubensanhänger man im gesamten politischen Spektrum antreffen kann. Es wird argumentiert, die Welt habe eine grenzenlose Wirtschaft geschaffen, in der die gigantischen multinationalen Konzerne so große Macht besitzen, dass sie Kapital, Arbeitsplätze und Geld um die Welt bewegen können, ohne dass ein Staat oder gar eine Arbeiterklasse die Möglichkeit habe, sich ihnen zu widersetzen. Der Vorsitzende von Dow Chemicals hat gesagt, er habe »schon lange davon geträumt, eine Insel zu kaufen, die keinem Staat gehört, und dort die Firmensitze der Dow Company auf wirklich neutralem Boden zu errichten - keiner Nation oder Gesellschaft verpflichtet.« Nun würde es ihm in Wirklichkeit aber gar nicht gefallen, zu keiner Nation oder Gesellschaft zu gehören. Nationen und Gesellschaften stellen die Märkte für Firmen wie Dow Chemicals.
Solche Mythen haben aber zwei sehr mächtige Kreise, von denen sie vertreten werden. Für jede nur denkbare Schattierung konservativer Ansichten ist es ideologisch äußerst sinnvoll, einen globalen Markt heraufzubeschwören, in dessen Angesicht kein Staat und keine Arbeiterklasse Widerstand leisten kann. Wenn "sie" versuchen, einen Mindestlohn oder zurückhaltende Gewerkschaftsorganisationen durchzusetzen, werde das bloß die Produktionskosten auf "ihrem" Flecken des globalen Marktes erhöhen und die Arbeitsplätze und Firmen dazu zwingen, anderswo hin zu ge hen - frei nach dem Mot to: »Ich kann doch nichts dafür; der Weltmarkt ist schuld.«
Nicht nur die Rechten finden dieses Argument attraktiv. Auch die Sozialdemokraten fühlen sich weltweit gleichermaßen von ihm angezogen. Sie meinen, in einer Ökonomie ohne Grenzen könnten wir es uns nicht herausnehmen, "unserer" Kapitalistenklasse Kosten aufzubürden, die nicht auch von jeder anderen Kapitalistenklasse getragen werden würden. So liefert das Argument ein für jeden nutzbares Alibi - von der harten Rechten bis hin zur reformistischen Linken.
Ein Körnchen Wahrheit liegt in dieser Behauptung. Unzweifelhaft trifft es zu, dass der Welthandel, die Weltfinanzen und die internationale Warenproduktion in der Nach kriegsperiode enorm gewachsen sind. Ausländische Direktinve sti tio nen - die ausländischen Investitionen durch globale Konzerne in alle beliebigen Länder, außer dem, aus dem sie stam men - sind extrem gestiegen, wobei sich ihre Wachstumsrate in den letzten 20 oder 30 Jahren ebenfalls erhöht hat.
Welthandel, internationale Finanz-Transaktionen und ausländische Direktinvestitionen haben sowohl im Verkehr zwischen den entwickelten Industrieländern zugenommen als auch - obwohl in niedrigerem Maße - im Verkehr zwischen Industrie- und "Entwicklungs"ländern. Trotzdem existieren hier sehr eng gezogene Grenzen. Multinationale Konzerne sind keine Organisationen, die sich an Orten wie beispielsweise den Kai maninseln niederließen und an keinen Nationstaat gebunden wären. Sie sind keine Institutionen, die nicht an einen bestimmten Flecken Boden gebunden wären und mit fast magischer Leichtigkeit ihre Fähigkeit ausbeuten würden, ihr Kapital über den gesamten Globus verschieben zu können. Diese Vorstellung ist völlig verfehlt.
Die überwältigende Mehrheit der Multinationalen haben die Mehrheit ihres Vermögens in einem einzigen Land. Die Top-Multis in den USA besitzen ein Totalvermögen von 1.300 Milliarden $. Davon sind 1.000 Milliar den $ in den USA selbst investiert. Damit ist es nur ein wahrhaft kleiner Anteil des Totalvermögens US-amerikanischer Multis, der außerhalb ihres Heimatlandes liegt. Von den japanischen Top-Multis mit einem Totalvermögen von 750 Milliarden $ liegen ganze 500 Milliarden $ in Japan selbst. Von den deutschen Top-Multis mit einem Totalvermögen von 250 Milliar den $ sind ganze 60% im Inland angelegt.
Fängt man an, hinter das mystische Bild des global-internationalen Konzerns zu blicken, kann man auch sehen, warum das notwendigerweise so sein muss. Wenn es um Arbeitskräfte geht, um Beziehungen zwischen Nationalstaaten, um das gigantische Mißverhältnis von Reichtum und Macht zwischen den armen und den reichen Ländern und den verschiedenen Klassen, dann trifft es nicht zu, daß jede kapitalistische Firma die Kosten auf ihren eigenen Schultern tragen will. VW will keine eigene Polizeikraft leiten. Die Dresdener Bank will weder eine eigene Armee noch ein eigenes Gefängnissystem und noch viel weniger ein eigenes Erziehungs- oder Sozialsystem, geschweige denn, ihre eigenen Straßen zwischen den verschiedenen Filialen selber bauen. Notwendigerweise verlassen sich alle Kapitalisten darauf, dass ein Staat das macht. Als Karl Marx geschrieben hat, daß die »moderne Staatsgewalt ... nur ein Ausschuss [ist], der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet«,1 meinte er damit nur, dass die Klasse der Kapitalisten sich nicht in einer Welt behaupten könnte, die allein von konkurrierenden Firmen bewohnt würde. Die Kapitalisten benötigen eine Institution, die kollektiv den Klassenfeind - die Arbeiter klas se - angeht und die Vorbedingungen für die kapitalistische Produktion schafft: z.B. Eisenbahnverbindungen, soziales Netz und Erziehung und Ausbildung der Arbeitskräfte.
Grenzen des Weltmarktes
Für all das hat der Nationalstaat eine große Bedeutung. Große Stücke des amerikanischen Kapitalismus wären heute Bankrott, gäbe es nicht die Bundesprogramme der Spar- und Kreditfonds. Aber die Konkurrenz zwischen Rivalen auf dem internationalen Markt ist nicht nur eine Frage der ökonomischen Stärke, niedrigerer Lohnquoten oder billigerer Produktionskosten. Es ist genauso gut eine Frage der militärischen Macht. Wenn Ölfelder beschützt werden sollen, dann reicht es nicht, wenn man bloß einen Verwaltungsrat oder ein paar Direktoren bei Shell oder Exxon hat, man braucht auch die Marine. Das sind die üblichen Funktionen, die der Staat für die Gesamtheit der Kapitalistenklasse übernehmen muss, wenn die auch nur davon träumen will, zurande zu kommen.
Man nehme nur das Beispiel der Ford Motor Corporation und dem amerikanischen und deutschen Staat in den 30er und 40er Jahren. Auch wenn das multinationale Kapital sich hauptsächlich auf einen Staat stützt, so muss es doch Beziehungen zu anderen Staaten entwickeln. Vor dem Krieg hat Ford beachtliche Subventionen vom Nazistaat erhalten, um Werke in Deutschland zu bauen. Anfang der 40er Jahre kam es zu einen unglücklichen Umsturz der Geschäftsbeziehungen und die Alliierten warfen Bomben auf die Ford-Fabriken in Deutschland. Nach dem Krieg verlangte Ford von der amerikanischen Regierung Reparationszahlungen für die entstandenen Schäden in ihren Fabriken. Natürlich hat ein multinationaler Konzern Beziehungen mit mehr als einem Staat, natürlich wird er versuchen, Differenzen und Konflikte zwischen den verschiedenen Staaten auszunutzen, aber letztendlich beruht er für sein Wohlergehen auf dem einen oder anderen Staat - und charakteristischerweise auf einem Staat im Besonderen.
Tatsächlich stimmt es nicht einmal, dass es einen globalen Markt für alles gibt. Man kann von einem Weltmarkt für Fluglinien sprechen. Schwieriger aber wird es, wenn man von anderen Dingen spricht. Es ist gar nicht so einfach, ein globales Produkt zu verkaufen. Man hat versucht, die Limonade 7 Up in Shanghai zu verkaufen und konnte einfach nicht feststellen, warum der Artikel nicht lief, bis man schließlich herausfand, dass 7 Up im lokalen Dialekt "Tod durch Trinken" bedeutet - es gibt Grenzen für den globalen Markt.
Und wir erleben auch nicht die Prophezeiung mit, die die Titelseite von 'Newsweek' vor kurzem verkündet hat: »Das Verschwinden des Nationalstaates durch die Entwicklung des Kapitalismus«. Im Gegenteil, der Staat begleitet uns und ist ökonomisch mächtiger als jemals zuvor im 20. Jahrhundert. Der Staat wird der zwangsläufige Partner des privaten Kapitals bleiben. Staat und Kapital brauchen einander, bedingen einander und werden es auch im 21. Jahrhundert weiter tun.
Aber es gibt etwas, dass das Wachstum des Weltmarktes zu verändern beginnt - es erhöht die Einsätze in der internationalen Konkurrenz zwischen Staaten und Firmen. Wenn einer der riesigen Konzerne, die in einem globalen Kampf um die Vorherrschaft gefangen sind, pleite geht, schliddern große Teile des Systems mit in den Bankrott. Davon sind Millionen Leben betroffen, was genau der Grund dafür ist, warum staatliche Fonds existieren, wie die Spar- und Kreditfonds in den Vereinigten Staaten. Wenn der 'Economist' vorhersagt, dass 30% der großen europäischen Firmen zur Jahrhundertwende schließen oder mit anderen fusionieren werden, kann man eine ungefähre Vorstellung vom Schaden bekommen, der für die einfachen Menschen entsteht. Hat man eine Gesellschaft, die auf der Grundlage von Konkurrenz um Profite organisiert ist, dann bedeutet das, dass Arbeitsplätze, Löhne, Lebensstandards und Gewerkschaftsrechte dieser Menschen unter ständigem Beschuss stehen. So intensiviert das Wachstum des globalen Marktes die Rivalitäten zwischen Firmen und Staaten, sowohl innerhalb von Nationalökonomien als auch zwischen ihnen.
Die Bevölkerungs explosion - Mythos und Wirklichkeit
Die Angst vor der Bevölkerungsexplosion wird am besten von einem Buch Paul Kennedys zusammengefasst, "Vorbereitungen auf das 21. Jahrhundert". In einer typischen Passage schreibt er:
»Das entworfene Wachstum der Weltbevölkerung kann nicht mit unseren gegenwärtigen Konsummethoden und -niveaus ernährt werden. Anders als Tiere und Vögel zerstören Menschen Wälder, verbrennen fossile Treibstoffe, legen Sümpfe trocken, verschmutzen Flüsse und Meere, durchwühlen die Erde nach Erzen, Ölen und anderen Rohstoffen... Deshalb ist es von Bedeutung, ob der Planet vier Milliarden Menschen beherbergt, wie er es 1975 getan hat, oder ob es acht oder neun Milliarden sind, wie es im Jahr 2005 wohl der Fall sein wird.«
Hier haben wir das Argument in seinem Kern, versehen mit einem ökologischen Anstrich für den Ausgang des 20. Jahrhunderts.
Trotzdem ist das Argument nicht neu, sondern hat eine lange Ahnenreihe. Die Vorstellung, dass eine Bevölkerungsexplosion die mensch liche Gesellschaft überwältigen würde, wurde von ihrem prominentesten Vertreter, Thomas Mal thus, 1798 aufgestellt. Er argumentierte, die Bevölkerung werde unvermeidlich schneller wachsen als die Mittel, mit denen man sie ernährt. Unter solchen Umständen würden Kriege, Tod und Unterernährung die Bevölkerung wieder auf ein solches Niveau reduzieren, auf dem sie sich mit der verfügbaren Agrar- und Industrieproduktion am Leben erhalten kann.
Tatsächlich lag Malthus mit seiner Vorhersage völlig falsch. In dem Jahrhundert, das demjenigen folgte, in dem er seine Thesen schrieb, wuchs die Bevölkerung um das Vierfache, während das Bruttonationalprodukt um das 14fache wuchs - als Ergebnis der industriellen und landwirtschaftlichen Revolutionen. Es gab auch eine massive Wanderungsbewegung. Etwa 20 Millionen Menschen haben z.B. Britannien zwischen 1815 und 1914 verlassen. Die britische Bevölkerung betrug eher 41 Millionen und nicht 71 Millionen, die sie ohne die Abwanderung betragen hätte. So ist es zu einer ganz anderen gesellschaftlichen Entwicklung gekommen als zu der, die Malthus skizziert hat.
Heute ist es selbst in viel höheren Zahlen möglich, Menschen aufzunehmen, die ihre Fähigkeit entwickeln, soviel zu produzieren, dass sie im nächsten Jahrhundert tatsächlich eine viel größere Bevölkerung ernähren können. Wenn man beginnt, sich die riesigen Produktionskapazitäten anzusehen, die die Menschen zu ihrer Verfügung haben, wird schnell klar, dass solche Möglichkeiten existieren. Die Vereinten Nationen kamen 1976 zu der Feststellung, es sei kein Problem, die weltweite Nahrungsmittel-Produktion mit dem bereits exisiterenden Wissen und den existierenden Ressourcen zu verdoppeln. Noch danach hat die US-Behörde für internationale Entwicklung vorhergesagt: »Würde das Ackerland unseres Planeten so effizient kultiviert wie in den Niederlanden, würde der Planet 67 Milliarden Menschen ernähren können - 17 mal mehr Menschen als heute leben.« Deshalb ist es offensichtlich, dass die Bevölkerung der heutigen Welt und jede denkbare Bevölkerung im ersten Viertel des nächsten Jahrhunderts selbst mit viel bedeutungsloseren Verbesserungen in der landwirtschaftlichen Produktivität mit den Ressourcen ernährt werden kann, die die Menschen zu ihrer Verfügung haben.
Und jede weitere landwirtschaftliche oder industrielle Entwicklung würde auch die Geburtsrate senken. Alle Erwartungen einer massiven Bevölkerungszunahme beruhen auf der Vorstellung, daß die Geburtenrate genauso kontinuierlich weiter steigen wird, wie es im Moment in den ärmsten Ländern der Fall ist. Aber in Wirklichkeit sinkt die durchschnittliche Größe der Familien mit der Industriealisierung, der landwirtschaftlichen Entwicklung, der Literazität, der Erziehung und Ausbildung - dem Fortschritt der Gesellschaft. Die Welt enthält sowohl materiell und technologisch als auch im Hinblick auf ihre potentielle Entwicklung die Möglichkeit, eine ganz andere Art Bevölkerungswachstum an den Tag zu legen als die, die die verdrossenen Neo-Malthusianer an die Wand malen.
Eric Hobsbawm bemerkte in seinem Buch "Das Zeitalter der Extreme" zur Zeit des Nachkriegs-Booms:
»Und obwohl sich die Bevölkerungen vervielfachten, verlängerte sich die Lebenserwartung um durchschnittlich sieben Jah re - sogar um siebzehn Jahre, ver gleicht man die späten dreißiger mit den späten sechziger Jahren. Das konnte nur bedeuten, dass die Nahrungsmittelproduktion schneller wuchs als die Menschheit. Und genau das war sowohl in den industrialisierten als auch in den großen Regionen der nichtindustrialisierten Welt der Fall.«2
Zumindest in Zeiten ökonomischer Expansion wuchs selbst im Kapitalismus die Nahrungsmittel-Produktion schneller als die Bevölkerung. In den reichen Industrieländern existiert nicht die geringste Krise des Bevölkerungswachstums. Tatsächlich gibt es dort eine zahlenmäßig abnehmende Arbeitskraft, die in der Lage ist, das momentane Industrieniveau zu halten. Das Bevölkerungswachstum scheint sich außerhalb der Zentren des entwickelten Kapitalismus abzuspielen. Deshalb wird es - wie im 19. Jahrhundert - eine Wanderungsbewegung geben.
Hunger - ein selbstgemachtes Problem
Worauf es ankommt, ist die er-wartete Veränderung im Bevölkerungswachstum zwischen den fortgeschrittenen Ländern und ihren nächsten Nachbarn. Paul Kennedy schreibt:
»Australien, dessen Bevölkerung 1990 bei 16,7 Millionen lag und erwartungsgemäß leicht anwächst auf 22,7 Millionen im Jahr 2025, liegt nahe an Indonesien, wo ein Bevölkerungswachstum von 180 auf 263 Millionen im gleichen Zeitraum vorhergesagt wird. Die südeuropäischen Staaten Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und Griechenland, deren Gesamtbevölkerung schätzungsweise um nur 5 Millionen zwischen 1990 und 2025 wächst, liegen in der Nähe der nordafrikanischen Länder (Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten), deren Bevölkerung in diesen Jahren voraussichtlichum 108 Millionen wachsen wird.«
Die schreckliche Tragödie ist, daß die rassistische Einwanderungspolitik, die sowohl von den sozialdemokratischen als auch den konservativen Regierungen weltweit erzwungen wird, genau diejenigen Migrationen verhindert, die eine "Überbevölkerung" ausgleichen könnten.
Die Schwierigkeit der europäischen kapitalistischen Regierungen wird brilliant in einem Ausspruch von Henry Ford zusammengefaßt, der gesagt hat: »Wie kommt es, daß ich jedesmal, wenn ich zwei Hände will, einen ganzen Menschen bekomme?« Es ist nicht so, daß sie keine Arbeitskräfte bräuchten, was sie nicht brauchen, sind Menschen. Einwanderungskontrollen sind unvermeidlich damit verbunden, ob die Freiheit, sich weltweit bewegen zu können, für Henry Fords Nachfolger profitabel ist oder nicht.
Das ist ein soziales und kein ökologisches Problem, ein Problem von Klassenverhältnissen und kein absolutes Problem der Überbevölkerung. Die Malthusianer wollen aus einem sozialen, politischen und ökonomischen Problem ein natürliches und damit ein unlösbares Problem machen.
Die Aussichten auf die Zukunft verlangen eine klare Entscheidung. Es kann zu Hunger, Verhungern und Tod in einem gigantischen Ausmaß kommen - aber nicht, weil ein "natürliches" Problem der Überbevölkerung existiert - oder den arbeitenden Menschen gelingt es, die Kontrolle der riesigen Anteile des Weltkapitals, das in privaten Händen liegt, zu übernehmen und die produktiven Kapazitäten, die zur Zeit brachliegen, in Gang zu bringen. Die Alternativen sind menschengemachte Katastrophen, wie die irische Hungersnot im 19. Jahrhundert - allerdings auf einer globalen Ebene - oder Sozialismus.
Nationalismus
Die dritte Frage - Nationalismus - ist die Widerspiegelung einer Gesellschaft, in der Ungleichheit herrscht, die gespalten und deshalb nicht in der Lage ist, die elementarsten Überlebensmittel für viele ihrer Mitglieder zu sichern. Gleichzeitig hat sie eine enorme Konkurrenz hervorgebracht, die von den mächtigsten Staatsmaschinerien organisiert, überwacht und durchgesetzt wird, die die Welt je gesehen hat. Eine solche Situation kann nichts anderes als Nationalismus hervorbringen. Es ist nicht sehr überraschend, dass das Mißverhältnis zwischen den verfügbaren Mitteln zum Unterhalt für die Masse der Bevölkerung und dem enormen Wachstum der Staatsmaschinerie an der Spitze der Gesellschaft Konflikte produziert: Einen Ausdruck der Unfähigkeit der Gesellschaft, Nutzen aus ihren Resourcen zu ziehen - sowohl in nationaler als auch in ethnischer Hinsicht.
Wenn die Resourcen "knapp" sind - wenn die Knappheit ein künstliches Produkt des Systems ist - dann halten Leute manchmal nach einer Kraft Ausschau, die in der Lage zu sein scheint, anderen Menschen die Mittel wegzuschnappen, die zum Überleben notwendig sind. Die Konkurrenz zwischen den Staaten ist ein Weg, einen Anteil am globalen Marktplatz zu erkämpfen und zu ergattern. Das kann Menschen, die den elementarsten Lebensmitteln beraubt sind, als einziger Ausweg erscheinen, auf dem sie in einer von Konflikten zerrissenen und feindlichen Welt überleben können.
Der verzweifelte Wunsch seinen "eigenen" Staat zu schaffen, seinem eigenen Staat gegenüber loyal zu sein, ihn für den Versuch zu benutzen, eine Nische im Weltmarkt zu graben, um die Brocken zu verteidigen, die man ergattern konnte, kann zu einem der zentralen Triebkräfte in der Gesellschaft werden, wie wir im ehemaligen Jugoslawien, in der ehemaligen UdSSR oder den afrikanischen Staaten sehen konnten. Immer und immer wieder das gleiche Muster: Der Mangel, das Elend, die Arbeitslosigkeit, der Hunger finden einen Ausweg in nationaler oder ethnischer Identifikation. In Afrika, von der Sahara bis zu den südafrikanischen Grenzen, gibt es 450 Millionen Menschen, die vom gleichen Bruttosozialprodukt leben, das 11 Millionen Belgier produzieren. Nur allzu leicht kann man erkennen, welche Kräfte die Menschen in ethnische oder nationale Konflikte treiben.
Aber zur selben Zeit kann es auch andere Ausdrücke der gleichen Konflikte geben. In Jugoslawien war die Situation ein schrecklicher nationalistischer Krieg, aber sie trat zuerst in Gestalt eines Generalstreiks auf den Plan. Erst als der Streik scheiterte, begann der nationalistische Krieg. Eric Hobsbawm hat beispielsweise Tagebücher von Soldaten im Ersten Weltkrieg herausgegeben, als sie in einen riesigen nationalistischen Krieg aufbrachen, zerrissen von Nationalismus und Chauvinismus. Aber als die Entbehrungen und die Verzweiflung des Krieges diesem Patriotismus die Nahrung entzogen, radikalisierten sie sich - sie wurden revolutionär. Sie begannen zu sehen, daß es nicht nur eine nationale Alternative zu einer krisenerschütterten Welt gibt, sondern auch eine zweite, eine Klassenalternative.
Je mehr die Dynamik des Systems die alte Stabilität zerreisst, riesige multinationale Firmen in den Bankrott treibt, umso mehr bröckeln die alten Loyalitäten zu Staat und Regierung. Die Politik kann sich in nationalistischen Kategorien gewaltsam nach rechts polarisieren, was sich aber genauso schnell wieder ändern kann, wenn genau dieser Nationalismus die Hoffnungen auf Veränderung nicht erfüllen kann. Die Politik kann sich genauso schnell nach links polarisieren. Das war die Erfahrung in einer ähnlichen Periode der Weltkrise, als dem Herannahen des Ersten Weltkrieges die revolutionäre Welle folgte, weil nationale Spaltungen niemals die Klassenspaltungen innerhalb der Nation auslöschen können. In Brasilien besitzt das reichste Fünftel der Bevölkerung 67% des Gesamteinkommens und gerade mal 2% gehören dem ärmsten Fünftel. In den USA gehören dem obersten Fünftel 59%, dem untersten Fünftel nur 5% - was die USA zu einer ungleicheren Gesellschaft als Ägypten macht, wo 48% des Gesamteinkommens dem reichsten Fünftel gehören und 6% dem ärmsten Fünftel. Klassenspaltungen brechen periodisch auf und beginnen eine vollkommen andere Logik zu entwickeln, eine andere Möglichkeit aufzuzeigen, nach der die Welt verändert werden kann.
Die Alternative
Das führt uns zum Schlusspunkt - zur Existenz einer Klasse, die eine Alternative zu all dem Elend des Kapitalismus liefern kann. Zumindest seit dem von Eric Hobsbawm vor einigen Jahren geschriebenen Aufsatz "Der aufgehaltene Vormarsch von Labour" ist es zur Mode geworden, zu behaupten, daß die Arbeiterklasse, auf jeden Fall in den industrialisierten Ländern, zu einer Minderheit in der Bevölkerung, einer schrumpfenden Kraft geworden ist. Man sagt, das habe sich in den Niederlagen der Arbeiterklasse und im Rückgang der Mitgliedschaften in den Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien widergespiegelt. Es passt daher ganz gut, daß die Widerlegung dieses Arguments aus Hobsbawms neuem Buch, "Das Zeitalter der Extreme" kommt:
»Der weitverbreitete Eindruck, nach dem die alte Industriearbeiterklasse dabei sei auszusterben, ist statistisch widerlegt, zumindest auf globaler Ebene.
Mit der wesentlichen Ausnahme, den USA, wo der Prozentsatz der Menschen, die in der Produktion beschäftigt sind, seit 1965 und ganz offen sichtlich seit 1970 zu schrumpfen begann, ist die industrielle Arbeiterklasse in den alten industrialisierten Ländern während der goldenen Jahre äußerst stabil bei etwa einem Drittel der beschäftigten Bevölkerung geblieben. Tatsächlich setzte sich ihr Anstieg in acht der 21 OECD-Ländern - dem Club der höchstentwickelten - zwischen 1960 und 1980 weiter fort. Natürlich wuchs sie in der neu industrialisierten Welt; in Teilen von Europa und in Japan stieg ihre Zahl dramatisch an. In den kommunistischen Ländern [gemeint sind die einst staatskapitalistischen Länder des damaligen Ostblocks und Chinas], die eine rapide Industrialisierung durchmachten, verfielfachte sich das Proletariat schneller als je zuvor, wie auch in jenen Teilen der dritten Welt, die in ihre eigene Industrialisierung eintraten - Brasilien, Mexiko, Indien, Korea usw. Kurz, am Ende der goldenen Jahre gab es mit Sicherheit zahlenmäßig und mit Sicherheit auch prozentual weitaus mehr Arbeiter in der Welt, als jemals zuvor.«
Und hier spricht er nur über die industrielle Arbeiterklasse - nicht einmal von den Angestellten, dem Teil der Arbeiterklasse, die auch in den industrialisierten Ländern in dieser Periode massiv wuchs.
Obwohl die etablierten Wirtschaftswissenschaftler von der Globalisierung besessen sind, sehen sie nicht, daß der gleiche Prozeß das Wachstum der Arbeiterklasse unvermeidlich mit sich bringt.
An der mexikanischen Grenze gab es 1965 gerade mal 12 Textil- und Elektronikfabriken - heute sind es 516. In Ägypten stieg die Zahl der Arbeiter in der Landwirtschaft von 38% (1960) auf 50% (1970). Es gab massive Explosionen in der gewerkschhaftlichen Organisierung, z.B. in Südafrika, in Brasilien und Südkorea. Zu den Ländern, in denen 30 bis 50% der arbeitenden Bevölkerung in Gewerkschaften organisiert war, gehörten 1980 Algerien, Tansania, Argentinien, Chile, Barbados, Äthiopien, Fidschi, Guyana, Singapur, Sri Lanka, Venezuela, Kolumbien, Ägypten, Gabun, Jamaika, Mexiko, Trinidad und Tobago. Wir erleben keine Welt, in der die Arbeiter zahlenmäßig abnehmen, sondern eine, in der sie nie so zahlreich waren, wie heute und in vielen Fällen auch stärker sind, als jemals zuvor. Hobsbawms Fehler war es, einen fundamentalen Wandel in der Klassenstruktur zu sehen - das Verschwinden der Arbeiterklasse -, obwohl es sich tatsächlich nur um kurzfristige Rückschläge handelte.
Und natürlich hat es Niederlagen gegeben, und natürlich haben Arbeitslosigkeit und 20 Jahre Stagnation und Krisen ihren Tribut gefordert. Aber das sind keine unvermeidlichen Produkte der Funktionsweise der Welt gewesen, das sind Produkte der Diskussion, der Organisation, der Debatte, der politischen Strategie. Andere Organisationen und Taktiken, können diese Niederlagen umkehren und die potentielle Macht der Arbeiter in eine wirkliche Macht verwandeln, die die Gesellschaft reorganisieren kann.
Wenn wir einen Blick auf die Aussichten für die Welt im 21. Jahrhundert werfen, sehen wir eine Welt, die reich genug ist, die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung zu befriedigen, und eine Arbeiterklasse, die mächtig genug ist, ihre Feinde zu besiegen, eine Welt, in der Arbeiter alles gewinnen können, aber auch unermesslich viel zu verlieren haben, wenn wir nicht kämpfen. Und darum geht es bei all den rechtsgerichteten Argumenten: Si sollen uns entmutigen, deaktivieren, uns in die Passivität drängen, uns glauben machen, dass die bestehende Ordnung eine natürliche und die einzig mögliche Ordnung ist. Wenn wir ihr erlauben, so weiterzulaufen wie bisher, dann haben wir eine Welt, die zu einem Ausmaß an Barbarei fähig ist, die sich vorangegangene Jahrhunderte nicht einmal hätten vorstellen können. Aber gleichzeitig ist sie eine Welt, die in ihrem Zentrum eine Arbeiterklasse hat, die größer und besser organisiert ist, als diejenige, über die Karl Marx schrieb, und die jede Möglichkeit hat, den beispiellosen Reichtum, den die Welt produziert, in Beschlag zu nehmen und ihn zum Wohle der Menschheit einzusetzen.

Fußnoten:
1. Karl Marx: "Manifest der Kommunistischen Partei" (1847/48), Köln 1996 (IS-Broschüre), S. 5
2. Eric Hobsbawm: "Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts", München 1995, S. 327, f

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Beide Broschüren sind bei den Internationalen Sozialisten erhältlich.
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