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Holzmann-Pleite:
Vorspiel der nächsten Krise?
Francis Byrne
Ende Oktober feierte der zweitgrößte Baukonzern Deutschlands,
Philipp Holzmann sein 150jähriges Bestehen mit einer großen
Party. Das Motto, das dort vom Vorstandschef ausgegeben wurde,
lautete: »Wir gewinnen gemeinsam.« Drei Wochen später
mußten die Top-Manager des Bauriesen ein Finanzierungsloch
von 2,4 Milliarden DM zugeben; der Konzern war heillos überschuldet.
Schon 1996 strauchelte der Bauriese über kostenintensive
Großprojekte, bei denen die erhofften Gewinne nicht realisiert
werden konnten.
Damals arbeiteten weltweit noch 48.400 Arbeiter und Angestellte
beim Konzern. 1997 wurden Arbeitsplätze im Rahmen einer
Umstrukturierung massiv abgebaut. 1999 beschäftigte der
Konzern weltweit nur noch 28.000 Arbeiter.
Von der neuerlichen Beinahe-Pleite des Konzerns waren in Deutschland
17.000 Arbeiter betroffen, dazu die Arbeiter von mehr als 270
Subunternehmen und Zulieferfirmen.
Zuspitzung der Investitionskrise
Die Holzmann-Pleite ist ein sicherer Indikator für die zunehmende
Instabilität des kapitalistischen Systems in Deutschland.
Das System der Vorfinanzierung von Großprojekten durch
Kredite von Geldgebern, die auf der Suche nach gewinnträchtigen
Investitionen sind, gerät zunehmend ins Schwanken.
Bei diesen Großprojekten übernehmen die großen
Baukonzerne nicht mehr nur die Bebauung eines Geländes,
sondern auch direkt die gesamte Abwicklung des Projekts:
»Der Bauunternehmer kauft dabei nämlich Grundstücke,
finanziert Vorhaben im voraus, plant und errichtet Gebäude
schlüsselfertig, verwaltet und wartet sie, und manchmal
betreibt er sie schließlich auch. Damit alles klappt, muss
er Immobilienverkäufer, Investoren und Mieter finden, und
keiner darf abspringen.«
'Frankfurter Rundschau', 23.11.99
Die zunehmende Tendenz der Profitrate zu Fallen und die zunehmende
Unsicherheit darüber, ob solche Großprojekte überhaupt
Gewinn abwerfen werden, läßt Investoren einen Rückzieher
machen. Denn nicht nur Holzmann droht der Bankrott, die gesamte
Branche ist von einer wachsende Pleitewelle betroffen. (Siehe
Schaubild.)
Die Zentralisierung und Konzentration des Kapitals führt
dazu, daß es immer weniger konkurrierende Konzerne gibt,
die dafür umso größer sind. In der Deutschen
Baubranche sind nur noch fünf Quasi-Monopolisten - die sogenannten
"fünf Elefanten" - übriggeblieben. Diese
Situation führt dazu, daß es statt Konkurrenz fast
nur noch Preisabsprachen und kaum mehr Drang zu Innovationen
gibt, weil die Profitrate eh so niedrig ist. Derweil greifen
immer mehr Bauherren auf ausländische Unternehmen zurück.
Die absehbaren Verluste von Großprojekten wie der Köln-Arena
und der Einkaufspalast City-Carré in Magdeburg haben das
Vertrauen der Investoren nachhaltig erschüttert. Den Eigentümern
des Magdeburger City-Carrés wurde beispielsweise eine
Miete von 26,- DM pro Quadratmeter garantiert. Die ortsüblichen
Mieten liegen aber bei 18 DM/qm. Die Folge sind brachliegende
Büro- und Ladenlokale, mit denen der erhoffte Gewinn nicht
realisiert werden kann.
Im Fall der größten Multifunktionshalle in Europa,
der Köln-Arena wird die Diskrepanz von erhofften und tatsächlich
realisierten Gewinnen noch deutlicher: Noch vor kurzer Zeit hieß
es, die Köln-Arena mache satte Gewinne. Innerhalb von 20
Jahren sollten die von dem Kölner Oppenheim/Esch-Fonds investierten
300 Mio. DM runde 460 Mio. DM Ertrag (also 160 Mio. Gewinn) bringen.
Schon dieser Betrag war für die lange Laufzeit nur ein verhältnismäßig
schmaler Gewinn. Tatsächlich wird nun aber sogar eine Verlustsumme
von jährlich 10 Millionen DM kalkuliert.
Seifenblasenwirtschaft im Baugewerbe
In Zeiten des langanhaltenden Abschwungs der Wirtschaft, finden
sich immer weniger gewinnträchtige Investitionsmöglichkeiten
für immer größer werdende Mengen Geld. Doch wird
besonders am Bau hoch gepokert - so lange, bis man die Karten
auf den Tisch legen muß: In der Branche werden riesige
Kredite auf Gewinne aus Projekten vergeben, die sich noch in
Planung oder im Bau befinden. Mit diesen neuen Krediten werden
wiederum neue, noch größere Projekte vorfinanziert.
Stellt sich eines dieser Projekte als Flop heraus, platzt die
ganze Seifenblase und Riesen wie Holzmann stehen vor dem Aus.
Das plötzliche Auftauchen von Milliardensummen ungedeckter
Kredite erscheint auf einmal gar nicht mehr so plötzlich.
Im Fall von Holzmann standen von einem Tag auf den anderen 1.200
Baustellen still. Gläubiger drohten, Maschinen und schon
gelieferte Baustoffe und Fertigprodukte von den Baustellen abzuziehen,
um nicht noch mehr zu riskieren.
Die Pleite des Baulöwen Jürgen Schneider, die nach
dem gleichen Muster ablief, hinterließ 1994 ein Finanzierungsdefizit
von 6,7 Mrd. DM. Betroffen war auch damals schon die Deutsche
Bank als größter Kreditgeber mit 1,2 Mrd. DM Verlust.
Auch der Holzmann-Konzern ist eng mit der Deutschen Bank verflochten.
Sie hält 25% seiner Aktien und ist gleichzeitig der größte
Kreditgeber mit 1,83 Mrd. DM. Insgesamt drohen der Deutschen
Bank bis zu 3 Mrd. DM Verluste bei Holzmann.
Rückkehr des Keynesianismus?
Beim Untergang eines solchen Riesen wie Holzmann droht ein Sog
zu entstehen. Zulieferfirmen, Investitionsgruppen und Banken
drohen hohe Verluste, die weitere negative Auswirkungen auf die
Wirtschaft haben. Aus diesem Grund kann die Politik solche Elefanten
nicht einfach pleite gehen lassen, wie ihr wirtschaftsliberales
Lehrbuch es eigentlich fordert.
Deshalb hat auch Bundeskanzler Schröder sein ganzes Gewicht
in die Diskussion eingebracht, die Gläubigerbanken unter
Druck gesetzt sowie eine kleine Bundeskredithilfe von 150 Mio.
DM versprochen, um den Konzern zu retten.
Ganz vom Tisch ist die Pleite des Konzerns aber noch nicht. Die
EU-Kommission für Wettbewerbsbedingungen hat gedroht, die
staatliche Hilfe - so klein sie im Verhältnis auch ist -
zu verbieten. Für diesen Fall haben die Gläubigerbanken
schon gedroht, daß eine Einigung über eine Aussetzung
der Kredittilgung nicht mehr zustande kommen würde.
Das sind sicherlich nur leere Drohungen, da es auf diese Summe
dann auch nicht ankommt.
Die EU lehnt solche Subventionsmaßnahmen ab, da sie nicht
zum neoliberalen Wirtschaftskurs passen, den die Gemeinschaft
im Moment fährt. Aber es wäre falsch, die Maßnahme
der Regierung als Keynesianismus auszulegen. Denn Keynesianismus
bedeutet, der Staat muß in Krisenzeiten, wo die private
Nachfrage sinkt, selber Aufträge vergeben, um die Krise
abzufangen - eine Theorie, die eh nie funktioniert hat. Und auch
Schröders Eingreifen hat mit dem klassischen Keynesianismus
nichts zu tun. Es hatte nur den Zweck, schlimmeres für die
Gesamtökonomie zu vermeiden. Überdies sind sich bürgerliche
und marxistische Ökonomen einig darin, daß antizyklische
Staatsinvestitionen oder Staatshilfen für marode Betriebe
nicht zu einem krisenfreien Ablauf des Kapitalismus beitragen.
Die Reaktion der Arbeiter
Der Betriebsratsvorsitzende von Holzmann, Jürgen Mahnecke
bot als Beitrag zu einer Sanierung des Konzerns eine unentgeltliche
Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden an, sowie
einen Abschlag vom Lohn um etwa 6%. Die Kollegen bei Holzmann
unterstützten ihren Betriebsrat und waren sogar willens,
noch mehr Abschläge hinzunehmen, wenn sie so ihre Arbeitsplätze
retten könnten.
Mit Recht protestierte die Industriegewerkschaft Bau gegen dieses
Angebot, was einen Bruch des Tarifvertrages bedeutet hätte.
Wäre das Angebot durchgekommen, hätte das katastrophale
Folgen für die gesamte deutsche Arbeiterklasse gehabt: vor
Zeiten ausgehandelte und erkämpfte Tarife hätten ihre
Gültigkeit verloren. Dieses mit den anderen Kollegen der
Baubranche unsolidarische Angebot wäre einem Streikbruch
faktisch gleichgekommen. Nun wird insgeheim diskutiert, ob den
Kollegen nicht ein Teil des Lohns in Mitarbeiteraktien "ausgezahlt"
wird.
Die spontane Reaktion der Kollegen von Holzmann, auf die Straße
zu gehen und von der Politik eine Lösung für die Überschuldung
zu verlangen, hätte ausgeweitet werden müssen. Die
Kollegen hätten von der Politik eine Garantie für ihre
Arbeitsplätze verlangen können. Es werden Unsummen
für mörderisches Kriegsgerät aus dem Fenster geworfen
- da kann der Staat für Arbeitsplätze in die Pflicht
genommen werden.
Nichts ist schlimmer, als sich - mit Lohnverzicht - kampflos
seinem Angreifer zu ergeben; denn zumal er selbst mit dem Rücken
zur Wand steht, wird er umso eher zum tödlichen Stoß
ansetzen.
Ökonomische Perspektiven
Darüber, wie schnell eine Krisenlawine ins Rollen kommt,
berichtet Chris Harman in "Wohin treibt der Kapitalismus"
(IS-Broschüre) Er schreibt über die Rezession, die
England Anfang der 90er Jahre erfasst hat:
»Anfänglich wurden gerade jene Firmen von der Rezession
am schlimmsten getroffen, die in die Ausgabenexplosion der 80er
Jahre im nichtproduktiven Sektor besonders eng verstrickt waren
- vor allem Immobilienfirmen. Sobald sich der Boom verlangsamte,
wurde klar, daß das Spekulationsfieber den Immobilienmarkt
in gänzlich unrealistische Höhen getrieben hatte. ...
In den USA verschärfte die Flaute auf dem Immobilienmarkt
die Krise seiner Kreditgeber - in erster Linie der Sparkassen
und der Banken in Regionen wie Neu-England. In Großbritannien
sind die großen einheimischen Banken zwar nicht zugrunde
gegangen, aber der Immobilienkrach kostete sie mehrere hundert
Millionen.
Die Probleme des Immobilienmarktes und der Banken holten die
Firmen im produktiven Sektor der Wirtschaft ein - gerade zu dem
Zeitpunkt, als ihnen ihre eigenen Investitionen schwindende Einnahmen
bescherten. Einige hingen selbst im Immobiliengeschäft drin
oder waren mit den Banken eng liiert. Viele wandten sich an die
Banken, um ihre Zahlungsprobleme zu lösen, gerade als diese
ihre Kreditlinien verschärften. Alle verloren Marktanteile
in dem Maße, wie die für den nichtproduktiven Sektor
Wirtschaftenden ein Loch in die allgemeine Nachfrage rissen.
Eine ganze Riege von Firmen in Großbritannien, die sich
unter Thatcher einen Namen gemacht hatten, brach zusammen ...
Andere konnten sich um ein Haar gerade noch retten: Rupert Murdochs
News International zum Beispiel, dessen Größe allein
ausreichte, um einen auserlesenen Kreis internationaler Banken
von einer Einforderung ihrer Kredite abzuhalten. In den USA winselten
Giganten wie Ford, während General Motors und IBM die schwersten
Verluste zu verzeichnen hatten, die bei Industriebetrieben je
gesehen worden waren, und Pan Am Bankrott anmelden mußte.«
Chris Harman: "Wohin treibt der Kapitalismus?", S.
30
Die Perspektive für die herrschende Klasse, egal, ob sie
nun von Kohl oder von Schröder, Stoiber oder Lafontaine
als Bundeskanzler vetreten wird, ist klar: Für die Lösung
der Krise müssen die Arbeiter aufkommen. Darin sind sich
die Bonzen einig. Weiter Chris Harman:
»Um weiterzukommen, müßten kapitalistische Nationalstaaten
unnachgiebig Maßnahmen ergreifen, die nicht nur weitaus
brutalere Angriffe auf den Lebensstandard und die Arbeitsbedingungen
der Arbeiterklasse bedeuteten, als sie im Verlauf der letzten
18 Jahre gewagt worden sind, sondern die darüber hinaus
den Kapitalanteil großer Teile der herrschenden Klasse
selbst entwerten oder gar zerstören würden. Denn nur
dadurch würde sich für manche Kapitalien die Aussicht
eröffnen, der Krise auf Kosten anderer zu entkommen. Theoretisch
bieten sich Staaten zwei Möglichkeiten, um eine solche Entwicklung
herbeizuführen.
Die eine wäre eine Politik, die das Ziel verfolgt, die Rezession
in eine tiefe Krise wie in den 30er Jahren zu treiben (als in
wichtigen Industrieländern jeder Dritte arbeitslos war,
so z.B. in Deutschland und in den USA 1932). Der Staat würde
auf den Zusammenbruch einer beträchtlichen Zahl sehr großer
Firmen bauen, um so den Weg für andere zu ebnen, ihre Rentabilität
wiederherzustellen, und gleichzeitig würde er für Rahmenbedingungen
sorgen, die eine massive Kürzung von Löhnen und Sozialleistungen
ermöglichten.
Die andere Möglichkeit bestünde darin, der Inflation
bewußt freien Lauf zu lassen. Damit würde die Schuldenlast
für viele Firmen enorm reduziert, die Ersparnisse der Mittelschichten
ausradiert und der Lebensstandard von Empfängern staatlicher
Leistungen und von schlechter organisierten Teilen der Arbeiterschaft
gesenkt. Als Ergebnis davon würden einige Sektionen des
Kapitals genügend unverhoffte Gewinne machen, um sich auf
einen neuen Investitionszyklus einzulassen.«
Chris Harman: "Wohin treibt der Kapitalismus?",
S. 50
Egal für welche Lösung sich die herrschende Klasse
entscheiden wird, sie wird die Arbeiter für ihr marodes
System blechen lassen wollen. Die Perspektive für die Arbeiterklasse
ist heute, wie vor hundert Jahren: eine gemeinsame, planvolle
und solidarische Gesellschaft aufzubauen - der Kapitalismus offenbart
immer mehr, wie abgewirtschaftet er schon ist. Für heute
aber gilt:
Kein Lohnverzicht, um ein marodes System am Laufen
zu halten!
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