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Der Korruptionsskandal
Ausnahme oder Regelfall?
Ruth Krüger
Beim Korruptionsverdacht gegen den ehemaligen Bundeskanzler Helmut
Kohl sind sich alle Politiker einig: Ein Skandal. Aber ist es
nicht unwahrscheinlich, dass er allein wusste, aus welchen Trögen
das Geld stammte, aus dem das "System Kohl" finanziert
wurde? Wenn Generalsekretärin Merkel und Fraktionsvorsitzender
Schäub le sich betroffen zeigen und distanzieren, ist das
nicht nur ein Ablenkungsmanöver? Und ist es nicht das gleiche
Ablenkungsmanöver, wenn SPD-Politiker gegen den korrupten
Kohl wettern, obwohl die Partei selbst bis zum Hals in Finanzskandalen
steckt?
Es ist beileibe keine Seltenheit, daß jemand mit politischer
Macht jede Gelegenheit nutzt, um sie zu barer Münze umzuschlagen.
So gab es einmal einen Mann, der seine Politiker-Karriere hoch
verschuldet antrat. Er ließ sich für an Fabrikanten
zugeschanzte Lieferverträge bezahlen, er verschaffte den
Gesellschaften, deren Aktien er besaß, illegale Vorteile
und ließ am Ende seiner Laufbahn an Geld mitgehen, was
im Geheimfonds des Kanzleramtes noch vorhanden war. Aus dem einst
verschuldeten Mann war ein Multimillionär geworden. Dieser
Mann war aber nicht Helmut Kohl; es handelte sich um Fürst
Otto von Bismarck, den ersten Reichskanzler der Hohenzollern-Monarchie.
Aber seit damals (1871-1890) hat sich nicht viel geändert:
Politiker sind nach wie vor käuflich: Rainer Barzel (CDU)
bekam über den Boss eines Düsseldorfer Industrieunternehmens
solange monatliche Überweisungen aus Geldern des Stahlfabrikanten
Thyssen, bis er 1955 vom Sozialfall zum jüngsten Regierungsrat
der BRD gemacht wurde. Später erhielt er finanzielle Zuwendungen
von Friedrich Flick, damit er einem gewissen Helmut Kohl Platz
machte. Der wiederum hatte seine Karriere dem Chef und Hauptaktionär
von Pegulan, Dr. Fritz Ries, zu verdanken, der ihm einen Platz
auf den Gehalts- und Honorarlisten von BASF verschafft hatte.
Im Gegenzug erhielt der Ries-Konzern unter der Rheinland-Pfalz-Regierung
Helmut Kohls Landesmittel, deren Gesamthöhe etwa 20 Millionen
DM betragen hat. Sowohl 'Wirtschaftswoche' als auch 'Managermagazin'
zitierten damals Ries über Kohl: »Auch wenn ich ihn
nachts um drei anrufe, muss er springen.«
Bei der SPD sieht das natürlich nicht anders aus: Gerhard
Schröder befand sich noch als niedersächsischer Landesherr
auf der Gehaltsliste von VW, im Saarbrücker Rotlicht-Skandal
war Oskar Lafontaine sich nicht einmal zu Schade, sich vor den
ihn schmierenden Zuhälterkönig zu stellen und ihn vor
strafrechtlicher Verfolgung zu schützen, Ex-Kanzleramtsminister
Bo do Hombach konnte bis heute nicht nachweisen, dass er den
Bau seiner Villa selbst finanziert hat, die nordrhein-westfälischen
Spitzenfunktionäre der SPD - unter ihnen auch der heutige
Bundespräsident Rau - sind verwickelt in Korruptionsskandale
mit der Landesbank West.
Wenn sich nun ohne weiteres eine Tradition der Korruption von
Bismarck bis Schröder verfolgen lässt, dann kann man
die Angst der Politiker schon verstehen, die nun Kohl als alleinigen
Sündenbock herhalten lassen wollen. Das noch vorhandene
Vertrauen in die herrschende Politik hat wieder einen harschen
Schlag versetzt bekommen. In Umfragen wird immer öfter die
Meinung laut, nun habe man die letzten Skrupel verloren und werde
Steuern hinterziehen, wo es nur geht. Die Politikverdrossenheit
ist keine Modeerscheinung; sie ist produziert worden.
Die Politik wird eben nicht von den Abgeordneten im Parlament
gemacht, sondern vom großen Geld. So lautet auch eine Definition
von Politik im "Volksmund": Die Schweine sind immer
andere, aber die Tröge bleiben dieselben. Besonders deutlich
ist das in den älteren politischen Systemen geworden, die
noch als Demokratie bezeichnet werden. Wählen und Abstimmen
durften nur diejenigen, die reich und mächtig waren - so
war es im antiken Athen, aber auch in den Idealen und Zielen
der bürgerlichen Revolutionäre von 1848. Dieses - auch
als Timokratie bezeichnete - System wurde abgelöst von einer
Demokratie, in der die gewählten Abgeordneten nicht mehr
ihren Wählern verantwortlich waren, sondern nur noch ihrem
Gewissen: Der Bestechung war Tür und Tor geöffnet.
Von der Weimarer Republik über das Dritte Reich der Nazis
bis heute ist das Personal, das die maßgeblichen politischen
Entscheidungen getroffen hat, nicht ausgewechselt worden; es
ist dasselbe geblieben. Ihre Namen lauten Abs (Deutsche Bank),
Dr. Oetker, Krupp, Thyssen usw. Die großen Kapitalisten
haben sich zusammengefunden in Vereinen wie dem "Düsseldorfer
Industrieclub", dem "Freundeskreis des Reichsführers
SS" oder Abteilungen des BDI, die zu dem Zweck gegründet
worden waren, Politik zu machen. Diesen Cliquen dienten riesige
Medienkonzerne, die die öffentliche Meinung beeinflussten
oder sogar bildeten (man denke nur an den Hugenberg- und an den
Springerkonzern). Sie vergaben Spendengelder an Parteien und
Abgeordnete oder drehten den Geldhahn der abhängig gewordenen
Organisationen und Personen wieder zu, um eine Entscheidung zu
erpressen, die in ihrem Interesse lag.
Diese Kreise sind auch bereit, die parlamentarische Demokratie
einfach umzustoßen, wenn sie ihre Stellung bedroht sehen.
So steckte Thyssen z.B. 1923 viel Geld in den Hitler-Ludendorff-Putsch.
Nach dessen Scheitern gab er eine Million Reichsmark für
den Aufbau von SA und SS und rührte in den Industriellenkreisen
die Werbetrommel für die Nazis, die schnell einsahen, dass
sie ihnen nutzen würden: Neben der Zerschlagung der Arbeiterbewegung
und den glänzende Profiten aus staatlichen Rüstungsaufträgen,
dem legalisierten Raub des Besitzes ihrer jüdischen Konkurrenten,
der Ausplünderung der besetzten Gebiete, der millionenfachen
Überlassung von Arbeitssklaven usw. usf., versprachen die
Nazis eine Rückkehr Deutschlands auf den Weltmarkt durch
einen gigantischen Krieg.
Die Korruption ist also nicht nur ein Stachel im Fleisch des
als parlamentarische Demokratie organisierten Kapitalismus, es
ist sein A und O. Eine wirkliche Demokratie, in der die gewählten
Vertreter ihren Wählern verantwortlich sind, kann es nur
ohne Kapitalismus geben.
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