Linksruck:
Vom Leninismus zum Zentrismus oder
Zurück zum "Pol"
Werner Klein

Im 'Klassenkampf' haben wir uns oft mit den Leuten beschäftigt, die 1968 als Linke angefangen haben, um in ihrem "Marsch durch die Institutionen" die Gesellschaft zum Guten zu verändern. Immer wieder mußten wir feststellen, daß diese Leute gescheitert sind, daß nicht sie die Institutionen verändert haben, sondern von den Institutionen zu angepassten Spießern gemacht worden sind.
Aus aktuellem Anlass wollen wir in diesem Artikel untersuchen, was einer linken Gruppe passiert, die ihre sozialistische Theorie aufgibt, um kurzfristig Leute gewinnen zu können.
Es handelt sich um die heute größte Organisation des Leninismus, die das revolutionäre Lager allerdings auch schon wieder verlassen hat: die Gruppe Linksruck. Für heutige Verhältnisse hat Linksruck zwar viele Mitglieder (über 500), aber sie steht durch die verwaschenen Inhalte zahnlos und ohne revolutionären Willen da. Sie hat kein klares Programm, mit dem sie ihre Mitglieder führen könnte, die ein völlig widersprüchliches politisches Spektrum darstellen - von einer kleinen revolutionären Minderheit bis hin zur breiten Basis, die eine reformistische Weltanschauung hat.
Von der Sozialistischen Arbeitergruppe (SAG) zu Linksruck
Bereits 1985 hatte sich innerhalb der damals kleinen Vorläuferorganisation SAG dieser Kurs angedeutet. Anstatt die Wirklichkeit zu akzeptieren, daß die Klassenkampf-Welle von 1968 mit der Niederlage der portugiesischen Revolution in den 70er Jahren endgültig abgeebbt war, versuchte man, einen Aufschwung der Bewegung herbeizufantasieren oder sogar, die Arbeitermassen durch eine verschwindend kleine Handvoll Revolutionäre zu ersetzen.
So setzte sich langsam der Kurs des Stellvertretertums durch, der dann 1990 zu einem Verzicht auf revolutionäre eigenständige Politik und zu einem opportunistischen Beitritt in die SPD führte. Mit der vagen Hoffnung, hier neue Anhänger zu finden, versteckte die SAG, die nun - ganz unverfänglich - Linksruck hieß, ihre revolutionären Grundsätze.
Inzwischen ist Linksruck zwar wieder aus der SPD ausgetreten, hat aber auch gleichzeitig seinen alten SAG-Anspruch aufgegeben, den Kern der zukünftigen Arbeiterpartei aufzubauen und spricht in seinem Programm nur noch von einem »Wiederaufbau eines starken sozialistischen Pols«.
1976 hatte die SAG unter schmerzlichen Spaltungen endlich die leninistische Haltung des Parteikernaufbaus gegen die alte Haltung erkämpft, die nur eine Gruppe aufbauen wollte, die als Theoriewerkstatt für eine Partei fungieren sollte. Wer aber diese Partei aufbauen sollte, blieb eine offene Frage - man wartete einfach ab.

Nun, wo es keine Bewegung mehr gibt, hat sie die alte Haltung wieder eingenommen. Nur heute heißt es - Pol eines schwabbeligen Breis ohne Rückgrat, Pol eines Nichts. Und so sieht auch ihre Propaganda aus.
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Wie kam es von der einst klaren leninistischen Organisation zum zentrischstischen Jugendkult?
Seit der Niederlage der portugisieschen Nelkenrevolution 1975 und dem gleichzeitigen Einsetzen der Krise, verlor die Linke die Perspektive des Klassenkampfes. Die Gründer der heutigen Internationalen Sozialisten zeigten ab 1979 auf, daß man nun seinen Schwerpunkt auf den hauptsächlich theoretischen Aufbau des Kerns einer Partei setzen und sich auf eine lange Durststrecke einstellen muss.
Man wollte aber so weitermachen wie 1968 und die Bewegungsarbeit verstärken. Allerdings bewegte die sich nach rechts in das bürgerliche Protestlager und so mußte sich auch die SAG logischerweise weiter nach rechts entwickeln.
Die Situation heute
1999 wetteifern die Betriebsräte wie bei Holzmann darum, erkämpfte Tarife wieder abbauen zu dürfen. Die Verkettung mit der jetzigen Arbeiterbewegung, die von selbstsüchtigen Bürokraten beherrscht wird, kann dann nur der Abschied aus dem revolutionären Lager bedeuten.
So gibt es schon innerhalb der Linksruck-Mitglieder eine deutliche Mehrheit von PDS- und Che-Sympatisanten, die bestenfalls nostalgische Anhänger der guten, alten, revolutionären Zeiten sind, aber die Vorbereitung der Revolution nicht für ihre heutige politische Aufgabe halten.
Der Weg nach rechts
Nach dem massiven Rechtskurs und der Verdeutlichung der SPD als Kapitalpartei gibt es einen immer stärkeren Sog für die Restlinken hin zur PDS. Ein Bundestagsabgeordneter, Dieter Dehm, und Wahlerfolge um die 2% in NRW-Städten markieren nur den Anfang. Linksruck bleibt von diesem Sog nicht ausgeschlossen. In seiner Zeitung bereitet er sich schon darauf vor. Das liest sich dann so:
»Wer sauer auf Schröder ist, aber weder CDU noch Nazis wählen will, bleibt entweder daheim oder wählt PDS.«
Nun könnte man einwenden, dass ein unglücklich ausgedrückter Satz noch keine falsche Politik ausdrücken muß. Nur sind die Hinwendungen zum Parlamentarismus keine Ausnahmen, sie sind in ihrer Zeitung durchgängig.
Zur Wende in der DDR schreiben sie im Artikel "10 Jahre Revolution 1989":
»... Denn was sich auch geändert hat, das Eine ist geblieben: Noch immer bedient die herrschende Politik eine kleine Minderheit von Privilegierten, während die große Mehrheit unter dieser Politik zu leiden hat...«
Das Hauptübel sind wie bei linken Bürgerlichen also die Privilegierten, nicht mehr die Ausbeutung an sich, nicht mehr die Entfremdung, der Raub der Verfügungsgewalt des Arbeiters über sein ganzes Produkt. Und weiter schreiben sie:
»Wir können der Macht der herrschenden Minderheit etwas entgegensetzen! Wir müssen uns nicht alles gefallen lassen! Wir brauchen eine neue Wende - und wir können sie erkämpfen!«
Da ist schon wieder der Parlamentarismus. Wir brauchen nur eine Bewegung, die in Berlin dann eine andere Politik herbeiführt. Arbeiterräte kommen bei Linksruck nicht mehr vor, auch nicht in ihren Leitsätzen. Dafür begegnet uns die "Wende" in ihrer Kampagne "Initiative Politikwechsel" wieder:
»In diesem Reservoir der Unzufriedenheit steckt jedoch auch ein Potential für linke Gegenwehr. Wie groß die Offenheit für eine linke Opposition zum CDU-Kurs Schröders ist, zeigt neben dem Erfolg des Lafontaine-Buches auch der Stimmenzuwachs der PDS.
Wir organisieren bundesweit Protestveranstaltungen zum SPD-Parteitag, um die Linke zu sammeln und gemeinsam Perspektiven zu entwickeln...«
Das Ziel sind also Debatten - und über eventuelle Ziele von Linksruck selber verliert man kein Wort mehr. Genauso verwaschen verläuft auch ihre Poltik vor Ort. Ein Bonner Mitglied gab auf einer Linksruck-Veranstaltung sein marxistisches Verständnis von internationalem Sozialismus wider. Schnell wurde er von der Leitung ausgebremst - sie hatte Angst, mit zu radikalen Reden die PDS-Anhänger und die anderen Reformisten zu vergraulen. Auf Linksruck-Schulungen wurde auch schon von der Führung geäußeret, daß man nicht so laut über Revolutionen reden dürfe, das erschrecke nur die Mitgliedschaft.
Jetzt könnte man ja einwenden, all dieser Zentrismus ist nur eine vorübergehende Taktik um sich nicht von den Massen zu isolieren. Wenn die Arbeiterbewegung sich wieder radikalisiere, würde man wieder mit offenen Karten spielen.
Nur, bis dahin werden die Zentristen auch endgültig die gesamte Theorie von Linksruck bestimmen. Noch kann man wenigstens allgemein abstrakt über Revolutionen und Sozialismus von unten lesen. Aber Das Auffüllen der Mitgliederreihen durch reformistische Jugendliche hat sich bereits in einer völlig verwässerten Theorie geäußert; die Quantität ist in Qualität umgeschlagen. Der weitere Rechtskurs in der Bewegung wird Linksruck in eine offene Reformorganisation verwandeln. Die radikalen Sonntagsreden wird es bald nicht mehr geben.
Linksruck ist ein Beispiel für eine Polititik, die heute schon auf die Massen Einfluß nehmen will. Wenn wir aber die Idee des Marxismus hochhalten wollen, müssen wir lernen, in der Isolation zu überwintern und uns zufrieden geben mit der Handvoll Menschen, die wir heute bereits vom revolutionären Marxismus überzeugen können. Bis zum Entstehen der nächsten Bewegung gilt es, sich in der Therorie zu schulen und die wenigen Demonstrationen ohne Illusionen, Voluntarismus und Stellvertretertum für die eigene Erfahrungssammlung zu nutzen.
Will man heute "die Massen" führen, wird man schnell zur Scheinführung; denn führen kann man sie nur, wenn man sich den gemäßigten und teilweise schon reaktionären Forderungen der Gewerkschaftsfunktionäre anpasst. Man führt also nicht, man wird geführt. Und jede Scheinführung kann einen nur in das Lager des Opportunismus und Zentrismus ziehen. Jeder Wunsch, heute Einfluß auf "Massen" ausüben zu wollen, kann nur im Reformismus enden.

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