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Gesundheitsreform:
Die Medizin im Netz der Pharmakonzerne
- Norbert Nelte -
Der Stolz der sozialen Marktwirtschaftler, die Krankenversicherung,
1883 von Bismarck geschaffen, steht vor dem Kollaps. Zu ihrer
"Rettung" verkündet die Gesundheitsministerin
jede Woche eine neue Planung, die sie die Woche darauf wieder
zurücknimmt Das einzige, was durchgesetzt wird, sind die
Kürzungen bei den Arbeiter-Patienten. Somit wird die staatliche
Krankenversorgung Stück für Stück weg"reformiert"
und übrig bleibt ein Gesundheitssystem, das nur noch für
die Reichen da ist.
Nicht nur Frau Fischer beißt sich an der Vereinigung der
Pharmaindustrie mit der Verbandsärzteschaft die Zähne
aus. Jeder Gesundheitsminister ist bisher an der Aufgabe, die
stetig steigenden Ausgaben für die Gesundheitsfürsorge
zu drosseln, gescheitert. Der Anteil der Gesundheitsfürsorge
an der gesamten Volkswirtschaft stieg von 6,3% (1970) auf 10,7%
(1998). Damit liegt Deutschland nach den USA an zweiter Stelle.
»Frau Fischer wird scheitern«, meint ihr Vorgänger
Horst Seehofer, »wie auch ich gescheiter bin«.
Einerseits steigen die Ausgaben für die Medizin stetig.
Sie wird immer weiter entwickelt und das Angebot pro Patient
wird immer größer. Die Patienten werden immer älter
und dadurch auch anfälliger für neue Krankheiten. Was
aber viel gravierender ist, durch den steigenden Stress in der
Arbeitswelt, die Umweltverschmutzung, die Hektik im Alltagsleben
und das gegenseitige Dampfablassen in der Familie steigt die
Krankheitsanfälligkeit noch deutlicher. Die Medizin ist
zwar oft in der Lage, akute Fälle zu therapieren, macht
sie aber gleichzeitig zu teuren Dauerkranken.
Das kapitalsitische Gesundheitswesen befindet sich in einem System
von Angebot und Nachfrage, das von der Konkurrenz geprägt
ist und Kriege, Hunger und Elend in der Welt verursacht. Außerdem
erweckt das Marktsystem in den Ärzten und Professoren die
Gier nach Reichtum. Gleichzeitig setzt aber die Konkurrenz noch
niedrigere Preise, kostendämpfendes Verhalten und Qualitätssteigerung
in Gang.
Nicht so im Gesundheitswesen. Es soll in der sozialen Marktwirtschaft
für alle da sein und deshalb gibt es bei uns das Kassenwesen.
Das heißt, daß die Ärzte und die Pharmaindustrie
unabhängig von der "Leistung" Geld nach bürokratischen
Gesichtspunkten erhalten. Die Preise für eine Arztvisite
werden also nicht gedrückt, wie sonst durch die Konkurrenz
üblich, sondern bürokratisch festgesetzt.
Der Gesundheits"markt" »bestraft Qualitäts-
und Kostenbewusstsein, fördert Verschwendung und Durchstecherei
und tendiert wie jedes staatlich gelenkte System zu einer gigantischen
Fehlsteuerung seiner Mittel«, schreibt der Spiegel Nr.
44/99. Die Marktwirtschaft sorgt dafür, daß der Mensch
sich nur nach seinem finanziellen Einkommen definiert, weckt
die Begehrlichkeit nach dem großen Geld und das bürokratische
System sorgt dafür, daß er sich dieses auch reichlich
besorgen kann.
Der Kapitalismus macht den Menschen kränker, das Angebot
in der Medizin wird immer umfangreicher, die Menschen werden
älter, aber sind dauerkrank. Die Pharmaindustrie und die
Ärzte nutzen die Misere der Arbeiter total aus.
Sie überhäufen den Patienten oft mit überflüssigen
teuren Medikamenten mit hohen Nebenwirkungen, die neue Krankheiten
verursachen, jagen ihn über nutzlose Monstergeräte
und untersuchen ihn kurz und bündig - Hauptsache, der Arzt
kann im Leistungskatalog ein Merkmal berechnen.
Auf gut die Hälfte der Röntgenunteruschungen könne
verzichtet werden, meint die Deutsche Röntengesellschaft.
Die Gerätemedizin führt dazu, daß die Patienten
mit oder ohne Sinn über die Geräte gehetzt werden,
nur damit diese ausgelastet sind.
Mehr als die Hälfte aller Prostataoperationen könnte
man sich durch alternatives Muskeltraining ersparen, die Oparationsmaschinerie,
das Krankenhausbett und der Herr Professor müssen eben ausgelaset
sein. Zwischen 1988 und 1992 stiegen die Ausgaben für die
Sonograpie um 85 und für die Kernspintomographie um 434%.
Der Arzt hält den Patienten in Unmündigkeit, um seine
Machtposition behaupten zu können. Dieser durchschaut meistens
nicht die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit einer
Untersuchung und lässt diese meistens stillschweigend über
sich ergehen.
Er kontrolliert nicht die Rechnungen der Ärzte, die oft
wilde Abrechnungen (EBM) bei den Krankenkassen einreichen. Mit
der unkontrollierten Arztrechnung ist auch der Betrug mancher
Ärzte mit falschen Abrechnungen schon vorprogammiert.
Durch das Standesdenken der Ärzteschaft ist auch der Vergleich
und die Werbung für die Praxen verboten. Trotz modernester
Technologie wirtschaften die Ärzte wie im Gildesystem des
Mittelalters, wo der Einsatz arbeitssparender Maschinen verboten
war, um (neben dem König auch) die Privilegien des alt-etablierten
Handwerkerstandes zu schützen, und wollen alle Marktvergleiche
und Leistungsmerkmale unterbinden. Dafür bekommen sie von
der Pharmaindustrie den Rücken freigehalten. Im Gegenzug
verschreiben sie deren teure und oft unnützen Medikamente.
Dieses Geschäft auf Gegenseitigkeit ist äußerst
lukrativ. Die Pillenmonopole halten die Ärzte auch in Abhängigkeit
zur Chemiemedizin durch Pröbchen, Seminare, Reisen und Zurverfügungstellung
von Geräten und nicht zuletzt durch geballten Lobbyismus
der Pharmakonzerne in der Hauptstadt. Diese Praxis bringt den
Arzneimittelherstellern 31,9 Mrd. DM, 56 Mrd. den Ärzten
und 85 Mrd. den Krankenhäusern. 13 Mrd. behalten die Krankenkassen
selber.
Und das Abrechnungssystem würde beim frommsten Menschen
kriminelle Energie freisetzen. Als der Honorarschlüssel
eine Ziffer für Risikoschwangerschaften hinzubekam, hat
sich deren Anteil deutlich erhöht. Als die Ziffer für
Kniespiegelungen besser bemessen wurde, haben diese um 84% zugenommen.
Und als die Ziffer für die Beratung der Orthopäden
angehoben wurde, gab es plötzlich eine massive Zunahme der
Beratungen.
Seltsam, seltsam... Das System produziert direkt Betrug, anders
ist dies nicht zu erklären. Denn scheinbar hatten die Ärzte
entweder vorher andere Ziffern angekreuzt oder nachher die besser
bezahlten zuviel. Das System zwingt also auch die Ärzte
zum Betrug, wollen sie, wie im Kapitalismus üblich, ihren
Job auch als lukrative Einnahmequelle ansehen.
Nun wollen die Gesundheitsminister ständig Arzt am Krankenbett
des Kapitalismus anstatt am Bett des Patienten spielen und die
Ausgaben auf seine Kosten senken. Die explodierenden Pharmakosten
versuchen sie z.B. ständig einzuschränken, indem sie
die "Bagatell"medikamente, wie Hustentropfen oder Grippemittel,
aus dem Erstattungskatalog nehmen. Was die Kranken schädigt,
läßt die Pillenmonopole völlig kalt. Denn die
Arzneimittelausgaben sind Anfang 1999 trotzdem wieder um 12 Prozent
gestiegen.
Doch auch wenn bürgerliche Politiker und Journalisten sehen,
dass es unmöglich ist, das Problem innerhalb der Grenzen
des Gesundheitssystems zu lösen, wie Seehofer oder 'Der
Spiegel', aus dem wir hier einige Zahlen und Fakten verwendet
haben, schlagen sie am Schluß selber immer wieder doch
die gleichen - unsinnigen - Maßnahmen vor. Das führt
immer wieder dazu, dass nur die Alternative bleibt, bei den Armen
einzusparen. 'Der Spiegel' vollführt seinen Spagat z.B.
dadurch, daß er eine Beitragsstabilität nur dann als
möglich ansieht, wenn eine »Rationierung besonders
teurer Leistungen« durchgeführt wird. Also, Medizin
nur noch für die Reichen.
Wir haben nun die Fehlsteuerungen aufgezeigt, die aus dem speziellen
Widerspruch entstanden sind, der durch das bürokratische
System, daß in einem Marktsystem eingebettet ist, entsteht,
und eine Gesundung des Gesundheitssystem schon unmmöglich
macht. Das "schöne Werk" Bismarcks löst sich
unaufhaltsam auf.
Aber auch, wenn man eine Medizin nur für Reiche einführen
würde, die nur nach Angebot und Nachfrage funktioniert,
könnte ein Gesundheitswesen im Kapitalimus nicht funktionieren.
Schon Friedrich Engels hat aufgezeigt, daß das Kapital
nur kurz- bis mittelfristige Überlegungen anstellen kann.
In seinem Aufsatz "Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung
des Affen" schreibt er:
»Die spanischen Pflanzer in Kuba, die die Wälder an
den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger
genug für eine Generation höchst rentabler Kaffeebäume
vorfanden - was lag ihnen daran, daß nachher die tropischen
Regengüsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und
nur nackten Fels hinterließen? Gegenüber der Natur
wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise
vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht«.
Genau das gleiche trifft auch auf die Gesundheitspolitik zu.
Das Kapital denkt bei seinen Arbeitern immer nur an den kurzen
Erfolg. Er wird so lange ausgepresst bis die Luft raus ist, und
dann wird einfach ein neues Herz reingesetzt und fertig - er
kann wieder 10 Jahre lang Mehrwert produzieren bis wieder - na
ja - ex und hopp.
Die Naturmedizin dagegen verläuft viel sanfter. Man muß
zeitlebens gesund leben und sie wirkt auch nur langfristiger.
Keine Lösung in der bürgerlichen Ära, wo Zeit
Geld ist.
Bei dem Umweltschutz hat die langfristige Überlegung im
nationalen Maßstab der Staat vollführt. Allerdings
versagt das Kapital im globalen Maßstab. Aber der Rhein
ist wieder relativ sauber geworden und im nationalen Rahmen ist
der Schadstoffausstoß aus den Schornsteinen viel geringer.
Warum geht das nicht in der Gesundheitspolitik? Schließlich
müßte es auch im Interesse des Gesamtkapitals sein,
daß die Krankenversicherungen nicht so hohe Ausgaben haben
und das Kapital gesunde Arbeiter erhält, die nicht 16 Tage
im Jahr in Deutschland krank sind.
Das Problem ist, dass das Gesundheitswesen ganz anders funktioniert
als der Umweltschutz. Als der Dreck aus den Schornsteinen die
Wälder zerstört hat, hat sich die Wald- und Tourismusindustrie
beschwert. Die Versicherungen klagten, daß sie die Vergütungen
nicht mehr bezahlen konnten. Es stand also eine mächtige
Industrie gegen die andere.
Beim Gesundheitswesen aber, wo die mächtige Pharmaindustrie
und die Ärzte an einer Sackgassentherapie verdienen, muß
nur der Arbeiter leiden. Die Versicherungen zahlen eben nicht
einfach mehr, wie bei der Umweltzerstörung, sondern kürzen
einfach dem Versicherungsnehmer die Gelder. Der Arbeiter hat
in Berlin keine Lobby, also kann man da einfach kürzen,
denken sich Schering, die Ärztekammer und letztlich auch
die Gesundheitsmisterin.
Es gibt genug Angebote für die Alternativmedizin und obwohl
die traditionelle Schulmedizin oft gar keine Antworten hat, hält
sie es nicht für nötig, in diesem Bereich zu forschen
und Feldversuche durchzuführen. Die Ärzte und Forscher
betrachten sich nur als die Vollzugsorgane von Merck, Schering
und Co. Die Forschungsgesellschaften wie das Max-Planck-Institut
erhalten ja auch hohe Sponsorengelder von den Pharmakonzernen.
In der Zukunft soll die Forschung auch ganz von der Industrie
bezahlt werden und es gibt Pläne, wonach die Universitätsprofessoren
direkt von der Indsutrie bestellt werden sollen.
Alternativmedizin kommt in ihrem Denken nicht vor und der Patient
spielt bei ihnen gar keine Rolle mehr. Die Professorenmedizin
ist nicht dafür da, um den Patienten wieder gesund zu machen,
sondern um an ihm bestimmte Pillen zu testen.
So weiß man auf Aids nur mit einer Chemiekeule zu antworten.
4.000,- DM im Monat kostet der Tablettencocktail für die
HIV-Kranken und sie leben mit der ständigen Angst der Nebenwirkungen
und gegen den Cocktail wieder immun zu werden.
Dabei gibt es eine viel billigere Therapie mit natürlichen
Vitaminen für 200,- DM, die auf der Arbeit des Nobel-Preisträgers
Pauling fußt. Hier wurden im September in Linz Erfolge
in der Aidstherapie erzielt. Die Patientin meint auf Grund der
Besserung, sich in den nächsten Jahren keine Gedanken mehr
über die Medikamenten-Cocktails machen zu brauchen. Armer
Schering.
Genau solche Erfolge wurden damit bei Herz- und vielen anderen
Krankheiten erzielt. Statt teurer Herzoperationen für 100.000,-
DM Vitamine für 200,- im Monat. Auch wenn sich diese Erfolge
als spontane Remissionen herausstellen sollten, weiß man,
daß viele andere natürlichen Methoden oft wirksamer
sind als Chemiekeulen. Die altasiatischen Heilmethoden, Akkupunktur,
die ganzheitliche Medizin, gesunde Diäten, Schröpfen,
Blutegeltherapie, Heilmethoden im mentalen Bereich, ja sogar
die alten Hausrezepte sind von der Chemieindustrie verdrängt
worden.
Langsam setzt sich aber in ärztlichen Nischen die Erkenntnis
wieder durch, daß man nicht ein Organ, sondern den ganzen
Menschen behandeln muß. In den 60er Jahren mußten
wir der Medizin klarmachen, daß viele Krankheiten von der
krankgemachten Psyche kommen. Heute wenden die Ärzte das
Argument gegen uns Arbeiterpatienten und gehen teuren Behandlungen
aus dem Weg mit dem Argument, daß die Beschwerden nur psychosomatisch
seien und man eigentlich gesund sei.
Die alternativen Behandlungsformen sind langwierig und bedeuten
das aktive Mitarbeiten des Patienten. Ein Arbeiter, der am Band
steht, läßt aber seine ganze Kraft in der Fabrik und
kann nach Feierabend - genauso wenig, wie er sich selber oder
seine Kinder weiterbildet - auch keine aktive Gesundheitsfürsorge
durchführen. Das einzige, wozu er dann noch fähig ist,
ist Fußball, Fernsehen und Familienstress.
Auch deshalb ist eine aktive Gesundheitsfürsorge im Kapitalismus
nicht mehr denkbar. Wenn irgendwo "was zwickt", ist
es eben einfacher, eine "Wunder"pille einzuwerfen -
und schon ist man wieder für das Kapital verwertbar.
Die Chemiekonzerne wollten über eine getarnte Initiative
Werbung für Vitaminkonzentrate verbieten lassen. Sie meinten,
es dürfe keine Werbung für die natürliche Vitamine
gemacht werden, obwohl doch sogar der medizinische Status Quo
davon ausgeht, daß die meisten Krankheiten von einem Vitaminmangel
herrühren. Auf jedem Fußballhemd darf uns Aspirin
entgegengrinsen, Vitaminwerbung aber ist verboten. Verkehrte
Welt.
Gesundheitspolitik für alle und gleichzeitig Profitmaximierung
bei den Pillenkonzernen und in den Arztpraxen ist ein Widerspruch,
der nicht mehr zu lösen ist. Ein dem Menschen dienendes
Gesundheitswesen wird es im Kapitalismus nicht mehr geben können.
Erst, wenn die Arbeitermassen aufstehen, wenn sie die Pharmakonzerne
und die Professoren zu anderen Handeln zwingen, wird es eine
Medizin geben, die dem Menschen dient und nicht der Profitmaximierung.
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