|
|
Der Psychoterror
am Arbeitsplatz auf dem Vormarsch...
-Claudia Wach-
Die Medien entdeckten vor noch nicht all zu langer Zeit
ein ganz brisantes und reißerisches Thema. Voyeuristische
Tatsachenberichte über einzelne Mobbingschicksale flimmerten
über unsere Bildschirme und sorgten für gute Einschaltquoten.
Dies veranlaßte die Damen und Herren der Medienbranche
zu einer grenzenlosen Geschmacklosigkeit. Sie produzierten kurzer
Hand eine Serie, die das Bedürfnis nach mehr Mobbing stillen
sollte: Die Mobbing Girls.
An diesem etwas zynischen Beispiel wird deutlich, daß der
Begriff Mobbing unlängst zu einem Modewort avanciert ist.
Die wirklichen Ursachen und Folgen des Psychoterrors am Arbeitsplatz
werden hierbei gerne mal ausgeblendet.
So entstanden im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Thema Mobbing
verschiedene Fraktionen: Während die einen jeden alltäglichen
Konflikt am Arbeitsplatz mit Mobbing gleichsetzen, tabuisieren
vor allem Unternehmer oder Führungskräfte nach wie
vor das Phänomen Mobbing. Nur sehr wenige Wissenschaftler
beschäftigten sich in den letzten Jahren wirklich ernsthaft
mit diesem Thema. Ausgangspunkt der Mobbingforschung bilden die
Forschungsarbeiten des schwedischen Arbeitspsychologen und Betriebswirt
Heinz Leymann, da er in den achtziger Jahren erstmalig wissenschaftliche
Untersuchungen diesbezüglich durchgeführt hat.
Auf der Grundlage dieser Untersuchungen entwickelte Leymann ein
theoretisches Konzept, das nicht nur Ursachen und Folgen von
Mobbing beleuchtet, sondern ebenso klassische Mobbinghandlungen
und -verläufe beschreibt. Inzwischen haben sich auch deutsche
Forscher dem Thema angenommen, wobei sich diese in den meisten
Fällen auf Leymann und seine Arbeiten berufen.
Abgesehen von der theoretischen Basis aller Forschungsarbeiten,
sind natürlich in aller erster Linie die Ergebnisse der
Auftretenshäufigkeit von Mobbing am Arbeitsplatz von besonderer
Bedeutung: Nach neuesten Untersuchungen des DGB sollen in Deutschland
etwa eine Million abhängig Beschäftigte von Mobbing
betroffen sein.1
Der Begriff Mobbingbetroffenheit hört sich recht unspektakulär
an, wobei die Folgen alles andere als unspektakulär sind.
Nimmt man sich des Themas wirklich ernsthaft an, so wird sehr
schnell deutlich, daß es sich hierbei nicht nur um alltägliche
Belastungssituationen wie widersprüchliche Arbeitsanweisungen,
schlechtes Betriebsklima oder nörgelnde Chefs handelt, sondern
um gezielten Psychoterror am Arbeitsplatz. Menschen, die an ihrem
Arbeitsplatz von ihren Kollegen und/oder Vorgesetzten ständig
schikaniert werden, völlig isoliert sind und keinerlei Unterstützung
erfahren, verlieren notwendigerweise ihre körperliche und
seelische Gesundheit. In eine Mobbingsituation zu geraten, ist
eine sehr tiefgehende Krisenerfahrung, die sich je nach Zeitdauer
und Ausmaß der Mobbinghandlungen zu einem Trauma mit schweren
psychischen und physischen Folgen ausweiten kann. Erwiesenermaßen
ergriffen bisher nicht wenige Mobbingopfer in einer solchen Situation
zur letzten Waffen:
»Es kann heute als erwiesen angesehen werden, daß
für viele Menschen der durch das Mobbing erzeugte Druck
so ungeheuer und die Existenzangst so groß wird, daß
man nicht mehr weiterzuleben vermag.«2
Menschen, die von Mobbing betroffen sind, reagieren durchaus
unterschiedlich. Mobbing führt zwar zu Verhaltensänderungen,
allerdings gibt es keine typischen Veränderungen. Inwieweit
Mobbingopfer tatsächlich starke psychische oder physische
Störungen erleiden, hängt nicht zuletzt von ihrer persönlichen
Stabilität ab, aber vor allem auch von objektiven und materiellen
Bedingungen.
Ganz offensichtlich verschärfen sich die Arbeitsbedingungen
zusehends. Der Druck auf die Kollegen nimmt immer mehr zu. Eine
ständige Zunahme der Arbeitsintensität, steigender
Streß und daraus resultierendes verschlechtertes Betriebsklima
bis hin zu Mobbing sind Probleme, die das alltägliche Arbeitsleben
in allen Betrieben und Branchen kennzeichnen. Darüber hinaus
sorgt der zunehmende Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt stetig
für die Vernichtung zahlreicher Arbeitsplätze.
Hieraus wird ersichtlich, daß ein Mobbingbetroffener nicht
ohne weiteres eine Verbesserung seiner Situation zu erwarten
hat, wenn er bloß die Arbeitsstelle wechselt.
Bei dem Phänomen Mobbing handelt es sich keineswegs um eine
Ausnahmeerscheinung, sondern vielmehr um ein symptomatisches
Kennzeichen dieser Gesellschaftsform:
Wie stellt sich die Arbeit im Kapitalismus dar? Da der Arbeiter
selber nicht über Produktionsmittel verfügt, muß
er seine Arbeitskraft dem Kapitalisten zu dessen Bedingungen
verkaufen. Die Bedingungen des Kapitalisten sind die des Marktes.
Es muß produziert werden, was Profit verspricht, da nur
das verkauft werden und vor einer Pleite retten kann.
Wenn wir heute ins Arbeitsleben eintreten, dann entscheiden nicht
wir über unser Gehalt, über unsere Arbeitszeiten, über
unseren konkreten Tätigkeitsbereich oder über unsere
Kollegen und Vorgesetzten. Es stellt sich angesichts dieser Aufzählung
die Frage - wenn auch nur rhetorisch - an welchen wirklich wichtigen
Entscheidungen wir eigentlich teilhaben. Es zeigt sich bei genauerem
Hinsehen, daß der einzelne Arbeiter im Arbeitsleben gewissermaßen
machtlos ist. Vielmehr sieht er sich der Macht seines jeweiligen
Vorgesetzten ausgesetzt.
So wundert es nicht, daß gewerkschaftliche Studien im Zusammenhang
mit Mobbing ergaben, daß 75% aller Mobbinghandlungen von
Vorgesetzten ausgehen.3
Mobbing unter Kollegen gibt es natürlich auch. Der Konkurrenzdruck
unter ihnen wird immer härter. Viele Kollegen fürchten
um ihren Arbeitsplatz und haben Angst davor, der nächsten
Rationalisierungswelle zum Opfer zu fallen.
In den heutigen Zeiten - in denen nicht solidarisch gekämpft
wird -, sondern jeder sich als Einzelkämpfer empfindet,
können Kollegen schneller zu Konkurrenten werden als zu
Mitkämpfern.
Wer meint, daß Mobbing ein neues Phänomen ist, der
irrt sich deutlich. In einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz
aufgebaut ist, gab und gibt es immer Mobbing. Schon Karl Marx
hat mit seiner Theorie der Entfremdung dargestellt, wie sich
die Konkurrenz zwischen den Unternehmen auch innerhalb der Arbeiterklasse
durchsetzt. Die Arbeiter, die nichts weiter sind, als die Verkäufer
der Ware Arbeitskraft, konkurrieren mit ihren Kollegen nicht
nur darum, einen Job zu bekommen, sondern auch darum, ihn zu
behalten. In je schlechteres Licht sie ihre Kollegen stellen,
desto besser stehen sie natürlich vor ihren Vorgesetzten
da, desto mehr können sie sich einbilden, in diesem System
mehr als eine beliebig austauschbare Ware zu sein.
Für die Mobbingdiskussion wäre es unsinnig, einseitig
die sogenannten Mobbingtäter anzuklagen. Auch die Mobber
sind das Resultat dieser Gesellschaft. Sie sind der Ausdruck
der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Ein Mensch,
der nicht die Möglichkeit hat nach seinen Bedürfnissen
und Fähigkeiten zu produzieren, der nicht mehr wert ist
als das, was er an Lohn bekommt, wird sich auch nicht besonders
menschlich im Umgang mit anderen Menschen zeigen.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, wer das klassische
Mobbingopfer ist. Allgemein muß man sagen, daß potentiell
jeder zum Mobbingopfer werden kann.
Oft wurde allerdings beobachtet, daß Leute, die sich eben
nicht einfach so unterordnen können, zu diesen wurden. Also
beispielsweise Leute, die sich zur Wehr setzen, die aktiv im
Betriebsrat mitarbeiten, die nicht allzeit bereit sind, wenn
der Chef pfeift. Aber auch Alleinerziehende, Ausländer,
Homosexuelle oder ältere Leute, die sich nicht mehr so schnell
auf technische Neuerungen einstellen können, geraten eher
in einen Mobbingprozeß.
Jeder, der gemobbt wird, sollte trotz der schlechten Bedingungen
versuchen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ansonsten bleibt ihm
nur die Möglichkeit, die Arbeitsstelle zu wechseln. Aber
natürlich ist auch bei einer neuen Stelle die Gefahr groß,
daß auch die Kollegen dort schnell die "Schwächen"
des "Neulings" wittern und man wieder in die Rolle
des Mobbing-Opfers gerät - es sei denn, dort gibt es schon
ein "schwarzes Schaf", gegen das intrigiert wird. Das
einzige, was die Kollegen im Kapitalismus wirklich zusammenschweißen
kann, ist - wie bereits gesagt - der Kampf gegen die Bosse.
Allerdings werden wir die Ursache für den Psychoterror im
Arbeitsleben nur dann ausrotten können, wenn wir die Kontrolle
über die Produktion übernehmen und endlich wieder die
Möglichkeit haben, nach unseren Bedürfnissen und Möglichkeiten
zu produzieren. Dann wird nicht nur das kapitalistische System
auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, sondern auch das
Mobben. Denn vor allem die eigene Ohnmacht verführt dazu,
sich an anderen auszutoben. In einer Gesellschaft, in der man
wirklich mitbestimmen kann, haben die Kollegen Mobbing nicht
mehr nötig.
Fußnoten:
1. Deutscher Gewerkschaftsbund: "Informationen zur Angestelltenpolitik:
Mobbingfälle", 1/1998, S. 1
2. Leymann, Heinz, "Mobbing - Psychoterror am Arbeitsplatz
und wie man sich dagegen wehrt", Hamburg 1993, S. 122
3. Deutscher Gewerkschaftsbund: "Informationen zur Angestelltenpolitik:
Mobbingfälle", 1/1998, S. 7
zurück zum Seitenanfang |