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Tschetschenien:
Russlands Rückkehr ins große Rennen
Wie schnell ist die Schale humanitärer Sorge leer? Ein kleines
Land, das darum kämpft, sein Recht auf Unabhängigkeit
zu behaupten, ist dem Ansturm eines mächtigen Nach barn
ausgesetzt. Tausende Zivilisten sind tot und 200.000 Flüchtlinge
versuchen, über die Grenze zu kommen. Ein Drittel der Bevölkerung
wurde verschleppt und mit jedem weiteren Wintertag verschärft
sich die humanitäre Katastrophe. All das kommt einem fürchterlich
bekannt vor - nur mit der Ausnahme, daß die Antwort des
Westens auf Russlands brutalen Angriff auf Tschetschenien merkwürdig
leise ausgefallen ist, wenn man sie mit den Kriegsrufen im Fall
Kosovo vergleicht. Strobe Talbott, der stellvertretende Staatssekretär
der USA, erklärte Ende Oktober, Russland habe »das
Recht und die Pflicht«, den »Terrorismus« aus
zurotten, womit er dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir
Putin nach dem Mund redete, für den Tschetschenien eine
»Banditenrepublik« ist, die »vernichtet«
werden müsse.
Die Tatsache menschlichen Leidens in Tschetschenien ist erdrückend.
Das Militär hat die Nato-Strategie auf dem Balkan kopiert
und es bis vor kurzem unterlassen, Bodentruppen einzusetzen,
um stattdessen auf massive Luftangriffe und Raketenbeschuss zurückzugreifen.
Dörfer auf der ganzen nördlichen Ebene, wo die Unterstützung
für die Rebellen meistens gering ist, sind dabei ausradiert
worden. Die Hauptstadt Grosny, die noch vom letzten Krieg in
Trümmern liegt, und die Stadt Gudermes wurden ebenfalls
verwüstenden Angriffen unterworfen.
Das unmittelbare Vorspiel für die Invasion waren die Bombenattentate
auf Moskauer Hochhausblöcke in Arbeitervierteln und eine
relativ belanglose Eskapade von einigen aufrührerischen
tschetschenischen Führern in der Nachbarrepublik Daghestan.
300 Menschen wurden durch die Explosionen getötet, die die
Behörden sofort den tschetschenischen Rebellen zuschrieben.
Obwohl es gute Gründe dafür gibt, das anzuzweifeln,
haben die Bomben der Unterstützung bzw. der Befürwortung
der russischen Militäroffensive in Tschetschenien überhaupt
erst eine Basis gegeben. Aber die der Invasion zugrunde liegenden
Mo tive hängen eng zusammen mit dem Wunsch der russischen
herrschenden Klasse, ihre regionale Vorherrschaft wiederzuerlangen
und sich selbst wieder als großer Imperialist aufzubauen.
Der Kaukasus - der sich vom Kaspi schen Meer mit seinen bisher
unangetasteten Ölvorkommen bis hin zum Schwarzen Meer erstreckt
- ist ein Gebiet, an dem Russland großes Interesse hat.
Russland greift in Konflikte in dieser Region ein, um zu versuchen,
solche Staaten wie Georgien und Aserbaidschan zu destabilisieren,
die die Nato in ihre Einflusssphäre ziehen will. Zur Disposition
stehen hier die Routen für die kaspischen Öl- und Gaspipelines,
die sowohl Russland als auch die Westmächte kontrollieren
wollen.
Die Ölressourcen dort werden von Experten auf etwa 5% der
globalen Versorgung geschätzt. Und Russland hat seit einem
Jahr kein Öl von dort mehr erhalten. Da die US-amerikanischen
und die europäischen Ölkonzerne darüber hinaus
die bereits existierenden Pipelines von Tschetschenien in den
Westen für ihre Geschäfte mit dem Schwarzen Gold aus
dem Kaspi schen Meer benötigen, ist das ein weiterer Grund
für Russland, im Kaukasus die Kontrolle ausüben zu
wollen, um ökonomisch nicht vollends ins Hintertreffen zu
geraten.
Zum Ende dieses Jahrhunderts erleben wir noch einmal die Rückkehr
des "großen Rennens" mit, die Rivalität
zwischen den Machtblöcken, die bereits das ganze Jahrhundert
gebrandmarkt hat. Zusätzlich wollen die Generäle und
ihre Anhänger in der russischen Regierung die Autorität
des Militärs wiederaufbauen und die Demütigung wieder
wettmachen, die sie in Afghanistan und Tschetschenien erlitten
haben.
Das ist trotzdem eine hochriskante Strategie. Luftangriffe und
Raketenbombardements sind eine Sache, die langfristige Besetzung
des Gebietes eine andere. Obwohl die russische öffentliche
Meinung den Krieg unterstützt, ist genau diese Unterstützung
sehr zerbrechlich. Wenn Russland sich im Sumpf eines langen Konfliktes
festgesetzt hat und die Leichensäcke nach Hause zurückkehren,
dann kann die Opposition der Massen, die im letzten Krieg auf
den Plan getreten ist, diesmal wieder erscheinen.
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