Frauen bei der Bundeswehr
Berufssoldatinnen oder Wehrpflicht?

Werner Klein


Jetzt ist auch die letzte Männerbastion, die Bundeswehr von den Frauen erobert. Mit Emanzipation hat dieser Schritt aber nichts zu tun, aber mit Gleichberechtigung.
Welchen Dienst für das menschenverachtende Kapitalistensystem die Frauen durchführen, entscheiden sie jetzt selber und nicht mehr nur ein Männerclub.
Eine Elektrotechnikerin von Siemens hat von dem Europäischen Gerichtshof das Recht zugesprochen bekommen, auch die Panzer bei der Armee warten zu dürfen. Kriegsminister Scharping könnte sich vorstellen, die Frauen in allen Einheiten einzusetzen, auch bei den Sondereinheiten wie GSG 9 usw. Die Einsatzmöglichkeiten lässt er jetzt prüfen und es ist damit zu rechnen, dass eine Entscheidung darüber Ende des Jahres fallen wird.
Das Bild des liebevoll sorgenden Weibchens, dass höchstens im Sanitätsdienst oder an der Flöte eingesetzt werden durfte, entspricht nicht mehr dem Kapitalinteresse, da die Waschmaschine, der Geschirrspüler und die Mikrowelle billiger sind als eine Hausfrau, deren "Lohn" das Kapital ja bei den Reproduktionskosten für den Arbeiter mitbezahlen muss.
Gleichzeitig mit der Entscheidung über die Einsatzmöglichkeiten für die Frauen wird es auch eine Diskussion geben über die Frage, ob es auch eine Wehrpflicht bei den Frauen geben soll, wie bei den Männern, oder die Frauen gegenüber den Männern privilegiert werden sollten und nur dann zur Arme gehen brauchen, wenn sie selber es wollen, also nur als "freiwillige" Berufssoldatinnen?
Schon im Zusammenhang mit dem europäischen Urteil wurde verschiedentlich diese Frage angeschnitten und die Internationalen Sozialisten mussten dazu natürlich eine Haltung entwickeln.
Bisher war unsere grundsätzliche Haltung zur Bundeswehr getragen von dem Gedanken des revolutionären Defätismus. Wir treten ein für die allgemeine Wehrpflicht mit der Möglichkeit für Zivildienst, damit die Arbeiter in kämpferischen Zeiten die Armee unterwandern und zersetzen können und in der Revolution Armee-Einheiten auf die Seite der Revolutionäre führen können. Bei einer Berufsarmee, die aus kapitalhörigen Elitesoldaten besteht, ist das kaum möglich. Heute empfehlen wir natürlich Jedem, Zivildienst zu absolvieren, weil heute für eine Zersetzungsarbeit kein Gehör besteht.
In jeder erfolgreichen oder unterlegenen Revolution in der Geschichte der Arbeiterbewegung gab es Einheiten, die sich den revolutionären Arbeitern angeschlossen haben, und das waren alles Wehrpflichtarmeen.
Ob in Russland 1917, in Deutschland 1918, Spanien 1936, Ungarn 1956, Portugal 1974 oder Iran 1979 - immer hat die Wehrpflicht dazu beigetragen, dass die Arbeitermassen zumindestens militärisch den ersten Schritt gewinnen konnten. Der Verrat kam dann später von den Stalinisten, den Sozialdemokraten oder den Fundamentalisten.
In kämpferischen Zeiten besteht auch immer die Möglichkeit der Zersetzungsarbeit. Als nach der Oktoberrevolution 1917 der Arbeiterstaat in Russland von 16 imperialistischen Staaten angegriffen wurde, verweigerten 60.000 französische Matrosen und 36.000 englische Soldaten ihren Dienst. Nur mit deren Verweigerungshaltung konnten die russischen Arbeiter im Bürgerkrieg gewinnen und die "Meuterei" konnte nur durchgeführt werden, weil diese Armeen von Arbeitern durchsetzt waren, die zum Kriegsdienst eingezogen worden sind.
Keine andere Haltung sollten wir zu den Soldatinnen einnehmen. Eine andere Haltung würde nämlich bedeuten, dass die Fußarmeen durchsetzt wären von Arbeitermännern und die Frauen nur zu den Eliteeinheiten wie Panzerbrigaden oder Flugjägerstaffeln gehen oder in den Fußeinheiten zu der Führung gehören würden, die die einfachen Soldaten wie im Vietnam-Krieg gängelt und drangsaliert. Frauen als Elite und Männer als Kanonenfutter - wunderbare Vorstellung das, eine perfekte Trennung der Geschlechter.
Als in der russischen Revolution bei der Erstürmung des Winterpalais, dem Sitz der provisorischen Regierung zur Verteidigung der bürgerlichen Minister keine Einheiten mehr gefunden wurden, weil sie alle zu den Revolutionären übergelaufen waren, stellte sich ein Frauenbataillon zur Verfügung. In Russland gab es eben nur eine Wehrpflicht für die Männer und keine für die Frauen, die deshalb nur in Eliteeinheiten zu finden waren und sich dem entsprechend der Reaktion zur Verfügung stellten.
Idealisten sträuben sich gegen unsere taktische Haltung und wünschen sich eine Freiwilligkeit der Frauen. Nur hieße das dann, dass nur Frauen der Kapitalistenklasse oder höchstens Spezialistinnen dienen würden und wir Arbeiter unter diesen Frauen natürlich keine Möglichkeit zur revolutionären Agitation oder zum Defätismus besitzen würden. Die einzigen Gesprächsthemen im Schlafsaal der Frauen wären dann, wie man die Arbeiter zum Stillhalten bringen kann.
Ich denke, dass auch kein Idealist will, dass es eine leichte Möglichkeit gibt, die Männer und Frauen gegeneinander auszuspielen. Natürlich wollen wir die Abschaffung aller Armeen. Nur, solange es Kapitalismus gibt und die Bourgeoisie Zugriff auf die Waffen hat und die Kontrolle über die Armeen ausübt, sollten die Arbeiter diesen Bereich mit besetzen, um ihn für sich erobern zu können und so dessen Abschaffung langfristig überhaupt erst zu ermöglichen.
Und nicht nur die Männer, sondern die Frauen und Männer gemeinsam, denn nur gemeinsam sind wir stark.
Was den Zivildienst betrifft, gilt für die Frauen natürlich das gleiche wie für die Männer. Wie die Befreiung vom "Dienst" wegen Unabkömmlichkeit in der Arbeit oder wegen Geschäftsgründung, die längst praktiziert wird, müssen wir die Befreiung wegen Schwangerschaft und Kindererziehung natürlich genau so fordern.
Schreibt uns, wie ihr zu der Frage steht, es sollte eine größere Debatte werden.

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