Die Unterdrückung der Frau: Ein Phänomen der Klassengesellschaften
Nina Wegen


Bei der Betrachtung der Frau von heute wird zumeist mit Begriffen wie "Emanzipation der Frau", "Chancengleichheit" und "Frauenquote" um sich geschmissen und so ein sehr selbständiges, von Unterdrückung befreites Bild der Frau geboten. Die Realität sieht leider anders aus. Auch wenn immer wieder versucht wird, die Gleichberechtigung der Frau, die ja schon lange im deutschen Grundgesetz theoretisch garantiert wird, zu demonstrieren, so täuscht doch nichts über die eigentliche Tatsache hinweg, dass es nach wie vor die Frauen sind, die ihre Berufsausbildung, ihre berufliche Laufbahn, ihre Freitzeitgestaltung, ja quasi ihr ganzes Leben der Familie unterordnen.
Sieht man sich die Sache näher an, fällt schnell auf, dass der Mann nach wie vor der Einkommensstärkere ist, da typische Frauenberufe immer noch mit Billiglöhnen entgolten werden, dass die Kindergarten- oder gar Hortplätze hinten und vorne nicht reichen und Arbeitsplätze wegen der "Gefahr" einer Schwangerschaft und dem damit verbundenen Berufsausfall den männlichen Bewerbern zugesprochen werden, ohne dass die Frauenquote und die in den Statistiken - allerdings nur sehr gering - steigende Zahl der Hausmänner an dieser Tatsache etwas ändern. Betrachtet man diese Fakten, wird klar, dass die Gleichstellung zwischen Mann und Frau im Gesamtbild der Gesellschaft nicht realisiert ist, Frauen immer noch unterdrückt werden und eine Lösung für dieses Problem nach wie vor nicht in Sicht ist.
Ursachen der Unterdrückung
Die Unterdrückungsursache lässt sich am besten an den klassischen Aufgaben der Frau erkennen. Wird die Frau von der herrschenden Klasse am liebsten in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter gesehen, zeigt dies ihren Bedarf in unserem heutigen System, die Arbeitskraft und die neue Generation von Arbeitern nicht auf eigene Kosten reproduzieren zu lassen. Und eine Frau tut nichts anderes. Sie stellt für das Kapital die kostengünstigste Methode dar, die Arbeitskraft der Männer langzeitig wieder herzustellen, die einerseits einen Sinn in ihrer Arbeit und andererseits eine Möglichkeit des "Wiederauftankens" benötigen, aus der sie ihre Kraft ziehen können. Die Familie erfüllt beide Funktionen.
Wichtiger ist aber die Funktion der Frau als Mutter. Das Aufziehen von Kindern erfordert eine Menge Zeit und Energie, die wie selbstverständlich von der Mutter gefordert wird. Eine berufstätige Frau wird nach wie vor als "Rabenmutter" verschrien, Unterstützung durch Kinderbetreuung oder gar Haushaltshilfe bekommt sie kaum - und wenn, dann unzureichend. Beruf und Kinder lassen sich dadurch kaum vereinbaren.
Wesen des Kapitalimus
Der Grund für den Reproduktionszwang der Arbeiter und der Arbeiterklasse ist im Wesen des Kapitalismus zu finden. Der dauerhafte Drang des Kapitalismus zu akkumulieren führt zur Unterdrückung der Arbeiterklasse, auf deren Kosten sich eine kleine Schicht von Privilegierten bereichert. Das Hauptinteresse des Kapitals ist nicht auf das Wohlergehen der Masse der Menschen gerichtet, die die Arbeit verrichtet und das System erhält, sondern ganz allein auf seine privilegierte Rolle im Produktionsprozess. Um diese erfüllen zu können, muß aber die Reproduktion der Arbeitskraft seiner Arbeiter und die der neuen Generation gesichert sein, wofür die Frauen als eine sowohl innerhalb der Arbeiter- als auch der Kapitalistenklasse unterdrückten Gruppe zuständig sein sollen.
Der Arbeiter selbst hat nicht viel von der Unterdrückung der Frau. Er kann ein wenig das Gefühl haben, etwas "zu sagen zu haben", da er einen kleinen Betrag an Kapital nach Hause bringt, über das er und nicht die von ihm abhängige Frau entscheiden kann. Lohnsklave ist er dennoch. Somit ist die Unterdrückung der Frau nicht Schuld des Mannes, auch nicht die irgendwelcher Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder die der männlichen Psyche, sondern Resultat eines Systems, in dem Wenige über Viele herrschen.
Der Kapitalismus braucht also ein unterdrücktes Geschlecht, dass sich für billiges Geld um die Reproduktion der Arbeitskraft kümmert. Wie kam es aber dazu, daß die Frau und nicht der Mann zum Unterdrückten wurden?
Entstehung der Frauenunterdrückung
Die Unterdrückung der Frau begann mit der Teilung der Gesellschaft in Klassen. In der Jäger- und Sammlergesellschaft hatten die Frauen den gleichen Stellenwert und ebenso wichtige Aufgaben wie die Männer. Dies änderte sich mit der Entwicklung der Produktivkräfte. Auf einer bestimmten Stufe ermöglichten sie die Entstehung des Mehrwertes, eines Ertrages, der über das zum Leben absolut Nötigste hinausging. Dieser kam allerdings nicht allen zugute, sondern nur den Besitzern der Produktivkräfte. Die Gesellschaft wurde so in zwei Klassen geteilt - die der Besitzenden und die der Nichtbesitzenden. Das Mehrprodukt war noch nicht groß genug, als das alle über dem Maß des Lebensnotwendigsten leben konnten.
Durch die Schwangerschaft gehindert konnten die Frauen einige Tätigkeiten, wie zum Beispiel den Ackerbau, nicht mehr ausführen, was die Männer in den Besitz des Mehrprodukts und somit in den Besitz der Produktionsmittel, die sie sich mit Hilfe des Mehrprodukts kaufen konnten, brachte. Der Unterschied zur Naturgesellschaft der Jäger und Sammler bestand darin, dass diese ihre Nahrung nicht selber produzierten, sondern lediglich in ihrem Jagd- und Sammelgebiet vorfanden. Ein Stamm durfte also nur eine geringe Größe haben - in der Regel zwischen 15-30 Menschen -, um die lebensnotwendigen Ressourcen nicht durch "Raubbau" zu vernichten. Mit dem Ackerbau wurden Nahrungsmittel produziert, und je mehr Menschen eine Gemeinschaft hatte, desto mehr Arbeitskräfte besaß sie: Je größer desto besser. Die Frau wurde allmählich zur "Gebärmaschine", konnte die schweren Arbeiten auf dem Feld nicht mehr ausführen und wurde so aus dem produktiven Sektor an "Heim und Herd" gedrängt.
Mit der Enstehung von Privateigentum war es auch wichtig geworden, sein Vermögen in der Familie halten - sprich: vererben - zu können. Die männerbezogene Familie entstand, und für die Frau galt nun die Monogamie, damit das männliche Familienoberhaupt sicher sein konnte, dass es auch sein Sohn war, der ihn beerbte. In den Religionen wurden die Göttinnen verdrängt und durch männliche Götter ersetzt.
Anders als in den Naturgesellschaften wurde der Erlös in der so ganannten Zivilisation nicht mehr unter der Gemeinschaft aufgeteilt, sondern war Privateigentum des Produktionsmittelbesitzers, der nur noch einen kleinen Lohn an die Arbeiter zahlen mußte für die Arbeitskraft, die sie an ihn verkauften. Den Frauen blieb nichts anderes übrig, als sich den Männern unterzuordnen, von deren Lebensunterhalt sie fortan abhängig waren.
Der Mehrwert brachte der Gesellschaft aber nicht nur negative Auswirkungen. Ohne ihn wären die Errungenschaften der Menschen wie Kunst, Städtebau und überhaupt der gigantische Entwicklungsschub der Produktivkräfte nicht möglich gewesen, da Niemand die Zeit und Energie gehabt hätte, sich mit irgendetwas anderem als der Beschaffung der zum Leben notwendigen Dinge zu beschäftigen.
Durchführung der Unterdrückung
In der Anfangsphase des industriellen Kapitalismus bestand eine Tendenz zur Auflösung der Familie in der neuen Arbeiterklasse. Marx und Engels sprachen im "Kommunistischen Manifest" sogar von einer »praktischen Abwesenheit der Familie unter den Proletariern«. Bald war der Kapitalistenklasse aber bewußt, daß die Reproduktion der Arbeit, die für ein Weiterbestehen ihrer Klasse absolut notwendig war, so nicht gesichert war. Das billigste und effektivste Mittel der Reproduktion bildete die Familie.
Die Arbeiterklasse-Familie mit Vater, Mutter, Kindern entstand. Die Frau wurde nun als sanft, sich sorgend, emotional , frivol und feminin angesehen. Attribute wie stark, klug und leistungsfähig fehlten. Hierbei fällt auf, daß auch heute noch die typische Frauenbeschreibung diese Inhalte trägt. Frauen die stark und kampflustig sind, gelten schon im frühesten Alter als "jungenhaft" und das gesammte Umfeld versucht, das "unerzogene" Kind auf die Bahnen der Anpassung, die auch nichts anderes als Unterdrückung sind, zu lenken (bei Jungen hingegen werden diese Eigenschaften durchaus positiv bewertet). In späterem Alter werden die Frauen dann mit Titeln wie "Mannsweib" und "Kampflesbe" versehen, was nur allzu deutlich zeigt, daß unsere ach so tolerante Gesellschaft keine starken Frauen haben möchte, auch wenn sie immer wieder von der Gleichberechtigung der Frau spricht.
Allerdings wird auch dafür gesorgt, daß wir tagtäglich mit der Ideologie der "braven Hausfrau" überhäuft werden. Nicht nur in der traditionellen Institutionen wie der Kirche wird dieses Frauenbild nach wie vor hochgehalten - denn was anderes tut sie, wenn sie die Pille, Abtreibung, Priesterinnen und uneheliche Lebensgemeinschaften verbietet? - auch die Medien zeigen uns stets das gleiche Rollenverständnis. Homosexuelle, Hausmänner und Karierefrauen werden in Spielfilmen nur mit der Anmerkumg "Achtung: etwas ausgeflippt!" präsentiert, die Talkshows liefern das Übrige. Auch in der Politik sind Frauen nach wie vor absolut unterrepräsentiert.
Frauenbefreiung
Die Abschaffung der Frauenunterdrückung ist die einzige Möglichkeit für ein selbstbestimmtes Leben der Frau. Im Kapitalismus ist sie aber nicht möglich, zum einen, weil er die private Reproduktion der Arbeitskraft benötigt (und da die Kindererziehung nicht rationalisierbar ist, wird sie in den Klassengesellschaften auch in der privaten Sphäre bleiben) und zum anderen aus ideologischen Gründen.
Die Familie bildet die kleinste Einheit des Kapitalismus. Hier wird den Kindern beigebracht, sich zu fügen und zu gehorchen - mit Schlägen, Psychoterror, kurz, mit Mitteln, die nur hinter verschlossenen Türen stattfinden können, wenn die schöne Illusion der Demokratie keine Kratzer abbekommen soll. Desweiteren wird in der Familie eine solide Geschlechterfeindschaft kultiviert. Würden sich Mann und Frau aus der Arbeiterklasse auf einmal verstehen, kann man davon ausgehen, dass es mit dem Kapitalismus eher heute als morgen vorbei wäre. Deshalb braucht dieses System den Sexismus genauso dringend wie den Rassismus.
Der einzig durchführbare Weg zur Befreiung der Frau liegt in der sozialistischen Revolution. Ein von den Arbeitern geführtes System wird auf das Wohlergehen der Arbeiterschaft ausgerichtet sein, wodurch die Vergesellschaftung der Kinderbetreuung und der Hausarbeit, ebenso wie ein möglichst hoher Freizeitbereich der Arbeiter/innen, höchste Priorität haben werden. Die Reproduktion der Arbeitskraft ist dann nicht mehr das Ziel, sondern eine unter vielen Funktionen des Systems, das Gleichheit für alle bedeutet. Ziel ist dann die Bedürfnisbefriedigung der Menschen - egal ob Frau oder Mann.
Wer gegen die Unterdrückung der Frau kämpfen will, muß sich uns Internationalen Sozialisten anschließen. Nur gemeinsam ist die Befreiung der Arbeiterklasse und mit ihr die Befreiung der Frau durchzusetzen!

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