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Unfälle geschehen,
wo Profite an erster Stelle stehen Tony Hartin »Man sieht immer deutlicher, dass die Benutzung des Begriffes ,Naturkatastrophen' falsch ist« Kofi Annan, Generalsekretär der Vereinten Nationen In seiner Ansprache während der Schlusszeremonie des vergeblichen Internationalen Jahrzehnts zur Verminderung der Naturkatastrophen stellte Annan seine Sicht dar, nach der das Problem in »armen Menschen« bestehe, »die wegen des Bevölkerungsdruckes eine Lebensweise praktizieren, die Schäden anrichtet«. Sein Lösungsversuch bestand darin, »die Aufmerksamkeit der Top-Politiker auf sich zu ziehen« durch »Kooperation bei der Herstellung von Netzwerken und Übereinkünften«. Zum Glück müssen wir nicht - wie Kofi Annan - um die Gunst der Zahlmeister der Vereinten Nationen buhlen und können es uns leisten, offen zu sprechen. Gerade die Reichen und Mächtigen der Welt, die Konzerne und Politiker sind es, die die Umweltzerstörung und die steigenden Todesraten bei Katastrophen zu verantworten haben. Man bräuchte nichts weiter als die Zwangsenteignung dieses Abschaums, der Monopoly mit unseren Leben spielt - und die direkte Herrschaft einer umweltbewussten Mehrheit - um damit anzufangen, die Dinge zu ändern. "Natur"katastrophen haben hinsichtlich Umwelt- und menschlicher Schäden dramatisch zugenommen. Das Rote Kreuz hat berechnet, dass1998 wegen klimabedingter Katastrophen 57.513 Menschen gestorben sind und 335 Mio. ihr Heim verloren haben. 1999 haben sich 75 schwerwiegende Katastrophen ereignet, darunter Erdbeben in der Türkei, Griechenland und Taiwan, Orissa-Zyklone in Indien, Lawinen in Frankreich und Österreich, Wirbelstürme in den USA und Erdrutsche in Venezuela. Die Anzahl der Personen, die finanzielle Hilfe von den Vereinten Nationen bezogen haben, hat sich 1999 während der vergangenen Jahre mehr als verdoppelt. Für diese Zunahme gibt es zwei Hauptursachen. Erstens hat der Klimawechsel, der durch den unkontrollierten Ausstoß von Kohlendioxid der weltgrößten Konzerne erzeugt wurde, einen immer schnelleren Anstieg der Erderwärmung verursacht. Jedes einzelne der vergangenen acht Jahre ist aufeinander folgend das wärmste gewesen, das je registriert wurde. Gleichzeitig hat der auseinander klaffende Graben zwischen Arm und Reich immer mehr Menschen in unsichere Lebensbedingungen gedrängt: in Flutebenen, Erdbebengebiete und Elendsquartiere. Ein herausragendes Beispiel ließ sich auf schreckliche Weise in Venezuela beobachten. Im Dezember 1999 verursachten zehn Tage strömenden Regens Erdrutsche, die 30.000 Menschen getötet und 200.000 obdachlos gemacht haben. In nur einem Staat, Vargas, haben 230.000 Überlebende auch noch ihre Arbeit verloren. In Venezuela, einem der ölreichsten Länder der Welt, leben schwindelerregende 80% der Bevölkerung unter der Armutslinie. Das ist das Resultat von Jahrzehnten des legalisierten Diebstahls der Reichen durch die Vermittlung des US-Imperialismus und der heimischen Verbrecher-Regierungen. Die Armen Venezuelas sind gezwungen, baufällige Barackensiedlungen an unglaublich steilen und nackten Berghängen zu bauen, buchstäblich am Rande der Wohlstandsviertel entlang. Als der Regen kam, wurden diese barrios einfach weggespült, während die reichen Areale unbetroffen blieben. Venzuelas Präsident Chavez, der vermeintliche Fürsprecher der Armen, hat etwas Hilfe versprochen. Trotzdem hat er gleichzeitig die Armee gerufen, um das zu verhindern, was er "Plünderung" nennt, in Wirklichkeit aber nur das Suchen nach Nahrung ist, von der die Reichen satte Vorräte angelegt haben. Aus dieser Tragödie zieht Chavez seinen Vorteil, indem er die Armen aus Caracas und dem Binnenland, wo Stellen noch härter zu bekommen sind und das Leben noch grässlicher ist, zwangsweise aussiedelt. Einzelfälle oder Systematik? Davon, wie die Armen unter den ernsten Klimabedingungen leiden, gibt es Beispiele in Hülle und Fülle. Abseits von der Kriminalität jedes einzelnen Vorfalls, gibt es aber eine brutale Anklage, die gegen das System insgesamt erhoben werden muss. Die Menschheit besitzt die technologischen Mittel, die Auswirkungen von Naturkatastrophen fast vollständig aufzufangen. Aber diese Technologie wird von einer Minderheit zu dem Zweck kontrolliert, Profit zu machen. So besitzen wir z.B. die technologischen Mittel, den ganzen Planeten zu ernähren. Europa allein lagert genug Lebensmittel, um damit die Hungernden Afrikas über fünf Mal ernähren zu können. Die Hungersnöte, die Afrika fast schon regelmäßig plagen, sind in großem Maße künstlich und das Ergebnis von Ernteverkäufen und internationalen Schulden wie von Klimabedingungen. Gebäude können erdbebensicher gemacht werden; das aber frisst sich in die Profite der Stadtplaner. Korrupte Regierungsinspektoren drücken beide Augen zu bei Verstößen gegen Bauverordnungen. So erlebte das vernichtende Erdbeben in Istanbul letztes Jahr mit, wie Arbeiterviertel zu einem Haufen Schotter zusammenfielen, während die Häuser der Reichen stehen blieben. In diesem systematischen Licht besehen verschwindet die Grenze zwischen natürlichen und menschlich erzeugten Katastrophen fast vollkommen. Ein Paradebeispiel für vom Menschen gemachte Desaster ist der Zugunfall, der sich vor kurzem beim Bahnhof Paddington in London ereignet hat. Der Geiz und die Habgier der Bahneigner und die Komplizenschaft der Regierung sind voll und ganz für die Todesquote in Paddington verantwortlich. Die Firmen, die im Zentrum des Paddington-Skandals standen, Great Western und Railtrack, verfügen über eine eigene Geschichte von Sicherheitsverletzungen. Im Juli 1999 musste Western Union 1,5 Mio. £ (~4,5 Mio. DM) Strafe für die Weigerung zahlen, einen automatischen Sichermechanismus in seinen Zügen zu installieren. Ein paar Monate später, zur Zeit des Paddington-"Unglücks" hatte Western Union das immer noch nicht nachgeholt. Schlimmer noch, Great Western hatte seine Waggons aus dünnem Aluminium (anstatt aus Stahl) gebaut und seinem Diesel-Treibstoff gefährlich brennbare Additive zugefügt - wobei beides die Todesrate weiter in die Höhe trieb. Ebenfalls vor kurzem meldete Railtrack Rekordgewinne - 236 Mio. £ über eine Periode von sechs Monaten. Am selben Tag starb das 31-ste Paddington-Opfer an seinen Verbrennungen. Railtrack und Great Western ignorierten die wiederholten Warnungen ihrer Zugführer vor der schlechten Sichtbarkeit der Bahnsignale vor Paddington. Tatsächlich brachte eine zynische "Kostenanalyse" die Firmen zur Erkenntnis, dass die Kosten für die Aufrechterhaltung der Bahnsicherheit höher gewesen wären als das Risiko eines Prozesses im Falle von toten Pendlern. Zum Schluss legte die britische Labour-Regierung, die die Privatisierung der bis dahin staatlichen British Rail (britischen Bahn) betrieb, eine weitere Beleidigung für die Opfer und deren Angehörigen nach, als sie allen Verantwortlichen von Great Western und Railtrack Straffreiheit zusicherte. Nicht nur, dass das bereits einen kriminellen Akt an sich darstellt, es gewährleistet, dass Sicherheit weiterhin den Profiten untergeordnet wird. Das System hat keine Fehler - es ist der Fehler Die zugrunde liegende Ursache für "Katastrophen" sind weder besondere klimatische Ereignisse noch einzelne "Unfälle", sondern die Dynamik und die Ignoranz des ungerechten Wirtschaftssystems, das rücksichtslos über unsere Leben hinweggeht - Kapitalismus. Genauso reicht es auf der Suche nach Lösungen auch nicht, die schreiensten Versagen des Systems zurecht zu schustern. Was wir brauchen ist die Massenbewegung ganz normaler Menschen - sowohl allgemeine öffentliche Kampagnen als auch Aktionen organisierter Arbeiter in unsicheren Industriebereichen. Für eine Dauerlösung müssen wir unseren Blick über den Tellerrand einzelner Firmen und Politiker hinaus richten (obwohl das die Orte sind, wo der Kampf anfangen sollte) und auf das kapitalistische System insgesamt lenken - auf seine organisatorischen, staatlichen und rechtlichen Arme. Dieser Artikel ist eine Übersetzung aus der Februarnummer der Zeitschrift unserer australischen Genossen, Socialist Alternative. zurück zum Seitenanfang |