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Partei und Klasse
heute
Karsten Schmitz
Die Aufgabe von Sozialisten ist es, die Arbeiterbewegung in die
Lage zu versetzen, den bürgerlichen Staat zu zerschlagen
und zunächst den Arbeiterstaat und dann die klassenlose
Gesellschaft aufzubauen. Aber eine Revolution ist keine einfache
Sache, die man mal eben über Nacht durchführt.
Bürgerliche Revolution und Arbeiterrevolution
Das Bürgertum hat das seiner Zeit in einigen Ländern
in einem Rutsch geschafft. Es hat den absolutistischen Ständestaat
einfach überrannt und einen bürgerlichen Staat aufgebaut,
der sich später in vielen Industrieländern zur bürgerlich-parlametarischen
Demokratie entwickelt hat.
Das konnten die Bürger bzw. Kapitalisten leisten, weil sie
ökonomisch bereits eine viel stärkere Position erobert
hatten als der Adel. Hatte der Adel das karge Land, hatten die
Büger die reichen Städte; hatte dieser die Gutshöfe,
hatten sie die Manufakturen; hatte dieser die Bibel, hatten sie
die Enzyklopädie. Viele Adlige gingen sogar dazu über,
ihr blaues Blut durch das gezielte Verheiraten ihrer Töchter
mit dem Gold der Bourgeoisie zu vermischen, um ihr Überleben
sichern zu können. Die Kapitalisten brauchten zum Adel nur
zu sagen: Wir sind reicher, mächtiger und gebildeter als
Du; wir haben die Städte, die Manufakturen und die Enzyklopädie.
Mach Dich vom Acker - und übernahmen einfach die Kontrolle
über die Gesellschaft.
Mit Arbeitern und Kapitalisten sieht das ganz anders aus. Arbeiter
würden sich der Lächerlichkeit preisgeben, würden
sie zu den Kapitalisten gehen und ihnen sagen: Was habt ihr schon
- die Deutsche Bank? Aral? Ich habe ein Auto, von dem ich die
letzte Rate noch nicht bezahlt habe, und eine Stereo-Anlage.
Es gibt auch keinen Manager bei Daimler, der Hände ringend
nach einem Betriebsrat suchen würde, der seine Tochter heiraten
wollte. Die Kapitalisten würden unter diesen Umständen
kaum den Platz für diese Klasse räumen, und wenn ihr
die Zukunft hundert Mal gehört.
Im Feudalismus haben die Kapitalisten ihre Position immer weiter
- Stück für Stück - ausbauen und verbessern können
und haben die Adligen irgendwann haushoch übertrumpft. Die
Arbeiter können keine von den Kapitalisten unabhängigen
Nischen aufbauen - schon der flächenmäßig enorm
große Ostblock hat bewiesen, dass auch ein staatskapitalistischer
Wirtschaftsraum nicht immun ist gegen die Konkurrenz der privatkapitalistischen
Weltwirtschaft. 1989 ist er einfach in sich zusammengebrochen,
weil die bürokratisch geführte Industrie mit den Erfordernissen
des Rüstungswettlaufes nicht mehr mithalten konnte.
Die Arbeiterklasse ist also gezwungen, den kapitalistischen Staat
in einem Anlauf umzustoßen. Sie kann keine Auszeit nehmen
und sich auf dem bereits Erreichten ausruhen - denn das würde
vom Kapitalismus sofort wieder zunichte gemacht, da die Arbeiter
in ihm nicht mehr besitzen als ihre Arbeitskraft und so weder
über den Reichtum noch über die Macht noch über
die Bildung der Bourgeoisie verfügen.
Der Stand der Arbeiterbewegung
Zweifelsohne befindet die Arbeiterklasse sich heute aber noch
nicht in der Situation, dass sie bereits die Messer fürs
»letzte Gefecht« wetzt. Sie bilden noch keine Klasse
für sich, die für ihre Interessen streitet, sondern
eine Klasse an sich - Ausbeutungsmaterial für die Kapitalisten.
In Zeiten, wo die meisten Arbeiter noch nicht revolutionär
eingestellt sind, ist es die Aufgabe von uns revolutionären
Arbeitern (bzw. der revolutionären sozialistischen Partei),
unsere Kollegen von unseren Ideen im Kampf zu überzeugen.
Unser Ziel ist es dabei nicht, den einen oder anderen Streik
zu gewinnen - denn der höhere Lohn würde durch die
Inflation wieder ausgeglichen, oder ein einzelner Betrieb ginge
Pleite etc. Worauf es uns ankommt, ist, dass in Kämpfen
Bewusstsein entstehen kann. Hier entdecken die Arbeiter, dass
die Polizei kein Freund und Helfer ist, sondern Streikbrechern
den Weg in die Fabrik freiprügelt, dass die Medien nicht
neutral sind, sondern Hetzkampagnen gegen Streikende und Gewerkschaften
starten, aber auch, dass die ausländischen Kollegen einem
nicht die Arbeit wegnehmen, sondern dasselbe Interesse haben,
und schließlich - dass der Kapitalismus keine Fehler hat,
sondern der Fehler ist.
Demnach müssten wir uns also sämtlichen streikenden
Fabriken zuwenden, wo die Gewerkschaftsfunktionäre Gefahr
laufen, dass ihnen die Basis nicht mehr alles glaubt, sondern
ihre Sache in die eigene Hand zu nehmen droht, wenn ihr einer
eine Perspektive bieten kann. Potentiell ist das in jedem Streik
- mal mehr, mal weniger - möglich.
Das Problem ist nur, dass es in Deutschland kaum noch zu Streiks
kommt. 1993 hat es 18 Streiktage je 1.000 abhängig Beschäftigte
gegeben, 1994 waren es 7, 1995 - 8 und 1996 - 3. Zwar existieren
kaum aktuellere Zahlen, die zuverlässig sind, aber mehr
als drei Streiktage werden es in den darauf folgenden Jahren
kaum gewesen sein. Damit gehört die BRD zu den Schlusslichtern
in Europa; hinter ihr kommt nur noch Österreich.
In einem Vergleich zu unserem französischen Nachbarn sehen
die Zahlen noch mickriger aus - 1993: 49, 1994: 40, 1995: 308,
1996: 59. In Großbritannien waren es 1993 29 Streiktage,
1994: 13, 1995: 19, 1996: 58. Zahlen in einstelliger Höhe
haben - neben Österreich (4, 0, 0, 0) - ansonsten nur noch
Japan (2, 2, 1, 1) und China (0, 4, 0, 2) zu verzeichnen.1 Und
bei China haben wir es immerhin mit einer blutigen Diktatur zu
tun, in der freie Gewerkschaften verboten sind!
Und auch die Mitgliedszahlen des Deutschen Gewerkschaftsbundes
deuten darauf hin, dass die deutsche Arbeiterbewegung überhaupt
nicht in Kampfstimmung ist. Denn aus ihrer Organisation zur Verteidigung
gegen die Kapitalisten treten viele Arbeiter aus. Von 11,8 Mio.
Mitgliedern im Jahr 1991 sind dem DGB 1998 nur noch 8,3 Mio.
geblieben.2 Und die Begründungen für die Austritte
lauten vielfach, die Gewerkschaften stellten zu radikale Forderungen
- was angesichts der in den letzten Jahren ausgehandelten Tarife
keineswegs den Tatsachen entspricht.
Man sollte heute als revolutionärer Sozialist am besten
gar nicht versuchen, die Kollegen über Agitationen am Fabriktor
für sozialistische Ideen zu begeistern, da man sie eh nur
individuell und nicht über ihre kollektiven Erfahrungen
als Klasse ansprechen kann. Wir müssen uns also im Moment
darauf konzentrieren, einzelne Menschen über Propaganda
zu erreichen, ihnen die gesamte sozialistische Idee zu vermitteln,
anstatt an ihren spezifischen Alltagserfahrungen anzuknüpfen,
um sie zum Kampf zu motivieren.
Heute müssen wir also Theoretiker gewinnen oder Individuen,
die bereit sind, sich zu solchen ausbilden zu lassen. Wir müssen
ein Netz von Menschen schaffen, die in der Lage sind, die Theorie
der Internationalen Sozialisten eigenständig zu vertreten.
Ihre Aufgabe wäre es dann, eine neue Ortsgruppe um sich
zu schaffen und anzuleiten. Nur so können wir uns in die
Lage versetzen, wenn die Arbeiterbewegung wieder kämpft,
über Leute zu verfügen, die die Chance haben, sich
mit sozialistischen Ideen einbringen zu können.
Der Stand der Linken
Auf die Linke können wir gar nicht bauen. Heute lässt
sich klar erkennen, was passiert, wenn man als politische Organisation
die falsche Theorie vertritt. Fast alle Gruppierungen, die entweder
die russische oder aber die chinesische Staatskapitalismus-Variante
für Sozialismus gehalten haben, sind seit dem Zusammenbruch
dieser Systeme selber dabei zusammenzubrechen.
Aber der Verfall der Linken hat bereits eingesetzt, als der letzte
große Arbeiteraufstand niedergeschlagen worden ist: Portugal
1974/75. Da die Linke auch die Systeme als sozialistisch oder
fortschrittlich durchgehen lassen hat, deren Errichtung von stalinistischen
Bürokraten von oben kontrolliert worden ist, war sie eh
nie in der Lage zu begreifen, warum die Arbeiterklasse das revolutionäre
Subjekt ist und ihre Emanzipation am Anfang des Aufbaus der klassenlosen
Gesellschaft stehen muss.
Dieser Abwärtstrend der Linken hat sich auch in den 90er
Jahren fortgesetzt. Gerade in diesem Jahrzehnt sind viele einst
linke Theoretiker zur Rechten gewechselt, und eine "Unzahl"
an Ex-Linken hat sich aus der aktiven Politik zurückgezogen
und einfach "privatisiert". Tatsache aber bleibt, dass
selbst diese verschwindend kleine "Linke" vorgibt,
was unter Sozialismus zu verstehen ist - auch wenn sie absolut
keine Ahnung hat. Erst wenn sie sich aufgelöst hat, haben
wir die Chance zu einem Neuanfang.
Wir stehen also vor der Aufgabe, überhaupt erst ein sozialistisches
Zirkelwesen aufzubauen und müssen quasi von vorn anfangen.
Das Vertrauen der Arbeiter, das die Stalinisten, ein Großteil
der orthodoxen Trotzkisten und andere Linke enttäuscht haben,
werden wir uns mühsam wieder zurückerobern müssen.
Aber selbst das ist erst einmal Zukunftsmusik.
Und auch das ist ein Umstand, über den man - leider schon
- froh sein muss. Denn würden die Arbeiter heute einen Aufstand
machen, würde er die kleine Handvoll revolutionärer
Sozialisten, die es ehrlich meint, völlig unvorbereitet
treffen. Das Scheitern wäre vorprogrammiert, da die Arbeiter
als Alternative nur auf "ihre" SPD zurückgreifen
könnte, die sie immer nur verraten und in die provozierte
Niederlage geführt hat.
Wenn wir heute mit unvorbelasteten jungen Menschen einen Kern
neu aufbauen (individuell, nicht Massen), können wir aus
künftigen Arbeiterkämpfen starke Machtorgane des Proletariats
schmieden.
Fußnoten:
1. Zahlen nach Institut der deutschen Wirtschaft Köln
2. Zahlen nach 'Focus', 47/1995 und "Der Fischer Weltalmanach
2000"
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