Die Kommunistische Internationale, Tl. 1: Von den Anfängen bis zum Tod Lenins
Marc Maes

Im November 1914 schrieb Lenin »Die Zweite Internationale ist tot... Lang lebe die Dritte Internationale«. Der Grund, der Lenin zu dieser Aussage veranlasste war, dass - bis auf einige Ausnahmen - alle in der Zweiten Internationale organisierten sozialdemokratischen Parteien zu Beginn des Ersten Weltkrieges ihre nationalen Bourgeoisien unterstützten.
Die Sozialisten und der Erste Weltkrieg
Im deutschen Reichstag stimmten bis auf Karl Liebknecht alle SPD-Abgeordneten für eine Bewilligung der Kriegskredite. Dieser Verrat war jedoch nichts Neues in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Wir wissen, dass die SPD nie eine revolutionäre Partei gewesen ist, sondern nur revolutionäre Phrasen gedroschen und in der Praxis durch Passivität geglänzt hat.
Ähnlich verhielt es sich auch mit den anderen Parteien der Zweiten Internationale. Auf dem Stuttgarter Kongress 1907 verfassten sie folgende Resolution:
»Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind in den beteiligten Ländern die Arbeiter und ihre parlamentarischen Vertreter verpflichtet, alles aufzubieten, um den Ausbruch des Krieges ... zu verhindern... Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, sind sie verpflichtet, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, um die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen.«
Auf ihrem außerordentlichen Kogress von Basel 1912, der aufgrund der zunehmenden Gefahr eines Krieges einberufen wurde, gingen sie sogar noch weiter, indem sie im Falle eines Krieges zu dessen Umwandlung in einen Bürgerkrieg aufriefen.
Im August 1914 brach die revolutionäre Fassade der sozialdemokratischen Parteien zusammen, deren Führer nichts besseres zu tun hatten, als ihre nationalen herrschenden Klassen zu unterstützen und sich somit aktiv gegen die Arbeiter zu stellen. In der Folge kam es zu einer Spaltung der sozialistischen Bewegung in "Sozialpatrioten", die die Mehrheit darstellten und den Krieg unterstützten, und "Internationalisten", die wiederum in Zentristen und konsequent revolutionäre Linke gespalten waren. Die Zentristen waren gegen Unterstützung ihrer nationalen Regierungen und für eine baldige Friedensverhandlung.
Auf der Konferenz der Internationalisten von Zimmerwald im September 1915 wurde die Spaltung zwischen Zentristen und Linken offenbar, als die Mehrheit die von Lenin eingebrachte Resolution, den Krieg in einen Bürgerkrieg umzuwandeln, ablehnte. Die Zimmerwalder Linken behielten es sich dennoch vor, ihre eigene Resolution zu veröffentlichen. Auf der folgenden Konferenz von Kienthal trat die Zimmerwalder Linke für einen Bruch mit der Mehrheit ein. Zu dieser Zeit kam es zu einem Aufstand in Dublin gegen den britischen Imperialismus, und in Berlin streikten 50.000 Arbeiter, nachdem Karl Liebknecht und Otto Rühle wegen Landesverrats verhaftet wurden, da sie im Reichstag gegen den Krieg agitierten.
Die Antikriegsbewegung wuchs, und mit der russischen Februarrevolution 1917 und noch mehr mit der Oktoberrevolution dort kam es zu massenhaften Friedensdemonstrationen in ganz Europa. In Deutschland spaltete sich die USPD von der SPD ab. Im Januar 1918 entfesselten sich die ersten Massenstreiks in den Munitionsfabriken von Österreich-Ungarn, die in Wien in einen Generalstreik mündeten. Auch in Deutschland streikten die Arbeiter verschiedener Industriezweige u.a. 4-5.000 Munitionsarbeiter in Berlin.
Die Bewegung konnte nicht zuletzt mit Hilfe der SPD eingedämmt werden. Als jedoch am 4. November 1918 die Matrosen der deutschen Hochseeflotte in Kiel meuterten brach das deutsche Kaiserreich zusammen. Innerhalb von 5 Tagen breitete sich der Aufstand über ganz Deutschland aus, und allerorts bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte.
Am 10. November 1918 ernannten 3.000 Delegierte des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates eine provisorische Regierung, bestehend aus je drei SPD'lern und USPD'lern, den Rat der Volkskommissare. Auf dem ersten Rätekongress Mitte Dezember in Berlin wurde für die Wahl einer Nationalversammlung und für die Bildung eines Freiwilligenheers unter Führung rechter Offiziere gestimmt. Am 31. Dezember gründete sich die KPD, die zum Boykott der Wahlen aufrief, ein Schritt der Sinn gehabt hätte, wenn sie einen entscheidenden Einfluss in der Arbeiterklasse gehabt hätte, den jedoch besaßen die SPD und die USPD.
Die Wahlen wären eine gute Gelegenheit für die KPD gewesen, ihren Einfluss auf die Arbeiter zu vergrössern, stattdessen versuchte sie als spontane Reaktion auf die geplante Absetzung Emil Eichhorns vom Posten des Berliner Polizeipräsidenten - eine Provokation der Regierung - die Macht in Berlin zu übernehmen. Dieser Aufstand - auch Spartakusaufstand genannt - wurde aufgrund der mangelnden Unterstützung der Berliner Arbeiter schnell durch rechte Armeeeinheiten niedergeschlagen. In der Folge wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet.
Die Anfänge der Komintern
Es herrschte jedoch weiterhin Bürgerkrieg in Deutschland, und auch in anderen Ländern Europas war die Situation revolutionär. Am 4. März 1919 kamen aufgrund dieser politischen Lage 35 Delegierte in Moskau zusammen und gründeten - mit einer Enthaltung - die Komintern. Schnell schlossen sich sich ihr die PSI, die DNA sowie die die bulgarische, jugoslawische und rumänische Partei an. Ins Gründungsmanifest der Komintern schrieben sie:
»Unsere Aufgabe besteht darin, die revolutionäre Erfahrung der Arbeiterklasse zusammenzufassen, die Bewegung von den zersetzenden Beimischungen des Opportunismus und Sozialpatriotismus zu reinigen, die Kräfte aller wirklich revolutionärenParteien des Weltproletariats zu sammeln und dadurch den Sieg der kommunistischen Revolution zu erleichtern und zu beschleunigen.«
Die meisten der oben genannten Parteien waren aber bei weitem keine wirklich revolutionären Organisationen. In ihnen gab es starke zentristische Strömungen. Das Problem lag nun darin, dass die Komintern ohne das Hauptkontingent der Mitglieder dieser Parteien keinen entscheidenen Einfluss in Europa ausüben konnte und mit den zentristischen Führern dieser Parteien keine revolutionäre Politik möglich war, d.h. dem Zentrismus musste der Kampf angesagt werden.
Der Kampf gegen den Zentrismus
Ein trauriges Beispiel für zentristische Politik war das Verhalten der PSI während der zwei roten Jahre in Italien. Sie begannen im Juni/Juli 1919 mit einer Welle von Streiks, Demonstrationen, Strassenkämpfen und Landbesetzungen. In der Turiner Gegend bildeten die Metallarbeiter Fabrikkomitees. Im April 1920 kam es zu einem Generalstreik zur Verteidigung der Fabrikkomitees und im September 1920 wurden in ganz Italien die Fabriken besetzt.
Die PSI verhielt sich während dieser Zeit mehr oder weniger passiv und traf weder technische Vorbereitungen für eine Machtübernahme noch konnte sie den Arbeitern eine konkrete politische Führung geben. Interventionen von Seiten der Komintern blieben ohne Wirkung. Die Niederlage der Bewegung ebnete dem Faschismus in Italien den Weg.
Nach diesem Debakel kam zu einem Bruch mit den Zentristen, und die PCI wurde gegründet. Daher wurden auf dem zweitem Weltkongress der Komintern im Juli/August 1920 21 Bedingungen verabschiedet, die verhindern sollten, dass weitere zentristische Parteien in die Komintern gelangen konnten, wie z.B. die USPD oder die SFIO. Das bedeutete, dass diese Parteien mit ihren zentristischen Führern brechen mussten, um in die Komintern zu gelangen.
Im Oktober spaltete sich dann auch der linke Flügel der USPD ab und vereinigte sich mit der KPD, und im Dezember gründete sich die PCF aus der SFIO. Es kam zu weiteren Abspaltungen in verschiedenen Parteien und Anfang 1921 besassen die Komintern-Parteien einen beträchtlichen Einfluss auf die politisch bewussten Arbeiter in Europa.
Der Schein-Radikalismus der Ultra-Linken
Ein zweiter wichtiger Punkt war der Kampf gegen den linken Radikalismus, der nicht nur in der KPD gedieh und sich in Form von Abstentionismus d.h. der Ablehnung von Gewerkschaftsarbeit und dem Wahlboykott aus Prinzip sowie politischen Abenteuertums äußerte. Beim Kapp-Putsch im März 1920 hätte die Haltung des Abstentionismus beinahe katastrophale Auswirkungen gehabt, wenn nicht die Basis der deutschen Arbeiter schneller als ihre Führung gewesen wäre. Auf dem zweiten Weltkongress wurde daher gesagt, dass die
»Kommunisten in allen Ländern in die Gewerkschaften eintreten (müssen), um aus ihnen bewusste Kampforgane zum Sturze des Kapitalismus und für den Kommunismus zu machen.«
Die kategorische Ablehnung der Teilnahme an Wahlen sowie der revolutionären parlamentarischen Tatigkeit wurden als »kindliche Doktrin unter jeder Kritik« bezeichnet. Bei der Märzaktion 1921, einem Fall von politischen Abenteuertums, kam es in der Mansfelder Region - einem kommunistischen Bollwerk - zu Zusammenstößen zwischen Arbeitern und der Polizei, in deren Verlauf die KPD zum Generalstreik und bewaffneten Aufstand aufrief.
Dieser Aufruf stieß aber auf sehr geringe Resonanz, so dass die Aktion isoliert blieb und niedergeschlagen werden konnte. Die KPD wurde verboten. Mit der Märzaktion ebbte die revolutionäre Welle in Europa zunächst ab. In Russland wurde die "Neue Ökonomische Politik" eingeführt. Das verlangte von den der Komintern angeschlossenen Parteien eine Anpassung ihrer Taktik auf die aktuelle politische Situation.
Die Einheitsfront
Auf dem dritten Weltkongress im Juni/Juli 1921 wurde folgende Resolution veröffentlicht:
»Die Eroberung des ausschlaggebenden Einflusses auf die Mehrheit der Arbeiterklasse, das Hineinführen ihrer entscheidenden Teile in den Kampf ist gegenwärtig die wichtigste Frage der Kommunistischen Internationale. Denn trotz der objektiv revolutionären ökonomischen und politischen Lage ... steht die Mehrheit der Arbeiterklasse noch nicht unter dem Einfluss des Kommunismus.«
Die Parole lautete "zu den Massen". Im Januar 1922 gibt die Kominternexekutive den Aufruf zur Einheitsfronttaktik, d.h. zur
»Errichtung einer einheitlichen Front aller sich auf das Proletariat stützenden Parteien, ohne Rücksicht auf die sie trennenden Gegensätze, vorausgesetzt, dass sie gemeinsam für die nächsten unaufschiebbaren Bedürfnisse des Proletariats kämpfen wollen... Alle Arbeiter - ob Kommunisten, ob Sozialdemokraten, ob Syndikalisten, sogar ob christliche oder liberale Gewerkschafter - wollen keine weitere Minderung der Löhne zulassen. Sie wollen nicht hungernd und frierend weiter arbeiten, und darum gilt es, sie zu einer gemeinsamen Front gegen die Offensiven der Unternehmer zu vereinigen.«
Die Einheitsfront ist kein Block für gemeinsame Propaganda zwischen revolutionären und reformistischen Organisationen, sondern nur eine begrenzte Vereinbarung zu irgendeiner Aktion. Die KPD konnte durch Anwendung der Einheitsfront-Taktik großen Einfluss auf Organisationen der Arbeiter ausüben und erholte sich von den Folgen der Märzaktion.
Das Jahr 1923 war gekennzeichnet durch zwei wichtige Ereignisse. Im Juni 1923 startete die bulgarische Armee und Polizei unter Führung von Zankow einen Putsch gegen die regierende Bauernunion, eine von Kulaken beherrschte Regierung. Die bulgarische Kommunistische Partei verhielt sich während des Putsches neutral und wiederholte somit den Fehler der KPD während des Kapp-Putsches jedoch mit dem Unterschied, dass dieser Fehler nicht von ihrer Basis gutgemacht wurde. Nachdem der Widerstand der Bauernunion gebrochen war, begann Zankow mit Repressionen gegen die Kommunisten. Diese schwenkten nun verspätetet auf die Einheitsfront-Taktik um, da die Arbeiter und Bauern sich bereits desorganisiert auf dem Rückzug befanden. Ein für den September geplanter bewaffneter Aufstand, zu der auch die Komintern ermuntert hatte, wurde blutig niedergeschlagen.
Das zweite wichtige Ereignis fand in Deutschland statt. Seit dem Sommer 1922 gab es eine zunehmende Inflation. Die Regierung unter Cuno konnte die Reparationsleistungen nicht mehr zahlen, und die französische Armee besetzte im Januar 1923 das Ruhrgebiet. Mit Beginn der Hyperinflation im April kam es zu einer Welle von Streiks im Ruhrgebiet, die sich bis Anfang Juli auf ganz Deutschland ausweitete. Die Gewerkschaften verloren die Kontrolle, die nun in den Händen von Fabrikräten lag. Es bildeten sich bewaffnete Milizen, die "proletarische Hundertschaften" und "Kontrollkomitees" - in allerersterLinie, um direkte Maßnahmen gegen Preissteigerungen vorzunehmen.
Die KPD gewann entscheidenden Einfluss auf die Bewegung. Als Gradmesser für die Bewegung rief sie für den 29. Juli zum Antifaschistischen Tag auf. Bis auf Thüringen und Sachsen verboten die Länderregierungen die geplante Demonstration. Nach Beratung mit der Kominternexekutive wurde die Demonstration von der KPD aufgegeben. Ungeachtet dieser Entscheidung fanden an diesem Tag Massendemonstrationen statt.
Im August erreichte die Hyperinflation ihren Höhepunkt und die Delegierten der Berliner Betriebsräte riefen zum Generalstreik, zum Sturz der Cuno-Regierung und zur Bildung einer Arbeiterregierung auf. Die Cuno-Regierung trat ab, und an ihrer Stelle bildete sich eine grosse Koalition um Stresemann. Die KPD und die Nazis waren von ihr ausgeschlossen.
Die Lage war durchaus revolutionär. Die SPD versuchte nun, die Arbeiter unter Kontrolle zu bekommen, indem sie der Regierung durch Ernennung von vier SPD-Ministern ein linkes Gesicht verlieh und versuchte, zu einer Einigung mit der französischen Regierung zu gelangen. Aber die SPD war tief gespalten. In Sachsen und Thüringen regierte die SPD gegen den Wunsch der SPD-Zentrale mit Unterstützung der KPD. Die Kominternexekutive - wachgerüttelt durch den Sturz der Cuno-Regierung - entwarf nun mit der KPD-Führung einen Plan, der ein zusammengeflickter Kompromiss zwischen den deutschen, russischen und Kominternführungen. war.
Die KPD sollte den SPD-Regierungen in Sachsen und Thüringen beitreten und dann die Arbeiter aus den Waffenlagern der Länder bewaffnen, worauf die Zentralregierung die Reichswehr einsetzen würde. Die KPD sollte nun einen gesamtdeutschen Aufstand mit Hilfe der "proletarischen Hundertschaften" einleiten. Als die Reichswehr am 20.Oktober tatsächlich in Sachsen einmarschierte, lehnte die SPD-Mehrheit der Regierung Sachsens einen bewaffneten Aufstand oder einen Aufruf zum nationalen Generalstreik ab, und die KPD fügte sich. Sie blies den für den 22. Oktober geplanten nationalen Aufstand ab, und so endete der Deutsche Oktober.
Im nächsten Klassenkampf: Vom Tod Lenins zur Stalinisierung der Komintern

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