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Das große
Bimbes-Spiel
Norbert Nelte
Die CDU-Spendenaffäre hat wieder eines der ekelhaftesten
Themen des Kapitalismus auf die Tagesordnung gesetzt.
Natürlich war es nicht nur der Herr "Ehren"vorsitzende,
Helmut Kohl, der hinter den Schiebereien stand, sondern auch
Schäuble und die halbe CDU-Spitze steckten hinter dem Extra-Bakschisch.
Biedenkopf, Geißler, Rühe und er selber wussten von
den Kohl'schen Schwarzkonten, erklärte Kiep vor der Kripo.
Logisch mussten davon ein Haufen Leute wissen, nicht nur Einer.
Massen Geld wurden beiseite geschafft, in Koffern über mehrere
Grenzen gebracht und gewaschen, Stiftungen gegründet, Konten
angelegt, die über allerhand Privatnamen liefen, Geld in
Empfang genommen, Waffenverkäufe und Veräußerungen
von Industrieanlagen - warum darf man die Treuhandunterlagen
nicht einsehen, es soll sich doch um sogenanntes "Volks"vermögen
handeln. Nachtigall, ick hör dir trapsen.
Inzwischen musste schon der Parteivorsitzende Schäuble gehen,
und der hessische CDU-Ministerpräsident Koch steht unter
Beschuss. Der Waffenhändler Karlheinz Schreiber wird neugierig
von der Presse befragt, ob auch die SPD und die FDP Gelder bekommen
haben, und was er denn noch zu offenbaren habe.
Die ganze Nation ist aus dem Häuschen. Seit drei Monat ist
das süffige Thema auf Platz 1 der Tagesschau und die CDU-Wahlchance
sank mit jeder Schwarzgeldmillion um einige Prozentpunkte. Tausende
von Zeitungsseiten werden vollgeschmiert und zig Bücher
sind schon in Vorbereitung. Das Denkmal Kohl wird demontiert
und die CDU muss bis jetzt 41 Millionen DM Schulden bezahlen.
Es könnten aber auch noch bis zu 500 Millionen werden. Ist
für die CDU jetzt mit der Zahlungsfeststellung der Niedergang
ausgestanden?
Was hier geschieht, ist in Wahrheit etwas ganz Alltägliches.
Das Thema besteht seit der Einführung des Geldes, und seit
den Anfängen des Kapitalismus gehört es zur Routine
und ist Bestandteil des Systems. »In Deutschland [und anderswo]
gäbe es praktisch keinen Bereich mehr, der von Korruption
verschont sei«, sieht auch der Präsident des Bundeskriminalamtes,
Zachert.
Es gibt zwei Hauptarten der Korruption: Die alltägliche
und die Vorteilsnahme-Korruption.
Wenn man an Korruption denkt, denkt man zuerst an die letztere.
Hier besticht Einer, um gegenüber seinen Konkurrenten bei
der Auftragsvergabe im Vorteil zu sein.
Gerade der Kapitalismus geht ja von der Gleichheit aller Anbieter
auf dem Markt aus. Natürlich ist diese Gleichheit eine
Fiktion, weil sie davon ausgeht, dass alle Menschen das gleiche
Kapital haben oder sich besorgen können. Andererseits entstanden
aufgrund der Konzentration und Zentralisation des Kapitals Monopole,
die aufgrund ihrer Marktmacht die Konkurrenten ausbooten können.
Daran ändert auch der Staat mit seinen Gesetzen und Aufsichtsämtern
nichts. Die Ungleichheit ist die Logik des kapitalistischen Systems.
Der kleine Kapitalist besticht nun den Staat, um gegen den großen
und seine anderen Konkurrenten bestechen zu können, um die
Ungleichheit mit "unlauteren" Mitteln umgehen zu können.
Der große Kapitalist besticht, damit er den größten
aussticht und die kleinen weiter klein halten kann. Der Allergrößte
besticht, damit ihn keiner durch tolle Ideen einholen kann und
alles beim Alten bleibt. Und alle finden willige Ansprechpartner
mit offenen Händen beim Staat, in den Amtsstuben, den Parteien
und auch in der "freien" Industrie.
Jedes Jahr entsteht der deutschen Wirtschaft nach der Rechnung
eines bürgerlichen Forschungsinstitutes ein Gesamtschaden
durch Korruption von 200 bis 300 Millionen. Nur ist das natürlich
eine Milchmädchenrechnung.
Kein Bauamt in den Städten Deutschlands ist ohne Korruption
geblieben. Jeder Sachbearbeiter, Abteilungsleiter, Direktor hat
seinen Obolus erhalten. Bei der alltäglichen Korruption
werden nur die Vertreteranteile erhöht. Die Baukonzerne
sprechen ihre Auftragsvergabe untereinander ab.
Damit wird der Wettbewerb außer Kraft gesetzt, eine Produktivitätserhöhung
vermieden und die Preise hoch gehalten. Das gleiche geschieht
bei der besonderen Vorteilsnahme eines Kapitalisten. Zahlen muss
jedes Mal der Arbeiter als Kleinhäuslebauer oder als Mieter
(bei der Vorteilsnahme natürlich auch der Konkurrent) und
langfristig erlischt die Konkurrenz, das "belebende Feuer"
des Kapitals.
Der kurzfristige Schaden für den Arbeiter ist nicht quantifizierbar
und reicht in die Billionen. Langfristig geht dem Kapitalismus
dadurch früher die Puste aus, und eine soziale Revolution
wird wahrscheinlicher. Der Schaden für das Kapital kann
uns egal sein. Aber wir müssen auf der Lauer liegen und
gegen es kämpfen, wenn es die Arbeiter bezahlen lassen will.
Korruption gibt es auch in allen Ämtern, wo Bürokraten
sitzen und was zu genehmigen haben: im TÜV, im Gesundheitsamt,
in den Ausländerämtern, den Umweltaufsichtsbehörden,
den Gewerbeaufsichtsämtern und und und.
Korruption beherrscht unseren Alltag und wird so lange existieren,
so lange es Geld gibt. Die staatliche Geburtstagsfeier von Rau,
wo Unternehmen als Sponsoren auftraten, zeigt die fließende
Grenze zwischen Sponsoring und Korruption. Ist nicht schon jedes
Trinkgeld Korruption. Man erhofft sich dadurch natürlich
weiterhin eine freundliche und zügige Bedienung.
Jedes "Danke schön" gefriert in der erweiterten
Warengesellschaft zu einer ekelhaften Korruption. Die Naturgesellschaften
kennen kein Danke, es war eben das "natürliche"
Recht des Schwachen, von der Beute oder der Ernte seinen Teil
abzubekommen. Ein "Geschenk" und das "Danke"
waren eher ein Zeichen für Erniedrigung und werden es im
Sozialismus wieder sein.
Natürlich ist jedes Sponsoring, jede Werbung schon eine
Korruption - wenn auch keine direkte -, durch die man sich für
die Zukunft nur einen Vorteil erhofft, also eine indirekte Korruption.
Schließlich lernt jeder Kaufmann, dass der Kapitalist,
egal ob im Aufschwung oder im Abschwung vom Markt gefegt wird,
wenn er keine Werbung treibt.
In den Wahlkämpfen brauchen die Parteien viel Geld. In den
USA gaben 1974 »von 30 erfolgreichen Senatskandidaten 28
mehr Geld aus als ihre Gegenkandidaten« (Chambliss: "Eine
kriminelle Vereinigung", Seite 142). Natürlich ist
das besonders extrem in den Vereinigten Staaten, weil beide Parteien
nur verschiedene Kapitalfraktionen vertreten.
In Deutschland ist die Mitgliederbasis der SPD für das Kapital
unberechenbar, und die kapitalfreundliche Presse wird daher mehr
die CDU unterstützen. Aber dennoch spielt natürlich
das Geld im Wahlkampf eine bedeutende Rolle.
Die SPD mit 200.000 mehr Mitgliedern als die CDU erhält
alleine an Mitgliedsbeiträgen (620 Mio.) und staatlichen
Mitteln (404 Mio.) 1,02 Milliarden DM. Die CDU nur 394 Mio. plus
335 Mio., also 729 Mio. DM, also fast 300 Millionen weniger.
Damit müsste sie fast jede Wahl verlieren, sie könnte
viel weniger plakatieren, Kugelschreiber verteilen und Unterschriften
sammeln. Das muss natürlich von der Industrie ausgeglichen
werden.
Deshalb lässt die CDU ihr eigenes Spendengesetz jetzt überprüfen,
ob es überhaupt "verfassungsgemäß"
ist. In der Tat dürfte es der kapitalistischen Verfassung
kaum schmecken, dass die CDU jetzt so offen vor der ganzen Nation
ihre Bestechungsgelder offen legen soll.
In den USA ist das aber Usus. Keiner denkt sich etwas dabei,
wenn bei den Wahlkämpfen offen Coca-Cola als Unterstützer
auftritt. Die ausschließliche Wahl zwischen dem Vertreter
von Coca-Cola und dem von Pepsi-Cola führt auch dazu, dass
nur 50% zu den Präsidentenwahlen gehen.
In Deutschland lag die Wahlbeteiligung bisher aber bei 80%. Hier
wird noch eher vorgegaukelt, dass die Wahl frei von Kapitaleinflüssen
durchgeführt wird und jeder das gleiche Recht zur Regierungsbildung
besitzt.
Die Gewerkschaften sind noch nicht ganz so abgehoben wie in den
USA, es gibt zumindest formell mehr Demokratie, und entsprechend
vertritt ein großer Teil der SPD-Basis Klasseninteressen.
Sie begibt sich nur in die Klauen von kapitalhörigen Bürokraten
und entmündigt sich somit selber. Für das Kapital aber
ist die SPD weniger berechenbar als ein vom Kapital bestellter
CDU-Kandidat und - der muss daher zusätzlich gesponsort
werden.
Kohl weiß schon, warum er seine Geldgeber nicht nennt.
Einmal natürlich auch, weil es dann bei den zugegebenen
2 Millionen nicht bleiben wird, aber zur Hauptsache, weil er
selber vor seiner Amtszeit als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident
10 Jahre lang als Lobbyist für die Pharmaindustrie in Bonn
mit entsprechendem Koffer tätig war.
Warum stiegen denn die Gewinne der Pillenkombinate ins Unermessliche
und warum wurde die CDU gerade in Hessen so reich, dem Sitz des
Pharmakartells. Kohl, der Kandidat der Pillenkonzerne, hat jetzt
ausgedient. Die Pharmaindustrie aber existiert weiterhin, und
der Nachfolger ist schon in Position gestellt.
In Berlin laufen 20 mal mehr Lobbyisten mit dicken Koffern voller
Bakschisch rum als Abgeordnete und haben es besonders auf die
CDU abgesehen, weil sie ja selber die Kapitallogik vertritt.
Im Koffer des Lobbyisten Herrn Holzer von Elf z.B. steckten 85
Millionen Mark zum Verteilen. Finanziell ist das Gewissen der
Abgeordneten sehr gut abgepolstert. Wie soll sich die Politik
da in Zukunft von sauber halten?
Dabei ist die Korruption nur eine Nebensache, wie das Kapital
die Politik beeinflussen kann. »...Das geht nicht in die
Bonner Köpfe: dass Unternehmer und Unternehmen heute mächtiger
sind als die Politik...«, meint sogar der Ex-Ministerpräsident
von Baden-Württemberg und Chef von Zeiss-Jena, Lothar Späth,
in einem Interview ('Stern' 23/ 98).
Das Kapital muss Kapital akkumulieren und expandieren, ob der
einzelne Manager es will oder nicht. Wenn der einzelne Betrieb
keine den Aktionären genügenden Profite erwirtschaftet,
verliert er sein Kapital und wird vom Markt verdrängt. Akkumulation
um der Akkumulation willen, sonst heißt die Strafe Untergang.
Das ist die kapitalistische Konkurrenzlogik.
Das Kapital entscheidet über Arbeitsplätze und über
Steuern. Wenn die Politik für Sperenzchen der Massen, wie
Gesundheit oder Sozialgelder, dem Kapital Steuern abnehmen will
und den Herren Vorständen das nicht passt, dann wird eben
keiner mehr eingestellt oder der Betrieb verlagert und die Politiker
durch die Medien einem Trommelfeuer ausgesetzt. Zuletzt haben
wir das erlebt vor einem Jahr, als dem Kapital die Politik der
SPD anfangs nicht gefiel und diese auf fast 10% zurückfiel.
Wenn das alles auch nicht hilft, dann schickt man wieder einen
General in Position oder lässt die Nazibanden los.
Was, das würde heute nicht mehr passieren? Falsch gedacht.
Den Haider erleben wir ja gerade in Österreich, und Putschpläne
wurden zuletzt bei der P42-Loge in Italien entdeckt, und Luns,
Nato-General von 1971 bis 1984, berichtet über ein Treffen
von 1965: »Plötzlich standen drei oder vier Generäle
in meinem Büro im Außenministerium [der Niederlande]
und enthüllten einen merkwürdigen Plan. Sie wollten
einen Staatsstreich ausüben und baten mich, Ministerpräsident
zu werden.« 1965 in Den Haag mitten in Europa.
Aber vorerst kann das bundesdeutsche Kapital noch mit normalen
Mitteln seine Diktatur über die Arbeiter ausüben, um
genügend Profite aus ihnen zu saugen. Durch Presse, Kapitalistenzusammenhalt,
Erpressung und eben die Korruption.
Ganz offen werden Schulungen der deutschen Industrie für
den Export durchgeführt: "Wie besteche ich wen, und
zu welchen Prozentpunkten". Von der Steuer waren diese
Bestechungen bisher sogar absetzbar. Nun muss man sie nur umbenennen,
als Agentenvergütung oder Landschaftspflege oder so ähnlich.
So, wie die Aufregung um etwas ganz Alltägliches schnell
gekommen ist, so schnell wird sie auch wieder verschwinden. Man
wird sie ganz schnell vergessen sowie auch andere Korruptionsvorfälle,
wie z.B. Lafontaines Rotlicht- oder der Flick-Skandal.
Neue Gesichter werden auftauchen, die Karikaturisten und Sprachimitatoren
müssen umlernen, und der graue Alltag des Kapitalismus
wird wieder die Gazetten beherrschen.
So lange es Privatkapital geben wird, so lange wird es Korruption
geben, Warengesellschaften produzieren sie geradezu. Zum Warenverkauf
gehören Handelsvertreterprovisionen und Bestechungen.
Zum Kapitalismus gehören aber auch Aufstände und Revolutionen.
Wenn wir auch heute nur die ekelhaften Seite erleben, werden
wir so sicher wie das Amen in der Kirche in Zukunft auch die
andere Seite erleben. Dann werden den ganzen Handelsvertretern
und Lobbyisten keine noch so gut gefüllten Koffer mehr helfen,
da wird man höchstens die feinen Herren selber reinstecken.
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