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Individuum und Masse Margit Behrends Staatskapitalismus Die staatskapitalistischen Regimes im Ostblock und Ostasien waren extrem straff organisierte Gesellschaften, in denen es kaum eine individuelle Freiheit für den Einzelnen gab. Dies hat das Vorurteil bestärkt, das für Sozialisten nur die Masse, nicht aber das Individuum von Bedeutung ist. Diese Gesellschaften mit ihren uniformierten Massenaufmärschen und Gewerkschaftsverboten haben aber nichts mit den Ideen von Marx und Engels gemein gehabt. Es waren hochzentralisierte kapitalistische Gesellschaften, wo die Konkurrenz auf internationaler Ebene zu extremer Ausbeutung und Einschneidungen des Individuums zwang. Ähnlich wie die faschistischen Gesellschaften waren sie ein zugespitzter Ausdruck der anti-individuellen Tendenzen, die im kapitalistischen System zugrunde liegen. Privatkapitalismus Der Spielraum für den individuellen Menschen in den zur Zeit weniger autoritär beherrschten kapitalistischen Staaten des Westens ist sehr gering. Der einzelne Mensch, besonders aber die überwältigende Mehrheit, die Arbeiter, haben die Möglichkeit entweder arbeiten zu gehen oder am Rande des Verhungerns von Sozialhilfe zu leben. Je nach sozialer Situation kann sich das Individuum für den einen oder für den anderen Beruf entscheiden. Doch alle Berufe im Kapitalismus, selbst die von Managern, sind den Marktgesetzen unterworfen. Spielraum für die eigene Kreativität bleibt nicht, da nur die Leistung zählt, die Profite bringt oder Kosten spart. Wirft ein Produkt nicht mehr genug Profite ab, werden Betriebe geschlossen und die Arbeiter entlassen. Im Erziehungssystem vom Kindergarten, über Schule bis hin zur Universität, wird die Individualität und Kreativität der Kinder beschnitten. Nur das Potential wird gefördert, was der Konkurrenzgesellschaft von Nutzen sein kein. Fähigkeiten und Bedürfnisse, die nicht dem Profit dienen, werden verboten und unterdrückt. Von frühen Kinderbeinen an werden dem Individuum die Grunbdwerte dieser Gesellschaft beigebracht. Das Kind soll sich damit abfinden, daß es ein Oben und ein Unten gibt, daß Anordnungen Gehorsam zu leisten ist, dass Konkurrenz in der Schule, an den Unis und auf der Arbeit natürlich sind. Bei Bundeswehr und Arbeitsstelle wird das Gelernte dann umgesetzt. Für die allermeisten Menschen bietet das Arbeitsleben keinen Platz für individuelle Entscheidungen. Hier gibt der Unteroffizier, der Vorarbeiter oder der Abteilungsleiter vor, was und wie es zu tun ist. Individuuen die sich nicht unterordnen lassen oder lassen können, fallen aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang heraus und bleiben auf der Strecke. Die Tatsache, das nur für Profit gewirtschaftet wird, führt dazu, daß die Schaffenskraft von Millionen von Menschen ihrer Individualität beraubt und reduziert wird auf eine anonyme Macht, die in soundso vielen abstrakten Arbeitsstunden gezählt wird. Die Konkurrenz zwingt die Bosse dazu, den Menschen nur als rechnerischen Wert zu betrachten und ihn dementsprechend einzusetzen. Die Tatsache, daß der Mensch des Ergebnisses seiner Arbeit beraubt wird und er in einer Gesellschaft lebt, die die menschliche Würde auf den Tauschwert ihrer Arbeitskraft reduziert - also 15,-DM die Stunde -, führt dazu, dass das eine Individuum das andere auch nur als austauschbaren Gegenstand wahrnimmt. Der Mensch in der kapitalistischen Konkurrenz ist von seiner Arbeit, von sich und von seinen Mitmenschen entfremdet. Aber auch die Individualität des Menschen im Kapitalismus ist reduziert auf den Tauschwert seiner Arbeitskraft, auf genau diese 15,-DM pro Stunde. Diese Konkurrenz verschafft sich Zutritt in alle menschlichen Beziehungen und dringt auch in das Privatleben der Menschen ein. Wenn dem Arbeiter überhaupt etwas von seinem Lohn übrig bleibt, ist er frei zu entscheiden, ob er sich eine CD von der einen oder anderen Pop-Gruppe kauft; ein Horror-Baller Spiel für den Computer oder den neuen 'Playboy'; ob er in ein Musical geht oder zu einem Konzert. Sein Menschsein ist reduziert darauf, wieviel Individualität er sich von seinem Lohn leisten kann. In seinem Spielfilm "Moderne Zeiten" stellt Charlie Chaplin gekonnt dar, dass es fast unmöglich ist, in der grauen uniformirten Masse ein Individuum mit menschlichen Zügen zu bleiben. Jede Handlung, die sich nicht der Taktgeschwindigkeit des Fließbandes unterwirft, führt zu Ärger vom Chef und mit den Mitmenschen bis hin zu lebensbedrohlich Katastrophen. Selbst geistige und kulturelle Freiräume können sich die Menschen nur in emanzipatorischen Zeiten erkämpfen. In den jetzigen Zeiten, in denen es keine Gegenwehr gegen die Profitlogik des Kapitalismus gibt, ist auch die Kunst und Kultur dem Profit unterworfen. Jedes gemalte Bild, jede Musikband, jedes Buch etc. wird darauf geprüft, ob es auf dem Kunstmarkt in Profit verwandelt werden kann. Die überwältigende Masse der Menschen wird reduziert auf den passiven Konsum der hergestellten Produkte, sei es ein Bild, ein Lied oder ein Fußballspiel. Für die Kreativität des Einzelnen bleibt nur die Freizeit, doch die muss man nutzen, um sich von dem Arbeitstag auszuruhen. Bürgerliche Revolution: Die Entdeckung des Individuums Die abstrakte Idee des Individuums und das subjektive Empfinden des Einzelnen als solches hat sich erst in den bürgerlichen Revolutionen entwickelt. Erst der Kapitalismus hat die abstrakte Idee des Individuums geschaffen. Vorher war von Dorf- oder Familiengemeinschaft die Rede, nur vom Wir. Aufgrund des geringen Mehrwertes, der gesellschaftlich produziert wurde, zählte der Einzelne nichts und die Gemeinschaft alles. Das Überleben der Gemeinschaft mußte gesichert werden. Das subjektive Empfinden des Individuums als Wir ist in agrarischen Ländern noch heute üblich. Von der Sammler- und Jägergesellschaft zu den Klassengesellschaften des Sklavenhaltertums, des Feudalismus und des Kapitalismus waren die Menschen und ihre individuellen Entfaltungsmöglichkeiten an den Stand der Produktionsmittel gefesselt. Auch in der künstlerischen Betätigung war der Mensch immer an den Stand der Produktionsverhältnisse gebunden. Die Größe von Picasso schwang sich über den konservativen Malstil vieler seiner Kollegen hinweg. Doch konnte er erst seinen Kubismus entwickeln, als die Industrialisierung Maschinen hervorgebracht hat, die den Arbeitsprozeß und das Leben der Menschen aufstückelte. Das Genie Picasso war nur der Erfüller der Geschichte. Sie gab eine Bandbreite vor, innerhalb der er sich bewegen konnte. Seine Genialität bestand darin, daß er die Möglichkeiten als erster ausgeschöpft hat. Im Feudalismus konnte die Welt subjektiv auch von den genialsten Künstlern kaum anders erklärt und reflektiert werden, als durch die allmächtige Präsenz eines Gottes. Künstler der Moderne sind im antiken Griechenland undenkbar. Sie konnten ihrem subjektiven Empfinden nur so Ausdruck verleihen, wie wir es kennen, weil die Produktivkräfte dieses Empfinden - oft von Fremdheit und Verlorensein in einer maschinisierten Welt - erst ermöglicht haben. Die bürgerliche Revolution schuf mit ihrer Parole Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit erst das Individuum. Doch in der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft wird die Parole auch bürgerlich gedeutet: Freiheit die Arbeiter auszubeuten, Gleichheit für die Reichen und Brüderlichkeit im gemeinsamen Unterdrücken der ausgebeuteten Klassen. Zwar wurde das Individuum vom Kapitalismus geschaffen, doch zwängt er durch seine Widersprüche genau dieses Individuum in ein Korsett einer grauen, uniformen Masse. Die Entfaltungsmöglichkeiten für das Individuum stoßen an sehr enge Grenzen, die auch im Kapitalismus vom Stand der Produktionsmittel abhängig sind. Sozialismus Marxisten sind nicht gegen Individualität. Nur gegen die individuelle Freiheit der Kapitalisten, die überwältigende Masse der Menschen auszubeuten. Als Sozialisten sind wir dafür, daß die Idee der Individualität endlich in die Tat umgesesetzt wird. Wir wollen keine Individualität, die sich auf die Kapitalisten beschränkt, während die Arbeiter dazu verdammt sind, die "graue Masse" zu bilden. Wir wollen Individualität für alle. Und die wird es nur in der klassenlosen Gesellschaft geben können. Dort kann jeder ein Genie sein. Am Anfang einer sozialistischen Revolution steht der kollektive Aufstand der Massen. Doch dieser kollektive Prozeß ist keiner, in dem das Individuum wiederrum in der Masse verschwindet. Im Gegenteil: Dieser Aufstand der Massen bedeutet nämlich gleichzeitig auch eine Weiterentwicklung der persönlichen Freiheit für die einzelnen, am Arbeitsplatz, in Familie und Privatleben. Das Bewusstsein, das bei dem einzelnen Arbeiter im Kampf entsteht, führt auch bei jedem einzelnen zu einem großen Sprung seiner Weltsicht und zu einer Erweiterung seiner individuellen Möglichkeiten. Dinge die unter der kapitalistischen Logik ganz selbstverständlich sind, werden in kämpferischen Zeiten in Frage gestellt. Der kapitalistische Stumpfsinn mit seiner sexistischen und rassistischen Ideologie wird nicht mehr hingenommen und reproduziert, sondern in Frage gestellt. Diese Aktion der Massen bedeutet, daß das Individuum sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen beginnt. Das Individuum wehrt sich in der Massenaktion dagegen, heute eingestellt und morgen entlassen zu werden, stumm jede nächste Mieterhöhung hinzunehmen und und und. Es bedeutet, daß der Mensch aufhört, nur ein Zahlenfaktor in den Bilanzen der Bosse zu sein und er anfängt, sein Leben selbst zu bestimmen. Diese Weiterentwicklung des Individuums geschieht im emanzipierten Kampf. Doch wie sieht es in der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft aus? Unser britischer Genosse John Molyneux schreibt in seiner Broschüre "Argumente für revolutionäre Sozialisten": »Der Sieg einer sozialistischen Revolution würde die individuelle Freiheit auf zweifache Weise vergrößern: Durch Arbeiterräte würde jedes Mitglied der Gesellschaft an der Gestaltung der Gesellschaft teilnehmen. Durch die Arbeitermacht könnte jedes Individuum seine Arbeitsumwelt gestalten. Durch die Zurverfügungstellung von ausreichenden Verhütungsmitteln, Abtreibungs- und Kindergartenmöglichkeiten könnten Frauen eine freie, individuelle Entscheidung treffen, ob sie Kinder haben möchten oder nicht. Durch gleichen Lohn und Arbeit für alle würden Heirat und sexuelle Beziehungen nicht mehr von materiellen Erwägungen abhängen, sondern würden eine Sache der freien Entscheidung werden. Durch die Abschaffung von Armut und die drastische Reduzierung der Arbeitswoche könnte jedes Individuum seine Talente voll entwickeln. Tatsächlich ist einer der Gründe, um für den Sozialismus zu kämpfen der, für eine Gesellschaft einzutreten in der, wie Marx im Kommunistischen Manifest schrieb, ,die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist'.« Auch Leo Trotzki beschäftigte sich mit der Frage des Individuums in der neuen Gesellschaft: »Der Mensch wird, wenn er seine Wirtschaftsordnung rationalisiert, d.h. mit Bewußtsein erfüllt und seinem Vorhaben unterworfen hat, in seinem gegenwärtigen trägen und durch und durch verfaulten heutigen Alltag keinen Stein auf dem anderen lassen. ... Die kommunistische Daseinsform wird nicht wie ein Korallenriff zufällig entstehen, sondern bewußt aufgebaut, durch die Idee überprüft, ausgerichtet und korrigiert werden. Wenn das Dasein aufhört, eine Elementargewalt zu sein, wird es aufhören, schal zu sein. Der Mensch... wird seinem Alltag natürlich nicht nur Reichtum, Farbigkeit und Spannung verleihen, sondern auch höchste Dynamik. Die Hülle des Alltags wird - kaum entstanden - unter dem Ansturm neuer technischer und kultureller Erfindungen und Errungenschaften wieder gesprengt werden. Das Leben der Zukunft wird nicht eintönig sein. Mehr noch. Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren... Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen.« Laut Duden ist das Individuum »der Mensch als Einzelwesen in seiner jeweiligen Besonderheit«. Genau diese jeweilige Besonderheit wird aber im Kapitalismus beschnitten, verkrüppelt und sogar bestraft. Erst in einer planvollen und solidarischen Gesellschaft kann sich der Mensch mit seinen jeweiligen Besonderheiten frei entwickeln. Dafür lohnt es sich zu kämpfen! zurück zum Seitenanfang |