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»Zurück
auf die Straße«
Reaktionen auf Trittins Atomaustiegs Verschleppung
»Buh«- und »Judas«-Rufe schallten Umweltminister
Trittin in Niedersachsen entgegen. Dort hatte er auf einer Sonderdelegiertenkonferenz
der Grünen seine Verschleppungstaktik bezüglich des
Atomausstiegs dargelegt. Angetreten waren die Grünen in
die Bundesregierung mit dem Plan des Sofortausstiegs aus der
Atomkraft. Jetzt wird über einen Ausstieg, der nach 30 Jahren
stattfinden soll, debattiert oder darüber, ob man lieber
keine gesetzliche Frist festgelegen soll.
Weder konkrete Laufzeiten, noch einen Abschaltplan für die
ersten Meiler bot Trittin seiner Basis an. In seiner Rolle als
Umweltminister taktiert er für das Kapital und dessen Atombombenprogramm.
Noch dieses Jahr ist geplant, wieder Castorbehälter mit
Atom"müll" in die Zwischenlager zu schaffen -
mit Trittins Zustimmung! Der Ausstieg ist auf den St. Nimmerleinstag
verschoben, bzw. auf einen Termin, der dem Kapital passt.
Neben den Buhrufen traten auch zahlreiche Mitglieder aus den
Grünen aus. Marianne Fritzen, seit 22 Jahren eine der wichtigsten
Organisatorinnen des wendländischen Widerstandes, verkündete
noch auf dem Kongress ihren Parteiaustritt.
Wir sind »zu weit entfernt von dem, was ich mir vor zweiundzwanzig
Jahren erträumt habe.« Ich »gehe zurück
auf die Straße«. Dies ist in dieser Situation auch
die einzig richtige Entscheidung: das Atombombenprogramm des
deutschen Kapitals kann nicht auf parlamentarischem Wege beendet
werden, sondern nur auf revolutionärem. Die Mobilisierung
der Massen auf die Straße zu Demonstrationen und Blockaden
ist die einzige Möglichkeit, zu einer solchen kämpferischen
Massenbewegung zu kommen.
Wieder Hinrichtung in
Texas
Seit Wiedereinführung der Todesstrafe fand am 25. Februar
die 208. Hinrichtung in Texas statt - es ist die 120. seit Amtsantritt
des konservativen Gouverneurs Bush. Im letzten Fall war - wie
auch in den 119 Fällen zuvor - ein Gnadenersuch an ihn gegangen,
mit dessen Gewährung er den Vollzug der Todesstrafe um 30
Tage hätte aufschieben können. Er lehnte ab. Sein lapidarer
Kommentar: Dazu sehe er keine Veranlassung.
Durch Giftpritze starb also an jenem Freitag eine gewisse Betty
Lou, die ihren fünften Ehemann getötet hatte. Der Anwalt
Betty Lous beklagt, das Gericht habe strafmildernde Umstände
nicht berücksichtigt, wie nämlich die Gewalt, die insbesondere
ihr vierter und fünfter Ehemann gegen sie verübt hatten.
Die "yellow press" in den Vereinigten Staaten hat Betty
Lou bereits mit dem Namen "Schwarze Witwe" bedacht.
Die wahre Schwarze Witwe aber ist Bush, der konservative Gouverneur
von Texas. Denn die bürgerlichen Politiker, die sich und
ihren Staat nur allzu gern als Fürsorger der "normalen"
Menschen darstellen, sind doch nichts weiter als Interessensvertreter
des Kapitals - die normalen Menschen interessieren sie herzlich
wenig. Und auch Betty Lou musste die Gewalt ihrer Männer
ertragen ohne auf Hilfe hoffen zu dürfen. Nachdem der Staat
nun die Aufgabe vernachlässigt hat, die er sich selbst gegeben
hatte, bringt er nun Betty Lou dafür um, dass sie ihre Sache
aus Verzweiflung in die eigenen Hände genommen hat.
Elf Aquitaine und die Geschenke
der Treuhand
Helmut Kohl hatte kurz nach der Wende versprochen, für den
Fortbestand der Leuna-Chemie in Sachsen-Anhalt zu sorgen. Doch
niemand wollte die Altanlage. Um für die museumsreife Leuna
doch noch einen Investor zu finden, beschloss die Treuhand: Wer
in Leuna eine neue Raffinerie baut, der erhält als freundliche
Zugabe das gesamte DDR-Tankstellennetz Minol kostenlos dazu.
Sofort gab es Kaufinteressenten. Allen voran der französische
Öl-Multi Elf-Aquitaine und Thyssen. Nach nur vier Monaten
Verhandlung lag der Vertrag vor. Elf und Thyssen bauten für
4,8 Mrd. DM die Raffinerie und erhielten dafür 1,5 Mrd.
an Subventionen und eben alle Tankstellen der ehemaligen DDR.
Eine "Männerfreundschaft" - Kohl und Mitterand
- hatte bei dem Geschäft kräftig im Hintergrund gewirkt.
Mehr noch:
»Fakt ist, dass von Frankreich nach Liechtenstein eine
Summe zwischen 80 und 100 Mio. DM gewandert ist, dass das Geld
dort angekommen ist und dass es die Zielbestimmung hatte, auch
für deutsche Partner zu sein, unter anderem auch für
die CDU«, so Friedhelm Julius Beucher, Mitglied des Untersuchungs-Ausschusses
DDR-Vermögen in einem WDR-Interview.
Die CDU bestreitet das noch immer. Aber der damalige Chef von
Elf-Aquitaine hat den Weg des Geldes und auch die Summe (256.000.000
französische Francs) bestätigt. Schließlich war
Leuna ein echtes Schnäppchen. 4,8 Mrd. Ausgaben gegen 1,5
Mrd. Subventionen, macht 3,3 Mrd. Und die ist das Tankstellenmonopol
im Osten allemal wert. Ein durchaus typischer Fall von Übernahme.
Nochmals Julius Beucher:
»Ich habe mich einfach geärgert, dass man sehenden
Auges wahrnehmen musste, wie Leute mit beiden Händen in
ihre Tasche schaufelten und die Verfolger und Ermittler fehlten.«
Die Selbstbedienungsmentalität und das weitgehende Fehlen
von Kontrolle durch Treuhand und Politik - beides hatte Methode.
Denn andere lukrative Übernahmen liefen nach einem ähnlichen,
wenn nicht viel schlimmerem Muster ab:
Die Firma Carl Zeiss in Jena genoss einen Weltruf für optische
Produkte aller Art, vor allem für die "Praktica",
eine international beliebte Kamera. Die Westfirma Zeiss kaufte
von der Treuhand das Stammhaus im Osten und machte es platt.
Von ehemals 30.000 Beschäftigten bei Zeiss Jena blieben
am Ende knapp 2.000 übrig. Statt eine Traditionsfirma wiederzuvereinigen,
schaffte man kurzer Hand die Konkurrenz vom Markt. Ein durchaus
typisches Modell - zu Lasten der Belegschaft und der Steuerzahler.
Der Zeiss-Vorstand Lothar Späth machte seinem Ruf als "Kleverle"
alle Ehre. Er beschaffte insgesamt 3,6 Mrd. DM an Staatssubventionen
aus den Kassen von Bund, Land und Treuhand und baute damit einen
ganz neuen modernen Ostkonzern. Der produziert heute Hochleistungslinsen
für Raumfahrt- und Medizintechnik. Neue, zukunftsweisende
und profitträchtige Arbeitsplätze entstanden, allerdings
nicht durch Investitionen des neuen Besitzers, sondern auf Kosten
der Allgemeinheit.
Ein weiteres Beispiel mit Modellcharakter: Der deutschen Werftindustrie
ging es Anfang der 90er Jahre schlecht - im Westen wie im Osten.
Mit Billigangeboten aus Fernost konnte man hier wie dort nicht
mithalten. Zig Tausende von Arbeitsplätzen waren akut gefährdet.
Friedrich Hennemann, Chef der Bremer Vulkan AG verspach Abhilfe.
Er kaufte der Treuhand preiswert vier von der Schließung
bedrohte Werften in Rostock, Wismar und Stralsund ab. Für
die versprochene Rettung des ostdeutschen Schiffbaus erhielt
die Vulkan dann 2,6 Mrd. DM aus Treuhand- und EU-Kassen.
Aber nur ein Teil des Geldes floss tatsächlich nach Ostdeutschland.
Mindestens 850 Mio. blieben gleich in Bremen - Subventionsbetrug.
Hennemann wurde im Juni 1996 verhaftet. Treuhand-Chefin Birgit
Breuel hat bereits drei Jahre zuvor von diesen krummen Geschäften
gewusst. Aber sie griff nicht ein. Der Betrug flog auf, aber
die Arbeitsplätze waren endgültig weg - in Rostock
und in Bremen.
In allen Fällen lässt sich nachweisen, dass die Treuhand
fast schon ein Aufruf an die Kapitalisten war, auf die Kosten
der Steuerzahler abzusahnen. Während nach außen propagiert
wird, einem Unternehmer stehe sein Profit zu, da er ja auch investiert
habe, wurde im so genannten "Aufbau Ost" deutlich,
dass die Arbeiter die Kosten getragen haben. Als Kapitalist scheint
man da gerne nochmal so tief in die Tasche greifen zu wollen
- schließlich ist es ja nicht die eigene.
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