Die SWP auf dem Weg ins Aus
Norbert Nelte
Die Internationalen Sozialisten entwickelten sich aus der Tradition der IS-Tendency um Tony Cliff. Die weltweite Strömung der International Socialists mit dem Zentrum der Socialist Workers Party (SWP) in Britannien war die einzige revolutionär-marxistische Tendenz, der es gelang, sich vom Stalinismus zu distanzieren ohne dabei den revolutionären Weg zu verlassen.
Tony Cliff zeigte mit seiner Staatskapitalismus-Theorie auf, dass auch im bürokratischen Russland ein kapitalistisches System existierte und der Staat in den Ostblockländern genauso von den Arbeitern zerschlagen werden musste wie in der privatkapitalistischen Welt.
Alle anderen Organisationen, die sich sozialistisch oder kommunistisch nannten, setzten auf Staaten wie Albanien, China, Kuba oder Russland, wo die gleiche Entfremdung herrschte wie im Westen. Auch die orthodoxen Trotzkisten verteidigten den Plan des Ostblocks, mit dem die Arbeiter ausgebeutet wurden - angeblich, weil hier noch die sozialen Errungenschaften des Oktobers 1917 existierten und die Arbeiterbasis bloß die schon bestehende Unterdrückungsökonomie zu übernehmen bräuchte. Damit warfen sie die grundlegende Staastheorie von Marx über Bord, nach der eine neue Klasse die Herrschaftinstrumente - den Staat - der alten Klasse zerschlagen müsse.
Erst mit der Staatskapitalismus-Theorie von Cliff wurde es für Marxisten wieder möglich, die Welt im Marx?schen Sinne zu erklären und den Klassenkampf aufzunehmen. Er reiht sich damit ein in die große marxistische Theoretikerreihe von Lenin, Luxemburg und Trotzki.
Sein Genie machte ihn natürlich nicht unfehlbar. Seine Schwäche lag bei der Analyse der aktuellen Weltlage. Leider trat diese Schwäche am Ende seines Weges als Revolutionär in den Vordergrund.
Beispielsweise hatten er und der Rerst der SWP zur Revolution in Portugal 1974 und zur Apartheid in Südafrika in den 70er und 80er Jahren die Ansicht vertreten, dass in diesen Ländern kein liberaler Kapitalismus mehr möglich sei, sondern diese Länder nur vor der Alternative stünden: ?Sozialismus oder Barbarei?. Die Wirklichkeit sollte ihm das Gegenteil zeigen.
Eine Unterschätzung der Vitalität des Kapitalismus hat in der kommunistischen Bewegung lange Tradition und erfasste selbst Marx, Engels und auch Trotzki. So prophezeite Letzterer vor seinem Tod, nach dem Zweiten Weltkrieg werde es zu revolutionären Erhebungen kommen. Marx und Engels sahen noch zu ihren Lebzeiten die russischen Revolution kommen. Obwohl man allen drei Sozialisten Genialität in ihrem Denken und auch in ihren Taten bescheinigen kann, haben ihre falschen Prognosen dazu geführt, dass ihre Versuche, die revolutionäre Arbeiterpartei aufzubauen, wenig von Erfolg gekrönt wurden.
Bei Cliff und seinem Versuch des Aufbaus der weltweiten Tendenz der Internationalen Sozialisten kam dieser Fehler besonders am Ende seines produktiven Lebens in Deutschland zum Tragen. In seinem autobiographischen Werk schrieb er:
?Zu Beginn der 90-er Jahre eröffneten sich große Möglichkeiten für Revolutionäre in Deutschland...
Für die deutsche IS-Organisation, die Sozialistische Arbeitergruppe (SAG) tat sich eine neue Phase enormer Möglichkeiten auf. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten konnten Revolutionäre die Mauer durchbrechen, die sie und ihre Ideen vom Rest der Gesellschaft trennte.?
(Tony Cliff: ?A world to win: Life of a revolutionary?, London 2000, S. 214)
Cliff glaubte also in den 90er Jahren eine stärkere Bewegung als Anfang der 70er auszumachen. Die erfahrenen Marxisten vor Ort konnten aber nur den Beinahe-Stillstand des Klassenkampfes eruieren. Erhärten lässt sich diese Einschätzung mit den immer weiter abnehmenden Kampfaktivitäten der Arbeiterklasse. Während man 1971 noch 2.599.000 ausgefallene Produktionstage durch Streik zählte, waren es 1998 nur noch 16.000 oder 0,1 pro 1.000 Arbeiter, weniger z.B. als im selben Jahr in der Diktatur China. 1995 zählte man noch 8 pro 1.000 Arbeiter, in Frankreich dagegen waren es 308, also fast 40 mal mehr.
Den Aufbau der revolutionären Arbeiterpartei kann man aber nur offensiv betreiben, wenn es wirklich eine aktive Bewegung gibt. Ist nichts los, ist eine offensive Strategie schädlich. Rosa Luxemburg wies zurecht darauf hin, dass zwischen dem Organisationskern und den Massen ein lebhafter Blutkreislauf bestehen muß, damit die Sozialisten sich zu historischen Aktionen tauglich erweisen.
Wenn aber die Arbeiterbasis einzig und allein von den Ideen beherrscht wird, die ihnen die kapitalistischen Massenmedien ins Ohr setzten, werden wir Kommunisten uns bei einem engen Kontakt mit den Kollegen auch anstecken lassen. Gewerkschaftsarbeit in Zeiten zu leisten, in denen nichts los ist, heißt, in einem bürokratischen Apparat aufzugehen; es besteht die Gefahr, schnell zum Reformisten zu werden.
Cliff und die SWP erhofften sich eine starke revolutionäre Organisation in Deutschland und folgten einer für die heute schwache Bewegung falschen Taktik. So bauten sie in Deutschland auch keine revolutionäre Arbeiterpartei auf, sondern die zentristisch-reformistische Organisation Linksruck, der zwar einige Hundert Mitglieder gewinnen konnte, aber nur, weil sie ihre revolutionären Grundsätze aufgegeben hat.
Die Verwandlung der Gruppe von Revolutionären zu Reformisten wurde ignoriert. Statt dessen nahmen die SWP und die neu aufgebaute Führung von Linksruck das Wachstum als Erfolg wahr. Mit der ?Linksrucklerisierung? aller weltweiten IS-Gruppen sollte schnell eine große Tendenz geschaffen werden. Das Ergenis allerdings ist ein einziger Scherbenhaufen.
In Frankreich wurden die alten, erfahrenen Genossen aus der IS-Gruppe hinausgeworfen, während man eine neue Organisation - Socialisme pas en bas - aufbaute, deren Unerfahrenheit man als jugendliche Dynamik pries. Da in Belgien keine Jugendlichen gewonnen werden konnten, löste man die dortige IS-Gruppe einfach auf.
Die australische Gruppe hat sich gespalten, wie viele IS-Organisationen anderer Länder auch sich gespalten, manche haben sich aufgelöst oder fast aufgelöst.
Die SWP wollte Alles und bekam Nichts. Sie wollte jetzt schon unabhängig vom Stand des Klassenkampfes Einfluss auf die Realität ausüben und wurde von der Realität aufgefressen. Eine revolutionäre Situation von Null gab es aber in der Geschichte nie, diese fingen immer mit kleinen Kämpfen an. In Deutschland aber gibt es momentan so gut wie gar keine Kämpfe und will man die Marxsche Theorie bewahren, dann gilt es, ohne Illusionen über seinen Einfluss die Kämpfe zu unterstützen, ganz bestimmt nicht mit einer Scheinführung.
Vielmehr gilt jetzt die Lenin?sche Devise, dass die großen Visionäre die wahren Realisten sind. Wenn die Zeit kommt und man seine großen Visionen nicht im Alltagskampf abgestumpft hat, nur dann wird man Berge versetzen und mit den dann aufgewachten Massen eine neue Welt bauen können.
Die SWP aber hat sich durch ihre ungeduldige Scheinführung leider vom Leninismus entfernt. Tony Cliff hat die revolutionäre Bewegung wichtige Schritte voran gebracht. Seine Theorien und strategischen Überlegungen werden Revolutionären auf der ganzen Welt noch lange ein Vorbild sein können. Aber seine praktische Politik ist zum Schluss seines Lebens leider in der Sackgasse geendet.
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