Akademiker erfinden
    Entschuldigungen für den Holocaust

    Erstaunlich, aber wahr: Im Jahr 2000, in dem Nazi-Morde erneut von sich Reden machen, wird Ernst Nolte ein Preis verliehen, einem Historiker, der Entschuldigungen findet für den größten Massenmord der Geschichte - den Holocaust bzw. die Shoa. Begonnen hatte der Skandal allerdings schon vor 14 Jahren.
    1986 trat die konservative ?Frankfurter Allgemeine Zeitung? eine Debatte los, die als Historikerstreit in die Geschichte eingehen sollte. Ziel war es, die Schuld der Nazis und des deutschen Kapitals am Holocaust zu bestreiten. Damals wurde ein Vortrag von Ernst Nolte als Artikel veröffentlicht, in dem er sagte:
    ?Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ,asiatische? Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ,asiatischen? Tat betrachteten? War nicht der ,Archipel Gulag? ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ,Klassenmord? der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ,Rassenmordes? der Nationalsozialisten??
    Die mehr als lächerliche Schlussfolgerung Noltes lautete also: Die russische Arbeiterklasse (bzw. die Bolschewiki, die er einfach mit den Stalinisten gleichsetzt) habe ab 1917 Verbrechen begangen, die im angeblich so zivilisierten Europa gar nicht möglich gewesen wären. So gibt Nolte diesen ,Verbrechen? den Namen ?asiatische Taten?. Die von der russischen Revolution bedrohten und verängstigten Bürger Europas hätten sich nun mit genau den gleichen Verbrechen wehren müssen. Da sie davon ausgingen, dass hinter dem Bolschewismus die Juden stecken - laut Nolte ein Schluss mit ?rationalem Kern? -, hätten sie diese eben umbringen müssen.
    Diesen rassistischen Versuch, den Massenmord der deutschen Faschisten zu entschuldigen, hat Nolte direkt aus der Nazi-Ideologie übernommen. Von ,asiatischen Taten? spricht z.B. auch der sogenannte Kommissarbefehl, den das Oberkommando der Wehrmacht einige Wochen vor dem Überfall auf die UdSSR erlassen hat:
    ?Die Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare... Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen.?
    Für sein Verharmlosen des Holocausts mit den Methoden der Nazis hat Ernst Nolte nun den Konrad-Adenauer-Preis der CDU-nahen Deutschlandstiftung für das Jahr 2000 erhalten. Aber damit nicht genug: Das Deutschland der Bosse ist im neuen Jahrtausend in der Lage, noch einen Skandal drauf zu legen. Aus dem Institut für Zeitgeschichte, dass nach dem Zweiten Weltkrieg in München gegründet worden ist, um den Nationalsozialismus kritisch aufzuarbeiten, lässt dessen neuer Leiter, Horst Möller, eine Lobrede auf Ernst Nolte verlauten.
    Allein dass Möller 1992 zum Vorsitzenden des Instituts für Zeitgeschichte in München bestellt wurde, ist schon ein Witz für sich. An der Spitze einer Institution zur kritischen Erforschung des NS-Regimes stand mit ihm plötzlich jemand, der zur Geschichte des Dritten Reiches - bis auf einen kleinen Aufsatz - gar nichts publiziert hatte. Die einzigen Referenzen, die er vorweisen konnte, waren die Protektion durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, seine guten Beziehungen zur bayerischen Staatskanzlei und zu den überwiegend konservativen Historikern im wissenschaftlichen Beirat des Instituts, vor allem zu dessen Vorsitzenden seit 1988, Hans-Peter Schwarz.
    Die Bestellung eines Karrieristen wie Möller war schon deshalb ein Skandal für sich, weil Möller seinen Kollegen Ernst Nolte bereits während des Historikerstreits verteidigt und die Kritik an dessen dumm-dreisten Propagandalügen als ?offensichtlich von politischen Motiven geleitet? bezeichnet hat.
    Den Vogel abgeschossen hat er aber letztendlich, als er es - in seiner Funktion als Institutsleiter - mit der Ausstellung ,Verbrechen der Wehrmacht? aufnehmen wollte (die für ihn natürlich nur ?Agitation? war). Auf dem Obersalzberg im ehemaligen Führer-Hauptquartier zeigte seine (Gegen-)Ausstellung zahlreiche Fotos von Hitler mit einem Mädchen namens Bernile, von der er zu berichten wusste, dass sie gemäß den Nürnberger Gesetzen als Vierteljüdin galt. Die Wochenzeitung ?Jungle World? kommentierte damals:
    ?Nein, er [Möller] meint es nicht, sagt es aber trotzdem: Hitler hätte an Glaubwürdigkeit gewonnen, wenn er Bernile nicht hätte fotografieren, sondern ermorden lassen.?
    Aber genau so, wie die CDU einen Nolte nicht ins akademische Abseits verbannt, sondern ihn statt dessen mit einem Preis dekoriert, ist die SPD (als Regierungspartei bedeutender Geldgeber des Instituts für Zeitgeschichte) scheinbar nicht in der Lage oder nicht willens, gegen Möller vorzugehen. Wenn ihr der Antifaschismus an sich schon nicht ausreicht zu diesem Schritt, so könnten ihr doch wenigsten die eigenen Genossen, die als Sozialdemokraten in den faschistischen Lagern ermordet worden sind, einen Grund dafür geben zu intervenieren.
    Aber statt dessen akzeptiert die SPD stillschweigend die Lesart, nach der die Bolschewiki schuld seien am Holocaust. Die Rehabilitierung des deutschen Kapitals, das Hitler schließlich an die Macht gebracht hat, ist ihr als Regierungspartei scheinbar wichtiger als historische Fakten oder Zivilcourage - pfui Deibel!