Unser Heimcomputer - der ?große Bruder??
Werner Klein
Spätestens seit dem Schachsieg des Supercomputers ?Blue Star? über den Weltmeister Kasparow schleicht sich die Befürchtung ein, die Halbleitertechnik könne die Herrschaft über den Menschen errichten. Mit seiner ,sachlichen? Überlegenheit über die psychisch labilen Menschen würde der Computer mit seiner Rechenleistung weit über sie hinauswachsen und sie in der Entwicklung überrunden.
Bei dieser These wird vergessen, dass die geniale Kreativität des Menschen von seiner Sterblichkeit abhängt. Bei jedem schöpferischen Akt sterben Gehirnzellen ab. Wenn der Mensch unendlich leben würde, würde er jeden Gedankenaufwand - das, was ihn zum Menschen macht - auf später verschieben, denn dann hätte es auch später noch Zeit - also nie. Unendliches Leben bedeutet also Dummheit. Einen sterblichen Computer aber gibt es noch nicht. Er ist und beibt ein ,dummer? Rechenmeister und Zahlenmerker, programmiert vom Menschen und damit sein Diener.
Die Entwicklungen in der letzten Zeit scheinen aber der Befürchtung des ,überlegenen? Computers auf eine andere Art Recht zu geben. Immer mehr übernimmt der Computer Aufgaben der Menschen, die diese aufgrund von Krankheiten nicht mehr selber ausführen können oder aufgrund ihrer eigenen Begrenztheit nie ausführen konnten. Er wird für diesen Zweck mehr und mehr mit den Nervenbahnen des Menschen vernetzt, und diese Vernetzung könnten sich auch die Herrschenden zunutze machen.
Welche Arten Computerhilfen gibt es bereits, welche befinden sich in der Entwicklung, und welche sind grundsätzlich möglich?
1. Brain Machines
Vernetzung des Gehirns mit dem Computer.
2. HirnschrittmacherUnterdrückung von Zittern und Muskelsteife (Bei Parkinson, Epilepsie, Multiple Sklerose oder psychischen Krankheiten).
3. Mind Machines
Die Eindrücke und Gefühle werden für das Gehirn digital erzeugt (virtuelle Realität).
4. SehimplantateEin Chip unter der Netzhaut kann Blinde wieder sehend machen.
5. Gehörimplantate
Mit einem Implantat in der Innenohrschnecke können Taube wieder hören, gesunde Menschen können alle Frequenzen wahrnehmen.
6. Gedankenlesen
Mit einer Elektrode im Hirn können Gedanken empfangen werden (bei Locked-in-Syndrom).
7. Riech- und Schmeckprothesen
Eine elektronische Nase dient der Qualitätskontrolle der Nahrungsmittel.
Diese Beispiele muten alle wie wilde Science-Fiction an. Aber bis auf die Brain Machines und die Hirntransplantation werden die einzelnen Möglichkeiten schon praktisch umgesetzt oder sind in der konkreten Erprobung.
Jeder sah den kranken Astro-Philosophen Professor Stephen Hawking im Fernsehen, wie er nur mit seinen Gedanken seinen Rollstuhl lenkte oder über einen Computer sprach. Noch aber sind diese Sprechsysteme so teuer, dass es nur 5 Geräte dieser Art auf der Welt gibt.
IBM entwickelt ein Programm, mit dem man mit den Gedanken Düsenjäger fliegen kann. Dieses will man dann auch für den Kraftfahrzeugverkehr einsetzen. In Zukunft wird das Auto also nicht mit dem Lenkrad gelenkt, sondern mit dem Gehirn.
An der Pariser Universitätsklinik konnte sich kürzlich ein Querschnitt-Gelähmter mit Hilfe eines an seinen Beinen angeschlossenen Kleincomputers am Gehrollator bewegen.
Der Autor dieser Zeilen, der durch eine Multiple Sclerose (MS) behindert wird, versucht durch Myo-Feedback - bei dem die zerstörten Nervenbahnen durch Elektroden und einen Kleincomputer ersetzt werden - Nervenbahnen im Gehirn neu zu verknüpfen. Man konzentriert sich auf eine Bewegung, beispielsweise aufs Handheben, die dann auch mit Hilfe des Computers durchgeführt wird und die hilft, Nervenbahnen neu aufzubauen.
Es gibt also bereits in der Realität, besonders auf dem medizinischen Sektor, schon mannigfaltige Anwendungsgebiete für die ,Computer-Mensch?-Technik.
Nicht nur in der Medizin, in der gesamten Ökonomie wird die Vernetzungstechnik des Menschen mit dem Computer ungeahnte Produktivitätserhöhungen bringen. So wie ein Auto wird man mit den Gedanken auch Roboter steuern und die Arbeit des Menschen erleichtern können.
Sicher werden aufgrund dieser Technik aber auch die Sekretärinnen arbeitslos, die Putzfrauen, die Müllarbeiter, die Straßenbauer und und und. Nur wenige qualifiziertere Jobs werden übrig bleiben.
Da aber die menschliche Arbeit die einzige Quelle von Mehrwert - und damit auch von Profit - ist, führt die Beschneidung der Arbeit langfristig auch zum Ende des Kapitalismus. Das Kapital schafft mit der Vernetzungstechnik nur seinen eigenen Totengräber und gleichzeitig die besten Voraussetzungen für den Sozialismus.
Dort wird diese Technik unendlich wertvoll werden. Der Mensch wird immer mehr befreit von der körperlichen Arbeit und kann sich auf Politik, schöne Künste und weitere Entwicklungen konzentrieren.
Zu Denken gibt aber in letzter Zeit, wie die herrschende Klasse, die Vertreter des Kapitals, diese Technik für ihre Zwecke der Kontrolle des Menschen ausnutzen will. Damit kann sie den totalen Überwachungsstaat aufbauen. Und manche Wissenschaftler sind Fachidiot genug, um sich für diese Zwecke einspannen zu lassen.
Professor Warwick (Leiter des Kybernetik-Labors der britischen Universität Reading), der sich im nächsten Jahr seine Nerven anzapfen und die Signale mit dem Computer austauschen will, antwortete auf die Frage des ?Spiegels? (Nr. 19/ 00), ob er wirklich von Firmen angesprochen wurde, die ihre Angestellten mit der Technik in Menschen implantierter Chips überwachen wollten:
?Ja, ich weiß nicht, wie konkret solche Pläne sind, aber es ist doch ganz normal, dass sich Firmen, Regierungen und Polizei darüber informieren wollen, was auf diesem Feld machbar ist. Es sind alle möglichen Anwendungen denkbar. So ein Implantat könnte wie eine Kreditkarte sein.?
Unser Professor findet es also ganz normal, dass das Kapital und sein Staat die Menschen bis ins Hirn hinein zu den Gedanken überwacht. Er gibt dann Beispiele, bei denen man meinen könnte, dass eine totale Überwachung gerecht sei:
?Sie könnten in den Supermarkt gehen und sich nehmen, was Sie brauchen, die Rechnung käme automatisch.
Oder denken Sie an den Kinderschänder. Wenn solche Leute heute aus der Haft entlassen werden, wird sie niemand in seiner Nachbarschaft haben wollen. Vielleicht wäre die Gesellschaft beruhigter, wenn diese Personen ein Chipimplantat hätten. Sie könnten ein normales Leben führen, aber wenn sie sich zum Beispiel in der Nähe einer Schule aufhielten, würde ein Alarm ausgelöst.?
Aber eigentlich kann man damit jeden kontrollieren, auch die Opposition. In der Nähe einer Schule will eben nicht nur der Kinderschänder, sondern auch die Initiative gegen Schulnoten oder die für kleine Klassen. Auf diese Art kann natürlich jedem aktiven Gewerkschafter, Oppositionellen, Protestler oder Sozialisten ein Chip implantiert werden.
Es gilt, dieser Entwicklung und den Forderungen der Herrschenden gegenüber sehr aufmerksam zu sein und sich mit allen Mitteln den Anfängen einer geplanten Gedankenkontrolle durch das Kapital zu erwehren. Aber diese Gefahr ist weitaus nicht so groß wie die Gefahr, die das Kapital selbst bildet. Schließlich ist es die Ursache für alle brutalen Gaunereien der Welt und auch für die drohende Gedankenpolizei.
Der Kampf gilt nicht der Technik der Vernetzung, sondern dem Kapital selbst, das aus dieser Technik ein bösartiges Teufelszeug machen kann.
Seine Logik zwingt das kapitalistische System, sich von den für ihn ,unsachlichen? Emotionen des Menschen unabhängig zu machen und sich von der Arbeit, der einzigen Quelle des Mehrwerts, zu trennen. Damit würde das Kapital sich in letzter Konsequenz selbst abschaffen und die Gesellschaft in eine Art Maschinen-Sklavenhaltertum verwandeln, in der der Mensch - oder was von ihm noch übrig ist - dem Kapital mit Hilfe der Maschine dient.
Das Kapital bleibt aber auch abhängig von dem sogenannten Facharbeiter, dem Ingenieur, oder dem Wissenschaftler. Diese Personengruppe kann es nur ausbeuten, wenn es ihnen ihre Entscheidungsfreiheit weitgehend lässt.
Nur die Massenarbeiter könnte es sklavisch auspressen. Dass dann die Revolution von den qualifizierten Arbeiter abhängig ist, war auch schon in den Anfängen des Kapitalismus ein Fakt. Revolutionen wurden schon immer getragen von den besser qualifizierten Arbeitern.
Bestrafen und Töten aber könnte das Kapital theoretisch auch den Facharbeiter für oppositionelle Gedanken, und eine Revolution würde immer unmöglicher. Ob der Kapitalist mit dem oppositionellen Facharbeiter auch seine einzige Quelle des Mehrwerts tötet, ist für ihn keine Frage, wenn er mit dem Rücken an der Wand steht. In den Strudel seines Untergangs reißt er noch alle Menschen mit.
Deshalb gillt es, sich bereits den Anfängen der kapitalistischen Gedankenkontrolle zu erwehren. Die Technik wird auf jeden Fall kommen und leistet der Medizin auch gute Dienste. Die Grenze aber zu der Maschinenbarbarei wird nicht schon mit dem Cyborg (halb Mensch/ halb Maschine) überschritten. Hier dient die Maschine, wie bei den Kranken, immer noch dem Menschen, sie ist ein Werkzeug für ihn.
Die Grenze wird dann überschritten, wenn der Kapitalist sich die Technik der Vernetzung von Mensch und Computer zunutze machen und für seine Profitlogik einsetzen will.
Eine Gegnerschaft gegen diese Technik allein bedeutet nichts anderes als Maschinenstürmerei. Chips für den Sozialismus heißt Befreiung von körperlicher Arbeit und emanzipatorische Qualifizierung aller Menschen.
Chips für die Profitlogik aber heißt Abschaffung des menschlichen Willens und Rückfall in die Barbarei.
|