Die Kommunistische Internationale, Tl. 2: Von der Stalinisierung bis zum Ende
    Marc Maes

    Linkswende
    Nach Lenins Tod im Januar 1924 vollzog der Komintern-Präsident Sinowjew eine kurzfrististige ?Linkswende?. In der französischen und polnischen Partei wurden die rechts orientierten Führungen gegen linke ausgetauscht, da sie in Moskau gegen die Diffamierung Trotzkis protestierten. Auch in anderen kommunistischen Parteien - u.a. der KPD - übernahmen Linke die Führung. Zu dieser Zeit wurde die Einheitsfront-Taktik in der Praxis aufgegeben.
    Auf dem fünften Weltkongress der Komintern im Juni/ Juli 1925 wurde sie durch die Einheitsfront ?von unten? ersetzt, womit gemeint war, Aufrufe zu Aktionen lediglich an die Basis anderer Parteien und Arbeiterorganisationen zu richten, nicht aber an deren Führung. Das Wesen der Einheitsfront-Taktik besteht aber darin, dass der Aufruf zur Einheitsfront vor allem an die Führung gerichtet wird, um die Arbeiterbewegung nicht zu zerreißen und damit kampfunfähig zu machen. Der Erfolg solcher Aktionen hängt aber sicherlich von der Resonanz der Basis ab.
    Außerdem hätte die Einheitsfront-Taktik zu einer Zeit, in der laut dem fünften Weltkongress eine Offensive vor allem in Deutschland auf der Tagesordnung stand, keinen Sinn gehabt, da es sich um eine Defensivtaktik handelt. Bedeutsam war der Kongress in erster Linie wegen des erstmaligen Auftretens der Sozialfaschismus-Theorie. Dazu sagte Bordiga (Kommunistische Partei Italien):
    ?Der Faschismus wiederholt im Grunde genommem nur das alte Spiel der bürgerlichen Linksparteien und der Sozialdemokratie, d.h. er ruft das Proletariat zum Burgfrieden auf. Er versucht dieses Ziel durch Bildung von Gewerkschaften der Industriearbeiter und der Landarbeiter, die er dann zur praktischer Zusammenarbeit mit der Unternehmerorganisation führt, zu erreichen. ?
    Und Stalin:
    ?Diese Organisationen [der Faschismus und die Sozialdemokratie] schliessen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen einander. Es sind nicht Antipoden, sondern Zwillinge.?
    Das ist natürlich völliger Unsinn. Während sich die Sozialdemokratie auf die Arbeiterorganisation stützt, versucht der Faschismus, diese zu zerschlagen. Außerdem ist die Klassenbasis der Sozialdemokratie die Arbeiterschaft, die des Faschismus das Kleinbürgertum sowie Teile des ?Lumpenproletariats?. Die Theorie des Sozialfaschismus sollte in den Jahren 1929 bis 1933 wieder auftauchen - allerdings mit katastrophalen Folgen.
    Im Dezember 1924 inszenierte die schwache estnische Partei auf den Rat Sinowjews einen Staatsstreich, der aber bereits nach wenigen Stunden niedergeschlagen wurde. Er gab der herrschenden Klasse einen willkommenen Anlass zur Errichtung einer Militärdiktatur.
    Im April 1925 ereignete sich in Bulgarien die sogenannte ?Pulververschwörung?. Sie beinhaltete die Sprengung des Doms in der Hauptstadt Sofia zu dem Zeitpunkt, als der König mit seiner Regierung und seinen Armeeführern dort dem Begräbnis eines ermordeten Generals beiwohnen sollte. Zwar explodierte eine Bombe, aber der König und seine Gefolgschaft blieben unverletzt. In der Folge werden zwei führende Mitglieder der Partei ermordet, hunderte Kommunisten festgenommen und zum Teil ohne Prozess hingerichtet. Die Komintern wies jede Verantwortung von sich und bezeichnete die Verschwörung als terroristischen Akt.
    Rechtswende
    Das fünfte Plenum der Komintern-Exekutive erklärte dann die Linkswende für beendet, da man auf einmal - mit 16-monatiger Verspätung - keine akut-revolutionäre Situation in West- und Mitteleuropa mehr hätte. Die taktische Marschrichtung war wieder die Einheitsfront-Taktik ohne den Zusatz ?von unten?, und die Sozialfaschismus-Theorie verschwand wieder in der Schublade. Die ?Bolschewisierung? war das Losungswort auf dem fünften Weltkongress und bezeichnete die uneingeschränkte Unterordnung unter die Troika als den vermeintlichen Hüter der leninistischen Orthodoxie und die Ablehnung aller kritischen Stimmen, insbesondere der Trotzkis.
    Hier ging es um eine weitere Stalinisierung der Kommunistischen Parteien. Sie wurde während der Rechtswende mehr denn je hervorgehoben. Diese Rechtswende brachte aber auch Veränderungen in den Führungen der nationalen Parteien. Viele linke Parteiführer wurden ausgeschlossen. Sinowjew wurde wenig später als Führer der Komintern durch Bucharin ersetzt. Die Komintern selbst wurde zum Instrument der russischen Außenpolitik.
    Die Chinesische Revolution
    In die Zeit der Rechtswende fiel auch die Chinesische Revolution (1925-1927). China stand zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluss verschiedener imperialistischer Mächte u.a. Grossbritannien und Japan, welche ihre Kontrolle mittels terretorialer Rechte, die ihnen in den Küstenstädten eingeräumt wurden, ausübten. Diese Rechte wurden von eigenen Truppen sowie Verbindungen zu Gangster-Kriegsherren, die die verschiedene Teile des Landes beherrschten, sichergestellt.
    In Kanton gab es eine schwache Nationalregierung, die Kuomintang. Die sprachliche Ähnlichkeit mit der Komintern ist Zufall. Sie war eine bürgerlich-nationalistische Partei mit nur vager linker Rhetorik. Sie bekam nach einer Übereinkunft mit der russischen Regierung im Jahr 1923 russische Militärhilfe und baute damit eine relativ effektive Armee unter der Führung von Tschiang Kai-Tschek auf. Im gleichern Jahr beschloss die Komintern-Exekutive, dass sich die Mitglieder der winzigen Kommunistischen Partei (KP) China der Kuomintang nicht kollektiv als Organisation, sondern als Individuen anschliessen sollten.
    Am 30. Mai 1925 schoss die unter britischen Offizieren operierende Shanghaier Polizei auf eine Demonstration und löste damit einen Generalstreik aus. Die Unruhen weiteten sich auf andere Küstenstädte aus, und es wurde zu einem Boykott britischer Waren aufgerufen. In dieser Zeit konnte die Kommunistische Partei einen massiven Mitgliederzuwachs - überwiegend Arbeiter - verbuchen. Gleiches geschah mit den Gewerkschaften, die oft unter kommunistischer Führung waren. Gleichzeitig wuchs eine Bauernbewegung heran.
    Die Kuomintang versuchte die Bewegung, die ihr genauso ein Dorn im Auge war wie die imperialistische Fremdherrschaft, zu kontrollieren, um sie schließlich zu zerstören. Dazu brauchte sie den Fortbestand der Unterordnung der Kommunistischen Partei unter die Kuomintang und weitere russische Militärhilfe. Beides wurde ihr von Bucharin und Stalin garantiert.
    Am 26. März 1926 liess Tschiang Kai-Tschek in Kanton die Führer der örtlichen kommunistischen Partei und Aktivisten der Streikkomitees einsperren. Moskau befahl der chinesischen Kommunistischen Partei, sich zu fügen. Dann setzte er dem Boykott britischer Waren ein Ende und begann seinen ?nördlichen Feldzug? zur Eroberung Chinas. Ihm eilte eine begeisterte Welle von Bauernrevolten voraus. Im Februar 1927 näherten sich seine Truppen dem Yangtse-Fluss.
    Die Kommunistische Partei löste in Shanghai einen Generalstreik zur Unterstützung der Kuomintang aus und hatte im April die Macht erobert. Wenige Tage später war auch Tschiang in Shanghai und sammelte dort zuverlässige Kuomintang-Kräfte, um am 12.April die Arbeiterorganisationen zu zerschlagen. Die Komintern-Exekutive befahl der Kommunistischen Partei, sich passiv zu verhalten. Die KP sowie die Gewerkschaften und andere Arbeiterorganisationen wurden ausgemerzt.
    Die Auflösung der Komintern
    Das Ende der Komintern hatte schließlich gechlagen, als die stalinistische Bürokratie ihre Herrschaft über die Arbeiterklasse in Russland vollends gefestigt hatte. Die Komintern war überflüssig geworden, weil die Bürokratie keine internationale Arbeiterrevolution mehr wollte.
    Zum wahren Störfaktor wurde sie zu dem Zeitpunkt, als Hitlers Wehrmacht die UdSSR angriff und Stalin auf ein Kriegsbündnis mit den westlichen Imperialisten angewiesen war. Der britische Premierminister Churchill war schließlich derjenige, der die Auflösung der Komintern zur Bedingung machte.
    Fazit
    Schaut man sich die Entwicklung der Komintern bis 1928 an, so sieht man, dass sie bis zur Niederlage der KPD im ?deutschen Oktober? eine konsequent revolutionäre Politik betrieben hat. Dass es in keinem der industrialisierten Länder Europas zu einer erfolgreichen Revolution langte, war wohl weniger eine Schwäche der Komintern selbst, als vielmehr eine Folge der politischen Unreife der nationalen Kommunistischen Parteien und ihr Hang zum linken Radikalismus. Mit der Einführung des ?Sozialismus in einem Lande? und dem Aufstreben der Bürokratie zur herrschenden Klasse in Russland verkam die Komintern zum Werkzeug der russischen Außenpolitik.