Rién ne va plus - Nach dem ?Shareholder-Value-Kapitalismus? kommt die Agonie.
    Norbert Nelte
    Schon oft wurde von Marxisten vorschnell das baldige Ende des Kapitalismus prophezeit. Im neuen 2. Jahrtausend, da ein letztes Aufbäumen der Kapitalkräfte die Agonie des Kapitals tatsächlich einläutet, gibt es kaum noch marxistische Theoretiker, die dies analysieren könnten. Das große Geld hat jetzt die traditionelle Logik des Kapitalismus scheinbar verlassen. Die Profitrate der produktiven Wirtschaft, die die bisherigen Geschicke des bürgerlichen Systems gelenkt hatte, spielt für die kurzfristigen Überlegungen kaum noch eine Rolle.
    Beispielsweise wurde bei Daimler-Chrysler im ersten Quartal 2000 eine Umsatzsteigerung von 17% erwirtschaftet und eine relativ gute Dividende ausgeschüttet, fast so viel wie bei einem Sparbuch, wie der Nachrichtensprecher meinte. Wenn ich doch auf einem Sparbuch mehr als 3,5% Zinsen bekomme, dann brauche ich doch das Risiko von Aktienverlusten nicht mehr einzugehen und werde gleich auf ein risikofreies Sparbuch einzahlen, sagt sich der Aktienhalter. Warum aber sind die ausgeschütteten Dividenden inzwischen so gering?
    Am Anfang des Kapitalimus, während der urspünglichen Akkumulation, wurden durchschnittliche Profitraten von 40- 50% erwirtschaftet, um die Jahrhundertwende betrug sie 25%, sank bis zum Zweiten Weltkrieg auf 20%, stand nach dem Krieg bei 12% und fand 1982 ihren Tiefstpunkt bei 5%. 1998 konnte sie vorübergehend wieder auf 12% angehoben werden; aber nur
    1.auf Kosten der Arbeiter, also der massiven Kürzung des Lohnanteils am gesellschaftlichen Einkommen von 1982 bis1995 von 72,5% auf 65%, ein weltweiter Trend, der von Reagen und Thatcher vorexerziert wurde,
    2.durch die verschärfte Aussaugung der agrarischen Welt,
    3.weil der Staat die Unternehmer mit Steuergeschenken begünstigt (da es sich um die Profitrate nach Steuern handelt),
    4.durch zusätzliche Gewinne mit vermehrtem Aktienkapital, also mit Aktienverkaufsgewinnen.
    Der Profitratenanstieg in den 80er und 90er Jahren ist eine wichtige Erscheinung, weshalb ich noch ein wenig bei ihr verweilen will. Normal herrscht ja das Vorurteil vor, dass der moderne Kapitalismus die Kinderkrankheiten, die er zu Marx? Zeiten noch besaß, überwunden habe und die Profitrate wieder steige. Als Beweis dafür wird ihr gegenwärtiger Verlauf angeführt. Daher muss man die Ursache des gegenwärtigen Anstiegs ergründen und genauer beleuchten.
    Eines ist klar. Auch gegenwärtig wird rationalisiert, was immer zu einer Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals (c/v) führen wird und damit auch langfristig zu einem Fall der Profitrate führen muss, da der Anteil der Arbeitskraft, die einzige Quelle des Mehrwerts, immer weiter eingeschränkt wird.

    Der Anteil des Finanzkapitals (Banken, Bausparkassen, Versicherungen und Investmentgesellschaften) am gesamten Aktienbesitz schnellte zwischen 1960 und 1995 von 11% auf 30% in die Höhe. Die Verkaufserlöse der Finanzkapitalisten gehen ja auch in die gesamtwirtschaftliche Gewinnrechnung mit ein.
    In den 60er Jahren hielten die Privatpersonen noch 40% gegenüber der Aktien. Dann stiegen sie in neugeschaffene steuerbegünstigte Bausparverträge, Lebensversicherungen und Vermögensbildungsmodelle um und hielten 1995 nur noch 14,5%. Das ISW-Institut schreibt dazu:
    ?Die Profitraten, d.h. die Renditen bei produktiven Anlagen, haben ... aufgrund der zunehmenden Kapitalvorschüsse die Tendenz zu fallen. Zusätzlich sind sie mit dem Risiko der Konjunkturschwankungen behaftet.
    Der Sachverständigenrat stellte in seinem Jahresgutachten 1994/95 fest, dass die ,Kapitalrendite? unter Abzug der Zinskosten von 15,6 Prozent im Jahre 1960 auf den Tiefpunkt von 2,69% im Jahre 1982 gefallen war, um dann auf 10,13% im Jahre 1991 zu steigen und bis 1993 wieder auf 8,48% zu fallen (SVR, Jahresgutachten 1994/5, Stuttgart 1994, S. 287). Die Folgen beschreibt Rainer Roth:
    ,Das Kapital weicht mehr und mehr darauf aus, seinen Kapitalüberschuß als aufgehäuftes Geldvemögen zu verwalten, statt ihn mit der Aussicht auf ungenügende Profitraten in der Produktion zu investieren. So beginnen sich die lndustriekonzerne in Banken mit angeschlossener Produktion zu verwardeln?.
    Der Siemens-Konzern z.B. konnte sein Geldvermögen (,liquide Mitel?) trotz zahlreicher Übernahmen anderer Firmen auf 24 Milliarden Mark anhäufen. Im normalen Geschäftsbetrieb ließen sich diese Gelder offenbar nicht gewinnbringend genug anlegen - für weitere Realinvestitionen fehlte es an der kaufkräftigen Nachfrage. Also kauft der EIektro-Multi für das Geld Wertpapiere, spekuliert an den Warenpapierbörsen und vermutlich auch im Devisenhandel. Der VW-Konzern verspekulierte sich ja vor Jahren in diesem Geschäft um hunderte von Millionen Mark. Siemens kassierte aus diesen Finanzanlagen z.B. im Geschäftsjahr 93/94 Zinseinnahmen von 3 Milliarden Mark - weit mehr, als der Gewinn aus dem angestammten Geschäft einbrachte.
    Insgesamt entsteht die paradoxe Situation, dass trotz Geldschwemme auf den Finanzmärkten das Geldkapital für reale Investitionen weltweit knapp geworden ist.?
    (?ISW-Report?, Nr. 26, S. 6)
    Die Profitrate kann aber nur vorübergehend wieder ansteigen, denn einmal werden, wenn die Wirtschaft wieder anzieht, die Arbeiter ihren Anteil fordern und damit den Anteil der Profite an der gesamten Wertschöpfung wieder schmälern. Zum anderen werden die Kurse an den Börsen wieder fallen, und die Zusatzgewinne aus Verkaufserlösen werden sich in Verluste verwandeln.
    Aber wenn die Gewinne schon massiv steigen, warum werden die Löhne trotzdem weiter beschnitten? Die Konzerne müssen sich für die nächste Runde im globalen Wettbewerb vorbereiten, wie der VW-Vorstand Piech selber angab. In Deutschland wird zwar erheblich rationalisiert, aber eine Senkung des Lohnanteils bedeutet zwar kurzfristig einen Sonderprofit, aber weil die weltweite Konkurrenz nicht schläft und ebenfalls rationalisiert (in der armen Welt die internationalen Konzerne), kommt dann langfristig die Beschneidung der einzigen Quelle des Mehrwert zum Tragen.
    Piech beschreibt seine Angst vor der nächsten Krise:
    ?Doch wir leben in einer Welt der Zyklen. In der nächsten Krise werden die Preise sinken. Große Zusammenschlüsse, die zu erwarten sind, werden andere Hersteller irgendwann in eine gewisse Not bringen.?
    [Ferdinand Piëch: Interview mit dem Spiegel vom 8.2.1999 6/99]
    Also, die Profitrate ist abgesehen von der kurzzeitigen Erholung schon so niedrig, dass es sich für Neukapitalisten kaum mehr lohnt, in Produktivermögen zu investieren.
    Andererseits treibt der Realwert der Aktien und ihr Tageskurs immer weiter auseinander, so dass die realen ausgeschütteten Gewinne zum Tageswert, die Dividende immer geringer werden.
    Als Ergebnis der steigenden Aktienkurse sinken die ausgeschütteten Dividenden, die zum Teil nur 2-4% vom Tageswert - dem Wert, den der Aktionär investiert hat - betragen. Dafür lohnt sich kein Aktienkauf mehr. Die Börsen in der Welt würden gähnend leer stehen.
    Und trotzdem werden wie verrückt Aktien gekauft. Nicht mehr wegen der Dividenden, sondern wegen der Kurssteigerungen und der daraus zu realisierenden Gewinne. Dass auch die Fabriken der Angebot und Nachfrage unterliegen, erklärte auch Marx, dass es aber ausnahmsweise die Bedeutung erhälten wird, war natürlich für ihn noch nicht abzusehen.
    Nichts mehr ist mit dem Couponschneider, der sorgsam seine Gewinnabschnitte ausschneidet. Es lebt der Glücksritter, der heute die Fabrikanteile risikofreudig kauft und morgen mit Lachen oder Weinen verkauft.
    Dabei spielen die Dividendenaussichten scheinbar überhaupt keine Rolle mehr. Gefragt wird nur nach dem zukünftigen Aktienkurs, der vollkommen unabhängig von der Gewinnausschüttung sich entwickelt. Meist ist sogar der Gegenteil der Fall.
    Die Betriebe, die noch relativ gute Gewinne erwirtschaften verlieren an der Börse und an der Börse gewinnen diejenigen Firmen, die hohe Verluste einfahren, sie brauchen nur für eine entfernte Zukunft Gewinne versprechen.
    Daimler/Chrysler z.B. verlor in der letzten Zeit 600 Milliarden an Aktienwert, trotz "stolzer Gewinne" und Dividenden von 3,5% und einer erneuten Umsatzsteigerung im I. Quatal 2000 von 16,7%.
    Amazon dagegen verliert mit jedem verkauften Buch 6,- DM. Die Aktien steigen aber ins Unendliche.
    Infineon, die ausgegliederte Chip-Tochter von Siemens machte 1998 3 Milliarden Verlust und dennoch rannten die Leute den Aktienverkäufern die Bude ein, die Aktie wurde 6fach überzeichnet und stieg gleich fast ums 200%.
    Der Provider AOL arbeitet mit Verlusten, der Akteinkurs steigt ins Unendliche.
    Die Suchmaschine Yahoo macht nur minimale Gewinne von 1,1 Millionen. Der Akteinwert ist aber größer als Altfirmen mit einem Gewinn von knapp 9 Milliarden Mark.
    Ist die Profitrate nun überhaupt nicht mehr wichtig? Natürlich nicht. Von all diesen Technologiefirmen des "Neuen Marktes" verspricht man sich halt für die Zukunft gute Gewinne, zur Zeit haben sie noch Anfangsinvestitionen auch als Dumpingpreise. Dann können sie aber die Konkurrenz auslöschen, erhofft man sich.
    Infenion oder T-online haben ihre Neuaktien damit plaziert, dass sie einer Werbefirma den Auftrag für die Werbung übergaben. Die haben sich einen guten Mythos ausgedacht.
    Entscheidend ist nicht mehr die Rendite, sondern die guten Geschichten. Natürlich wird das nich lange gutgehen. Die bügerlichen Cheftheoretiker warnen selber schon davor, weiter auf den Shareholder-Value (den Börsenwert des Aktienbesitzes) zu setzen. Es gibt auch deshalb zur Zeit eine "Gesundschrumpfung" an den internationaln Börsen, aber nach einer Weile wird von Neuem der Aktienkurs weiter steigen.
    Es hilft überhaupt nichts, wenn die Ökonomen vor der Shareholder-Euphorie warnen. Die Profitraten auf das Produktivkapital geben alleine eben nichts mehr her, als dass man auf sie setzen könnte.
    Es wird so oder so zum ?Schwarzen Freitag? kommen müssen, es treibt unweigerlich auf den Crash zu.
    Bleiben wird der langsame Todeskampf des Systems kommen. Das ist nicht nächste Woche zu befürchten.
    Das Setzen auf die Aktien, besonders auf die "Neuen Märkte" wird so lange gehen, so lange es noch neue Entwicklungen dort geben wird. Denkbar ist noch Vieles, beispielsweise auf dem Gebiet von 3D-Programmen oder von E-Commerce.
    Es kann also noch einige Zeit gut gehen, bis dahin wird eifrig weiter gewettet. Das Wirtschaftssystem baut immer mehr auf die tönernen Füße der Wettgeschäfte, beispielsweise auch im Bereich der Termingeschäfte.
    Alle Welt weiß, dass die Menschheit unweigerlich auf den Crash zusteuert. Man beruhigt sich aber derart, dass man sich einredet, dass man auch sich auch aus dem "Schwarzen Freitag" 1929 retten konnte. Auch damals war der Zusammenbruch des Wirtschafssystems einer zu hohen Bewertung der Aktien geschuldet. Sie kletterten ins Unermeßliche bevor es zum Knall kam.
    Und danach fing alles wieder von Vorne an. Ein erneutes Wirtschaftsleben war aber nur möglich, indem Hitler eine Kriegsvorbereiung plante und staatliche Nachfrage nach Rüstungsgüter schaffte. Auch in den USA wurde mit dem "New Deal" eine Staatskontrolle für die Rüstungsproduktion geschaffen.
    Ein neuer Weltkrieg im Atomzeitalter würde aber den Untergang der Menschheit bedeuten. Auch, wenn man die Bombe nicht einsetzen will; wenn ein Land mit dem Rücken zur Wand steht, wird es vor dem eigenen Untergang den Atomwaffengang wählen.
    Der Weg wird unweigerlich vom Boom zur Bombe gehen oder die Arbeiter der Welt werden aufwachen und das Spielcasino mit seinem Roulettetisch schließen und eine neue Gesellschaft mit einem weltweiten solidarischen Arbeiterplan aufbauen.
    Aber daran wollen die Zocker nicht denken und fürchten voller Panik die knarrende Stimme die im Hintergrund ruft:
    Rien ne va plus
    Le jeux sont faits

    (Nichts geht mehr - Das Spiel ist aus)