Studiengebühren - Nein Danke
Nina Wegen
Nach langen Diskussionen über das Ob und Wie hat die Bundeskultusminister-Konferenz sich nun entgegen der Ankündigung von Bundesbildungsministerin Bulmahn für die Einführung von Studiengebühren entschieden. Dem Vorbild Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen folgend, heißt es nun: Studiengebühren landesweit ab dem vierten Semester über der Regelstudienzeit und ab dem zweiten Studiengang möglich.
Allerdings ist die Einführung freiwillig und obliegt den Länden, so dass die Gebühren dem Anschein nach zunächst nur als eine Möglichkeit, nicht aber als Zwangsläufigkeit erscheinen. Die Realität sieht allerdings anders aus. Schon die Argumente für eine Einführung von Studiengebühren sind genauer betrachtet völlig an den Haaren herbeigezogen.
Scheinheilige Argumente für Studiengebühren
Plötzlich waren Behauptungen zu hören, denen zufolge die Einführung von Studiengebühren die Ausstattungsprobleme der Hochschulen abschaffe, die Akademiker-Arbeitslosigkeit durch eine bewusstere Entscheidung für das Studium vermindere, Langzeitstudenten, Unentschlossene und Mittelmäßige (deren Kosten angeblich den Nutzen überschritten) von der Universität dränge, so also auch zu einer höheren Qualität und einer deutschen Elite führen werde. Es gibt sogar Aussagen dahingehend, dass das Studium durch eine Gebührenpflicht an ?Wert? gewinnen werde, da wir ja heutzutage nur Dingen, die man kaufen kann, einen Wert zumäßen und wir folglich auch nur diese schätzten. Somit erbrächten Studiengebühren ein neues Interesse an der nun ?wertvollen? Uni, die durch Gebühren attraktiver und durch die so erzeugte Motivation auch für den Studierenden profitabler sei. Die Liste dieser Argumente ließe sich beliebig ausführen, was hier allerdings zu weit führen würde. Klar ist nur eins: Dass all diese schönenArgumente an der Wahrheit weit vorbei gehen.
Spricht man mit Studenten über die Einführung der Studiengebühren, will sich eine Freude über die ?wertvoll? gewordene Hochschule nicht so recht einstellen. Statt dessen machen sich Sorge und Unverständnis breit - und das zu recht. Versprechungen, wie die Garantie einer besserenAusstattung der Uni, haben sich schon in Baden-Württemberg, aber auch in Australien und den USA als Flop erwiesen, wo man Studiengebühren unter genau diesem Vorwand eingeführt hatte. Budgetkürzungen im Umfang der zusätzlich erworbenen Güter hatten zur Folge, dass es nicht den Unis, sondern der Staatskasse besser ging.
Die Akademikerarbeitslosigkeit ginge bei niedrigeren Studierendenzahlen zwar zurück, die Folge wäre aber einfach nur der Anstieg der Arbeitslosenzahlen in anderen Berufszweigen. Auch von einer Qualitätssteigerung der Unis kann nicht gesprochen werden, da nun die Auswahl der Studenten nicht mehr nach Qualitäts-, sondern nach Einkommensmerkmalen stattfände. Wenn überhaupt, kann nicht von einer geistigen Elite, sondern nur von einer Vermögenselite gesprochen werden.
Schon jetzt ist der Anteil der Studierenden aus Arbeiterfamilien verschwindend gering, und genau diese Gruppe ist es, die durch die Gebühren auch als erste betroffen ist. Arbeiterjugendliche sind diejenigen, die darauf angewiesen sind, neben der Uni zu arbeiten, um das Studium zu finanzieren. Und auch das BAFöG - mit 1.010,-DM als monatlichem Höchstsatz, den wiederum auch nur wenige erhalten - kann dies nicht auffangen. Aber ein Zweigleisiges Studium mit Job erfordert natürlichmehr Zeit und Energie, führt zu längeren Semesterzeiten und benachteiligt diese Studierenden ohnehin schon im Konkurrenzkampf um den Arbeitsplatz, in dem der Schnellste und Beste gefragt ist. DurchStudiengebühren wäre die Ungleichheit um Vieles schlimmer, für viele Studierende wäre die Uni schlichtweg nicht mehr zu finanzieren.
Auch der Wert einer Uni hat natürlich nichts mit ihrem Preis zu tun. Es sollte klar sein, dass Studenten nicht vier, fünf oder mehr Jahre auf Gehalt verzichten, in WG?s, kleinen Wohnungen oder in Studentendörfern wohnen und nebenbei jobben, ohne einen ?Wert? im Studieren und so auch in der Uni als Institution zu sehen.
Nach der Auflistung einiger Einschränkungen, die der Unialltag für Studenten mit sich bringt, deren Familien sie nicht finanzieren können (um vom Verzicht auf das Auto, den Urlaub usw. gar nicht erst zu reden), soll hier die Sprache noch auf ein gängiges Vorurteil kommen, dass in der Gebührendebatte allzu häufig angeführt wurde: Studenten lebten auf Kosten der Steuerzahler. Das tun sie nämlich nicht.
Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass sie selber Steuern bezahlen, da von allen Produkten, die sie kaufen, 16% Mehrwertsteuer an den Staat gehen. Dazu sind die meisten von ihnen gezwungen, arbeiten zu gehen, oftmals über das Ausmaß eines 630,-DM-Jobs hinaus: So kann der Staat auch hier wieder abkassieren.
Und auch später wird aus kaum einem Studenten ein hoch bezahlter Professor. Für viele Facharbeiter-Stellen ist ein Studium schon obligatrisch geworden. Daneben gibt es Berufe, die zwar eine akademische Ausbildung erfordern, z.T. aber weniger Lohn abwerfen als ein Hilsarbeiter-Job - z.B. eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft und eine Vielzahl pädagogischer Berufe.
Recht auf Bildung
Das Recht auf Bildung muss erhalten bleiben; finanzielle Überlegungen dürfen hier keine Rolle spielen. Auf den ersten Blick scheint die neue Regelung der Studiengebühren dieses Recht ja noch weitestgehend unbehelligt zu lassen. Vielleicht neigt man sogar zur Meinung, Jeder könne ein Studium innerhalb der Regelzeit abschließen, wobei er ja noch vier Semester überziehen darf.
Dass hier nach der Salamitaktik vorgegangen wird, fällt zunächst nicht auf - doch Vorsicht: Die jetzige Regelung ist nur der erste Schritt in Richtung Studiengebühren für Jedermann. Noch fühlt sich nur ein kleiner Teil der Studenten bedroht, da im Moment nur er betroffen ist. Dadurch kommt es auch zu keinem größeren Protest. Und wenn die Regelungen zukünftig nach und nach angespannt werden, so dass immer nur kleinere Gruppen der Studenten betroffen sind, kann es noch lange dauern, bis es der Bevölkerung auffällt, dass hier eine Taktik angewandt wird, mit der der Staat die Studiengebühren ohne großen Protest im vollen Rahmen einführen kann. Irgendwann ist dann der Zeitpunkt gekommen, an dem sich jeder fragt, wie es denn passieren konnte, dass nun doch Jeder Studiengebühren zahlen muss und nur noch die Besserverdienenden die Möglichkeit haben, zu studieren.
Deshalb ist es wichtig, schon heute etwas gegen die Anfänge dieser Politik zu tun. Es geht nicht nur um Langzeit-Studierende, sondern um ein für Jedermann zugängliches Studium. Bildung darf nicht zum Privileg einer einzelnen Klasse werden.
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