Die Zwangsarbeiter im Dritten Reich:
    Das Kapital will nicht zahlen
    Seit mehr als 50 Jahren sind die Opfer schwerster Kriegsverbrechen dazu verdammt, auf eine Entschädigung für das ihnen zugefügte Leid zu warten. Es handelt sich um die 5 Millionen Menschen, die das Deutsche Reich unter Adolf Hitler verschleppt hat, um sie in ein Konzentrationslager- und Zwangsarbeits-System zu pressen und sie rücksichtslos - und nicht selten bis zu ihrem Entbehrungs- oder Erschöpfungstod - auszubeuten.
    Unter der 16 Jahre währenden Regierung Kohl hat die Bundesregierung versucht, das Problem durch Aussitzen zu lösen. Und tatsächlich - ihr menschenverachtendes Kalkül ist aufgegangen: Die meisten Opfer des nationalsozialistischen Zwangsarbeits-Systems sind mittlerweile gestorben und stellen somit keine Ansprüche mehr. Und auch der Regierungswechsel 1999 hat keine Wende gebracht. Erst eine Sammelklage aus den USA, die mit einem Wirtschaftsboykott von Deutschland gedroht hat, vermochte den deutschen Wirtschaftsbossen Angst einzujagen.
    Nach einer beschämend langen Zeit des Feilschens und Verhandelns, in der der BRD-Unterhändler Lambsdorff (FDP) eine Geldsumme mit den Anwälten der Opfer vereinbart hat, zeigt sich nun, dass die meisten deutschen Firmen nie wirklich bereit waren, in den Entschädigungs-Fonds einzubezahlen. Ihre Forderung lautet: Die Regierung soll bezahlen.
    Eine unverschämte Forderung! Denn das hieße nichts anderes, als dass - via Steuern - die hiesigen Arbeiter wieder einmal die Zeche des Kapitals bezahlen sollen. Und hier handelt es sich immerhin um die Arbeiter, deren Väter und Großväter im Auftrag der deutschen Bosse von den Nazis ihrer Gewerkschaften beraubt, terrorisiert und schließlich bombardiert worden sind.
    Und selbst die Intellektuellen, die sich gern als kritische Köpfe präsentieren, machen sich zum Teil - wie der Schriftsteller Günther Grass - nun zu Anwälten des deutschen Kapitals, indem sie ?alle Deutschen? auffordern, in den Fonds einzuzahlen.
    Und in der Parteienlandschaft regt sich sogar leise der Widerstand gegen die mehr als berechtigten Forderungen. Insbesondere unter den konservativeren der bundesdeutschen Politiker hat sich eine Stimmung verbreitet, die verhalten Front gegen die Entschädigungs-Forderungen macht. Anstatt sich solidarisch zu den Zwangsarbeitern zu stellen, hat die CDU/ CSU eine Erklärung hinterlegt, in der sie die Forderung stellt, erstmal den deutschen Opfern des Zweiten Weltkrieges eine Entschädigung zu zahlen.
    Wir hätten nichts dagegen einzuwenden, dass das deutsche Kapital - das sich nicht zu schade war, für seine Expansionsbestrebungen 1933 einen Hitler an die Macht zu bringen, der im Interesse der Bosse Krieg führt - auch die deutschen Kollegen entschädigt, die unter dem Nationalsozialismus, den Bomben usw. zu leiden hatten. Aber natürlich ist das nicht das Ziel der CDU/ CSU; was sie fordert, ist, dass die UdSSR für die stalinistischen Verschleppungen von Deutschen und die deutschen Zwangsarbeiter in Russland bezahlt. Natürlich geht es ihr auch nicht wirklich um die Opfer des Stalinismus; sie rührt die nationalistische Propagandatrommel, um das rechte Klientel bedienen zu können, für das sie im Falle eines NPD-Verbots auch noch als Ersatz dienen könnte.
    So ist auch die Äußerung des CSU-Mannes Hans-Peter Uhl fast schon typisch, als er den Entrüsteten markiert und angekündigt hat:
    ?Über ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges muss es auch für Deutsche eine historische Gerechtigkeit geben.?
    Das alles soll natürlich nur davon ablenken, wie sehr mit den Zwangsarbeitern verdient worden ist. Sie waren ein nicht wegzudenkender Bestandteil der deutschen Wirtschaft. Durch die massive Ausbeutung der Arbeiter - und insbesondere der Zwangsarbeiter - in der NS-Ökonomie hat die BRD sich einen fantastischen wirtschaftlichen Start gesichert.
    1945 war Deutschland nicht bloß ein Trümmerfeld, aus dem die Bundesrepublik wie der Phönix aus der Asche aufgestiegen ist. Die sagenumwobene ?Stunde Null?, die Entwicklung der BRD zum Wirtschaftswunder-Land aus dem ökonomischen Nichts hat es nie gegeben. So schreibt auch der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Werner Abelshauser in seinem Klassiker ?Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland? (Frankfurt 1983):
    ?Von Anfang 1935 bis Ende 1942 beschleunigte sich das Wachstum des Brutto-Anlagevermögens von Jahr zu Jahr stärker. Erst 1944 übertrafen die Bombenschäden den Wert der laufenden Investitionen.? (S. 20, f)
    Die geschaffenen Werte haben auch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges überstanden - zumindest, was die Seite der Kapitalisten angeht. Die Industrie hatte im Jahr 1944, dem Höhepunkt der alliierten Bombenangriffe weit weniger zu leiden als die Zivilbevölkerung. Sogar die Rüstungsindustrie wurde nur von jeder siebten Bombe getroffen, und gerade mal 6,5% aller Werkzeugmaschinen wurden beschädigt, von denen wiederum nur 10% völlig unbrauchbar geworden waren. Selbst nach den Demontagen war das Brutto-Anlagevermögen 1948 höher als 1936 (Zahlen nach Abelshauser, S. 20, ff).
    Hinsichtlich der Ressourcen kann man also nicht gerade behaupten, dass Deutschlands Kapitalisten den Krieg verloren hatten - unter Hunger und Kälte hatten vor allem die Arbeiterklasse und die Kleinbürger zu leiden. Erst die Währungsreform vom 20. Juni 1948 versprach den Kapitalisten wieder soviel Gewinn, dass sie bereit waren, ihre gehorteten Waren auch ans leidende Volk zu verkaufen bzw. die Produktion anzuwerfen.
    Dass die deutsche Wirtschaft aber einen relativ geringen Verlust an konstantem Kapital zu verzeichnen hatte, dafür hatten die Nazis mit ihrer Wirtschaftspolitik gesorgt, die die - ohnehin schon menschenverachtende - Ökonomie auch noch der Logik des Krieges unterwarf. Und ohne das System der Sklaven- und Zwangsarbeit hätte diese Wirtschaft nicht funktionieren können. Die Sklaverei war eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass die deutschen Kapitalisten nach 1945 wieder Gewinne einfahren konnten.
    Da aber die ökonomische Logik des Kapitalismus weder Dankbarkeit noch Reue kennt, hat man das Dritte Reich, in dem fast die gesamte BRD-Elite ihre Karriere begonnen hatte, schnell der Vergessenheit übergeben und den Mythos der ?Stunde Null? erfunden.
    Wenn die Unternehmer Verbrechen begehen, sollen sie sie auch bezahlen. Tun sie es nicht, muss man sich solidarisch zeigen und einen Generalstreik organisieren, anstatt - wie Günther Grass - den Arbeitern in die Tasche greifen zu wollen. Leute wie Grass täuschen nur darüber hinweg, dass die Welt nicht in Nationen, sondern in Oben und Unten gespalten ist.