Buchempfehlung

Markus Tiedemann: In Auschwitz wurde niemand vergast: 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt (12,- DM)

„Lüge Nr. 54:

,Die NSDAP hat in Deutschland die öffentliche Ordnung wieder hergestellt. Zuvor hat der Terror der Straße jedes Zusammenleben unmöglich gemacht.‘

Die Boshaftigkeit der Verbreiter dieser Lüge und die Naivität derer, die ihnen glauben, ist immer wieder erschreckend. Auch Menschen, die eigentlich keinem faschistischen Gedankengut anhängen, unterstützen diese Lüge oftmals in etwas abgeschwächter Form. Immer wieder fällt z.B. die Äußerung: ,Meine Oma sagt, es war auch nicht alles schlecht unter den Nazis; zumindest konnte man nach 1933 wieder sicher über die Straße gehen.‘

Empfohlen seien hier einige Gegenfragen:

1) ,Warum konnte deine Großmutter vor 1933 nicht sicher über die Straße gehen?‘ Man sollte auch darauf hinweisen, dass der Anteil rechtsradikaler Kreise am Terror der Weimarer Republik höher gewesen ist als jener linksradikaler Gruppen, auch wenn letztere in der Regel härter bestraft wurden.

2) ,Wie lange konnte deine Großmutter sicher über die Straße gehen? Wie lange hat es gedauert, bis Hitler Deutschland so tief in seinen Krieg gestürzt hatte, dass die ersten Bomben auch auf deutsche Städte fielen?‘

3) ,Warum konnte deine Großmutter 1933 sicher über die Straße gehen? Wäre sie Jüdin, Sozialdemokratin, Kommunistin, Behinderte, nichtdeutsche Europäerin, Homosexuelle, Gewerkschafterin, Obdachlose oder Künstlerin gewesen, hätte sie dann auch von dieser Sicherheit zu berichten?“

Nach diesem Muster spürt Tiedemann in seinem interessanten und brauchbaren Buch den verschiedensten Lügen über die Zeit der NS-Herrschaft nach. Viele dieser Lügen kennt man nicht nur von harten und überzeugten Nazis und Holocaust-Leugnern, sondern auch von den Stammtischen und vielen normalen Leuten in der Schule, der Uni oder dem Betrieb.

Vom Grad der Verinnerlichung dieser Lügen wird auch abhängig sein, ob man mit den Informationen, die Tiedemann hier bietet, Leute von der Falschheit ihrer Aussagen überzeugen kann. Einen hartgesottenen Nazi oder Geschichtsfälscher wird man auch mit noch so vielen bewiesenen Argumenten nicht überzeugen können, so auch der Autor selber:

„Zwar glaube ich nicht, dass ein Buch wie das meinige in der Lage ist, solche Menschen von ihrer menschenverachtenden Politik- und Geschichtsauffassung abzubringen, aber es ermöglicht, sie zu entlarven und ihr Betätigungsfeld einzuschränken. Es gilt unmissverständlich klarzumachen, mit welchen Tricks und mit welcher politischen Absicht hier geschichtliche Fakten gefälscht oder geleugnet werden.“

Grundsätzlich sollte man nicht mit Nazis diskutieren, um ihnen keine Plattform zu bieten, von der aus sie ihre giftige Hetze verbreiten können. An der Theke oder an der Werkbank trifft man aber gelegentlich auf solche Sprüche. Dies Buch hilft dabei, sie als Lügen zu entlarven, die betreffende Person in den Augen der anderen Anwesenden zu isolieren und der Hetze auf diese Weise ihre Kraft zu rauben.

Viele wichtige - wenn auch nicht alle - Themenbereiche werden zum Teil mit wichtigen Originalzitaten abgedeckt: 1. Zur Person Hitlers (Lüge Nr. 2 - Hitler wollte Frieden), 2. NSDAP und Staat, 3. Wehrmacht, 4. Kriegsgegner, 5. Euthanasie, 6. Holocaust, 7. Erfundenes Beweismaterial, 8. Professioneller Revisionismus und 9. Deutsche Bevölkerung.

Vermissen wird man die Antwort auf Fragen wie, wer hat Hitler und die NSDAP auf dem Weg zur Macht unterstützt, welche Teile des Kapitals hatten Interesse an der Machtergreifung u.ä. Grundsätzlich ist Tiedemanns Buch gut brauchbar und bietet gleichzeitig einen guten Einblick in wichtige Ereignisse der Terrorherrschaft der Nazis.